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Jahrgang 4 Nr. 07 vom 14.02.2005
 

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Kontraste und Landschaften

Ursula Soltermann Katipoglu

Lange war Istanbul, die Stadt, in der ich lebe, mit ihren über zehn Millionen Einwohnern die Quelle und Inspiration meines künstlerischen Ausdrucks.
Die eigentliche Dimension der Stadt ist für mich die Senkrechte. Sie bezeichnet Häuser, Fenster, Masten, Menschen. Die aneinander gebauten hohen Häuser und Häuserblöcke reihen sich als Quadrate, Rechtecke und Rhomben auf der Bildfläche. Oft werden sie auch auf schmale senkrechte Streifen und Flächen zusammengedrängt.

"Istanbul" 45*55, Y.B. 1998

Die Reihung von Flächen hat neben der räumlichen aber auch eine zeitliche Dimension und steht für die aufeinanderfolgenden Tage, Zeiten und Epochen der Stadt mit ihrer schnell wechselnden Geschichte und Politik, die ich seit mehr als zwanzig Jahren aus der Nähe miterlebe.
Lange war die Senkrechte die zentrale Komponente meiner Arbeit.

In den letzten vier Jahren habe ich mich von der Stadt wieder der Landschaft zugewandt. Eine Reise durch Anatolien in den Südosten des Landes hat mich stark beeindruckt. Die Frage der Stadt hat der Weite des unermesslichen Landes Platz gemacht. In waagrecht liegenden, schwebenden Balken und Streifen ist die Landschaft auf der Bildfläche präsent, führt in treppenartigen Stufen durch die anatolische Hochebene hinan. Die Balken gleiten zum oberen Bildrand, wo sie verschwinden können, um unten wieder aufzutauchen in einem unendlichen Kommen und Gehen. Sie drücken die Wiederkehr der Zeit aus, aber auch die Folge der verschiedenen Kulturen, die seit Tausenden von Jahren durch Kleinasien gezogen sind.

Ein wichtiges Thema sind für mich die Berge. Vor zwanzig Jahren noch gegenständlich, haben sie sich mit der Zeit auf die Dreiecksform reduziert. Seit langem fasziniert mich der Berg Ararat, der sich am östlichsten Ende der anatolischen Hochebene wie ein Dreieck über sie hinaus schiebt und der liegenden die stehende Dimension beifügt.
Das Zusammentreffen von waagrecht und senkrecht ist eine Erfahrung meiner Kindheit. Von unserem Haus im Rhonegrund aus ging der Blick gegen Westen ins offene Tal, das von weiten blauen Bergzügen gesäumt war. Im Osten aber stieg das Dreieck des Portelhornes verlockend in die Höhe. Nun, Jahrzehnte später taucht es im Dreieck des Ararat auf meinen Bildern wieder auf.

Im Jahr 2000 ist ein weiterer Berg, der Nemrut im zentralen Ostanatolien, für meine Arbeit wichtig geworden. Er markiert zur Zeit von Antiochos I, des Königs des kleinen Reiches von Kommagene im ersten vorchristlichen Jahrhundert, die Grenze zwischen Osten und Westen, zwischen Asien und Europa, persischer und griechischer Welt. Auf dem zweitausendzweihundert Meter hohen Gipfel des Berges liegt auf dieser Schnittstelle das Grab des Antiochos. Sie findet im Kontrast von Blau und Rot oder von Rot und Blau in meinen Bildern einen Ausdruck. In den früheren Stadtbildern strukturierten Rot und Blau senkrecht die Flächen. Nun haben sie sich verbreitet und legen sich in waagrechten Bändern über die Leinwand.

Farbkontraste sind in meiner Arbeit eine Konstante, wie sie in meinem Leben zwei Kulturen gegenwärtig sind. Auch Antiochos lebte auf einer Grenze, seine Mutter war Griechin, sein Vater Perser, und wie er mögen sich meine Söhne fühlen.
Was aber ist der Westen, was der Osten? Rot, blau?

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Last modified: 28.12.2003