Jahrgang 4 Nr. 45 vom 7.11.2005
 

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Europa ist seine Geschichte hindurch nie ohne die Türkei ausgekommen ...

(Zuerst erschienen in der Tageszeitung Milliyet vom 24.10.05. Übersetzung aus dem Türkischen mit freundlicher Genehmigung des Autors von Mustafa Evgin)

Derya Sazak: Wie bewerten sie als einer der wichtigsten Historiker der Türkei die Verhandlungen der Türkei mit der EU, die am 3.Oktober angefangen haben ? Wird die 200-jährige Verwestlichung der Türkei, die mit dem Tanzimat (Edikt des Sultans zur Verwaltungs- und Staatsreform 1830) beginnt, mit der Vollmitgliedschaft enden? Die Türkei klopft an EU-Tor mit einer Partei, deren „islamische Identität“ hervortritt.


Halil Inalcik: Die Republik Türkei ist keine Dynastie und kein Imperium. Mit Atatürk hatten wir den Entschluss gefasst, ein westlicher Staat und Gesellschaft zu sein. Wir haben eine laizistische Verfassung. Wir haben ziviles Recht und dias europäische Rechtsystem akzeptiert. Wir sind nicht irgendein islamisches Staat. Auch die Regierung, die ihren Ursprung in einer „islamischen Partei“ hat, handelt gemäß dieser Wirklichkeit.


D.S: Gemässigter Islam?

H.I.: Nein, das geht nicht. Dass das Land mit der heutigen Regierung zu einem islamischen Bewusstsein kommt, ist ein gesellschaftlicher Vorgang. Der Westen, Europa und die USA vermischen dies absichtlich. Indem sie eine Türkei zeigen, die Minderheiten unterdrückt, die Menschenrechte nicht gewährleistet, die gegen Kirche und Christen ist, wollen sie die Türkei zu Reformen drängen.

D.S.: Tanzimatische Verwestlichung…

H.I: Wir haben dies 1923 überwunden. Die Republik Türkei ist ein neuer Staat. Uns gegenüber sollen sie nicht die uneinsichtigen Politiken betreiben, wie sie es mit den Osmanen machten. Sie handeln so, wie sie zur Zeit des Tanzimat handelten.

D.S.: Damals soll es ein Orient-Frage gegeben haben.

H.I.: Auch heute geht ihr Handeln auf ihre Wahrnehmung einer Orient Frage zurück (Im 19. Jahrhundert stand im Mittelpunkt der Orient-Frage, wie man den Orient aufteilen wollte). Das Osmanische Staatssytem gründete sich auf die Religion. Die Türkei ist seit seiner Gründung laizistisch. Die, die in Europa gegen die Türkei Stellung beziehen, zeigen religiöse Motive. Der Papst gibt die Nachricht „Nimmt die muslimische Türkei nicht in die EU.“

D.S: Wird die Betonung einer „christlichen Union“ in Zukunft die Türkei beeinflussen?

H.I: Frankreich will ein Referendum. Damit wird die Grundlage dafür geschaffen, dass ein katholisches Volk „nein“ sagen wird.

Aus Italien kommen dieselben Zeichen: „Auf der Tagesordnung der EU sind Zypern-Problem und der sogenannte Völkermord an die Armenier“ schreiben sie in den Medien. Sie setzen dazu im Europaparlament Resolutionen durch. Dies ist ungerecht.

D.S: Wenn die Religionsproblematik in den Vordergrund rückt, wird dann die These vom „Krieg der Kulturen“ von Huntington nicht Geltung finden? Sah der Westen diese Gefahr nicht am 11.September?

H.I: Die erste Reaktion von Bush war von „Kreuzzügen“ zu reden. Die fundamentalistischen christlichen Reaktionen im Westen sind ernstzunehmende Hindernisse für die Türkei.
Die Bedenken wegen der Kurdenproblematik in Europa halten an. Sie behautpten, wegen der PKK könnte ein Bürgerkrieg entstehen.
Die Amerikaner sind die engsten Waffenbrüder der Kurden in dieser Region. Die Infrastruktur des Kurdenstaates in Nordirak hat die USA vorbereitet. Sie hat Talabani an die Spitze des Iraks gebracht. USA plant in Nahem Osten ein „zweites Israel“. Dieses Szenario wäre eine Katastrophe für die Türkei. Der III. Weltkrieg würde beginnen.

D.S: Warum sollte sich die Türkei vor ihrer eigenen kurdischen Bevölkerung? Trotz des PKK-Terrors ist das Volk nicht auf die Spaltungsidee reingefallen. Profitieren denn die Kurden nicht von der Demokratisierung im Zuge der EU-Beitritts?

H.I.: Erdogan hat Vorstösse getan, das Kurdenproblematik zu lösen. Bevor er nach Diyarbakir ging, gab er politische Signale. 52 Bürgermeister haben zusammen eine Deklaration verfasst. Sie verhielten sich gegenüber dem Premierminister so, als gingen sie ein fremdes Land. Dies ist ein Ereignis. Barzani zieht für sich Grenzen in Nordirak. Die PKK verursacht keine Vorfälle mehr in Sirnak. Sie betreiben Aktionen in Igdir und Mersin. Zuletzt sah ich eine Landkarte, wo der Norden von Ost-Anatolien als Armenien und der Süden als Kurdistan eingezeichnet sind! Diese sind Kolonialisationspolitiken von Supermächten. Teile und Herrsche. Wir sollten gegenüber dem Projekte des "erweiterten Nahen Ostens" der USA vorsichtig sein.

D.S: Die USA sind im Irak in Bedrängnis. Jeden Tag sterben hunderte Menschen. Die Entwicklung im Irak geht in Richtung Bürgerkrieg.

H.I.: Es gibt ein arabische Welt. Aber andererseits haben die USA in ihrer Politik unverzichtbare Grundsätze. Dazu gehört die Beherrschung des Nahen Ostens - d.h. die Kontrolle über Erdöl und Russland daran hindern, über den Kaukasus hinweg in den Süden vorzustossen. Die Sicht Europas zu den Kurden ist mehr platonisch. Sie orientiert sich an Demokratie und Menschenrechten.


D.S.: Die USA hat die Angriffe von 11.September als Vorwand genommen und sich in Afghanistan und im Irak festgesetzt. Kann denn Europa in diesen Regionen der USA alleine lassen? Die Mitgliedschaft der Türkei wird die Grenze Europas nach Osten ausweiten.


H.I.: In der Diplomatie muss man den schlechtesten Fall berücksichtigen und dementsprechend Vorkehrungen treffen.


D.S: Wie bewerten sie den Parlamentsbeschluß vom 1. März (2003), der die Erlaubnis zur Stationierung von US-Bodentruppen zum Angriff auf den Irak nicht erteilte?

H.I.: Es war eine richtige Entscheidung. Wären wir mitgezogen, wären wir im Sumpf stecken geblieben. Hätten wir den US-Truppen die Erlaubnis gegeben, hätten wir die arabische Welt gegen uns. Saddam ist ein Held für die arabische Welt. Im Irak-Politik gibt es eine gefährliche Situation. Die USA hat den Weg zur Konföderation geöffnet, indem sie Talabani zum Staatspräsident gemacht haben. Die Kurden können nun für ihre Sache den gesamten irakischen Staat nutzen.

D.S: Was sagen sie zur der Unterstützung von Erdogan durch die USA? Gehört sie zur Strategie, „den gemässigten Islam in Nahen Osten zu verbreiten“?

H.I.: Sowas wie gemässigter Islam kann es nicht geben. Es gibt einen Islam und einen fundamentalistischer Islam.

D.S: Mit welchen Augen schaut Europa? Sind die Ängste wie „Türken vor Wien“, „Mutter die Türken kommen“ nicht übertrieben?

H.I.:Es gibt immer noch Kreise, die die Türken uas einer Kreuzfahrergesinnung heraus wahrnehmen. Barbaros Hayreddin ging 1543 nach Nizza, um den Franzosen gegen das deutsche Kaiserreich zu helfen. Korsika hat es mit unserer Hilfe erobert. Frankreich erhielt dabei seinen Nachschub durch die osmanische Flotte. Sie haben mit 30 000 osmanischen Soldaten in Toulon überwintert. Frankreich hielt nicht Wort. Daraufhin überfällt Barbaros die italienische Küste und kassiert Lösegelder für die Gefangenen, die er dort machte. So wurden Nahrungsmittel beschafft.

D.S.: Der Gedanke eines vereinigten Europa trägt in jenen Zeiten, wo die Osmanen mächtig waren, auch osmanische Spuren. Auf dem Wiener Kongress von 1815 kam der Gedanke auf, das Osmanische Reich in die Einigung zum Wohle der Sicherheit Europas mit einzubeziehen.

H.I.: Es gab nie ein Europa ohne die Türkei. Die Geburt des Kapitalismus im Europa des 16. Jahrhunderts kam durch den Handel mit dem Osmanischen Reich zustande. Wir hatten einen grossen Beitrag daran, dass der Kapitalismus in Europa entstand. Aber die Menschen in Europa wissen das nicht. Sie erinnern sich nur an die Barbarei der Türken.

D.S.: Während er Renaissance ist davon die Rede, dass der Islam einwirkte. Als sich der Westen im dunklen Mittelalter befand, gab es im Osten Fortschritte in Wissenschaft, Technik und Philosophie.

H.I.: Nein, der Humanismus war etwas ganz anderes. Lassen sie mich erläutern wie die Wirkung des Osmanischen Reiches auf die politische Landschaft im 16. Jahrhundert war. Das Papsttum und die Habsburger betrachten Europa als eine Einheit. Sie wollten gegen die Türken die Kreuzzüge wiederbeleben. Daraufhin entsteht der Gedanke und das Bewusstsein des Nationalstaates. Nationalstaaten in Europa kamen aus diese Weise auf.

D.S.: Frankreich ist heute der Staat, der am meisten Opposition leisten gegen Türkei-Beitritt. Warum?

H.I.: Die Franzosen kennen die Geschichte nicht. Als Francois I. gefangen genommen und nach Madrid gebracht wurde, schrieb seine Mutter an Kanuni Sultan Suleyman einen Brief mit dem Appell „Rette meinen Sohn“. Sie vergessen dies. Dass das Protestantentum in Deutschland sich etablierte - daran hatten die Osmanen grossen Anteil. Der neue Papst ist sehr konservativ. Er vertritt, dass ein muslimischer Staat nicht in ein christliches Europa eintreten könne. Nur Schröder verteidigt uns.

D.S.: Die „Time“ hat auf ihr Titelblatt eine „Mona Lisa mit Schleier“ gesetzt. Die Reaktionen auf den Aufstieg des in Europa brachte sie einer„Identitätskrise“ in Zusammenhang. Terroranschläge nach dem 11. September nähren diese Angst.

H.I.: Es gibt die Angst, dass, wenn die Türkei nicht in die EU genommen werde, sie in Fundamentalismus verfallen könne.

D.S.: Schliesslich fingen die Beitrittsverhandlungen an. Ist der 3.Oktober ein historischer Meilenstein?

H.I.: Ja, aber die Mitgliedschaft ist nicht garantiert. Das Ende der Verhandlungen ist offen. Es könnte auch eine priviligierte Partnerschaft entstehen. Die Zollunion war eine Art Fortdauer des Kapitulationsregime. Wir dürfen nicht, um Mitglied zu werden, zu einem Koloniegebiet Europas werden.

D.S.: Privilegierter Partnerschaft?

H.I.: …bedeutet wirtschaftliche Abhängigkeit. Es gibt noch die Problematiken der Agäis und Zypern. Griechenland hat seine “Megalo Idea“ (Traum von Grossgriechenland). Karamanlis´ Philosophie ist, die Türkei vor dem Tür warten zu lassen und mit EU alle Probleme zu lösen. Er behält sich das Veto-Recht vor.


[…]


[ Prof.Dr.Halil Inalcik ist Historiker, der an Ankara, Columbia, Princeton und Havard lehrte, geb.1916, Experte in Geschichte des Osmanischen Reiches]

Aus der Türkischen Tageszeitung “Milliyet“ : www.milliyet.com.tr/2005/10/24/siyaset/asiy.html

 

 

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