Jahrgang 4 Nr. 36 vom 5.09.2005
 

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Mehr als Kopftuch und Döner

Robert Bosch Stiftung hilft Türkische Literatur bekannter machen


Von Claus Stille


Die Türkei - das unbekannte Wesen. Stimmt dieser Satz, bezogen auf Deutschland und die Deutschen?
Wo sich doch Millionen Deutsche jährlich im Urlaub in Antalya in der Sonne rekeln und erholen. Wo fraglos viele Deutsche zum Türken an die Ecke gehen, um sich mit leckerem Döner zu versorgen. Wo die Deutschen immer öfter beim türkischen Gemüsehändler oder ganz und gar im türkischen Supermärkte einkaufen.
Und nicht wenige Deutsche hatten oder haben türkische oder türkischstämmige Arbeitskollegen oder Nachbarn.
Was einen nicht wunder nehmen kann: schließlich leben um die 2,5 Millionen Türken in Deutschland.
Und doch, hört man sich einmal um, wissen die Deutschen herzlich wenig über ihre türkischen Mitbürger. Geschweige denn über die Türkische Republik, Land, Leute und das dortige Leben selbst.
Nein, so traurig es auch ist, viel mehr als die Stichworte KOPFTUCH und DÖNER ist da in all den Jahrzehnten bei den meisten Deutschen nicht hängen geblieben.
Nicht nur aufs Essen bezogen ist das einfach zu mager. Denn die türkische Küche ist äußerst reichhaltig und sehr schmackhaft.. Ich glaube international betrachtet hat sie sogar eine ausgezeichnete 7. Stelle inne.
Aber das nur am Rande...
Oftmals bleiben uns über die Türkei nichts als Klischees. Klischees, die jahrelang auch die deutschen Medien reichlich bedient und verbreitet haben. Und teils heute noch verbreiten, indem sie über die Türken und die Türkei nicht selten nur äußerst verkürzt und wenigstens schablonenhaft berichten.
So werden Vorurteile – ob nun gewollt oder nicht – betoniert und wieder und wieder bei nachfolgenden Generationen in den Hirnen geweckt und neuerlich in Umlauf gesetzt.
Und geht es gar um türkische Kultur, wird es – so vermute ich – in vielen (nicht nur) deutschen Köpfen gleich ganz zappenduster.
Auf eine erst recht große Leere dürften wir bei näherer Beleuchtung stoßen, unterzögen wir uns der Mühe in Deutschland außerhalb von Expertenkreisen nämlich einmal nach Türkischer Literatur zu fragen.
Vielleicht fiele dem einen oder anderen – das möchte ich zwecks Ehrenrettung von uns Deutschen wenigstens einmal vage annehmen - da allenfalls noch der große Yasar Kemal ein. Aber dann?
Dann dürfte aber auch schon peinliches Schweigen einsetzen.

Jenen sicherlich nicht befriedigenden Ist-Zustand möchte die ROBERT BOSCH STIFTUNG jetzt dankenswerterweise versuchen zu verändern.
Sicherlich trägt nicht zuletzt das Streben und der Wunsch der Türkei in die Europäische Union aufgenommen zu werden nicht unwesentlich dazu bei, dass viele Menschen deutscher Zunge nun auch mehr über das Land am Bosporus wissen und erfahren wollen.
Es bietet sich eigentlich an, jenes Wissen über das Befassen mit Türkischer Kultur zu erwerben.
Weil es sicher noch am ehesten möglich ist mehr über ein Land und seine Bewohner zu erfahren, indem man sich die Literatur jenen Landes zu Gemüte führt.

Man denke da etwa einmal nur an die Klassiker der Russischen Literatur, die uns bei näherer Betrachtung äußerst viel in Bezug auf die Gegenwart zu Sagen haben, um diese und den Weg dorthin zu verstehen.

Die ROBERT BOSCH STIFTUNG hat sich deshalb vorgenommen die Herausgabe einer türkischen Bibliothek – TÜRKIYE KITAPLIGI www.tuerkische-bibliothek.de.
zu unterstützen.
Die Initiatoren möchte auf diese Weise ein Fenster öffnen und über eine Auswahl an türkischer Literatur „eine Vorstellung vermitteln von den gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umbrüchen, die das Land seit vielen Jahrzehnten prägen.“
Die TÜRKISCHE BIBLIOTHEK soll einer interessierten Leserschaft eine „Bandbreite schriftstellerischen Schaffens an herausragenden Beispielen und in exzellenten Übersetzungen präsentieren. Dabei sollen“, laut Presseinformation, „ Schätze gehoben werden, die in Deutschland bisher völlig unbekannt sind.“
Die ROBERT BOSCH STIFTUNG hat Erfahrung damit vorzuweisen. Zuvor hat sie nämlich mit der Herausgabe einer POLNISCHEN und einer TSCHECHISCHEN BIBLIOTHEK bereits dem deutschsprachigen Raum die Literatur zweier europäischer Nachbarländer vorgestellt.

Mit ihrer Türkischen Bibliothek möchte die Stiftung der Literatur der Türkei einem größeren Leserkreis erschließen. Dabei ist auch an die Nachkommen türkischer Einwanderer gedacht, die vielfach die türkische Literatur bereits nicht mehr im Original lesen können.
Es ist angedacht, dass Autoren und Übersetzer ausgedehnte Lesereisen unternehmen.
Auch wird es begleitende Unterrichtsmaterialien zu den einzelnen Bänden der Türkischen Bibliothek geben.

Bei der ROBERT BOSCH STIFTUNG handelt es sich um eine der großen mit Unternehmen verbundenen Stiftungen Deutschlands.
Sie ist im Besitz von 92% des Stammkapitals der Robert Bosch GmbH und wurde im Jahr 1964 gegründet. Mit ihr werden die gemeinnützigen Bestrebungen des Firmengründers und Stifters Robert Bosch (1861-1942) fortgesetzt.

Die Türkei fühlt sich schon lange zum Westen und Europa hingezogen. Erst recht hat der Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk die Modernisierung des Landes vorangetrieben und den Weg des türkischen Volkes dorthin maßgeblich beschleunigt.
Längst fühlt sich eine nicht unbeträchtliche Mehrheit der türkischen Bevölkerung als Europäer.
So fand es die ROBERT BOSCH STIFTUNG also mehr als an der Zeit, „die türkische Literatur, die sich im 20. Jahrhundert aus der islamischen Kulturgemeinschaft gelöst und mit der Tradition ihrer höfischen Hochliteratur gebrochen hat und gestützt auf Elemente aus der ehemals mündlichen Überlieferung in Anlehnung an die westlichen Strömungen eigene Wege gefunden hat, als Ganzes zu betrachten.“

Entstanden ist eine Auswahl, die sicherlich nicht die gesamte türkische Literatur erfasst, weil man sich auf 20 Bände - die ab 2005 erscheinen - beschränken musste, welche aber wohl dennoch einen guten Überblick von den geistigen Prozessen liefern dürfte, die die neue Türkei geformt und deren Menschen bewegt haben und weiterhin noch bewegen.
Enthalten sind große Prosawerke, aktuelle Romane oder solche, welche in den letzten zehn Jahren in der türkischen literarischen Öffentlichkeit Aufsehen erregt haben, sowie sechs Anthologien mit anderen Genres wie Gedichten, Essays, Erzählbänden aus der frühen Republikzeit bis in die Gegenwart und zwei Bänden mit kulturhistorischen und literaturhistorischen Texten.
Eingang finden auch Biografien und politische Texte. Beispielsweise Reden Atatürks.
Darüber hinaus befasst sich ein Band auch mit türkischer Volksliteratur.
Betreut wird die Türkische Bibliothek vom Unionsverlag Zürich www.unionsverlag.com.
Das Verlagshaus hat sich mit der Pflege Internationaler Literatur auch aus hierzulande oft nur spärlich bekannten Regionen Meriten erworben.
Zu dessen Autoren gehören etwa so hervorragende Schriftsteller wie der ägyptische Literaturnobelpreisträger von 1988, Nagib Machfus, und Tschingis Aitmatow.
Türkische Literatur gehört seit Verlagsgründung fest zum Programm. Darin enthalten sind Werke von Yasar Kemal, Fazil Hüsnü Daglarca, Ferit Edgü, Zülfü Livaneli,
Aziz Nesin, Celil Oker, Latife Tekin und der führende kurdische Autor Mehmed Uzun.

Die Türkische Bibliothek wird uns über die schon auf Deutsch veröffentlichten Werke Nazim Hikmets, Yasar Kemals und Orhan Pamuks hinaus mit weiteren übersetzungswürdige Perlen der türkischer Literatur vertraut machen.
Und ich denke, viele deutschsprachige Leserinnen und Leser werden von der Breite und der Vielfalt der in einzelnen Werken abgehandelten Themen durchaus überrascht - wenn nicht gar überwältigt sein –, was Appetit auf mehr machen wird.
Interessant unter den ersten drei herauskommenden Titeln dürfte sicherlich besonders der erste Roman der türkischen Frauenliteratur von Leyla Erbil „Eine seltsame Frau“ sein.
Sehr aussagekräftig, was die verschiedenen Regionen, Völkerschaften und Lebensformen der Türkei anlangt, ist bestimmt die Anthologie „Von Istanbul nach Hakkari“.

Laut dem Leiter des Unionsverlages Zürich, Lucien Leitess, reagiert die „offizielle Türkei“ auf das Vorhaben TÜRKISCHE BIBLIOTHEK ausgesprochen positiv, wie er der Zeitung ND sagte.
Leitess schätzt darüber hinaus ein, dass die Türken – wenngleich auch manche Werke und ihre Autoren hier und da immer mal wieder als „gefährlich“ eingestuft werden – berechtigten Stolz auf ihre Literatur empfinden und schon deshalb Bestrebungen, sie in der Welt bekannt zu machen, begrüßen.

Am vergangenen Mittwoch hat Lucien Leitess die ersten drei Bände der Türkischen Bibliothek in Berlin vorgestellt.
Am 28. September 2005 nun findet laut ROBERT BOSCH STIFTUNG www.bosch-stiftung.de/tuerkei eine Eröffnungsfeier der Türkischen Bibliothek mit Medienkonferenz und Empfang in Istanbul statt.
Das Projekt TÜRKISCHE BIBLIOTHEK ist sicherlich ein Markstein auf dem Weg hin zu einem besseren deutsch-türkischem Verständnis und wird helfen, Land und Leute besser verstehen zu lernen und hoffentlich auch dazu beitragen, Hemmnisse und Vorurteile, die zu Irritationen führen, beiseite zu räumen.
Wer also möchte, kann künftighin anhand auf Deutsch übersetzter türkischer Literatur sein Wissen über das ihm vielleicht bis dato unbekannte oder verschleierte Wesen Türkei nicht unerheblich auf hier und da fesselnde Weise auffrischen und seinen vielleicht bislang düstren Blick auf das Land am Bosporus erhellen lassen.

 

 

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