Ankara und Düsseldorf für mehr Integration
NRW-Integrationsminister Laschet sprach mit türkischen Ministern
Von Claus Stille
In Nordrhein-Westfalen leben an die 590 000 Türken. Hinzu kommen
noch einmal etwa 220 000 inzwischen eingebürgerte Türken mit
deutschem Pass.
Die nordrhein-westfälische Regierungskoalition aus CDU und FDP scheint
dieser Tatsache Rechnung tragen zu wollen.
Offenbar ist man in der Landeshauptstatdt Düsseldorf bereit, dieser
Bevölkerungsgruppe mehr Augenmerk zu schenken.
Der Besuch des nordrhein-westfälischen Integrationsministers Armin
Laschet (CDU) dieser Tage in Ankara läßt dies jedenfalls vermuten.
Sicherlich können diese Bemühungen auch im Zusammenhang mit
den derzeitigen, beinahe täglichen, Debatten in Politik und Medien
um die Integration von Migranten in Deutschland gesehen werden.
Wobei da immer wieder auch eine gehörige Portion Heuchelei im Spiele
ist. Und zuweilen nutzt man das Thema auf diese Weise leider auch immer
wieder populistisch, um Wahlen zu gewinnen.
Der Ruf nach mehr Integration als Keule sozusagen. Und jeder versteht
dann auch noch etwas ganz anderes darunter. Wirklich etwas dafür
wird aber in der Praxis nicht getan. So ist jedenfalls mein Eindruck.
Und eigentlich finden diese Diskussionen mindestens 30 oder 40 Jahre zuspät
statt.
Als die ersten Gastarbeiter genannten Menschen aus Ländern wie Italien,
Spanien, Jugoslawien und der Türkei von der deutschen Wirtschaft
als damals dringend benötigte Arbeitskräfte in die BRD geholt
wurden, um das so genannte Wirtschaftswunder in Gang zu bringen, war so
etwas wie Integration freilich ein nahezu unbekanntes Fremdwort in deutschen
Landen: Die Leute sollten eben in der Hauptsache gefälligst ordentlich
malochen, Werte und Wohlstand für Deutschland schaffen; und wenn
man sie dann einmal nicht mehr brauchte, sollten sie wieder dahin verschwinden,
woher die deutsche Wirtschaft sie hatte herankarren lassen. Oder man machte
sich über deren Zukunft überhaupt keine Gedanken.
Während sie hier waren, sollten sie am liebsten nicht groß
in der Öffentlichkeit auffallen. Wenn doch wurden sie als Exoten
angesehen und nicht selten belächelt. Weshalb es sicherlich auch
nicht sonderlich opportun erschien, sie mehr in die deutsche Gesellschaft
einzubeziehen, als das unbedingt notwendig war.
Dazu gehörte, dass man ihnen gerade einmal so viel Deutsch beibrachte,
wie eben für die Erfüllung ihrer Arbeitstätigkeit notwendig
war.
Wirtschaft, Politiker in der BRD wie in der Türkei - ja gar die
Gastarbeiter selbst - alle gingen damals im Grunde davon aus, dass diese
Arbeitskräfte, die ja potzblitz - was offenbar den wenigsten damals
in den Sinn gekommen war - ganz "nebenbei" richtige Menschen
mit allem drum und dran waren, nach einer bestimmten Zeit wieder in ihre
Heimatländer zurückkehren würden.
Wir alle wissen heute, dass dies nicht so war. Alles kam ganz anders.
Nun aber speist sich ein groß Teil unserer heutigen gesellschaftlichen
und sozialen Probleme aus eben den damals gemachten Fehlern und Unterlassungen
, die sich aus einer ganz unterschiedlichen Mischung aus einer zu kurz
gedachten, nur auf schnellen Profit ausgelegten Aktion der deutschen Wirtschaft,
deren daraus resultierendem Desinteresse - auch des übrigen Teils
der Gesellschaft - für die Gastarbeiter und ihre Probleme und vielem
anderen mehr zusammensetzen.
Beispielsweise der Tatsache, dass - wenn wir nur einmal nur an die Türken
denken - die meisten jener Gastarbeiter aus bildungsfernen Schichten vom
Land stammten.
Ohne das Kind nun gleich mit dem Bade auszuschütten - wie das zuweilen
auch in bestimmten Medien geschieht: wir haben es heute u.a. mit unverkennbaren
Problemen auf dem Gebiete der Integration von Migranten zu tun.
Wobei wir aber nicht unterschlagen wollen, dass es unter den türkischen
Migranten und unter deren Nachkommen hervorragende positive Beispiele
der Integration in die deutsche Gesellschaft gibt.
Den aber nun einmal bestehenden Problemen ein wenig abzuhelfen, darum
ging es sicherlich NRW-Integrationsminister Armin Laschet (CDU) bei seinem
kürzlichen Besuch in der türkischen Hauptstadt und den dabei
von ihm geführten Gesprächen mit Bildungsminister Hüseyin
Celik.
Beide sprachen über konkrete Projekte, welche bei einem Gegenbesuch
Celiks im Juni in NRW vereinbart werden sollen.
Dabei soll es um Sprachförderung, Religionsunterricht und Berufsausbildung
gehen.
Armin Laschet zeigte sich nach seinen Gesprächen über die Kooperationsbereitschaft
der türkischen Seite äußerst angenehm überrascht.
Die türkische wie deutsche Seite räumten dabei ein, zu lange
dem Irrglaube erlegen zu sein, die Gastarbeiter kehrten alle rasch wieder
in ihre Heimat zurück.
Heute hat, scheint's, ein Umdenken eingesetzt. Laut dem "Kölner
Stadt-Anzeiger" betonte Minister Celik gegenüber dem NRW-Minister:
"Die Türken müssen sich in Deutschland integrieren, um
erfolgreich und glücklich sein zu können."
Und die türkische Regierung will ganz offenbar - anders als früher
- auch diesbezüglich verstärkt direkt Einfluß auf ihre
Landsleute in Deutschland nehmen.
Was verständlich scheint. Schließlich leidet das Gesamtbild
der Türkei in der deutschen Öffentlichkeit unter denjenigen
negativen Erscheinungen, die von einem sich vom Rest der Gesellschaft
abkapselndem Teil der in Deutschland lebenden Türken ausgehen.
Da Ankara aber in vielerlei Hinsicht die heutige Türkei als viel
moderner ansieht, als das Leben, dass die in Deutschland lebenden Landsleute
in weiten Teilen führen, ist man dort an einer Änderung dieses
beklagenswerten Zustandes höchst interessiert. Sicherlich auch im
Hinblick auf die EU-Beitrittverhandlungen mit der Türkei.
Weiter sagte der türkische Bildungsminister: "Wir müssen
ihnen den Unterschied zwischen Integration und Assimilation erklären
und müssen ihnen deutlich machen, dass sie ein Teil von Deutschland
sind, aber dass sie damit nicht ihre Kultur und Religion verlieren müssen."
Auch der türkische Arbeitsminister Murat Bassesgioglu machte im
Gespräch mit NRW-Integrationsminister Armin Laschet deutlich, dass
man die Deutschland lebenden Türken zur Integration ermutigen müssen.
Er wies daraufhin, dass diese Menschen in Deutschland deshalb so häufig
arbeitlos seien, weil sie die deutsche Sprache nicht beherrschten.
Darüberhinaus bekräftigte Bassesgioglu, dass Integration allerdings
nur gelingen könne, wenn man die betreffenden Menschen nicht diskriminiere.
Armin Laschet fand die Bekenntnisse laut "Kölner Stadt-Anzeiger"
"sehr hilfreich", und zeigte sich davon überzeugt, dass
die türkische Regierung "einen großen Einfluss auf ihre
Landsleute bei uns hat".
Einen noch viel größeren Einfluss aber, möchte ich meinen,
haben die zahlreichen türkischen Fernsehstationen auf ihre in Deutschland
lebenden Landsleute. In deren Haushalten der Fernseher manchmal gar keine
Zeit hat richtig kalt zu werden.
Dieses Potential sollte noch mehr als bisher genutzt werden. Im Interesse
der bei uns lebenden Menschen. Der zu erzielende Effekt aber dürfte
im besten Falle auch positiv aufs Gesamtbild der Türken und der Türkei
selbst zurückwirken.
Was wiederum Ankara freuen dürfte.
Schaut man etwa die gegenwärtigen Programme von Kanal D und TGRT
in Deutschland an und vergleicht sie mit denen von vor ein paar Jahren,
sind darin durchaus gute und lobenswerte Ansätze zu entdecken. Mehr
als früher erreichen so auch Nachrichten aus der deutschen Gesellschaft
diejenigen türkischen Mitmenschen, welche sich womöglich sonst
bisher nur mit den Themen beschäftigt haben, die ihre ganz eigne
"türkische Welt" - was heute so gern als "Paralelgesellschaft"
bezeichnet wird - anlangten.
Integrationsminister Laschets Bemühungen um die Verbesserung der
Eingliederung türkischer Migranten in NRW bei seinem Besuch in Ankara
und die Bereitschaft der türkischen Seite dabei kräftig mitzutun
sind begrüßenswert und verdienen alle Unterstützung.
Nur wie passen dazu der kreuz und quer über Deutschland hinwegfahrende
Rotstift, der Zuschüsse für Hilfsangebote auch für Migranten
wegstreicht und die zu die wenigen ernstgemeintgen Angebote und Förderungen
für Sprach- und Integrationskurse?
Unverständlich erscheint mir auch, dass der von Bundesfamilienministerin
von der Leyen (CDU) kürzlich angeregte und an sich so dringend notwendige
wie begrüßenswerte Bildungsgipfel, vorerst nur im Verein mit
den beiden großen deutschen Kirchen, der Katholischen und der Evangelischen,
ins Werk gesetzt werden soll, um "christliche Werte" wieder
mehr in den Vordergrund zu bringen; nicht aber bzw. erst im Herbst dieses
Jahres Vertreter der Muslime, der Juden, oder einfach auch von Menschen,
welcher sich keiner Religion zugehörig fühlen, einbeziehen möchte.
Dies ist gewiß ein Mißton im Konzert der nach Integration
Rufenden, wie nicht nur Vertreter der Jüdischen Gemeinden und Axel
Ayyub Köhler vom Zentralrat der Muslime in Deutschland finden, welcher
zu berechtigten Verstimmungen führen kann, weil die Vorgehensweise
schon wieder eine Ausgrenzung bestimmter Gruppen darstellt.
Ein weiteres Mal ist die deutsche Öffentlichkeit aufgefordert, sich
allmählich einmal darüber klarzuwerden, was unter Integration
eigentlich zu verstehen ist.
Dass Nordrhein-Westfalen sich einen Integrationsminister leistet, ist
in diesem Kontext betrachtet erst einmal positiv zu bewerten. Und wenn
die während seines Besuches vereinbarten gemeinsamen Projekte mit
der Regierung in Ankara hoffentlich und in absehbarer Zeit den Betroffenen
zu einer besseren Integration verhelfen, kann das nur gut sein. Für
sie und die Gesellschaft. Dazu gehört, dass man die in Deutschland
lebenden Migranten als ein Teil dieser Gesellschaft betrachtet.
Was einzig zählt, sind greifbare Erfolge, die Anstecken und zum Mitmachen
anregen.
Daran wird sich auch die Arbeit des Integrationsministers Laschet messen
lassen müssen.
In Teilen kakophonisches Gefasel, dass nur wieder neuen Vourteilen Nahrung
gibt und die deutschen Stammtische bedient, haben wir schon genug.
Die Reise des NRW-Ministers und seine offenbar fruchtbaren Gespräche
mit den türkischen Ministern ist im Gegensatz dazu erst einmal positiv
zu bewerten.
Leider las und hörte man davon kaum etwas in diesen Tagen.
Anmerkung: Man könnte bei allem gebotenen Optimismus, das Thema
Integration in Deutschland zu einer Erfolgsgeschichte zu machen, allerdings
auch schnell wieder in Skepsis verfallen.
Jedenfalls mir ging es so, als ich dieser Tage auf eine in der Frankfurter
Rundschau online veröffentlichte Dokumentation eines Memorandums
des allerersten Ausländerbeauftragten der Bundesregierung, Heinz
Kühn (langjähriger SPD-Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens),
stieß, welches sich mit den Problemen von Migranten in Deutschand
befasste.
Es wurde vor dreißig Jahren verfaßt. Fast keine der damalig
erhobenen Forderungen sind seither erfüllt, wie der geneigte Leser
leicht feststellen wird:
[http://www.fr-aktuell.de/ressort/nachrichten_und_politik/dokumentation/?nt=848820]
Soviel zum Thema Integrationswillen in Deutschland.
Da bleibt einem nur übrig, Gute Besserung! zu wünschen...
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