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Gesinnungsgeschnüffel darf nicht durchgehen
Türkische Gemeinde Deutschland geht gegen
anrüchigen Fragenkatalog zur Einbürgerung in Baden-Würrtemberg
an
Von Claus Stille
Ein Jahresanfang bringt zumeist die unterschiedlichsten Änderungen
für uns und unser Leben mit sich. Diese Änderungen sind selten
deckungsgleich mit unseren vielleicht in der Silvesternacht geäußerten
Wünschen fürs Neue Jahr. Das lehrt uns jedenfalls gelebte Erfahrung
von Jahr zu Jahr immer wieder aufs Neue.
So wird etwa das Monatsticket für den Öffentlichen Personennahverkehr
wieder einmal ein bisschen teurer, die Strom- oder Gasrechnung schnellt
weiter in die Höhe und andere Anbieter wichtiger Dienstleistungen
teilten uns bereits im altem Jahr mit, dass "man leider nicht umhinkönne,
den Preis dafür zu erhöhen...man bedaure dies, und hoffe...
Stets ändern sich immer wieder auch zahlreiche Gesetze und Anordnungen.
Und so ist unsereiner eben so manches Mal gezwungen die eine oder andere
Kröte murrend zu schlucken.
Selten ändert sich etwas zum Besseren.
So ist es auch im vorliegendem Falle. Das Baden-Würrtembergische
Innenministerium unter seinem Minister Rech (CDU) ließ sich für
den Beginn des Jahres 2006 etwas ganz Spezielles für einbürgerungswillige
ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger einfallen.
Natürlich ganz zum Wohle des Gemeinwesens. Das versteht sich zwar
ganz von selbst. Sei aber dennoch erwähnt.
Was manch Zeitgenosse toll finden mag, empfinden die Betroffenen allerdings
durch die Bank als ziemlich gemein vom Staatswesen.
Dies sind in der Regel muslimische Mitbürger, welche sich um die
Deutsche Staatsbürgerschaft bewerben.
Auf jenen Kreis von Personen jedenfalls scheint der neu kreierte Fragenkatalog
der baden-würrtembergischen Landesregierung denn wohl auch hauptsächlich
abzuzielen.
Er umfasst 30 Fragen und ist von den Bewerberinnen und Bewerbern zu den
schon bis jetzt üblichen zu überspringenden Hürden des
Einbürgerungsverfahrens zusätzlich zu absolvieren.
Obwohl auch bisher schon keine Einbürgerungswilligen Deutsche oder
Deutscher werden können, wenn sie oder er sich nicht per Unterschrift
loyal zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung des deutschen Staates
bekennen, setzt Baden-Würrtemberg noch eins - den 30-Fragenkatalog
nämlich - oben drauf.
Warum scheint der Katalog speziell auf Muslime zugeschnitten zu sein?
Offenbar, weil nach Meinung bestimmter Leute doch ein jeder - spätestes
seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in
New York - wissen dürfte, dass denen Moslems als ganz unsichere Kantonisten
in beinahe jeder Beziehung gelten.
Und solche möchte man natürlich nicht Deutsche werden lassen.
So verquast haben möglicherweise die Macher dieses Fragenkatalogs
gedacht. Schließlich dient so etwas doch der Sicherheit aller und
dürfte bei so manch "rechtschaffenden" Bürgerinnen
und Bürgern auf fruchtbaren Boden fallen und somit auf dementsprechendes
Wohlwollen stoßen.
Oder ist es denn etwa nicht so, dass Muslime ihre Frauen schlagen, die
Blutrache ausüben, Homosexualität ganz schlimm und verachtenswert
finden? Von anderem schlimmen Dingen ganz zu schweigen...
Sie können sich nun sicher denken, wie dieser Fragenkatalog gestrickt
ist.
Es geht den Machern um Gesinnung und Verfassungstreue.
Die Bewerber werden nach ihrer Einstellung zur Gleichberechtigung und
zur Stellung der Frau in der Gesellschaft, nach der Haltung zur Religionsfreiheit,
zur Homosexualität, nach der Meinung zur Blutrache und nach der Einstellung
zu den Terroranschlägen in den USA gefragt.
Eine Frage lautet: Wie stehen Sie zu der Aussage, das die Frau dem Mann
gehorchen soll und dass dieser sie schlagen soll, wenn sie ihm nicht gehorsam
ist?
Eine andere: Stellen Sie sich vor, Ihr volljähriger Sohn kommt nach
Hause und erklärt, er sei homosexuell und möchte gerne mit einem
anderen Mann zusammen leben. Wie reagieren Sie?
Und in dieser Form geht es munter Punkt für Punkt weiter.
Einfach unappetitlich, wie ich finde. Da dreht sich einem der Magen gleich
dreißigfach um.
Dass finden auch andere. Bei den Betroffenen macht sich inzwischen reichlich
Unmut breit. Man ist fest zum Widerstand entschlossen.
So hat sich beispielsweise die Türkische Gemeinde in Deutschland
(TGD) an die Organisation zur Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
(OSZE) und dort an den persönlichen Berater des amtierenden Vorsitzenden
für Intoleranz und Diskriminierung gegen Muslime, den Botschafter
Ömer Orhun, mit der Bitte gewandt, die diskriminierende Behandlung
von Muslimen in Baden-Würrtemberg zu stoppen.
Dazu der Bundesvorsitzende der TGD, Kenan Kolat: "Es ist eine Schande
für die Bundesrepublik Deutschland, dass solche diskriminierenden
Fragen gestellt werden."
Die Türkische Gemeinde in Deutschland prüft zur Zeit alle rechtliche
Mittel, um gegen die Diskriminierung vorzugehen.
Die TGD empfielt darüberhinaus allen Bewerberinnen und Bewerbern
für die Deutsche Staatbürgerschaft in Baden-Würrtemberg
die Nichtbeantwortung jener 30 Fragen und kündigte ebenfalls eine
Rechtsberatung für die Betroffenen an.
Das Unterschreiben der bisher üblichen Loyalitätsprüfung
reiche nach Meinung der TGD vollkommen aus.
Kenan Kolat findet, wenn Baden-Würrtembergs Innenminister Heribert
Rech Muslime als Gruppe stigmatisiere und diskriminiere, sei er fehl am
Platze.
Rech selber sieht dagegen freilich keine Diskriminierung der Bewerber.
Seiner Meinung nach müsse es erlaubt sein, Bewerber danach zu überprüfen,
ob das abgegebene Bekenntnis zur
freiheitlich-demokratischen Grundordnung auch tatsächlich ihrer inneren
Einstellung entspräche.
Ist das nicht ein wenig naiv? Welcher Bewerber um die deutsche Staatsbürgerschaft
- gesetzt dem Fall, seine innere Einstellung entspräche nicht der
Grundordnung - wäre schon so dumm, dies auch noch per per entsprechender
Antwort auf die ihm gestellten 30 Fragen zu bestätigen - wohl wissend,
dass ihm dann die deutsche Staatsbürgerschaft ganz bestimmt verweigert
werden wird?
Seitens der Türkischen Gemeinde sind alle Demokraten aufgerufen,
ihre Stimme gegen diese Gesinnungsprüfung zu erheben.
"Die hier lebenden Muslime, die sich um Integration und daraus folgend
auch um Einbürgerung bemühen, können dies nur als Schlag
ins Gesicht empfinden", äußerte Ali Kizilkaya für
den Islamrat. Auch sei es ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz,
wenn solche Fragen ausschließlich nur Muslimen gestellt würden.
"Eine derartige Diskriminierung von Muslimen halten wir für
äußerst Besorgnis erregend, weil sie Generalverdacht schürt
und Vertrauen zerstört", meint der Islamrat weiter.
Auch Vertreter verschiedener Parteien und Gewerkschaften protestierten
massiv gegen die neue Einbürgerungspraxis Baden-Würrtembergs.
Die Hoffnung der Betroffenen, dass der neue diskriminierende Fragenkatalogs
bald wieder gekippt wird, dürfte durchaus berechtigt sein.
Somit wird sicher der unappetitliche Spuk schon bald wieder vorbei sein:
Der Fragenkatalog wird kaum rechtskonform sein und so einer gründlichen
Überprüfung kaum standhalten. Schließlich verstößt
er gravierend gegen den Gleichheitsgrundsatz.
Er sollte deshalb recht schnell dort hin wandern, wohin er gehört:
in den Schredder und dann ab in den Müll!
Allerdings wäre es wohl auch einmal ganz interessant zu wissen, was
manche "Ur-Deutsche" auf einige dieser 30 Fragen so für
Antworten gäben.
Ich befürchte, antworteten sie ehrlich, müssten sie ihre deutsche
Staatsbürgerschaft auf der Stelle abgeben...
So wenig einem die Gesinnung mancher unserer Mitbürger auch gefällt
oder nicht: dem Staat geht das nichts an.
Und wenn bestimmte Gesinnungen zu Verletzungen der Verfassung führen
- begangen von Christen, Juden, Molems oder Menschen, die sich keiner
Glaubensgemeinschaft angehörig fühlen - dann gibt es Mittel
und Wege dagegen rechtlich vorzugehen.
So ist der Gang der Dinge. Und nicht anders. Ob das nun Regierenden oder
wem warum auch immer gefällt oder nicht. Und das ist gut so.
Gesinnungsgeschnüffel aber - noch dazu wenn damit durchsichtig speziell
nur eine bestimmte Gruppe, wie im vorliegendem Falle die Muslime, ins
Visier genommen werden soll - und dass dann eine Landesregierung wie hier
die Baden-Würrtembergische offenbar auch noch für völlig
richtig und unbedenklich hält - stinkt gewaltig zum Himmel.
Willy Brandt, lebte er noch, würde sicher dazu sagen: DAS DARF NICHT
DURCHGEHEN!
Und damit hätte er völlig recht. Auch heute. Und jederzeit.
Ich bin mir sicher, es wird auf Dauer auch nicht durchgehen. Und uns nur
als peinliche Episode in Erinnerung bleiben.
Resümierend ist dem nur hinzuzufügen: Auch dieser vermeintliche
"Geistesblitz" baden-würrtembergischer Innenpolitik zum
Jahresbeginn 2006, belehrt uns wieder einmal mehr, dass nicht alles was
eine neues Jahr so mit sich bringt erstens so ganz neu ist und zweitens
geeignet ist, uns als menschliche Wesen in unserer Entwicklung voranzubringen.
Ergänzung
zum Beitrag Gesinnungsgeschnüffel darf nicht durchgehen
Wie es scheint, haben die kritischen Stimmen zum Fragenkatalog zur Einbürgerung
von Ausländern des baden-würrtembergischen Innenministeriums
bereits etwas bewegt.
Nur scheint mir fraglich, ob das auch reicht.
Baden-Würrtembergs Justizminister Ullrich Goll (FDP) sagte inzwischen
dem Südwestfunk, er gehe davon aus, dass einige der Fragen (z.B.
die zur Haltung zur Homosexualität) aus dem Katalog verschwinden
werden.
Allerdings, betonte Goll, müssten zunächst Erfahrungen mit dem
vorliegenden Fragenkatalog gesammelt werden.
Goll, der zugleich auch Ausländerbeauftragter der baden-württembergischen
Landesregierung ist, rechnet damit, dass bis zu einer eventuellen Überarbeitung
des Leitfadens und der Fragen womöglich ein halbes Jahr vergehen
wird.
Als Ausländerbeauftragter der Regierung - dass verwundert einen schon
- sei er bei der Erstellung des Fragenkatalogs durch das Innenministerium
nicht gefragt worden.
Für Goll sei aber dennoch klar, dass niemand eingebürgert werden
kann, der sich nicht zur Verfassung bekennt.
Dazu aber bedarf es allerdings, wie schon erwähnt, keineswegs eines
extra Fragenkatalogs. Es reicht die Loyalitätserklärung der
Einbürgerungswilligen.
Jetzt heißt es etwas abgeschwächt: der Leitfaden sei nur dazu
da, den Bewerberinnen und Bewerbern "etwas mehr auf den Zahn zu fühlen".
Und die Behörden müssten davon auch nicht zwingend Gebrauch
davon machen, heißt es im Südwestfunk.
Wozu aber dann überhaupt den Fragenkatalog?
Auch, betont Goll, würde der Fragenkatalog nicht wie vorgesehen nur
bei Muslimen angewendet, sondern bei allen Einbürgerungskandidaten.
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zum Beitrag Gesinnungsgeschnüffel darf nicht durchgehen
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