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Jahrgang 4 Nr. 34 vom 22.08.05
 

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Bleibt schizophrener und schicksalhafter Hieb der Geschichte aus?

Antike Badeanlage Allianoi bei Bergama könnte 17 m tief unter Wasser verschwinden

Von Claus Stille

An nicht wenigen Stellen in der Türkei ist Geschichte, sind Relikte gleich mehrerer Kulturen, geradezu mit Händen zu greifen.
Das Land atmet gleichsam längst Vergangenes, über das viel Geschichte hinweggegangen ist.
So ist einiges häufig auch zu Vergessenem geworden. Mag sein: Manches bewusst. Vieles unbewusst.
Nicht immer – auch das wissen wir selbst - passt Gewesenes zum Jetzigen. Scheinbar nur. Auf den ersten Blick möglicherweise. Doch wir dürfen uns nicht täuschen lassen und deshalb keineswegs auch vergessen: Gewesenes ist – ob es wir nun wollen oder nicht, ob es uns gefällt oder nicht – das, worauf unsere Gegenwart, ja: unser Selbst, nun einmal fußt!
Es gehört zu uns wie wir zu ihm...

Nicht immer aber wird bewusst vergessen. Oft wird auch übersehen, weil nicht gewusst wird – gewusst werden kann – was möglicherweise zum Vorschein käme, wenn wir bewusst an richtiger Stelle danach suchen würden.
Und zwar nach Relikten aus der Vergangenheit, die uns unser Werden und die Gegenwart besser erklären könnten. Vielleicht damit wir so die Zukunft besser gestalten können, um zu vermeiden, dass abermals Kulturen von Wert untergehen und abermals der Vergangenheit anheim fallen.

Doch manchmal wird gefunden. Oder vielmehr wurde gefunden. Wie in unserem Fall.
Und was Ahmet Yaras und sein Ausgrabungsteam da gefunden haben ist durchaus phänomenal zu nennen.
Was ursprünglich als universitäre Forschungsgrabung geplant, und wofür eigentlich ein Jahr anberaumt war, dauert nun schon sieben Jahre an.
Und die Mühe hat sich aus archäologischer Sicht mehr als gelohnt.
Unzählige historische Fundstücke – darunter viele gut erhaltene, wie z.B. die Statue einer eineinhalb Meter großen Nymphe, einer Aphrodite, die in acht Meter Tiefe gefunden wurde – brachten die fleißigen Archäologen in mühevoller Kleinarbeit ans Tageslicht.
Der Fund allein soll schon eine Sensation darstellen. Denn eine derartige Skulptur aus hellenistischer Zeit ist außerordentlich wertvoll, da die meisten dieser Art durch die Byzantiner zerstört worden sind.
Die Ausgrabungsstätte Allianoi ist nur etwa 20 Kilometer vom antiken Bergama (Pergamon) entfernt.
Zuletzt zählte man dort wohl pro Jahr 600 000 Besucher. Und das sind, sagte Ahmet Yaras, der auch Direktor des Bergama Museums, dem Interviewer der Internetplattform Vaybee!, weniger reine Strandurlauber, sondern vielmehr Menschen, die es umtreibt Kultur und Kulturstätten in der Türkei kennen zu lernen.
Diese Tatsache lässt sich durchaus als wirtschaftlichen Faktor für die Region bezeichnen.
Zahlreiche Keramiken, Bronzegegenstände, 10 Goldmünzen und etwa 3000 Geldmünzen sind zwischenzeitlich vorerst in die Inventarliste des Bergama Museums eingeflossen.
Dass Terrain wo all das zu Tage gefördert worden ist, hat eine Fläche von 10.000 Quadratmetern.
Es handelt sich wohl – daraufhin sollen zwei gefundene Asklepios-Köpfe (Asklepieion: antikes Heilbad, nach dem griechischem Gott der Heilkunst benannt), deuten - um ein regelrechtes antikes Gesundheitszentrum aus der Römerzeit handeln.
Ein 50 Meter langer Gang verbindet die gut erhaltenen Badezellen der Badanlage.
Aus der dazugehörigen Thermalquelle sprudelt 47 Grad heißes Wasser.
Die Hauptstraße, der nach Angaben der Archäologen ungefähr 2000 Jahre alte Anlage, hat eine Länge von 120 Metern Länge.
Die nach Ahmet Yaras’ Angaben halbmondförmige Quelle, hat einen denkmalähnlichen Eingang und zwei nebeneinander liegende römischen Brücken mit großen Bögen und ein türkisches Hamam.
Archäologen-Kollege Bülent Türkmen sagte in einem in der Sendung Kulturzeit auf 3sat gezeigtem Beitrag: „Wir haben hier eine Anlage, die in den verschiedenen Epochen der Welt von ganz verschiedenen Zivilisationen genutzt wurde. Ihre Bedeutung als Heilbad ging nie verloren. Bislang haben wir nur 20 Prozent der Anlage ausgraben können. Wenn man so weiter graben dürfte, würde man noch eine ganze Menge ans Tageslicht bringen.“
Auch Pergamon, hält man für möglich, dürfte durch sie eine neue Bedeutung erhalten.
Überdies liegt es auf der Hand für die zahlreichen ausgegrabenen Glas- und Keramikgegenstände ein weiteres Museum zu bauen, um sie dort Interessierten als Exponate zu präsentieren.
Setzt man die ca. 600 000 Besucher Bergamas ins Verhältnis zu den auf Grund des guten Erhalts der antiken Badeanlage und der vielen interessanten Fundstücke von Allianoi, lässt sich ungefähr ermessen, mit wie viel zusätzlich zu erwartenden Kultur-Touristen die Region rechnen könnte.
Was wiederum nicht unbeträchtlich auf die regionale Wirtschaft ausstrahlen dürfte.

Doch ob das Realität wird, steht aber in den Sternen.
Denn hier nun bekommt die bis dato als Erfolgsgeschichte daherkommende Story des sensationellen Fundes von Allianoi einen Pferdefuß!
Wieder einmal – wie schon zuvor in Tamasotta, Nabalitschori und Zeugma – sind die historischen Stätten von einem von der türkischen Regierung in Auftrag gegebenes Staudammprojekt bedroht.
Wird es nämlich wahr, verschwindet die Anlage in ein paar Monaten schon unter Wasser.
Und zwar 17 Meter tief!
Was für ein schizophrener und schicksalhafter Hieb der Geschichte wäre das:
Eine 2000 Jahre alte Gesundheitseinrichtung, wo vorwiegend Wasser zwecks Heilung von Menschen diente, soll nun siebzehn Meter tief unter Wasser Verschwinden, gleichsam: vom flüssigen Element begraben werden!
Aber, werden nun die Befürworter des Staudamms, der der Bewässerung der umliegenden Obst- und Gemüsefelder diesen soll, antworten, auch er dient ja den Menschen – nämlich den Bauern.
Das mag sein, wendet Ahmet Yaras gegenüber Vaybee! ein, doch höchstwahrscheinlich nur 30 – 50 Jahre. Schon nach 30 Jahren fülle sich der Staudamm mit Geröll. Und das führt zum Auffüllen und Austrocknen des Staudamms.
Seines Erachtens stellt er deshalb keine gute wirtschaftliche Investition dar.
Die Menschen in der Umgebung spalten sich in Gegner und Befürworter des Projekts.
Manche profitieren eben davon. Manche nicht.
Dabei wäre der Staudamm vielleicht gar nicht nötig. Denn um die fruchtbaren Böden der Gegend zu bewässern, genügte auch eine Erweiterung der Stromversorgung bis zu den Feldern, damit das schon in einigen Metern unter der Erde reichlich befindliche Wasser nicht mit Benzin betriebenen Pumpen (teuer wegen hohem Erdölpreis) gefördert werden muss, sondern dies mittels Elektrizität permanent getan werden kann.
Im Wesentlichen aber soll die Stimmung momentan gegen den Staudamm ausschlagen.
So sagte dann auch der Bürgermeister der betroffenen Provinz im Kulturzeit-Bericht: „Wir bitten besonders die Europäische Union und Institutionen wie die Unesco darum, hier einzugreifen. Dieses Weltkulturerbe darf nicht unter dem Stauwasser verschwinden. Wir werden alles tun, um das zu verhindern. Obwohl wir die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, muss ich allerdings sagen: Von all den Institutionen, deren Aufgabe es ist, für den Schutz solcher Funde einzutreten, war bislang leider nichts zu hören.“
Das ist traurig.
Immerhin bestünde auch die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz von Staudamm und antikem Badekomplex: es müsste nur eine Schutzmauer um das historische Allianoi gebaut werden!
Noch laufen Hilfeaktionen und Unterschriftensammlungen, die später
Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer überreicht werden sollen.
Doch ob die Zeit dafür noch reicht?
Dem Vernehmen nach soll Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den Staudamm am
15. November bereits in Betrieb nehmen.

Gleichviel: wenn wir denn Wunder wohl auch kaum erwarten dürfen, so wissen wir dennoch, dass die Türkei immerhin ein Land ist, was ab und an durchaus für Überraschungen positiver Natur gut ist.
Und Ministerpräsident Erdogan selbst gilt meines Wissens auch als jemand, dem es anerkannt und in hohem Maße um Kultur und Geschichte seines Landes und deren Konservierung für die Nachwelt geht.
Sicherlich wohl wissend, wie sehr die Gegenwart auf der Vergangenheit mit ihren längst verflossenen Epochen fußt.
Und das ohne gegenwärtige Anwesenheit von einst gelebter Vergangenheit ein Leben zukünftig zumindest nicht gerader einfacher wird.

 

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Last modified: 28.12.2003