Jahrgang 4 Nr. 05 vom 6.02.2006
 

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Hüzün, die Istanbuler Melancholie
Orhan Pamuk hielt "Berliner Lektion"

Von Claus Stille

Ob erzreaktionäre türkische Rechte am Sonntag, dem 5. Februar 2006 in der Hoffnung ihre Lauscher gen Berlin richteten, um aus Orhan Pamuks Munde endlich einmal wieder Justitiables, aufzufangen, ist nicht bekannt.
Dass Teile der im Berliner Renaissance-Theater anwesenden deutschen Presse sich von Orhan Pamuks "Berliner Lektion" allerdings durchaus politische Knalleffekte erhofften, davon darf hingegen ausgegangen werden.
Erstere wie letztere dürften enttäuscht worden sein. Wer allerdings etwas mehr über Pamuks Istanbul, seine Menschen und die Gefühle des Schriftstellers, welche diese wundervoll-gräßliche hochgradig Geschichts- und geschichtsbeladene Metropole in ihm von der Kindheit an bis heute in ihm weckten und wecken, ging an diesem Sonntag mit Sicherheit mit hohem Gewinn nach Hause.

Die "Berliner Lektion" ist eine gemeinsam von den Berliner Festspielen und der ZEIT-Stifung getragene Reihe.
Der türkische Schriftsteller und Träger des "Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2005" Orhan Pamuk, welcher mit seinem hervorragenden Roman "Schnee" die Türkei in all ihren guten wie schlechten Facetten, all den Problemen - lösbaren wie scheinbar unlösbaren - sozusagen gekonnt auf den Punkt gebracht hat, machte zuletzt Schlagzeilen, weil er mit Äußerungen zu den Tötungen von Armeniern im Ersten Weltkrieg und später von Kurden bei Rechten in der Türkei angestoßen und wegen "Herabwürdigung des Türkentum angeklagt worden war.
Erst kürzlich hatte die türkische Justiz den Prozess, der diese Woche hätte fortgesetzt werden sollen, eingestellt.

Doch Orhan Pamuk, dem diese Aufregung um den Prozess sicherlich zugesetzt hat, ist nicht aus diesem Grunde nun plötzlich unpolitisch geworden.
Denn dies dürfte ohnehin schlichtweg unmöglich sein. Schließlich sind die Worte eines Schriftsteller auf irgendeine Weise immer auch politisch.
Orhan Pamuk wollte aber eben gerade wieder bewusst als das wahrgenommen werden, was er voll und ganz und mit Herzblut ist: ein Schriftsteller nämlich.
Und nicht mehr immer nur ein über alles und jedes von jedem überall zu allen möglichen Problemen seines Landes oder der muslimischen Welt gefragter politischer Kommentator.
Im Grunde gab Pamuk auf all diese Fragen mit seinem Roman "Schnee" über einen religiös motivierten Aufstand in der Stadt Kars und die darin auf unterschiedliche Weise verwickelten Menschen bereits die passenden Antworten. In vielerlei Hinsicht haben sie noch heute volle Gültigkeit.

Pamuk blieb auch vor und während seiner von ihm im Renaissance-Theater gehaltenen "Berliner Lektion" standfest: Zu politischen Fragen gab er keine Kommentare ab. Schon gar nicht zu den Aufgeheiztheiten im derzeitig mehr und mehr hochkochenden Konflikt um die geschmacklosen "Mohammed-Karrikaturen" einer dänischen Zeitung, dessen Chefredakteur es m.E. angestanden hätte, hier besser zwischen Meinungsfreiheit und dem Schutz religiöser Gefühle Andersgläubiger abzuwägen.
So konnte denn ein entspannter und bestens gelaunter Orhan Pamuk auf der Bühne des ausverkauften Renaissance-Theaters über die Liebe referieren. Über seine große, ganz große Liebe sprechen: Über seine Stadt Istanbul. Ohne die er wohl nicht wäre, was er ist.

Von Istanbul handelt nämlich Pamuks jüngstes Buch. Leider erscheint es erst im nächsten Jahr auf Deutsch. Es gilt schon jetzt als eines seiner besten Bücher. Sein Titel lautet Hatiralar ve sehir (Die Stadt und die Erinnerung)
Pamuk zeichnet darin das Bild einer äußerst melancholischen Metropole. Dafür haben die Istanbuler sogar ein Wort: hüzün (Traurigkeit, Kummer, Schwermut).
Und dieses Bild, die Bilder dieser riesigen Stadt, scheinen in schwarz-weiß auf. Es sind im Grunde die Fotos von ihr in Schwarz-weiß aus längst vergangenen Zeiten. Fotos, die wie alte Spielfilme eigentlich ein präziseres Bild von Menschen und Dingen zeichnen, als das Farbaufnahmen - die leicht vom Wesentlichen ablenken können - tun können.
So läßt uns das Istanbul-Buch teilhaben an den Blicken des siebenjährigen Orhan durch das beschlagene Fenster des elterlichen Hauses, welches er eignem Bekunden nach nur ungern verließ.
Schon damals erlebte er - sicher noch unbewußt - die Istanbuler Melancholie. Das, was die Menschen als hüzün bezeichnen.
Hüzün beeinflußt ja auch zu einem gut Teil die auf die Stadt bezogene Musik. Es ist gleichsam ein nicht wegzudenkendes Lebensgefühl, ein Stück Poesie, in der die Istanbuler sich wiedererkennen.
Sie saugen hüzün in gewisser Weise in sich auf und verströmen es auch wieder. Ihr Leben lang.
Pamuk sieht hüzün auf dem "nassgrau glänzenden Kopfsteinplaster enger Gassen", "in alten Frauen die an Haltestellen auf Busse warten, die nie kommen", "an den leeren Bootshäusern alter Bosporusvillen", an "Anglern, die auf der Galata-Brücke stehen", und so weiter und so weiter...
Der auf diese Weise Istanbul Beschreibende läßt viele schöne Bilder vor unserem inneren Auge entstehen. Doch er sagt uns auch ganz genau was dieses hüzün denn ist und woher es seiner Meinung nach kommt: "Das seit hundertfünfzig Jahren auf der Stadt lastende Gefühl fortwährenden Scheiterns."
Laut Berliner Morgenpost erläutert er dieses Scheitern in seinem Buch näher wie in seiner "Berliner Lektion" am Sonntag: "Neben den großen Moscheen und geschichtsträchtigen Bauten verursachen an allen Ecken und Enden der Stadt auch zahllose Gewölbe, Brunnen und Stadtteilmoscheen...den zwischen ihnen lebenden Menschen große Schmerzen, denn all die Ruinen erinnern sie an die große Vergangenheit Istanbuls."

In Berlin fand Pamuk für hüzün ein anderes Bild. Eines nämlich, wie es im Fixierbad Konturen bekommt, wenn die "heimatliche Mannschaft, sagen wir mal 7:0 gegen ein ausländisches Team" verloren habe.
Die Berliner Morgenpost rät allen, die trotz Pamuks Berliner politischen Zurückhaltung etwas über den unseligen momentanen Bilderstreit erfahren will, dessen historischen Kriminalroman "Rot ist mein Name" zu lesen.
Darin will ein Sultan die Perspektivik des Westens in die osmanische Miniaturmalerei einbringen. Unter den Buchmalerin des Hofes entbrennt ein tödlicher Streit: Ist es rechtens den menschlichen Blick über Gottes Allmacht zu setzen, in dem man die eigene Handschrift erkennen läßt und den Objekten individuelle Züge verleiht? Furchtsam tritt einer der Maler vor Gott: er habe die Welt nach der Methode "der Ungläubigen" gemalt und Pamuk läßt Gott antworten: "Der Osten wie der Westen, beide sind mein."
In Berlin sprach Orhan Pamuk über die Seele zur Stadt Istanbul und darüber, dass sich in ihr viele kleine Seelen vermischten. Auch die aus der Vergangenheit. Denn in Istanbul ist selbstredend immer auch ein Stück Byzanz und Konstantinopel.
Für Pamuk sind nicht die Tage der prallen Sonne das Besondere, sondern die wenigen Tage im Jahr in der über Istanbul Schnee liege, brächten die Stadt sozusagen zu sich. Und diese Tage dürften es wohl auch sein, welche ihn zu aussagekräftigen Schwarz-weiß Bildern inspirieren. Und schon ist es wieder da: Dieses hüzün.
Welches sich für ihn auch aus Aussagen aus dem Koran, der Trauer um Mohammeds Frau Hatice, aber auch aus der Melancholieverehrung der Sufi-Mystik erklärt.
Vorallem aber ist hüzün für ihn das stolz verinnerlichte Gemeinschaftsgefühl aller Istanbuler - gläubig oder nicht.
Der Höhepunkt seiner Lektion war ohne Zweifel das Illustrieren jener Augenblicke der Melancholie, der Istanbuler Tristesse: "Familienväter die in einem Vorort mit der Tüte in der Hand an einer Straßenlaterne vorbei ihrem Heim entgegenstreben", "kaputte Wippen in verödeten Parks" und "Moscheen, denen fortwährend die Bleiabdeckungen und die Regenrinnen gestohlen werden", bis "zu den Schülern, die im Untericht von osmanischen Siegen hören und zu Hause geprügelt werden"...
Eine Aufzählung, die sich noch lange fortsetzen ließe, die uns an Hand alltäglicher Situationen aufzeigt, wie Millionen von Überbleibseln eines einst großen Reiches eine moderne in sich gekehrte Metropole bilden.

Orhan Pamuks "Berliner Lektion" war eine Lektion über sein Istanbul, die Istanbuler und ihre ganz besondere Melancholie.
Wer wie ich endlich endlich einmal zu einem seiner Bücher ("Schnee") gegriffen und es inzwischen begeistert aber traurig - weil es zu schnell zu Ende war - beiseite gelegt hat, kann es nach dieser "Berliner Lektion" nicht erwarten, sein neuestes Werk in die Hände zu bekommen.
"Rot ist mein Name" und "Das neue Leben" werden die Zeit bis dahin überbrücken.
Pamuks Lektion taugte nicht für Sensationen. Und gab auch niemanden etwas in die Hand, um ihm eine neue Anzeige anzuhängen.
Dafür führte sie aber in den vielschichtigen Mikrokosmos Istanbul ein. Vielleicht blieb nach Pamuk in Berlin auch ein ganz kleiner Hauch von hüzün zurück.
Etwas Melancholie kann in diesen Tagen der gefährlichen Aufgeregtheiten - sei es das Thema Iran oder die dummen Mohammed-Karrikaturen betreffend, die es genau wie die überzogenen Reaktionen darauf besser nicht gegeben hätte - womöglich nicht schaden.
Jedenfalls, wenn wir dadurch mal wieder so richtig zu uns kommen könnten, um die Dinge in Ruhe und Sachlichkeit zu bedenken.

 

 

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