Jahrgang 4 Nr. 39 vom 26.09.2005
 

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Schwieriger Dialog

Die Konferenz "Die Armenier in der Untergangsphase des Imperiums" geriet zur Kraftprobe

Vielleicht sind die Schwierigkeiten, die die Durchführung des von den Istanbuler Universitäten Bosporus, Bilgi und Sabanci veranstalteten internationalen Symposiums begleiteten, sogar aussagekräftiger als die dort gehaltenen Beiträge. Im Mai wurde die Veranstaltung abgesagt, nachdem ihr im Parlament die Wissenschaftlichkeit abgesprochen und sie vom Justizminister als "Dolchstoß" qualifiziert worden war. Und am 22. September, einen Tag vor Veranstaltungsbeginn wurde eine einstweilige Anordnung eines Verwaltungsgerichts zugestellt, das die Durchführung untersagt. Die Universitäten setzten sich am 23. September beim regionalen Verwaltungsgericht zur Wehr, erhielten jedoch keinen Aufhebungsbescheid. Daraufhin erklärte sich die vom Verbot nicht betroffene Bilgi Universität bereit, das Symposium durchzuführen. Während Justizminister Çiçek auch weiterhin keinen Hehl aus seiner Ablehnung machte, stellten sich Ministerpräsident Erdogan und Außenminister Gül ausdrücklich hinter die Veranstaltung. Diese wurde dann unter massivem Polizeischutz und verschiedenen Protestaktionen durchgeführt.

Der angeheizten Stimmung nach hätte man meinen können, es handele sich nicht um eine Tagung, sondern um ein einberufenes Tribunal, das ein Urteil im Völkermordvorwurf an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges fällen sollte. Anliegen der Veranstalter war es demgegenüber, einen offenen Dialog herbeizuführen, in dem auch Positionen zu hören sein sollten, die anderswo in der Türkei nicht gesagt werden können.

Die Frage, ob die Ereignisse von 1915 als Völkermord zu bewerten sind, stand nicht auf der Tagesordnung - auch wenn offensichtlich ist, dass verschiedene der Vortragenden diese Auffassung vertreten. Es ging vielmehr um den Stellenwert der Armenier-Diskussion für die Türkei auf dem Weg zu einer demokratischeren Gesellschaft.

Hat sich das türkische Parlament im April mit einer Resolution dafür ausgesprochen, die Vergangenheitsbewältigung durch eine armenisch-türkische Historikerkommission einzuleiten, so wurden bei der Konferenz auch andere Positionen geäußert. Während sich in die Diskussion über das Schicksal der Armenier ein Stil eingeschlichen hat, wo mit der Frage nach dem Belegdokument sofort die Bremse gezogen wird, wurde während der Veranstaltung beispielsweise die Reduzierung von Geschichtsverständnis auf "nackte Dokumente" kritisiert. Die Vorgänge von 1915 wurden in einen viel weiteren historischen Rahmen eingeordnet und vor allem auch vor dem Hintergrund ihrer Wirkung auf die heutige Türkei diskutiert.

Und damit ist man wieder bei den Umständen der Veranstaltungen. Die Rektoren der drei betroffenen Universitäten weisen das Verwaltungsgerichtsurteil als Eingriff in die Hochschulautonomie zurück. Und wesentliche Teile der türkischen Politik ziehen es vor, die Veranstaltung als "verlängerten Arm der armenischen Diaspora" zur "Verteidigung des Völkermord-Vorwurfs" zu bewerten. Die Hoffnung, dass ein "Tabu gebrochen" wurde - so Murat Belge am Samstag in der Tageszeitung Radikal - erscheint also verfrüht. Das Dialog-Angebot, das von der Veranstaltung ausgeht, steht im Raum. Doch bis weitere Kreise es auch aufgreifen, bedarf es noch Zeit und Anstrengung...

 

 

 

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