Jahrgang 4 Nr. 16 vom 24.04.2006
 

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Ankara und Düsseldorf für mehr Integration
NRW-Integrationsminister Laschet sprach mit türkischen Ministern

Von Claus Stille


In Nordrhein-Westfalen leben an die 590 000 Türken. Hinzu kommen noch einmal etwa 220 000 inzwischen eingebürgerte Türken mit deutschem Pass.
Die nordrhein-westfälische Regierungskoalition aus CDU und FDP scheint dieser Tatsache Rechnung tragen zu wollen.
Offenbar ist man in der Landeshauptstatdt Düsseldorf bereit, dieser Bevölkerungsgruppe mehr Augenmerk zu schenken.
Der Besuch des nordrhein-westfälischen Integrationsministers Armin Laschet (CDU) dieser Tage in Ankara läßt dies jedenfalls vermuten.

Sicherlich können diese Bemühungen auch im Zusammenhang mit den derzeitigen, beinahe täglichen, Debatten in Politik und Medien um die Integration von Migranten in Deutschland gesehen werden.
Wobei da immer wieder auch eine gehörige Portion Heuchelei im Spiele ist. Und zuweilen nutzt man das Thema auf diese Weise leider auch immer wieder populistisch, um Wahlen zu gewinnen.
Der Ruf nach mehr Integration als Keule sozusagen. Und jeder versteht dann auch noch etwas ganz anderes darunter. Wirklich etwas dafür wird aber in der Praxis nicht getan. So ist jedenfalls mein Eindruck.

Und eigentlich finden diese Diskussionen mindestens 30 oder 40 Jahre zuspät statt.

Als die ersten Gastarbeiter genannten Menschen aus Ländern wie Italien, Spanien, Jugoslawien und der Türkei von der deutschen Wirtschaft als damals dringend benötigte Arbeitskräfte in die BRD geholt wurden, um das so genannte Wirtschaftswunder in Gang zu bringen, war so etwas wie Integration freilich ein nahezu unbekanntes Fremdwort in deutschen Landen: Die Leute sollten eben in der Hauptsache gefälligst ordentlich malochen, Werte und Wohlstand für Deutschland schaffen; und wenn man sie dann einmal nicht mehr brauchte, sollten sie wieder dahin verschwinden, woher die deutsche Wirtschaft sie hatte herankarren lassen. Oder man machte sich über deren Zukunft überhaupt keine Gedanken.
Während sie hier waren, sollten sie am liebsten nicht groß in der Öffentlichkeit auffallen. Wenn doch wurden sie als Exoten angesehen und nicht selten belächelt. Weshalb es sicherlich auch nicht sonderlich opportun erschien, sie mehr in die deutsche Gesellschaft einzubeziehen, als das unbedingt notwendig war.
Dazu gehörte, dass man ihnen gerade einmal so viel Deutsch beibrachte, wie eben für die Erfüllung ihrer Arbeitstätigkeit notwendig war.

Wirtschaft, Politiker in der BRD wie in der Türkei - ja gar die Gastarbeiter selbst - alle gingen damals im Grunde davon aus, dass diese Arbeitskräfte, die ja potzblitz - was offenbar den wenigsten damals in den Sinn gekommen war - ganz "nebenbei" richtige Menschen mit allem drum und dran waren, nach einer bestimmten Zeit wieder in ihre Heimatländer zurückkehren würden.
Wir alle wissen heute, dass dies nicht so war. Alles kam ganz anders.

Nun aber speist sich ein groß Teil unserer heutigen gesellschaftlichen und sozialen Probleme aus eben den damals gemachten Fehlern und Unterlassungen , die sich aus einer ganz unterschiedlichen Mischung aus einer zu kurz gedachten, nur auf schnellen Profit ausgelegten Aktion der deutschen Wirtschaft, deren daraus resultierendem Desinteresse - auch des übrigen Teils der Gesellschaft - für die Gastarbeiter und ihre Probleme und vielem anderen mehr zusammensetzen.
Beispielsweise der Tatsache, dass - wenn wir nur einmal nur an die Türken denken - die meisten jener Gastarbeiter aus bildungsfernen Schichten vom Land stammten.

Ohne das Kind nun gleich mit dem Bade auszuschütten - wie das zuweilen auch in bestimmten Medien geschieht: wir haben es heute u.a. mit unverkennbaren Problemen auf dem Gebiete der Integration von Migranten zu tun.
Wobei wir aber nicht unterschlagen wollen, dass es unter den türkischen Migranten und unter deren Nachkommen hervorragende positive Beispiele der Integration in die deutsche Gesellschaft gibt.

Den aber nun einmal bestehenden Problemen ein wenig abzuhelfen, darum ging es sicherlich NRW-Integrationsminister Armin Laschet (CDU) bei seinem kürzlichen Besuch in der türkischen Hauptstadt und den dabei von ihm geführten Gesprächen mit Bildungsminister Hüseyin Celik.
Beide sprachen über konkrete Projekte, welche bei einem Gegenbesuch Celiks im Juni in NRW vereinbart werden sollen.
Dabei soll es um Sprachförderung, Religionsunterricht und Berufsausbildung gehen.

Armin Laschet zeigte sich nach seinen Gesprächen über die Kooperationsbereitschaft der türkischen Seite äußerst angenehm überrascht.
Die türkische wie deutsche Seite räumten dabei ein, zu lange dem Irrglaube erlegen zu sein, die Gastarbeiter kehrten alle rasch wieder in ihre Heimat zurück.
Heute hat, scheint's, ein Umdenken eingesetzt. Laut dem "Kölner Stadt-Anzeiger" betonte Minister Celik gegenüber dem NRW-Minister: "Die Türken müssen sich in Deutschland integrieren, um erfolgreich und glücklich sein zu können."

Und die türkische Regierung will ganz offenbar - anders als früher - auch diesbezüglich verstärkt direkt Einfluß auf ihre Landsleute in Deutschland nehmen.
Was verständlich scheint. Schließlich leidet das Gesamtbild der Türkei in der deutschen Öffentlichkeit unter denjenigen negativen Erscheinungen, die von einem sich vom Rest der Gesellschaft abkapselndem Teil der in Deutschland lebenden Türken ausgehen.
Da Ankara aber in vielerlei Hinsicht die heutige Türkei als viel moderner ansieht, als das Leben, dass die in Deutschland lebenden Landsleute in weiten Teilen führen, ist man dort an einer Änderung dieses beklagenswerten Zustandes höchst interessiert. Sicherlich auch im Hinblick auf die EU-Beitrittverhandlungen mit der Türkei.

Weiter sagte der türkische Bildungsminister: "Wir müssen ihnen den Unterschied zwischen Integration und Assimilation erklären und müssen ihnen deutlich machen, dass sie ein Teil von Deutschland sind, aber dass sie damit nicht ihre Kultur und Religion verlieren müssen."

Auch der türkische Arbeitsminister Murat Bassesgioglu machte im Gespräch mit NRW-Integrationsminister Armin Laschet deutlich, dass man die Deutschland lebenden Türken zur Integration ermutigen müssen.
Er wies daraufhin, dass diese Menschen in Deutschland deshalb so häufig arbeitlos seien, weil sie die deutsche Sprache nicht beherrschten.
Darüberhinaus bekräftigte Bassesgioglu, dass Integration allerdings nur gelingen könne, wenn man die betreffenden Menschen nicht diskriminiere.

Armin Laschet fand die Bekenntnisse laut "Kölner Stadt-Anzeiger" "sehr hilfreich", und zeigte sich davon überzeugt, dass die türkische Regierung "einen großen Einfluss auf ihre Landsleute bei uns hat".

Einen noch viel größeren Einfluss aber, möchte ich meinen, haben die zahlreichen türkischen Fernsehstationen auf ihre in Deutschland lebenden Landsleute. In deren Haushalten der Fernseher manchmal gar keine Zeit hat richtig kalt zu werden.
Dieses Potential sollte noch mehr als bisher genutzt werden. Im Interesse der bei uns lebenden Menschen. Der zu erzielende Effekt aber dürfte im besten Falle auch positiv aufs Gesamtbild der Türken und der Türkei selbst zurückwirken.
Was wiederum Ankara freuen dürfte.
Schaut man etwa die gegenwärtigen Programme von Kanal D und TGRT in Deutschland an und vergleicht sie mit denen von vor ein paar Jahren, sind darin durchaus gute und lobenswerte Ansätze zu entdecken. Mehr als früher erreichen so auch Nachrichten aus der deutschen Gesellschaft diejenigen türkischen Mitmenschen, welche sich womöglich sonst bisher nur mit den Themen beschäftigt haben, die ihre ganz eigne "türkische Welt" - was heute so gern als "Paralelgesellschaft" bezeichnet wird - anlangten.

Integrationsminister Laschets Bemühungen um die Verbesserung der Eingliederung türkischer Migranten in NRW bei seinem Besuch in Ankara und die Bereitschaft der türkischen Seite dabei kräftig mitzutun sind begrüßenswert und verdienen alle Unterstützung.

Nur wie passen dazu der kreuz und quer über Deutschland hinwegfahrende Rotstift, der Zuschüsse für Hilfsangebote auch für Migranten wegstreicht und die zu die wenigen ernstgemeintgen Angebote und Förderungen für Sprach- und Integrationskurse?
Unverständlich erscheint mir auch, dass der von Bundesfamilienministerin von der Leyen (CDU) kürzlich angeregte und an sich so dringend notwendige wie begrüßenswerte Bildungsgipfel, vorerst nur im Verein mit den beiden großen deutschen Kirchen, der Katholischen und der Evangelischen, ins Werk gesetzt werden soll, um "christliche Werte" wieder mehr in den Vordergrund zu bringen; nicht aber bzw. erst im Herbst dieses Jahres Vertreter der Muslime, der Juden, oder einfach auch von Menschen, welcher sich keiner Religion zugehörig fühlen, einbeziehen möchte.
Dies ist gewiß ein Mißton im Konzert der nach Integration Rufenden, wie nicht nur Vertreter der Jüdischen Gemeinden und Axel Ayyub Köhler vom Zentralrat der Muslime in Deutschland finden, welcher zu berechtigten Verstimmungen führen kann, weil die Vorgehensweise schon wieder eine Ausgrenzung bestimmter Gruppen darstellt.
Ein weiteres Mal ist die deutsche Öffentlichkeit aufgefordert, sich allmählich einmal darüber klarzuwerden, was unter Integration eigentlich zu verstehen ist.

Dass Nordrhein-Westfalen sich einen Integrationsminister leistet, ist in diesem Kontext betrachtet erst einmal positiv zu bewerten. Und wenn die während seines Besuches vereinbarten gemeinsamen Projekte mit der Regierung in Ankara hoffentlich und in absehbarer Zeit den Betroffenen zu einer besseren Integration verhelfen, kann das nur gut sein. Für sie und die Gesellschaft. Dazu gehört, dass man die in Deutschland lebenden Migranten als ein Teil dieser Gesellschaft betrachtet.
Was einzig zählt, sind greifbare Erfolge, die Anstecken und zum Mitmachen anregen.
Daran wird sich auch die Arbeit des Integrationsministers Laschet messen lassen müssen.
In Teilen kakophonisches Gefasel, dass nur wieder neuen Vourteilen Nahrung gibt und die deutschen Stammtische bedient, haben wir schon genug.
Die Reise des NRW-Ministers und seine offenbar fruchtbaren Gespräche mit den türkischen Ministern ist im Gegensatz dazu erst einmal positiv zu bewerten.
Leider las und hörte man davon kaum etwas in diesen Tagen.

Anmerkung: Man könnte bei allem gebotenen Optimismus, das Thema Integration in Deutschland zu einer Erfolgsgeschichte zu machen, allerdings auch schnell wieder in Skepsis verfallen.
Jedenfalls mir ging es so, als ich dieser Tage auf eine in der Frankfurter Rundschau online veröffentlichte Dokumentation eines Memorandums des allerersten Ausländerbeauftragten der Bundesregierung, Heinz Kühn (langjähriger SPD-Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens), stieß, welches sich mit den Problemen von Migranten in Deutschand befasste.
Es wurde vor dreißig Jahren verfaßt. Fast keine der damalig erhobenen Forderungen sind seither erfüllt, wie der geneigte Leser leicht feststellen wird:
[http://www.fr-aktuell.de/ressort/nachrichten_und_politik/dokumentation/?nt=848820]

Soviel zum Thema Integrationswillen in Deutschland.
Da bleibt einem nur übrig, Gute Besserung! zu wünschen...

 

 

 

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