|
|
| |||||||||||||||
|
Istanbul Post |
||||||||||||||||
| ||||||||||||||||
|
Jetzt kostenlos! | ||||||||||||||||
"Ich habe keine Heimat mehr ..."Ein Gespräch mit Emilio Ronchetti von Perihan Ügeöz Eigentlich wollte er seinen Urlaub auf einer griechischen Insel verbringen. Aber Emilio kam etwas zu spät. Weil dort inzwischen alle Plätze ausgebucht waren, stellte ihm das Reisebüro zwei andere Alternativen zur Auswahl. Beinahe leidenschaftslos überließ er die Entscheidung dem Reisebüro. So kam es, daß Emilio kurze Zeit später seine erste Türkeireise in Richtung Side antrat. Zu diesem Zeitpunkt wußte er noch nicht, daß diese seine erste Türkeireise einen Wendepunkt in seinem Leben markieren würde. In Side lernte Emilio Nilüfer kennen. Zwei Jahre später waren sie bereits verheiratet und ließen sich in Kuzguncuk, einem schönen Stadtteil von Istanbul, nieder. Seither sind über 10 Jahre vergangen. Emilio Ronchetti stammt aus dem nördlichen Italien. Einst daheim war er Bäcker vom Beruf. Bevor er sich in Istanbul niederließ, besuchte er einen 6-monatigen Pizzabacklehrgang. Heute ist er 43 Jahre alt und arbeitet als Pizzabäcker in einem Restaurant. Türkische Bekannte würden oft annehmen, daß sein Leben wahrscheinlich überwiegend mit Kochen und Backen ausgefüllt sei. Aber das würde nicht stimmen. Seine Leidenschaft gilt vielmehr den schönen Künsten, wie z.B. Malerei und Musik. Vermutlich hängt diese Annahme eher mit der strengen Disziplin zusammen, mit der er allen seinen sonstigen Leidenschaften zum Trotz tagtäglich und dabei stets um höchste Pünktlichkeit bemüht, zur Arbeit geht. Womöglich irritiert er damit manche der in der Türkei verbreiteten Stereotype, daß Türken und Italiener aufgrund verschiedener Einflüsse des südländischen Klimas vielseitige Ähnlichkeiten miteinander hätten. Aber Emilio fällt nicht nur in Hinsicht auf Disziplin und Pünktlichkeit aus dem Rahmen von sagenumwobenen Klischees hinaus. Wer sich mit Emilio eventuell einen extrovertiert gesprächigen Italiener vorstellt, befindet sich genauso im Irrtum. Mittlerweile spricht Emilio ein ausgezeichnetes Türkisch. Obschon seine Frau Nilüfer inzwischen ebenfalls eine Menge Italienisch gelernt hat, laufen die Unterhaltungen zwischen den beiden aber auf Türkisch ab. Während unseres Gespräches sitzt Nilüfer dabei. Darum komme ich nicht umhin, als meine erste Frage mit ihr zu verbinden: Könntest Du Dir vorstellen, daß Du Dich auch ohne Deine Frau Nilüfer in Istanbul niedergelassen hättest? Nein, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß ich ohne Nilüfer hier lange geblieben wäre. Wahrscheinlich wäre ich schon nach dem ersten Monat wieder abgehauen. Das klingt ziemlich resigniert, fast so, als ob wir schon am Ende unseres Gesprächs angekommen sind, noch bevor wir ernsthaft anfangen konnten. Manchmal habe ich die Nase halt ziemlich voll. Aber es ist nicht immer so. Welche Erleichterung für mich. Für einen Augenblick dachte ich wirklich, daß damit schon alles gesagt worden ist. Du darfst von mir eben nicht erwarten, daß ich immer nur schöne Dinge sage. Ich habe auch eine Menge kritische Sachen zu sagen. Nein, gewiß erwarte ich nicht, daß Du nur blumige Worte
für die Türkei übrig hast. Ich verspreche, daß ich
deine kritischen Ausführungen nicht löschen werde. Aber bevor
wir gleich damit fortfahren, erlaube mir bitte, noch einmal einen Schritt
in die Vergangenheit zu machen. Auch Europäer können viel Unsinn reden. Nilüfer hat sich überhaupt nicht für Italien interessiert. Ihr hat meine Stadt nicht gefallen, sie fand die Leute nicht sympathisch. So habe ich mich entschieden, hier zu bleiben. Hattest Du keine Ängste? Natürlich hatte ich eine Menge Ängste. Ich war damals 33 Jahre alt, also kein Jugendlicher mehr. Außerdem hatte ich in Italien eine gute Arbeit gehabt, mein Einkommen war sehr gut. Auch für meine Eltern in Italien war es nicht einfach. Meine Mutter zum Beispiel ist streng gläubig, sie ist katholisch. Aber ich dachte mir trotzdem, daß ich diesen Versuch mit einem neuen Leben wagen sollte, weil man ja doch nur einmal lebt. Außerdem war ich damals sehr verliebt. Das hat mir auch viel Mut gemacht. Heute sprichst Du ein ausgezeichnetes Türkisch. Wirken sich Deine guten Sprachkenntnisse nicht auch auf den Alltag aus, so daß Du zum Beispiel mit verschiedenen Sachen besser umgehen kannst? Manchmal wünschte ich, daß ich die türkische Sprache
nicht gelernt hätte, die Leute nicht verstünde und in meiner
eigenen Welt geblieben wäre. Anfangs war ich ein Ausländer,
jetzt bin ich ein Fremder. Ich stecke zwischen den Stühlen. Aber
das gilt nicht nur für mein Leben hier in Istanbul und Kuzguncuk.
Wenn ich gelegentlich nach Italien gehe, erlebe ich dort das Gefühl
von Fremdheit ebenfalls sehr stark. Ich habe keine Heimat mehr. In welchen Situationen erlebst Du das Gefühl von Hilflosigkeit am meisten? Am meisten auf der Arbeit. Was nützen mir meine guten Türkischkenntnisse, wenn es oft keine Stelle gibt, wo man sich über Unrechtmäßigkeiten beschweren könnte. In der Branche, in der ich arbeite, gibt es so gut wie kein System (düzen). Die Arbeitgeber können nach Belieben schalten und walten. Vielfach gibt es keine Sozialversicherung, manchmal werden die Gehälter zwei, drei, vier Monate lang nicht bezahlt. Es ist fast so, als ob sie wie Feudalherren einem ein Stück Boden geben, und man hat dafür dankbar zu sein. Oft fühle ich mich wie eine Ware. In Italien hatten wir immerhin eine Gewerkschaft. Hier wüßte ich nicht, wo ich mich beschweren sollte. Wie verhält es sich mit den Kollegen? Sie vertreten vielfach die Auffassung, daß es woanders ja auch nicht besser ist und daß man eh nichts ändern könnte. Also bleibt man ruhig und trinkt Tee. Vielleicht hängt das auch mit der türkischen Mentalität zusammen. Wenn Du mich fragst, in der Türkei gibt es nicht viel Menschenrechte, kaum soziale Rechte. Es gibt keine starke Gewerkschaft. Die Arbeitsbedingungen scheinen den türkischen Staat und die Regierung nicht viel zu interessieren. Stattdessen zerbricht man sich den Kopf über Religion und Kopftuchfragen. Das sind für mich vollkommen unwesentliche Dinge, sollen doch die Menschen sich so anziehen, wie sie wollen. Ich finde, viel wichtiger sind Arbeitslosigkeit, Armut. Darüber kann ich mich sehr ärgern. Was stört Dich noch? Der Verkehr in Istanbul. Diese Stadt braucht unbedingt mehr Metroverbindungen,
damit man nicht völlig erledigt am Arbeitsplatz ankommt. Aber solche Serien gibt es doch auch in Italien, Spanien ... Wem sagst Du das. Deswegen muß man trotzdem nicht jeden Unsinn nachmachen. Wenn ich Dir jetzt etwas Zeit zum Nachdenken ließe, würden Dir auch positive Dinge einfallen? Natürlich gibt es eine Menge Dinge, die schön sind. Zum Beispiel denke ich, daß die Türken warmherziger sind als Deutsche. Das Deutsche klingt für meine Ohren beinahe militärisch. Selbst wenn man Ich liebe Dich auf Deutsch sagt, klingt es für mich fast so, als ob man einen Befehl auf einem Kasernenhof erteilt. Vorhin erwähntest Du, daß Du ohne Deine Frau Nilüfer nicht lange hier geblieben wärst. Wenn Du jetzt auf Deinen inzwischen 10 jährigen Aufenthalt in Istanbul zurückblickst, in welchen Augenblicken hast Du Dir am meisten gewünscht, fortzugehen? Als die Apo-Krise ausbrach, war ich kurz davor, meine Koffer zu packen. Was für eine Krise? Na, als Abdullah Öcalan, der PKK-Chef, in Italien verweilte. Damals dachte ich, daß ich es hier nicht aushalte. Plötzlich war ich in den Augen vieler Leute ein böser Italiener, der Türkenfeind. Als ob ich der italienische Ministerpräsident höchst persönlich wäre, verlangte man von mir Rechenschaft, warum man ihm Zuflucht in Italien gewährte. Meine Güte, vieviele dumme Sprüche mußte ich mir damals anhören. Die Atmosphäre wurde teilweise recht feindselig und bedrohlich. Damals wäre ich am liebsten sofort abgehauen. Wäre es zu unsinnig, wenn ich es jetzt wagte, zu fragen, ob Du die Türkei anderen Ausländern empfehlen würdest? Weißt Du, die Türkei ist als Tourismusland sehr schön. Für Urlaubszwecke würde ich die Türkei ohne Zögern empfehlen. Schwieriger wird es mit der Arbeitssituation. Letztenendes ist die finanzielle Lage entscheidend. Wenn man über gute finanzielle Möglichkeiten verfügt, kann man sich hier wahrscheinlich recht wohl fühlen. Auch außerhalb von Istanbul und für wie lange? Könntest Du Dir beispielsweise vorstellen, daß Du woanders in der Türkei leben könntest? Nein. Wahrscheinlich hätte auch unsere Ehe nicht so lange gedauert, wenn wir nicht in Kuzguncuk gelebt hätten. Vielleicht hätte ich dann Nilüfer doch gebeten, mit mir fortzugehen. Diesen Ort mag ich wirklich sehr gerne, ich habe hier Freunde. Ich könnte sogar mit Stolz sagen, daß ich ein Kuzguncuklu bin. Würde das soweit gehen, daß Du zum Beispiel nichts dagegen hättest, eines Tages in diesem Ort begraben zu werden? Warum nicht? Allerdings sind die Grabpreise in Kuzguncuk sehr hoch. Wenn ich es mir leisten könnte, hätte ich nichts dagegen. Das Gespräch mit Emilio Ronchetti |
Die
Türkei: Land, Leute und Kultur aus dem Blickfeld von Ausländern
"Die Türkei hat Spuren in meinen Bildern hinterlassen." Ein Gespräch mit Ursula Soltermann Katipoglu Ursula Soltermann Katipoglu: Kontraste und Landschaften Reklame
Wieviel ist Ihnen dieser Beitrag wert?
|
|||||||||||||||
|
Impressum Istanbul Post Dr.
Stefan Hibbeler Redaktion: redaktion@istanbulpost.net |
Reklame |
|||||||||||||||
|
Copyright © 2001 Istanbul Post Last modified: 28.12.2003 |
||||||||||||||||