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Mehr als Kopftuch und Döner
Robert Bosch Stiftung hilft Türkische Literatur
bekannter machen
Von Claus Stille
Die Türkei - das unbekannte Wesen. Stimmt dieser Satz, bezogen auf
Deutschland und die Deutschen?
Wo sich doch Millionen Deutsche jährlich im Urlaub in Antalya in
der Sonne rekeln und erholen. Wo fraglos viele Deutsche zum Türken
an die Ecke gehen, um sich mit leckerem Döner zu versorgen. Wo die
Deutschen immer öfter beim türkischen Gemüsehändler
oder ganz und gar im türkischen Supermärkte einkaufen.
Und nicht wenige Deutsche hatten oder haben türkische oder türkischstämmige
Arbeitskollegen oder Nachbarn.
Was einen nicht wunder nehmen kann: schließlich leben um die 2,5
Millionen Türken in Deutschland.
Und doch, hört man sich einmal um, wissen die Deutschen herzlich
wenig über ihre türkischen Mitbürger. Geschweige denn über
die Türkische Republik, Land, Leute und das dortige Leben selbst.
Nein, so traurig es auch ist, viel mehr als die Stichworte KOPFTUCH und
DÖNER ist da in all den Jahrzehnten bei den meisten Deutschen nicht
hängen geblieben.
Nicht nur aufs Essen bezogen ist das einfach zu mager. Denn die türkische
Küche ist äußerst reichhaltig und sehr schmackhaft.. Ich
glaube international betrachtet hat sie sogar eine ausgezeichnete 7. Stelle
inne.
Aber das nur am Rande...
Oftmals bleiben uns über die Türkei nichts als Klischees. Klischees,
die jahrelang auch die deutschen Medien reichlich bedient und verbreitet
haben. Und teils heute noch verbreiten, indem sie über die Türken
und die Türkei nicht selten nur äußerst verkürzt
und wenigstens schablonenhaft berichten.
So werden Vorurteile – ob nun gewollt oder nicht – betoniert
und wieder und wieder bei nachfolgenden Generationen in den Hirnen geweckt
und neuerlich in Umlauf gesetzt.
Und geht es gar um türkische Kultur, wird es – so vermute ich
– in vielen (nicht nur) deutschen Köpfen gleich ganz zappenduster.
Auf eine erst recht große Leere dürften wir bei näherer
Beleuchtung stoßen, unterzögen wir uns der Mühe in Deutschland
außerhalb von Expertenkreisen nämlich einmal nach Türkischer
Literatur zu fragen.
Vielleicht fiele dem einen oder anderen – das möchte ich zwecks
Ehrenrettung von uns Deutschen wenigstens einmal vage annehmen - da allenfalls
noch der große Yasar Kemal ein. Aber dann?
Dann dürfte aber auch schon peinliches Schweigen einsetzen.
Jenen sicherlich nicht befriedigenden Ist-Zustand möchte die ROBERT
BOSCH STIFTUNG jetzt dankenswerterweise versuchen zu verändern.
Sicherlich trägt nicht zuletzt das Streben und der Wunsch der Türkei
in die Europäische Union aufgenommen zu werden nicht unwesentlich
dazu bei, dass viele Menschen deutscher Zunge nun auch mehr über
das Land am Bosporus wissen und erfahren wollen.
Es bietet sich eigentlich an, jenes Wissen über das Befassen mit
Türkischer Kultur zu erwerben.
Weil es sicher noch am ehesten möglich ist mehr über ein Land
und seine Bewohner zu erfahren, indem man sich die Literatur jenen Landes
zu Gemüte führt.
Man denke da etwa einmal nur an die Klassiker der Russischen Literatur,
die uns bei näherer Betrachtung äußerst viel in Bezug
auf die Gegenwart zu Sagen haben, um diese und den Weg dorthin zu verstehen.
Die ROBERT BOSCH STIFTUNG hat sich deshalb vorgenommen die Herausgabe
einer türkischen Bibliothek – TÜRKIYE KITAPLIGI www.tuerkische-bibliothek.de.
zu unterstützen.
Die Initiatoren möchte auf diese Weise ein Fenster öffnen und
über eine Auswahl an türkischer Literatur „eine Vorstellung
vermitteln von den gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umbrüchen,
die das Land seit vielen Jahrzehnten prägen.“
Die TÜRKISCHE BIBLIOTHEK soll einer interessierten Leserschaft eine
„Bandbreite schriftstellerischen Schaffens an herausragenden Beispielen
und in exzellenten Übersetzungen präsentieren. Dabei sollen“,
laut Presseinformation, „ Schätze gehoben werden, die in Deutschland
bisher völlig unbekannt sind.“
Die ROBERT BOSCH STIFTUNG hat Erfahrung damit vorzuweisen. Zuvor hat sie
nämlich mit der Herausgabe einer POLNISCHEN und einer TSCHECHISCHEN
BIBLIOTHEK bereits dem deutschsprachigen Raum die Literatur zweier europäischer
Nachbarländer vorgestellt.
Mit ihrer Türkischen Bibliothek möchte die Stiftung der Literatur
der Türkei einem größeren Leserkreis erschließen.
Dabei ist auch an die Nachkommen türkischer Einwanderer gedacht,
die vielfach die türkische Literatur bereits nicht mehr im Original
lesen können.
Es ist angedacht, dass Autoren und Übersetzer ausgedehnte Lesereisen
unternehmen.
Auch wird es begleitende Unterrichtsmaterialien zu den einzelnen Bänden
der Türkischen Bibliothek geben.
Bei der ROBERT BOSCH STIFTUNG handelt es sich um eine der großen
mit Unternehmen verbundenen Stiftungen Deutschlands.
Sie ist im Besitz von 92% des Stammkapitals der Robert Bosch GmbH und
wurde im Jahr 1964 gegründet. Mit ihr werden die gemeinnützigen
Bestrebungen des Firmengründers und Stifters Robert Bosch (1861-1942)
fortgesetzt.
Die Türkei fühlt sich schon lange zum Westen und Europa hingezogen.
Erst recht hat der Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk die Modernisierung
des Landes vorangetrieben und den Weg des türkischen Volkes dorthin
maßgeblich beschleunigt.
Längst fühlt sich eine nicht unbeträchtliche Mehrheit der
türkischen Bevölkerung als Europäer.
So fand es die ROBERT BOSCH STIFTUNG also mehr als an der Zeit, „die
türkische Literatur, die sich im 20. Jahrhundert aus der islamischen
Kulturgemeinschaft gelöst und mit der Tradition ihrer höfischen
Hochliteratur gebrochen hat und gestützt auf Elemente aus der ehemals
mündlichen Überlieferung in Anlehnung an die westlichen Strömungen
eigene Wege gefunden hat, als Ganzes zu betrachten.“
Entstanden ist eine Auswahl, die sicherlich nicht die gesamte türkische
Literatur erfasst, weil man sich auf 20 Bände - die ab 2005 erscheinen
- beschränken musste, welche aber wohl dennoch einen guten Überblick
von den geistigen Prozessen liefern dürfte, die die neue Türkei
geformt und deren Menschen bewegt haben und weiterhin noch bewegen.
Enthalten sind große Prosawerke, aktuelle Romane oder solche, welche
in den letzten zehn Jahren in der türkischen literarischen Öffentlichkeit
Aufsehen erregt haben, sowie sechs Anthologien mit anderen Genres wie
Gedichten, Essays, Erzählbänden aus der frühen Republikzeit
bis in die Gegenwart und zwei Bänden mit kulturhistorischen und literaturhistorischen
Texten.
Eingang finden auch Biografien und politische Texte. Beispielsweise Reden
Atatürks.
Darüber hinaus befasst sich ein Band auch mit türkischer Volksliteratur.
Betreut wird die Türkische Bibliothek vom Unionsverlag Zürich
www.unionsverlag.com.
Das Verlagshaus hat sich mit der Pflege Internationaler Literatur auch
aus hierzulande oft nur spärlich bekannten Regionen Meriten erworben.
Zu dessen Autoren gehören etwa so hervorragende Schriftsteller wie
der ägyptische Literaturnobelpreisträger von 1988, Nagib Machfus,
und Tschingis Aitmatow.
Türkische Literatur gehört seit Verlagsgründung fest zum
Programm. Darin enthalten sind Werke von Yasar Kemal, Fazil Hüsnü
Daglarca, Ferit Edgü, Zülfü Livaneli,
Aziz Nesin, Celil Oker, Latife Tekin und der führende kurdische Autor
Mehmed Uzun.
Die Türkische Bibliothek wird uns über die schon auf Deutsch
veröffentlichten Werke Nazim Hikmets, Yasar Kemals und Orhan Pamuks
hinaus mit weiteren übersetzungswürdige Perlen der türkischer
Literatur vertraut machen.
Und ich denke, viele deutschsprachige Leserinnen und Leser werden von
der Breite und der Vielfalt der in einzelnen Werken abgehandelten Themen
durchaus überrascht - wenn nicht gar überwältigt sein –,
was Appetit auf mehr machen wird.
Interessant unter den ersten drei herauskommenden Titeln dürfte sicherlich
besonders der erste Roman der türkischen Frauenliteratur von Leyla
Erbil „Eine seltsame Frau“ sein.
Sehr aussagekräftig, was die verschiedenen Regionen, Völkerschaften
und Lebensformen der Türkei anlangt, ist bestimmt die Anthologie
„Von Istanbul nach Hakkari“.
Laut dem Leiter des Unionsverlages Zürich, Lucien Leitess, reagiert
die „offizielle Türkei“ auf das Vorhaben TÜRKISCHE
BIBLIOTHEK ausgesprochen positiv, wie er der Zeitung ND sagte.
Leitess schätzt darüber hinaus ein, dass die Türken –
wenngleich auch manche Werke und ihre Autoren hier und da immer mal wieder
als „gefährlich“ eingestuft werden – berechtigten
Stolz auf ihre Literatur empfinden und schon deshalb Bestrebungen, sie
in der Welt bekannt zu machen, begrüßen.
Am vergangenen Mittwoch hat Lucien Leitess die ersten drei Bände
der Türkischen Bibliothek in Berlin vorgestellt.
Am 28. September 2005 nun findet laut ROBERT BOSCH STIFTUNG www.bosch-stiftung.de/tuerkei
eine Eröffnungsfeier der Türkischen Bibliothek mit Medienkonferenz
und Empfang in Istanbul statt.
Das Projekt TÜRKISCHE BIBLIOTHEK ist sicherlich ein Markstein auf
dem Weg hin zu einem besseren deutsch-türkischem Verständnis
und wird helfen, Land und Leute besser verstehen zu lernen und hoffentlich
auch dazu beitragen, Hemmnisse und Vorurteile, die zu Irritationen führen,
beiseite zu räumen.
Wer also möchte, kann künftighin anhand auf Deutsch übersetzter
türkischer Literatur sein Wissen über das ihm vielleicht bis
dato unbekannte oder verschleierte Wesen Türkei nicht unerheblich
auf hier und da fesselnde Weise auffrischen und seinen vielleicht bislang
düstren Blick auf das Land am Bosporus erhellen lassen.
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