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Textilsektor fordert Lösung seiner ProblemeBereits im Herbst häuften sich die Warnungen: Die Geschäfte von Textil und Konfektionsindustrie in der Türkei liefen nicht gut. Seit zwanzig Jahren unangefochten Spitzenreiter des türkischen Exportes fiel die Konfektion im vergangenen Jahr erstmals hinter den Kraftfahrzeugbau zurück. Seit dem Jahreswechsel haben die Warnungen an Dringlichkeit gewonnen. Am 28. Februar treffen nun Branchenvertreter mit der Regierung zusammen, um über mögliche Lösungen zu beraten. Betrachtet man die Berichterstattung, so hat es ein solches Nachrichtenbombardement wie in den vergangenen zwei Wochen seit der Wirtschaftskrise von 2001 nicht mehr gegeben. Die Wirtschaftszeitung Dünya meldete am 24. Februar, dass im vergangenen Jahr die Exportverluste der Textilindustrie auf rund eine halbe Milliarde Dollar, die der Konfektion auf 1,5 Mrd. Dollar aufgelaufen sind. Dies schlägt sich auch in der Beschäftigung nieder: In der Textilindustrie seien 21.475 Arbeitsplätze, bei der Konfektion 122.504 verloren gegangen. Bei der Lederverarbeitung kommen nochmals mehr als 95 Mio. Dollar und 4.769 Arbeitsplätze hinzu. Eine sehr umfassende Betrachtung zur Entwicklung der Krise der Textil- und Bekleidungsindustrie wurde vom Sevket Sürek am 15. Februar wiederum in der Dünya veröffentlicht. Sürek sieht dabei als eine Wurzel der Probleme planlose Investitionen, die zu massiven Überkapazitäten geführt haben. Gegen Ende der 1970-er Jahre begann der Aufstieg der türkischen Textilindustrie. Von 1985-1996 wurden massive Investitionen vorgenommen, die sie zum größten Produzenten in Europa und zum drittgrößten weltweit machten. Das Investitionsvolumen von 1985 bis 2005 wird auf insgesamt 75 Mrd. Dollar geschätzt. Die massiven Investitionen führten angesichts von Marktsättigung zu einem sich verschärfenden Wettbewerb. Der Versuch, der türkischen Textilindustrie auf den europäischen Markt zu drängen, wurde angesichts des harten Preiskampfes von der EU mit einer mehrjährigen Anti-Dumping-Sperre beantwortet. In den vergangenen Jahren versuchten Süreks Analyse zufolge beide Sektoren - Textil- und Bekleidungsindustrie - sich durch verschiedene Strategien über Wasser zu halten: insbesondere durch Senkung von Gewinnmargen, höhere Stückzahlen bei geringerem Preis, Import billigeren Rohmaterials u.ä. Damit sei zwar Zeit gewonnen worden, doch sei diese Zeit nicht zur Restrukturierung des Sektors genutzt worden. Insbesondere wurden die Folgen der chinesischen Exportorientierung viel zu spät erkannt. Mit der Istanbul Deklaration versuchte die Türkei zwar, die Aufhebung der Textilquoten im Rahmen des GATT-Abkommens zu verzögern, war jedoch nicht erfolgreich. Der chinesischen Konkurrzen jedoch ist die türkische Industrie in einem Preiskampf nicht gewachsen. In der Türkei hat sich die Diskussion in den vergangenen Monaten vor allem auf die Aufwertung der Neuen Türkischen Lira (YTL) gegenüber den Devisen konzentriert. Der Devisenkurs führt zu einer Schwächung der Konkurrenzfähigkeit auf internationalen Märkten durch eine Verteuerung türkischer Produkte und begünstigt zugleich Importe. Betrachtet man Süreks Analyse, so ist dieser Effekt jedoch nur einer, der die ohnehin vorhandenen strukturellen Probleme von Textil- und Bekleidungsindustrie in der Türkei beschleunigt an die Oberfläche treibt. Neben Forderungen nach Intervention bei den Devisenpreisen wird seit einigen Jahren innerhalb beider Branchen auch über andere Gegenmaßnahmen diskutiert. So beispielsweise die Markenbildung. Doch es ist offensichtlich, dass bei allen Vorteilen, die Markenprodukte hinsichtlich Wertschöpfung und Absatzfähigkeit mit sich bringen, dies für die Sektoren keine wirkliche Lösung sein kann. Es liegt im Wesen von Marken, dass sie individuell sind - für Tausende von Textil- und Bekleidungsproduzenten in der Türkei ist es nicht möglich, jeweils individuelle Marken hervorzubringen. Sürek verweist darum auf das Beispiel Italiens, das mit seinem "italienischen Stil" sehr erfolgreich gewesen ist... Eine weitere Strategie bezieht den Standortvorteil der Türkei ein. In ihrem Umfeld liegen die bedeutenden Märkte Europas und West-Russlands, die schneller zu erreichen sind, als dies von Indien, Pakistan oder China aus der Fall wäre. Statt also in einen Preiskampf mit der fernöstlichen Konkurrenz einzutreten, könnten Textil- und Bekleidungsgewerbe versuchen, durch kleinere Stückzahlen und schnellere Produktion/Auslieferung Vorteile zu erlangen. Dies löst allein jedoch nicht das Überkapazitätsproblem der türkischen Industrie. Hier bleibt als Antwort zum einen die Hinwendung zu neuen Produkten und zum anderen der Kapazitätsabbau. Hinsichtlich letzterem gibt es aus der Textilindustrie bereits einige Nachrichten über Verkäufe ganzer Fabrikausstattungen ins Ausland. Im Hinblick auf neue Produkte setzt man einige Hoffnung auf die Entwicklung und Verarbeitung "intelligenter Stoffe" sowie auf die sich vervielfältigenden Anwendungsfelder von Industrietextilien. |
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