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Jahrgang 4 Nr. 15 vom 17.04.2006
 

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Weltbank stellt Arbeitsmarkt-Studie vor

Mit der am 14. April vorgelegten Studie macht sich die Weltbank auf die Suche nach den Ursachen, warum das Wirtschaftswachstum in der Türkei kaum Wirkung auf die Verringerung der Arbeitslosigkeit zeigt. Dementsprechend beginnt der Bericht mit der Feststellung, dass im Zeitraum von 1980 bis 2004 die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter um 23 Millionen Menschen zugenommen hat, während nur 6 Millionen neue Arbeitsplätze entstanden. Die Folge ist eine sowohl im OECD-Vergleich als auch bezogen auf andere Schwellenländer geringe Erwerbstätigkeitsquote. Nach Gruppen aufgeteilt findet sich eine besonders niedrige Beteiligung am Arbeitsmarkt bei Frauen sowie bei Menschen über 50 Jahren (33 %). Auffällig ist außerdem die hohe Arbeitslosigkeit unter qualifizierten jungen Leuten unter 25 Jahren. Dabei wird in der Studie festgestellt, dass dieser Gruppe ihre Qualifikation kaum einen Vorteil gegenüber geringer qualifizierten jungen Menschen verschafft.

Ein weiteres Phänomen des türkischen Arbeitsmarktes ist der hohe Anteil von Beschäftigungsverhältnissen ohne Sozialversicherung. In den Städten verfügt ein Drittel aller Beschäftigten über keine Sozialversicherung, auf dem Land steigt dieser Anteil auf drei Viertel.

Als eine Erklärung, warum das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre kaum einen Arbeitsmarkteffekt hatte, wird der Strukturwandel der Landwirtschaft angeführt. Tatsächlich ist die Beschäftigung in der Landwirtschaft gesunken, während vor allem in Dienstleistung und Industrie neue Stellen geschaffen wurden. Doch zeigen Vergleiche mit anderen Schwellenländern wie Süd-Korea und Brasilien, dass dort höhere Zuwächse bei ähnlichen Bedingungen erzielt werden konnten. Ein weiterer Erklärungsansatz ist der Anstieg der Arbeitsproduktivität. Doch auch hier zeigen Vergleiche, dass die Rahmenbedingungen für Beschäftigung sowie andere Faktoren wie das Investitionsklima einen Beitrag leisten. Demgegenüber schneidet die Türkei bei einem Vergleich der Relation von Arbeitskosten pro Wertschöpfungseinheit international günstig ab. International erreicht die Türkei Wettbewerbsfähigkeit durch niedrige Löhne.

Im Hinblick auf das Lohnniveau wird außerdem festgestellt, dass die Mindestlöhne stärker gestiegen sind als das Gesamtlohnniveau.

Zu den Hemmfaktoren für Beschäftigung zählen u.a. die hohen Lohnnebenkosten, die zugleich auch einen Beitrag für das Anwachsen des informellen Sektors leisten. Obwohl die Reform des Arbeitsrechts im Jahr 2002 die Möglichkeit für Teilzeitbeschäftigung schuf, wird diese bisher kaum wahrgenommen.

Als besonders problematisch werden jedoch die hohen Abfindungen beim Ausscheiden aus dem Arbeitsverhältnis bewertet. Sie liegen in der Türkei bei einem Monatslohn pro Beschäftigungsjahr und damit deutlich über dem OECD-Durchschnitt. Insbesondere hier böte sich den Autoren der Studie zufolge eine Möglichkeit, neue Anreize für Beschäftigung zu schaffen. Ein anderer Ansatzpunkt ist die Höhe der Prämien für die Arbeitslosenversicherung. Bisher liegen die Einnahmen dieser Versicherung deutlich über den Ausgaben, weil der Zugang zu Leistungen stark eingeschränkt ist. Weitere Reformvorschläge beziehen sich auf die Flexibilisierung des Arbeitsvertragsrechts sowie die Zulassung von privaten Arbeitsvermittlungsbüros.

 

Liberalisierung und Kostenreduzierung

Wie von einer Institution wie der Weltbank kaum anders zu erwarten, verläuft die Argumentation entlang des „Mainstreams“ der weltweiten Arbeitsmarktdiskussion. Mehr Flexibilität, höhere private Risikovorsorge, Vergrößerung des Arbeitsvolumens – in den westlichen Ländern durch Verlängerung der Lebensarbeitszeit, in der Türkei durch die Einbeziehung bisher nicht in den Arbeitsmarkt integrierter Bevölkerungskreise.

Ins Zentrum der Vorschläge wird eine Senkung der Abfindung beim Ausscheiden aus einem Betrieb, die Flexibilisierung der Arbeitsverträge (z.B. durch variable Arbeitszeiten, Befristung u.ä. Maßnahmen) gestellt.

Angesichts des Rentenniveaus in der Türkei stellt bisher die Entschädigungszahlung bei der Verrentung einen bedeutenden Teil der Alterssicherung dar. Mit dem Kapital wird häufig entweder eine Rücklage geschaffen oder ein Kleingewerbe begonnen. Dies betrifft insbesondere diejenigen, die über lange Zeit, vielleicht sogar ihr gesamtes Erwerbsleben bei nur einem Arbeitgeber verbracht haben. Die Entwicklungssprünge in der gesellschaftlichen Entwicklung haben aber auch in der Türkei, wie auch in anderen Regionen der Welt, dazu geführt, dass eine berufliche Normalbiographie heute nicht mehr nur eine Arbeitsstelle oder einen Beruf aufweist. Für heute junge Menschen könnte darum ein System attraktiv sein, dass ihre Altersversorgung von der Bindung an einen Arbeitgeber entkoppelt – d.h. ein auskömmliches Rentensystem. Offensichtlich ist jedoch dabei auch, dass angesichts der schlechten Erfahrungen heutiger Rentner und der Unsicherheit, mit der bisher kollektive Zahlungen hinsichtlich ihres Nutzens für die Betroffenen in der Türkei behaftet waren, umfassende Sicherheiten und eine gründliche Informationskampagne erfolgen müssen, um die Bevölkerung für einen solchen Wechsel zu gewinnen.

Ein anderer Ansatzpunkt zur Lösung der Arbeitsmarktprobleme der Türkei, der zugleich auch die durch die Binnenmigration auftretenden Probleme erreichte, wäre eine Regionalentwicklungsstrategie. Ein Teil dieser Strategie könnte darin bestehen, komplementär zur Landwirtschaft dezentral Verarbeitungs- und Vertriebsstrukturen für landwirtschaftliche Produkte aufzubauen. Dies hätte den Vorteil, dass zumindest der Übergang der aus der Landwirtschaft freigesetzten Arbeitskräfte in andere Berufe mit mittleren oder geringen Qualifikationsanforderungen möglich würde.

 

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Last modified: 28.12.2003