Jahrgang 4 Nr. 20 vom 22.05.2006
 

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Ein schleichendes Gift
Fremdenfeindliche Taten in Belgien und Deutschland

Von Claus Stille


Die Mitglieder der türkische Gemeinschaft Antwerpens ist verunsichert. Können Sie sich noch auf die Straße wagen? Die Angst sitzt ihnen im Nacken.
Auch andere Menschen, denen man irgendwie - sei es an Haaren oder Hautfarbe - ansieht, dass sie fremder Abstammung sind, haben in diesen Tagen ein ungutes Gefühl.
Was war geschehen?

Der 18-jährige belgische Schüler Hans van Themsche machte sich am 11. Mai von seinem Internat nach Antwerpen auf.
Erst kürzlich war er bei einem Verstoß gegen das Rauchverbot an seinem Internat erwischt worden. Disziplinarische Konsequenzen drohten. Vielleicht gar ein Rauswurf aus dem Internat.
In Antwerpen angekommen, suchte van Themsche ein Waffengeschäft auf und erwarb, offenbar ohne jegliche Probleme, eine großkalibrige Jagdwaffe.
Damit verließ er den Laden und spazierte damit völlig ruhig - wie Passanten später aussagen werden -, die Waffe sichtbar, durch Antwerpen.
Da fällt sein Blick auf eine Frau mit Kopftuch. Sie sitzt auf einer Bank in der Sonne. Die 46-jährige Frau türkischer Abstammung ist in ein Buch vertieft.
Hans van Themsche nimmt seine Waffe und schießt kaltblütig auf sie.
Die Frau mit Kopftuch sackt zusammen.
Der Schüler hält sie offenbar für tot.
Jedenfalls setzt er ungerührt seinen Gang durch die Stadt fort. Geschockte Passanten sehen dem jungen Mann und seiner Waffe ungläubig nach.
Schließlich bedroht er eine weitere Person. Schießt jedoch diesmal nicht.
Dann fällt sein Blick auf eine dunkelhäutige junge Frau. Sie ist mit einem 2-jährigen weißen Kind mit blonden, gelocktem Haar unterwegs.
Zeugen berichteten: Van Themsche ging zielsicher auf das Kind zu. Dann habe er beide, das Kind eines Restaurantbesitzers und das aus Mali stammende Au-Pair-Mädchen, erschossen.
Dann soll er das Gewehr lässig auf die Schulter gelegt und weiter gegangen sein. Wohl auf die Suche nach weiteren Opfern.
Erst ein Polizist, welcher in einem Straßencafé seine Pause verbringt und die Tat beobachtet, fordert den Täter dreimal auf, seine Waffe niederzulegen und stoppt ihn schließlich, weil er nicht reagiert, mit einem Bauchschuss.

Die türkischstämmige Frau ist glücklicherweise inzwischen außer Lebensgefahr.
Gegen denTäter wurde Haftbefehl wegen Mordes erhoben.
Inzwischen wurde bekannt, dass van Themsche aus einer Familie mit rechtsextremer Gesinnung stammt. Seine Tante etwa sitzt für den rechten Vlams Belang im belgischen Parlament.
Im Polizeiverhör sagte er Täter aus, er habe es bewußt auf Fremde abgesehen gehabt. Dass weiße Kind habe er lediglich erschossen, weil es "zur falschen Zeit am falschen Ort" gewesen sei...

Seither ist Belgien geschockt. Denn diese Tat ist kein Einzelfall.
Der Bürgermeister Antwerpens, wie auch Belgiens Ministerpräsident äußerten tiefe Betroffenheit. Sie forderten Konsequenzen.
Doch was geschieht letztlich?
Zumeist aufgeregter Aktionismus.
Doch das reicht eben weitem nicht!
Auch nicht, dass vergangene Woche die belgische Regierung hastig eine Verschärfung des Waffengesetzes durchs Parlament peitschte.
Waffen muss man schließlich nicht im Geschäft kaufen...

Rassismus ein schleichendes, tief in die Gesellschaft einsickerndes Gift, vor dem kein noch so tolles Gesetz schützen kann.
Und: Was hilft gegen Brandschatzer? Was gegen prügelnde rechte Horden? Gesetze etwa? - Allein wohl kaum.
Sowieso sind es doch zuallerst Worte mit denen Rassismus beginnt.
Wenn die verbalen Brandsätze erst einmal wirkliche Feuer entfacht haben, dann kann vielleicht die Feuerwehr noch retten, was zu retten ist.
Und ist's zuspät, dann kommen nur die Mordkommissionen, um zu ermitteln. Und die Medien schreien wieder einmal auf. Kurz zumeist nur. Zu kurz.

Auch in Deutschland geschahen und geschehen Jahr für Jahr immer wieder fremdenfeindliche Übergriffe. Zuletzt erst an Ostern. Da traf es einen Deutsch-Äthopier. Er liegt noch im Krankenhaus.
Längst sind die üblichen Betroffenheitsadressen verklungen. Auch Innenminister Schäubles Ausrutscher, es gäbe schließlich auch blonde, blauäugige Menschen, die immer wieder Opfer einer Straftat würden, scheint längst vom Winde verweht..

Letzte Woche nun schlugen die Wogen in deutschen Landen doch noch einmal hoch. Manche Politiker waren empört, andere dachten: Pfui!
Endlich hatte mal einer zu sagen gewagt, was Sache ist!
Nämlich, dass es beispielsweise in bestimmten Gegenden Berlins und Brandenburgs Orte gibt, die man keinen Menschen fremden Aussehens oder Herkunft raten kann zu betreten, ohne Schaden zu nehmen. Er sprach vielleicht ein wenig zu überspitzt davon, es könnte sogar sein, dass ein solcher Mensch einen derartigen Ort nicht wieder lebend verläßt.
Der dies äußerte war kein geringerer als der ehemalige Pressesprecher einer Bundesregierung. Uwe-Karsten Heye kämpft schon einige Zeit im von ihm gegründeten
Verein "Gesicht zeigen!" gegen Fremdenfeindlichkeit und rechte Gesinnung in Deutschland.
Mag sein, dass Heye etwas übertrieben hat. Auch sind fremdenfeindliche Übergriffe längst nicht nur auf Berlin und Brandenburg beschränkt. Doch in der Sache hat er Recht: Fremdenfeindlichkeit und rechtes Gedankengut existiert, und muss bekämpft werden!
Doch welch Widersinn: statt dem Manne dankbar zu sein, Unangenehmes offen ausgesprochen zu haben, und endlich einmal ehrlich hart und entschlossen gegen rechte Auswüchse anzugehen, bekam er von vielen Seiten heftige verbale Prügel!
Plötzlich stand Heye als übler Nestbeschmutzer da. Klar: es steht ja die Fußball-Weltmeisterschaft vor der Tür. Und da soll eben "Die Welt zu Gast bei Freunden" sein! Und zu diesem Motto passen solche Wahrheiten eben ganz und gar nicht.
Doch hat es schon jemals etwas gebracht, bittere Wahrheiten zu verschweigen?
Der Afrika-Rat warnt afrikanische Weltmeisterschaftsbesucher vor so genannten "No-Go-Areas". Auch in den von Herrn Heye angesprochenen Gegenden.
Die politischen Vertreter des Bundeslandes Brandenburg, Ministerpräsident Platzeck (SPD) und sein Koalitions-Adlatus, der stramme
Ex-Bundeswehrgeneral Schönbohm (CDU) hatten den durchaus nicht aus der Luft gegriffenen Warnungen ihrerseits allerdings traurigerweise nichts weiter entgegenzusetzen, als Abwiegelungen und Beschwichtigungen...

Dass der nun reichlich gescholtene und abgewatschte "Nestbeschmutzer" Uwe-Karsten Heye so Unrecht nicht haben konnte mit seinen Warnungen, beweist ein weiterer bedauerlicher Fall:
Am Abend des 19. Mai wurde in Berlin-Lichtenberg der migrationspolitische Sprecher der Linkspartei im Berliner Abgeordnetenhaus, der 1950 in Haskoy-Mus (Türkei) geborene Giyasettin Sayan Opfer eines fremdenfeindlichden Überfalls.
Die beiden Täter beschimpften Sayan, als er aus seinem Auto stieg als "Scheiß Ausländer, Scheiß Türke" und schlugen ihn mit einer Flasche nieder.
Sayan wurde mit einer Gehirnerschütterung und Prellungen ins Krankenhaus eingeliefert. Der polizeiliche Staatsschutz vermutet einen extremistischen Hintergrund für die Tat.
Bisher fehlt von den Tätern jede Spur.
Lichtenberg, Sayans Wahlbezirk, gilt als Hochburg der Berliner Neonazi-Szene.
Giyassettin Sayan lebt seit 30 Jahren in Deutschland und besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Von 1982 bis 1995 war er Mitglied bei den Grünen. Seit 1995 vertritt er die Linkspartei im Berliner Abgeordnetenhaus.

Dumpfer Fremdenhass - ob auf den Straßen Antwerpens, Berlins oder anderswo - hat viele Ursachen. Soziale Verwerfungen tragen sicherlich nicht unerheblich dazu bei.
Erst recht eine Politik, die diese begünstigt. Sie wird meist von den selben Menschen gemacht, die die Mittel für Prävention und Bekämpfung von fremdenfeindlichen Taten dem Rotstift opfern.
Eine Entschuldigung gibt es weder für das eine noch das andere.
Die Zustände sind schon sehr weit im Argen, wenn fremd aussehende Menschen Angst haben, Straßen und Plätze zu benutzen, oder gar schon von sich aus darauf verzichten, bestimmte Landstriche zu betreten, weil diese als "No-Go-Areas" gelten.
Manche werden dem entgegenhalten, dies seien doch alles Einzelfälle. Aber schon jeder dieser einzelnen Fälle ist entschieden einer zuviel!
Gegen das schleichende Gift Rassismus in Teilen des Körpers unserer Gesellschaften verschlimmern politische und mediale Beruhigungspillen das Krankheitsbild nur noch.
Wirksam dagegen hilft hauptsächlich eine bestimmte Therapie. Sie wird unter dem Namen Zivilcourage geführt; ist allerdings wohl hier und da etwas in Vergessenheit geraten.
Wie so manch altes Hausmittel...

Warum eigentlich fragt man sich eingedenk all dessen, gelingt es in unserer Gesellschaft einfach nicht, deutlich begreiflich zu machen, dass Zuwanderung nicht nur vorwiegend als eine Belastung, sondern auf lange Sicht vorallem auch als eine nicht zu unterschätzende Bereicherung - eine Art Frischluftzufuhr im übertragenen Sinne - für unser Staatswesen zu sehen ist?
Vielleicht deshalb, weil nicht einmal unsere so genannten "Eliten" dazu in der Lage oder - aus den unterschiedlichsten Gründen und Interessen - bereit dazu sind.
Der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopfe her!

König Istvan I., der erste König der Ungarn (975 - 1038) - las ich kürzlich - gelang es schon, das im Interesse seines Landes ganz anders zu sehen:
Ein Land mit nur einer Sprache und einer Sitte ist schwach und gebrechlich. Darum ehre die Fremden und hole sie ins Land.
Was hindert die heutigen Herrscher eigentlich daran, dass genauso zu sehen, und dies dem Volk verständlich zu machen?
Möglicherweise hätte dann auch Rassismus weniger Chancen.

 

 

 

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