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Bleibt schizophrener und schicksalhafter Hieb der Geschichte aus?
Antike Badeanlage Allianoi bei Bergama könnte
17 m tief unter Wasser verschwinden
Von Claus Stille
An nicht wenigen Stellen in der Türkei ist Geschichte, sind Relikte
gleich mehrerer Kulturen, geradezu mit Händen zu greifen.
Das Land atmet gleichsam längst Vergangenes, über das viel Geschichte
hinweggegangen ist.
So ist einiges häufig auch zu Vergessenem geworden. Mag sein: Manches
bewusst. Vieles unbewusst.
Nicht immer – auch das wissen wir selbst - passt Gewesenes zum Jetzigen.
Scheinbar nur. Auf den ersten Blick möglicherweise. Doch wir dürfen
uns nicht täuschen lassen und deshalb keineswegs auch vergessen:
Gewesenes ist – ob es wir nun wollen oder nicht, ob es uns gefällt
oder nicht – das, worauf unsere Gegenwart, ja: unser Selbst, nun
einmal fußt!
Es gehört zu uns wie wir zu ihm...
Nicht immer aber wird bewusst vergessen. Oft wird auch übersehen,
weil nicht gewusst wird – gewusst werden kann – was möglicherweise
zum Vorschein käme, wenn wir bewusst an richtiger Stelle danach suchen
würden.
Und zwar nach Relikten aus der Vergangenheit, die uns unser Werden und
die Gegenwart besser erklären könnten. Vielleicht damit wir
so die Zukunft besser gestalten können, um zu vermeiden, dass abermals
Kulturen von Wert untergehen und abermals der Vergangenheit anheim fallen.
Doch manchmal wird gefunden. Oder vielmehr wurde gefunden. Wie in unserem
Fall.
Und was Ahmet Yaras und sein Ausgrabungsteam da gefunden haben ist durchaus
phänomenal zu nennen.
Was ursprünglich als universitäre Forschungsgrabung geplant,
und wofür eigentlich ein Jahr anberaumt war, dauert nun schon sieben
Jahre an.
Und die Mühe hat sich aus archäologischer Sicht mehr als gelohnt.
Unzählige historische Fundstücke – darunter viele gut
erhaltene, wie z.B. die Statue einer eineinhalb Meter großen Nymphe,
einer Aphrodite, die in acht Meter Tiefe gefunden wurde – brachten
die fleißigen Archäologen in mühevoller Kleinarbeit ans
Tageslicht.
Der Fund allein soll schon eine Sensation darstellen. Denn eine derartige
Skulptur aus hellenistischer Zeit ist außerordentlich wertvoll,
da die meisten dieser Art durch die Byzantiner zerstört worden sind.
Die Ausgrabungsstätte Allianoi ist nur etwa 20 Kilometer vom antiken
Bergama (Pergamon) entfernt.
Zuletzt zählte man dort wohl pro Jahr 600 000 Besucher. Und das sind,
sagte Ahmet Yaras, der auch Direktor des Bergama Museums, dem Interviewer
der Internetplattform Vaybee!, weniger reine Strandurlauber, sondern vielmehr
Menschen, die es umtreibt Kultur und Kulturstätten in der Türkei
kennen zu lernen.
Diese Tatsache lässt sich durchaus als wirtschaftlichen Faktor für
die Region bezeichnen.
Zahlreiche Keramiken, Bronzegegenstände, 10 Goldmünzen und etwa
3000 Geldmünzen sind zwischenzeitlich vorerst in die Inventarliste
des Bergama Museums eingeflossen.
Dass Terrain wo all das zu Tage gefördert worden ist, hat eine Fläche
von 10.000 Quadratmetern.
Es handelt sich wohl – daraufhin sollen zwei gefundene Asklepios-Köpfe
(Asklepieion: antikes Heilbad, nach dem griechischem Gott der Heilkunst
benannt), deuten - um ein regelrechtes antikes Gesundheitszentrum aus
der Römerzeit handeln.
Ein 50 Meter langer Gang verbindet die gut erhaltenen Badezellen der Badanlage.
Aus der dazugehörigen Thermalquelle sprudelt 47 Grad heißes
Wasser.
Die Hauptstraße, der nach Angaben der Archäologen ungefähr
2000 Jahre alte Anlage, hat eine Länge von 120 Metern Länge.
Die nach Ahmet Yaras’ Angaben halbmondförmige Quelle, hat einen
denkmalähnlichen Eingang und zwei nebeneinander liegende römischen
Brücken mit großen Bögen und ein türkisches Hamam.
Archäologen-Kollege Bülent Türkmen sagte in einem in der
Sendung Kulturzeit auf 3sat gezeigtem Beitrag: „Wir haben hier eine
Anlage, die in den verschiedenen Epochen der Welt von ganz verschiedenen
Zivilisationen genutzt wurde. Ihre Bedeutung als Heilbad ging nie verloren.
Bislang haben wir nur 20 Prozent der Anlage ausgraben können. Wenn
man so weiter graben dürfte, würde man noch eine ganze Menge
ans Tageslicht bringen.“
Auch Pergamon, hält man für möglich, dürfte durch
sie eine neue Bedeutung erhalten.
Überdies liegt es auf der Hand für die zahlreichen ausgegrabenen
Glas- und Keramikgegenstände ein weiteres Museum zu bauen, um sie
dort Interessierten als Exponate zu präsentieren.
Setzt man die ca. 600 000 Besucher Bergamas ins Verhältnis zu den
auf Grund des guten Erhalts der antiken Badeanlage und der vielen interessanten
Fundstücke von Allianoi, lässt sich ungefähr ermessen,
mit wie viel zusätzlich zu erwartenden Kultur-Touristen die Region
rechnen könnte.
Was wiederum nicht unbeträchtlich auf die regionale Wirtschaft ausstrahlen
dürfte.
Doch ob das Realität wird, steht aber in den Sternen.
Denn hier nun bekommt die bis dato als Erfolgsgeschichte daherkommende
Story des sensationellen Fundes von Allianoi einen Pferdefuß!
Wieder einmal – wie schon zuvor in Tamasotta, Nabalitschori und
Zeugma – sind die historischen Stätten von einem von der türkischen
Regierung in Auftrag gegebenes Staudammprojekt bedroht.
Wird es nämlich wahr, verschwindet die Anlage in ein paar Monaten
schon unter Wasser.
Und zwar 17 Meter tief!
Was für ein schizophrener und schicksalhafter Hieb der Geschichte
wäre das:
Eine 2000 Jahre alte Gesundheitseinrichtung, wo vorwiegend Wasser zwecks
Heilung von Menschen diente, soll nun siebzehn Meter tief unter Wasser
Verschwinden, gleichsam: vom flüssigen Element begraben werden!
Aber, werden nun die Befürworter des Staudamms, der der Bewässerung
der umliegenden Obst- und Gemüsefelder diesen soll, antworten, auch
er dient ja den Menschen – nämlich den Bauern.
Das mag sein, wendet Ahmet Yaras gegenüber Vaybee! ein, doch höchstwahrscheinlich
nur 30 – 50 Jahre. Schon nach 30 Jahren fülle sich der Staudamm
mit Geröll. Und das führt zum Auffüllen und Austrocknen
des Staudamms.
Seines Erachtens stellt er deshalb keine gute wirtschaftliche Investition
dar.
Die Menschen in der Umgebung spalten sich in Gegner und Befürworter
des Projekts.
Manche profitieren eben davon. Manche nicht.
Dabei wäre der Staudamm vielleicht gar nicht nötig. Denn um
die fruchtbaren Böden der Gegend zu bewässern, genügte
auch eine Erweiterung der Stromversorgung bis zu den Feldern, damit das
schon in einigen Metern unter der Erde reichlich befindliche Wasser nicht
mit Benzin betriebenen Pumpen (teuer wegen hohem Erdölpreis) gefördert
werden muss, sondern dies mittels Elektrizität permanent getan werden
kann.
Im Wesentlichen aber soll die Stimmung momentan gegen den Staudamm ausschlagen.
So sagte dann auch der Bürgermeister der betroffenen Provinz im Kulturzeit-Bericht:
„Wir bitten besonders die Europäische Union und Institutionen
wie die Unesco darum, hier einzugreifen. Dieses Weltkulturerbe darf nicht
unter dem Stauwasser verschwinden. Wir werden alles tun, um das zu verhindern.
Obwohl wir die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, muss ich allerdings
sagen: Von all den Institutionen, deren Aufgabe es ist, für den Schutz
solcher Funde einzutreten, war bislang leider nichts zu hören.“
Das ist traurig.
Immerhin bestünde auch die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz
von Staudamm und antikem Badekomplex: es müsste nur eine Schutzmauer
um das historische Allianoi gebaut werden!
Noch laufen Hilfeaktionen und Unterschriftensammlungen, die später
Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer überreicht werden sollen.
Doch ob die Zeit dafür noch reicht?
Dem Vernehmen nach soll Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den
Staudamm am
15. November bereits in Betrieb nehmen.
Gleichviel: wenn wir denn Wunder wohl auch kaum erwarten dürfen,
so wissen wir dennoch, dass die Türkei immerhin ein Land ist, was
ab und an durchaus für Überraschungen positiver Natur gut ist.
Und Ministerpräsident Erdogan selbst gilt meines Wissens auch als
jemand, dem es anerkannt und in hohem Maße um Kultur und Geschichte
seines Landes und deren Konservierung für die Nachwelt geht.
Sicherlich wohl wissend, wie sehr die Gegenwart auf der Vergangenheit
mit ihren längst verflossenen Epochen fußt.
Und das ohne gegenwärtige Anwesenheit von einst gelebter Vergangenheit
ein Leben zukünftig zumindest nicht gerader einfacher wird.
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