Jahrgang 4 Nr. 30 vom 25.07.2005
 

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Wie weit kommen wir mit den Tabus?

von Mustafa Akyol

(Zuerst erschienen in der Radikal vom 22. Juli 2005, Original im Internet auf der Webseite des Autors: www.mustafaakyol.org. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors von Stefan Hibbeler)

In der jüngsten Diskussion über den letzten Sultan Vahdettin sagte Demirel, „laßt uns die Referenz auf Atatürk (0) nicht erschüttern“.Es ist richtig: Atatürk ist die Referenz der Türkei. Doch Atatürk zu einem nicht undiskutierbaren Tabu zu machen, fügt dieser Referenz schweren Schaden zu.

Mit den Worten des früheren Ministerpräsidenten Bülent Ecevit „Vahdettin war kein Verräter“ hat eine interessante Diskussion begonnen. Während manche Historiker erklärten, dass sie Ecevit recht gäben, beschuldigten ihn andere, Atatürk zu dementieren, denn dieser hatte in seiner Nutku (1) den letzten osmanischen Sultan Vahdettin aufgrund seiner „niederträchtigen Maßnahmen“ als „Verräter“ bezeichnet.

Es könnte eine interessante Diskussion sein, was für ein Mensch Vahdettin gewesen ist. Doch was die Angelegenheit weit wichtiger macht ist, was die Diskussion über die Wahrnehmung des Atatürk Erbes (2) in der Türkei ans Tageslicht fördert. Es zeigt sich folgendes: Manche Meinungsführer setzen voraus, dass die Achtung vor Atatürk erfordert zu glauben, dass alles was er tat und sagte absolut wahr sei. Wer diesen Glauben nicht teilt, wird des Verrats bezichtigt. Die in der Presse wiedergegebenen Worte des früheren Abgeordneten für Trabzon Rahmi Kumas - und ähnliche Worte wurden auch in einer Reihe von Kolumnen verwandt – sind Ausdruck dieser Herangehensweise. Kumas hatte folgendes gesagt:

„Nun hat auch Ecevit sich der Mode angeschlossen, Mustafa Kemal zu widersprechen ... In einem solchen Klima dies anzusprechen ist Verrat am Erbe Atatürks. Der wirkliche Verräter ist Ecevit.“

Dem verehrten Kumas zufolge ist es Verrat, wenn in einem solchen Klima – gemeint ist wohl „eine Zeit, in der Gemeinsamkeit und Einheit besonders erforderlich sind“ – der frühere Ministerpräsident Bülent Ecevit daherkommt und eine von Atatürks Perspektive abweichende zur Sprache bringt.

Nun ist es interessant, dass „die Zeit, in der Gemeinsamkeit und Einheit“ erforderlich sind, sich seit 80 Jahren ohne Unterbrechung fortsetzt ... Und es sieht so aus, als ob sie anhalten werde. Der frühere Staatspräsident Süleyman Demirel hatte zur entstandenen Vahdettin Diskussion folgendes gesagt: „Wir werden die Referenz auf Atatürk noch mindestens hundert Jahre benötigen. Man darf sie nicht erschüttern.“ Im Grund hat Süleyman Demirel recht. Atatürk ist tatsächlich für die Türkei eine Referenz und dies muß auch so bleiben. Doch muß man auch folgendes bedenken: Nützt es oder schadet es dieser Referenz, wenn man versucht, Atatürk zu einem unhinterfragbaren Tabu zu erklären?

Bis heute haben wir immer das Tabu-Verfahren gewählt. Seit dutzenden von Jahren läßt die Republik die Kinder an jedem Schulmorgen auf den „großen Atatürk, der uns die Gegenwart bewahrte“ schwören und beschreibt ihn als unfehlbaren, nie vom Kurs abweichenden „großen Steuermann“. Vielleicht waren solche Mahnungen in der Vergangenheit zur Verwirklichung einer „Referenz“ tatsächlich notwendig.

Aber die Türkei ist nicht mehr die Türkei von früher. Die Gesellschaft öffnet sich mit großer Geschwindigkeit, wird pluralistischer und vielfarbiger. Türken lesen und forschen heute über Gegenwart und Vergangenheit aus sehr verschiedenen Quellen. Sie kennen die Außenwelt heute viel besser als früher und hinterfragen sich angesichts des dort gesehenen. Sie sehen dann beispielsweise, dass die bei uns verbreiteten nationalen Feierlichkeiten die Charakteristika des alten Ostblocks tragen und sonst nur noch in Nord Korea durchgeführt werden. Mit welchem Begriff man ein Regime bezeichnet, dass durch einen „nationalen Führer“ im Verständnis eines „allmächtigen Staates“ gekennzeichnet ist, erfahren sie aus der internationalen Politik-Literatur. Kurz gesagt: Die Chinesische Mauer existiert nicht mehr. Man kann von den Leuten nicht mehr verlangen: „betrachtet es nicht so im Detail – glaubt einfach was wir sagen!“ Aus diesem Grund ist es nicht möglich, die Referenz der Republik durch ein Tabu zu bewahren. Denn wenn man so verfährt, wird zwar die offizielle Redeweise wiederholt, doch auf den Gesichtern der Bürger wird sich ein ironisches Lächeln einstellen.

Die Lösung besteht darin, den Maßstab für die Referenz von einem überirdischem Niveau auf eines der wirklichen Welt entsprechendes zu senken. Statt Atatürk als ein übermenschliches und außerhalb der Geschichte stehendes Phänomen zu betrachten, ihn mit objektiven Augen zu verstehen versuchen. Ohnehin ist bereits die Tatsache, dass er nach seiner Führung im Befreiungskrieg 15 Jahre an der Spitze der Republik stand, bereits eine außergewöhnliche Leistung. Wenn jedoch jenseits dieses Erfolges auch Irrtümer bestanden, so müssen wir uns auch diesen widmen und über sie sprechen.

Eine Wendung wie „die Fehler Atatürks“ wirkt bereits verblüffend, nicht wahr? Aber eigentlich sollte uns verblüffen, dass dies so verblüffend erscheint. Selbst in heiligen Schriften wie den Sprüchen des Propheten und dem Koran wird von den Irrtümern des Propheten berichtet. Ist es nicht seltsam, dass die Religion dem Propheten Unfehlbarkeit nicht zuschreibt, wir aber unserem ersten Staatspräsidenten?

Wenn schon vom Propheten die Rede ist, sollten wir auch die These vom „historischen Jesus“ erwähnen. Schließlich hat sie eine, wenn auch weitläufige, Verbindung zum Thema.

Wie bekannt, schreibt das Christentum Jesus die Eigenschaft des „Sohn Gottes“ zu. Demnach hat Jesus eine übermenschliche Existenz bereits, bevor das Weltall bestand.

Seit dem 19. Jahrhundert haben westliche Historiker damit begonnen, diese „offizielle Version“ zur Seite zu schieben und versuchen, den historischen Jesus zu erkennen. D.h. sie bemühen sich, die vorhandenen Quellen jener Zeit objektiv zu sehen und nach dem, was diese Quellen zeigen, ein Portrait Jesu zu entwerfen. Und dieses Portrait zeigt den historischen Jesus als einen Juden, der sich selbst zum Propheten und Messias erklärte, aber über kein übermenschliches Wissen verfügte.

Auch zu Atatürk gibt es, wie bei ihm, zwei Portraits – den „großen Atatürk“ und den „historischen Atatürk“. Der „große Atatürk“ ist tatsächlich eine übermenschliche Erscheinung. Er stieg wie eine Sonne über dem dunklen Vaterland auf. Mit seinen meerblauen Augen hat er alles durchschaut und, während noch alle in Verrat oder Schläfrigkeit verfangen waren, allein die Führung des Befreiungskampfes übernommen. Danach hat er über absolut richtigen Prinzipien einen Staat gegründet, der bis ans Ende aller Zeiten bestehen wird. Er hat für alle Türken und sogar für die verschiedenen Gewerbe der Türkei für alle Zeiten gültige Dogmen definiert. Er hat sich mit seinen Sätzen wie „Mögen die Araber die Kaaba haben, uns genügt Çankaya“ sich als unfehlbarer-nichtabweichender Retter erwiesen ...

Der historische Atatürk demgegenüber ist ein osmanischer General und Intellektueller. Er hat den Befreiungskrieg geführt, doch er war ein Kommandant, der diese Ehre mit vielen „Waffenbrüdern“ – z.B. mit Kazim Karabekir, der den nationalen Wiederstand einen Schritt vor ihm begann – teilte. Er hat sein Land und sein Volk sehr geliebt und nach besten Wissen getan, was er konnte, doch dabei war er ein Führer, der unausweichlich von den Denkformen seiner Zeit (beispielsweise dem Positivismus und einem autoritären Staatsverständnis) positiv und negativ beeinflußt wurde. Er verfügte über Genie, Mut und Begabung, doch daneben auch über Schwächen und so ist er schließlich ein Mensch, der letztlich dem Alkohol erlag ...

Bei der Diskussion über Vahdettin sind es eigentlich diese beiden Verständnisweisen von Atatürk, die aufeinanderprallen. Diejenigen, die an den „großen Atatürk“ glauben und dementsprechend von Anfang an entschieden haben, dass dessen Worte von absoluter Richtigkeit sind, machen sich die Beschuldigung Vahdettins als „Verräter“ ohne auf historische Fakten zu achten und vor allem auch ohne das Bedürfnis nach Diskussion zueigen. Diejenigen, die den „historischen Atatürk“ suchen, sehen ihn zunächst als Politiker, der wie jeder Revolutionär einen Regierungswechsel herbeiführen will und der dies voraussichtlich mit bester Absicht tut. Doch setzt diese Herangehensweise voraus, unsere jüngere Vergangenheit aus einer anderen als der „Atatürk-Perspektive“ zu betrachten.

Den historischen Atatürk zu entdecken ist für die Türkei von äußerster Wichtigkeit. Nicht nur um ein korrektes Wissen über die Vergangenheit zu erlangen, sondern zugleich auch, um im tatsächlichen Sinne eine Demokratisierung zu vollziehen. Denn gegen alles in der Türkei, was für mehr Demokratie nötig wäre, wird mit Referenz auf den „großen Atatürk“ opponiert. Die Vergrößerung der religiösen Freiheit für Minderheit und Mehrheit, der freie Ausdruck einer kurdischen Identität, das Ziel eine Lösung auf Zypern zu erreichen oder auch Kompromisse im Hinblick auf die nationale Souveränität zu machen, um Mitglied der EU zu werden.... Gegen all dies wird mit Hinweis darauf, dass dies „zu Atatürks Zeiten nicht so war“ Einspruch erhoben.

Wenn wir den historischen Atatürk entdecken könnten, können wir entgegnen „zu Atatürks Zeit mag es so gewesen sein, aber die Zeiten ändern sich ...“

Unsere Achtung und Liebe zu ihm würde fortbestehen, wir würden aber lernen in einer neuen Welt, die er nie gekannt hat, auf eigenen Füßen zu stehen. Dies nennt man „erwachsen werden“. Und es ist nichts, vor dem man sich fürchten müßte, denn die Türkei reift mit jedem Tag...

Anmerkungen

(0) Im Original heißt es „Referenz auf ...“ man kann es sich aber auch als „Atatürk Paradigma“ vorstellen.
(1) Die Nutku ist eine bekannte Rede Atatürks vor dem türkischen Parlament zur Reflexion des Befreiungskrieges und der Republikgründung – eine Art politischer Rechenschaftsbericht.
(2) Im Original heißt es Atatürkçülük, was wörtlich mit „Atatürkismus“ zu übersetzen wäre. Es gibt diesen Begriff im Deutschen nicht, weshalb ich vorziehe vom „Erbe Atatürks“ zu sprechen.

 

 

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