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Stoiber, Beckstein: Übernehmen Sie!
Rambo-Film "Kurtlar Vadisi - Irak" erregt weiter deutsche Gemüter
Vorsicht: Kommt demnächst auf Deutsch!
Von Claus Stille
Im Karneval geht es bekanntlich hoch her. Pappnasen und Konfetti haben
Konjunktur. Und berauschende Getränke tun das übrige. Soll ja
auch sein. Einmal im Jahr aus sich herausgehen. Für Tage, Stunden
jemand anderes sein. Den schnöden Alltag vergessen. Wem kann man's
verdenken?
Aber eines galt eigentlich von alters her schon immer: Am Aschermittwoch
ist alles vorbei.
Doch in Zeiten, wo von Globalisierung geredet wird, als sei diese ein
unumgehbares Naturgesetz, wobei mit neoliberalen Mitteln alles kaputtgehauen
werden muss, was irgendwie nach Sozialstaat riecht; und die Profite mehr
und mehr ins Uferlose steigen, während Millionen anderer immer mehr
ins Bodenlose fallen; und US-Präsident Bush einen Krieg ohne Ende
gegen den Terrorismus ausgerufen hat; ist - daran muss man sich wohl gewöhnen
- ist bald nichts mehr wie es einmal war, ist sozusagen eigentlich kein
Stein mehr auf dem anderen. In manchen Weltgegenden stimmt das dank unermüdlichen
Wirken des derzeitigen US-Präsidenten sein Bild von Demokratie in
der ganzen Welt zu verbreiten - koste es was es wolle - nicht nur wortwörtlich,
sondern ist direkt mit Händen zu greifen.
Auch der Freistaat Bayern in Deutschland, wo man mit Laptop und Lederhose
in vielen Sachen Spitze ist, greift via seines tüchtigen Landesvaters
Edmund Stoiber immer wieder aktiv in die Speichen des weltpolitischen
Rades, wenn wo was im Argen liegt.
Und tut dies auch, wenn woanders nach Karneval am Aschermittwoch schon
alles wieder vorbei ist.
Denn für Politiker aller Schattierungen, so freilich auch für
Ministerpräsident Stoiber, gilt dieser Karnevalsbrauch wohl nicht.
Für bestimmte Politiker ist ja scheinbar immer Karneval. Zu diesem
Behufe gibt es u.a. den Politischen Aschermittwoch. Da wird nochmal richtig
in die Bütt gestiegen und vom Leder gezogen, dass es ordentlich kracht.
Bei einer zünft'gen Maß Bier, Schnupftabak und bayrischer Blasmusik.
Wenn es den türkischen Actionfilm "Kurtlar Vadisi - Irak"
(Tal der Wölfe - Irak) nicht schon gegeben hätte, der Stoiber,
Edmund hätt' ihn glatt erfinden lassen müssen.
Womit hätte er es in Zeiten der Großen Berliner Koalition,
wo sich doch CDU/CSU und SPD so innig lieb haben, dass einem vor Rührung
fast die Tränen kommen, sonst eigentlich krachen lassen sollen?
Nein, wetterte er von der politisch-aschermittwöchlichen Bütt
aus - und manch ein zünft'ger Bayernbursch schnupfte nochmal kräftig
nach, nickte zustimmend, und kippte aus der Maß in sich nach, als
der Landesvater in Richtung Ankara ausrief: "Es muss korrigiert werden,
dass verantwortliche Spitzenpolitiker in der Türkei diesen Film begrüßen
und der eignen Bevölkerung praktisch als Vorbild empfehlen. Diese
Radikalisierung gegen Europa paßt überhaupt nicht von dem von
der Türkei angestrengten Weg in die Europäische Union."
Stoibers Fazit: der Film müsse eigentlich raus aus deutschen Kinos!
(frenetischer Beifall, Gläserklingen im Auditorium)
Hoffentlich hat's der sonst so forsche bayrische Innenminister Beckstein
nicht mitbekommen. Nicht auszudenken, wenn doch: schließlich steht
er im Wort, mit harter Hand gegen Haßprediger vorzugehen...
Ich persönlich habe noch nie etwas von Actionfilmen gehalten. Ob
in ihnen nun menschenfresserische sowjetische Kommunisten, außerirdische
Invasoren, transilvanische Blutsauger, Killerameisen, oder anderes Getier
den guten Teil der Menschheit bedrohte, oder die Scharia über die
ganze Welt bringen wollende Islamisten der allerübelsten Sorte die
Erdkugel auf hollywoodschem Celluoid unter ihre Fuchtel bringen wollten
- der Fantasie waren und sind da nie Grenzen gesetzt - ich allerdings
muß all das nicht sehen.
Aber über Geschmack läßt sich bekanntlich streiten.
Wo blieben früher eigentlich die kritischen Worte eines Herrn Stoiber
angesichts von beispielsweise US-Filmen, deren Plots wenig zimperlich
mit Menschen anderer Weltgegenden umgingen?
Nimmt man Stoibers Worte vom Aschermittwoch 2006 bierernst, hätte
auch so mancher dieser Filme abgesetzt, wenn nicht sogar verboten gehört.
Man hätte viel zutun gehabt. Aber es ging auch so. Wir haben es überlebt.
Die Cinemaxx-Kette in Deutschland allerdings hat brav pariert und den
Film in ihren Filmpalästen vom Spielplan abgesetzt. Man habe sich,
so die Geschäftsleitung, nicht vor einen Karren spannen lassen wollen.
Nein, das hat man gewiß nicht.
Das Zentrum für Türkeistudien in Essen in Person des Institutsleiters
Faruk Sen, hat die Cinemaxx-Kinokette scharf dafür kritisiert. Sen
sagte: "Einen türkischen Rambo-Film auf politischen Druck hin
abzusetzen, das ist eine Schande!"
Faruk Sen erinnerte daran, dass Cinemaxx mit türkischen Besuchern
bisher "sehr, sehr gutes Geld verdient hat" und sagte: "Ich
werde nicht mehr zu Cinemaxx gehen."
Gemeinsam mit dem NRW-Integrationsminister und der Grünen-Politikerin
Roth will er dagegen im Duisburger UCI-Kino, das den Film weiterhin zeigt,
nach einer Filmvorführung von "Tal der Wölfe" eine
Podiumsveranstaltung initieren, wo über den Streifen diskutiert werden
soll.
Sen meint, "Die aufgeregte Debatte um diesen Film muss versachlicht
werden."
Das wäre dringend angebracht. Auch der Schriftsteller Feridun Zaimoglu,
der sein neuestes Buch "Leyla" kürzlich im deutschen Fernsehen
vorstellte, findet es ziemlich albern, dass, wenn es um den Film "Kurtlar
Vadisi - Irak" geht, gerade diejenigen dessen Absetzung fordern,
welche für die Macher der schlechten dänischen Mohammed-Karikaturen
vehement Meinungsfreiheit einforderten.
Was solls? Der Heuchelei in manchen Politikerköpfen sind halt offenbar
keine Grenzen gesetzt.
Das Land NRW hatte eine erneute Altersprüfung für den bislang
ab 16 Jahre freigebenen Actionfilm gefordert, und verlangt, die Altersgrenze
für den Film wieder auf 18 Jahre herauf zu setzen.
Doch die winterlichen Wetterunbilden im Rhein-Main-Gebiet, mit heftigen
Schneefällen und dem daraus resultierenden Chaos im Verkehr, haben
es am Freitag letzter Woche unmöglich gemacht, dass der 7-köpfige
Appellationsausschuß der FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft)
vollständig zusammentreten konnte. Der Frankfurter Flughafen hatte
zahlreiche Verbindungen wetterbedingt streichen müssen.
Ein neuer Termin indes steht noch nicht fest.
Sollte NRW beim Appellationsausschuß scheitern, bliebe der CDU-FDP-Regierung
nur noch der Weg zum Verwaltungsgericht.
Allerdings, so gaben Vertreter der FSK zu bedenken, sei es dazu in der
Geschichte der BRD bisher noch nie gekommen.
Die Macher des Filmes "Tal der Wölfe - Irak" äußerten
sich vergangene Woche erstmalig in Deutschland zu den kritischen Worten,
zu dem er Anlaß gegeben habe.
Ihrer Ansicht nach sei der Film weder antiamerikanisch noch antisemitisch.
"Es steht uns fern irgendwelche Klischees zu bedienen", sagte
Produzent Raci Sazmaz am vergangenen Donnerstag in Berlin vor der anwesenden
Presse.
"Wir wollten einen Antikriegsfilm machen", machte er deutlich.
Man habe keinen Rambo-Film machen, sondern habe zeigen wollen, was im
Irak passiert.
Drehbuchautor Bahadir Özdener meinte, der Film wende sich gegen Krieg,
Besatzung und Verletzung von Menschenrechten und wolle zeigen, dass der
Tragödie im Irak Einhalt geboten werden müsse.
Den in Deutschland mit deutschen Untertiteln laufenden bisher teuersten
türkischen Film haben mittlerweile 345 000 Menschen gesehen.
Zuviel Lärm um einen Film?
Ja. Mehr Hype gibt es derzeit nur noch ums Thema Vogelgrippe.
Das könnte sich aber schon bald ändern: Ende März soll
"Kurtlar Vadisi - Irak" ("Tal der Wölfe - Irak) deutsch
synchronisiert werden!
Gefahr ist also im Verzug.
Untertitelte Filme sind nicht jedermanns Sache, weshalb "Tal der
Wölfe" wohl bisher nur die wenigsten Deutschen gesehen haben
dürften.
Aber nun?
Die deutsche Volksseele, besonders die der Jugend, ist in Gefahr. Und
erst recht die Deutsche Leitkultur. Was immer das auch ist. Also: Stoiber,
Beckstein: Übernehmen Sie!
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