Jahrgang 4 Nr. 30 vom 25.07.2005
 

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Ein Apostel?

von Hans-Peter Laqueur

Wenig spricht für die von Schrader angenommene Gleichsetzung des Grabes von Zenbilli Ali Efendi mit einer byzantinischen Kultstätte, mehr schon für eine derartige Kontinuität bei unserem heutigen Heiligengrab. Der Bezug auf den Apostel Andreas mag berechtigt sein, beweisen läßt er sich allerdings ebenso wenig wie die Authentizität des Apostelgrabes in der byzantinischen Apostelkirche, an deren Stelle heute die Fatih Camii steht.

Auch dieses Grab liegt im Tal zwischen dem 3. und dem 4. Stadthügel, genauer gesagt an dessen obersten Ende, neben dem Rathaus und hinter dem Standesamt, bei der Çamasirci Camii. Dort werden die Gräber der Onsekiz Sekbankar verehrt, achtzehn bei der Eroberung der Stadt 1453 gefallene Helden, von denen allerdings nur einer durch eine Inschrift namentlich bekannt ist, und in diesem Gräberfeld liegt auch der Heilige begraben

Genausowenig wie über die 18 Helden wissen wir auch über den „Heiligen mit der Kettenfessel“ Bukagili Baba. Selbst der ausführlichste unter den modernen Führern zu den Heiligengräbern der Stadt weiß nicht einmal eine Legende aus dem Leben dieses Mannes zu berichten. Er zieht sogar den Namen in Zweifel, meint, daß er in Wahrheit Seyh Mehmed Bagdadî gehießen habe, und daß sein seltsamer Name aus Bagdatli Baba, dem Heiligen aus Bagdad, entstanden sei.

Auch dieses Grab ist nicht mehr in dem Zustand, in dem Schrader es gesehen hat. 1953 wurde hier ein lateinschriftlicher Grabstein gesetzt.

Bokagılı Dede – Apostel Andreas

Christlich-muhammedanische Gleichungen lassen sich bei den Altertümern Stambuls manche finden. Am auffallendsten tritt jedoch die Uebereinstimmung zwischen dem Bokagyly-Dede (der Heilige mit der Kette) und dem Apostel Andreas hervor. Wie bekannt sein wird, befand sich das Grab des Apostels Andreas in der Apostelkirche, die auf der Stelle der jetzigen Moschee Sultan Mehmed II. stand. Die Kette spielt aber in der Legende vom Martyrium dieses Apostels eine Rolle. Die in Stambul verbreitete Sage, die wir neulich aus dem Munde eines alten Mannes im Fatichviertel hörten, erzählt:

»Am Tage, als Sultan Mehmed in das eroberte Konstantinopel einzog, wurden Gefangene an ihm vorbeigeführt, die gefesselt waren. Der Sultan befand sich an dem Orte, wo heute Schehsadehbaschi liegt. Da fielen in einem gegebenen Moment die Ketten der Gefangenen von ihren Gliedern. Der Sultan wunderte sich über diese Erscheinung und befragte einen von seinen Scheins. Dieser riet ihm, an der Stelle nachzugraben, und man fand in der Erde einen Sarkophag, in dem ein Skelett lag, neben dem sich eine Kette befand. »Fatih Sultan« hatte darauf einen Traum, worin ihm die Offenbarung wurde, daß die Ueberreste einem Jünger »Hasret Isas« (Jesus von Nazareth) angehörten. Aus Verehrung für diesen Propheten ließ der Sultan an dem Orte, wo die menschlichen Ueberreste gefunden worden waren, eine Türbe bauen und setzte einen Türbedar hinein. Der Heilige, der dort begraben liegt, heißt im Volke »Bokagyly Dede«, der Heilige mit der Kette, und seine Türbe steht der Moschee Schehsadeh gegenüber. Das Merkwürdige aber ist, daß dieser Heilige nicht nur die Verehrung der Muhammedaner genießt, sondern daß auch Griechen kommen, um hier anzubeten. Als Beweis dafür, daß es sich um einen Heiligen aus christlicher Zeit handelt, kann auch der Umstand angesehen werden, daß muhammedanische Quellen nichts vom Leben dieses »Heiligen mit der Kette« wissen.

Dieser Heilige wird von den Leuten angerufen, wenn ein Angehöriger ins Gefängnis wandern muß. Man naht sich dem Gitter der Türbe und bindet um einen der Eisenstäbe einen wollenen Faden. Die Vorbedingung für Erhörung ist aber, daß man mit reinem Herzen kommt. Das Volk erzählt auch, daß als der Türbedar es vergessen hatte, die heilige Kerze am Grabe in der Freitagsnacht anzuzünden, diese sich von selbst entzündete. Der jetzige Türbedar ist ein Greis von 95 Jahren.«

Friedrich Schrader: Konstantinopel. Vergangenheit und Gegenwart. Tübingen 1917. S. 94-95.


(Fotos: Hans-Peter Laqueur.

oben: Grab des Bukaðılı Dede

unten: Gedenkstein für die 18 Sekbanlar

Heilige Narren - Närrische Heilige

Einführung (pdf-Druckversion)

1. Station: Tezveren Dede (pdf-Druckversion)

2. Station: Verlorene Gräber
(pdf-Druckversion)

3. Station: Zwei märchenhafte Geschichten und zwei gleichnamige Heilige
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4. Station: Der Mann mit dem Bücherkorb
(pdf-Druckversion)

5. Station: Ein Apostel?
(pdf-Druckversion)

 

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