Jahrgang 4 Nr. 20 vom 22.05.2006
 

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Geerdeter Multiplikator
Sänger und Texter Muhabbet kreierte neuen Musikstil "R'nBesk"

Von Claus Stille


Für einen 21-jährigen besitzt Muhabbet eine beachtliche Portion Selbstbewußtsein. Was er beispielsweise in Interviews sagt, hat Hand und Fuß.
Man spürt: der junge Deutsch-Türke hat Köpfchen und trotz seiner inzwischen erlangten Popularität nie an Bodenhaftung verloren.

Das verdankt Muhabbet - der als Murat Ersen 1984 in Köln geboren wurde - sicher der Tatsache, dass er seine Kindheit und Jugend im Stadtteil Bocklemünd verbracht hat.
Der Ortsteil ist nämlich nicht nur als Standort für so manche TV-Produktion, sondern hauptsächlich als sozialer Brennpunkt der Domstadt bekannt.
Murat hat dort offensichtlich schon früh gelernt und begriffen, wie die Welt tickt. Was für ihn aber kein Grund ist, nur zu jammern, die Schuld entweder hauptsächlich nur bei anderen zu suchen, oder die Zustände für gottgegeben anzuzsehen und sie demzufolge als unveränderbar einzustufen.
Was er sagt, kommt nicht als Effekthascherei daher. Wie es heute so oft gang und gäbe ist bei manch einem der schnell hochgeschossenen so gennannten Stars.
Und offenbar kann sich Muhabbet auch bisher ganz gut beherrschen, nicht auf irgendeiner momentan angesagten Mainstreamwelle mitzureiten, wie so viele andere seiner Kolleginnen und Kollegen aus dem vergänglichen Showbiz. In der während unseres gegenwärtigen Erdendaseins scheinbar immer schneller - bei immer niedrigerem Niveau und dem daraus resultierendem Werteverfall auf fast allen gesellschaftlichen Ebenen - dahinrasenden Zeit.

Dabei sind die Inhalte seiner Liedtexte bestimmt nicht das, was man als intellektuell hochfliegend bezeichnen würde.
Mancher würde sie vielleicht schnöde als Schnulze bezeichnen. Warum nicht? Auch Schnulzen haben ihre Berechtigung im Leben. Jeder kann bestimmt eigne Erfahrungen zu diesem Thema beisteuern.
In den Stücken geht es hauptsächlich um Liebe, Sehnsucht, Schmerz, Herzeleid, Tragik - ja auch: um Tod. Alles drin, was einem auch im "richtigen" Leben so begegnet.
Vielleicht glücklicherweise nicht gleich in so geballter Form, wie ihn Muhabbets Liedern.
Doch diese geballte Mischung Gefühle macht offenbar Muhabbets Erfolg erst aus. Jedenfalls wird kolportiert, dass die Hörerinnen und Hörer seiner CD's von den Liedern regelmäßig reihenweise zu Tränen gerührt sind, sich freuen, oder einfach nachdenklich Stunden zu Hause im tiefsten Schwarzwald oder in Ankara in einer abgeschiedenen Ecke sitzen, weil sie ihnen dermaßen zu Herzen gingen.

Muhabbet ist längst ein Internet-Star in der Ethno-Welt. Besonders in der deutsch-türkischen Gemeinschaft. Auf über eine Million Downloads seiner Titel kann er inzwischen stolz verweisen.
Was in Deutschland längst eine Selbstverständlichkeit ist, soll auch in der Türkei mehr und mehr um sich greifen: Seine Lieder werden auswendig mitgesungen.
Und zwar auf Deutsch!
Denn der Sänger, Texter, Songwriter und Produzent bringt nämlich alle seine Titel ausschließlich in deutscher Sprache heraus.
Längst bekommt Muhabbet Anfragen für Auftrittte auch von türkischen Medien. Und dabei hatte er zuvor in der Türkei nicht einmal einen einzigen Tonträger verkauft.
Er bekommt Einladungen zu großen Fernsehshows. Sogar von Sendungen, die er schon als Kind kannte.
Sein Musik scheint beliebt zu sein in der Türkei. Selbst bei vermeintlich konservativen alten Arabesk-"Hasen" soll sie durchaus positiven Anklang gefunden haben, schreibt Murat Ersen begeistert auf seiner Homepage [http://www.muhabbet.name/de/bio.php].
Besonders freute es ihn offenbar, dass die ihn "Hürriyet" per Neujahrsausgabe zum "König des deutschen Arabesk" krönte.

Arabesk ist eine Musikrichtung, welche in der Türkei entstand. Die so bezeichnete Musik ist der Sound der armen Leute von der Straße. Es ist die Musik jener Menschen, denen das Geld für große Konzerte fehlt. Infolgedessen machen sie eben ihre eigne Musik. Und die strotzt dann meist von tiefen Gefühlen wie Liebe, Trauer, Trennungsschmerz, Wut, Tod und Teufel nur so.
In der Arabesk-Musik fand Muhabbet eine Paralele zu seinem eigenen Leben und Lebensumständen. Einem Leben, dass ebenfalls ziemlich unten im Gesellschaftsystem seinen Anfang nahm.
Die nähere Beschäftigung mit Arabesk führte bei Muhabbet dazu, dass er sich durch diese Musikrichtung zu einem ganz neuen Stil inspiriert fühlte.

Mit seinem Titel "Sie liegt in meinen Armen" (2005) kam der Druchbruch. Der "R'nBesk" wurde geboren. Zu "R'n'B", was für Rhythm and Blues steht, fügte Muhabbet geschickt Arabesk hinzu.
Was in Form von reiner Arabesk-Musik für sich allein und europäische Ohren zumeist so ungewohnt klingt, dass es von diesen meist als "Gejaule" wahrgenommen und nicht sonderlich geliebt wird, schmeichelt sich das Gemisch aus Rhythm and Blues plus Murat Ersens gefühligen Texten offenbar doch noch durch die Hintertür in die Herzen der jugendlichen Hörerinnen und Hörer in der Schweiz, Österreichs, den Niederlanden und Deutschlands ein.
Das Phänomen dürfte den Erfolg Muhabbets ausmachen. Es ist wohl das Gefühlige, Orientalische, das der Arabesk-Musik naturgemäß innewohnt, was Kompositionen und Texte Muhabbets gekonnt abrundet. Ähnlich wie ein pikantes Gewürz ein schmackhaftes Gericht den letzten, ganz speziellen Pfiff geben kann. Aber nur, wenn dies sorgsam - nicht zuviel, nicht zu wenig davon - angewendet wird. Weil es sonst rasch verdorben und somit ungenießbar werden kann...

Das scheint "R'nBesk" auszumachen: Rhytmus, Wohlklang, zu Herzen gehende Texte und ein paar gut dosierte Noten Arabesk hinzu, die auch diejenigen noch zu Tränen rühren, bei welchen die Worte allein vielleicht nicht ganz gereicht hätten...
Geschickt, ganz geschickt gemacht - man muß es zugeben.
Es ist wie mit so vielen Erfindungen: hinterher denkt man leicht, das ist ja ganz einfach. Das Dumme ist nur: man muß erst einmal darauf kommen!
Mittlerweile haben es auch andere Künstler gewagt R'nBesk-Titel aufzunehmen und ins Netz zu stellen.
Inzwischen entwickelt sich bereits eine richtige R'nBesk-Szene.

Muhabbet hat inzwischen Aufnahmen im "Wave Arts Studio" in Istanbul gemacht. Mit türkischen Musikern und traditionellen türkischen Instrumenten wie Tabla und Saz.
Und die wurden dann erstmalig überhaupt mit HipHop-Beat kombiniert. Dazu die deutschen Texte. Das hatte es zuvor noch nicht gegeben.

Und bei Konzerten kommen zur Band-Stammbesetzung Schlagzeug/Bass/Gitarre/Percussion/Keyboards immer auch zusätzlich junge türkische Musiker mit traditionellen Instrumenten hinzu, um Muhabbets Lieder zu begleiten.

Der neu kreierte Musikstil R'nBesk ist gerade dazu angetan, und Muhabbet selber liegt viel daran: er sieht ihn in mancher Hinsicht als Mittel zum Zweck.
Zum einen möchte er nämlich mit dessen Hilfe eine Brücke zwischen Okzident und Orient schlagen.
Zum anderen will er beispielsweise Jugendlichen, ob sie nun tatsächlich benachteiligt sind, oder sich nur so fühlen, Mut machen, aus sich selbst heraus etwas an ihrer Situation zu verändern. Quasi, sie dazu bringen, von der Defensive auf die Offensive umzuschalten.

Auch wenn die Muhabett'schen Musiktitel eher seicht daherkommen, sie sind, wie der Künstler selber sagt "(...) kleine Kurzgeschichten oder Kurzfilme. Ich erzähle
z.B. in 'Ich will nicht gehn' von der ersten bis zur dreineinhalbsten Minute die Geschichte eines Paares, das sich streitet. Da gibt es tausende von Situationen, in der sich jeder wieder finden kann."
Wie er selbst sind Muhabetts Lieder so im Grunde Multiplikatoren, vermittels die Jugendlichen letztlich auf die leichte, gefühlige oder auch traurige Art und Weise miteinander über Probleme in der Welt in der sie leben und an der sie hier und da leiden ins Gespräch kommen können.
Und das merkwürdige an diesem vielleicht einmaligem Effekt ist: Muhabbet scheint bei den jungen Leuten einer ganz bestimmten Gruppe als eine Art "Motivator" genau das zu erreichen, was für wieder andere halt nur ein politischer Liedermacher schafft.
Beides hat seine Berechtigung.

Natürlich wird Muhabbet in Deutschland nun gern als Vorzeige-Integrations-Türke hergenommen.
Ihn scheint das nicht zu stören: "Ganz im Gegenteil. Ich habe die Möglichkeit viele Dinge klar zu stellen. Ich kann Jugendlichen Motivation mit auf den Weg geben, z.B. den Kids die deutsche Sprache nahe zu legen. Oder über die Art, wie ich mich anziehe. Ich kann sagen: Wenn du dich ein bisschen gepflegter anziehst und dich so in ein Bewerbungsgespräch setzt, dann wirst du vielleicht eher einen Job kriegen. Ich weiß genau, dass viele in mir ein Vorbild sehen und ehrlich gesagt möchte ich diesen Erwartungen
gerne gerecht werden(...)"
Sein persönliches Vorbild ist Xavier Naidoo.

Aber auch die Türkei hat Muhabbet im Blick. Er möchte sich besonders in Ostanatolien engagieren. Und mithelfen, dort für mehr und bessere Schulen zu sorgen. Auch hält der Künstler es für sehr wichtig, in die dort oft noch archaisch strukturierten Familien zu gehen, um vor allem die Väter darüber aufzuklären, wie wichtig es auch für Mädchen ist, dass sie die Schule besuchen. Und zwar nicht nur ein paar Jahre, um vielleicht gerade einmal Schreiben, Lesen und ein bisschen Rechnen zu lernen - sondern bis zum Abschluß.
Vielleicht änderten ja - wenn die Töchter einmal eine gute Ausbildung und später einen Job hätten, was wiederum finanziell der Familie zugute käme - die Väter auch irgendwann einmal ihre veraltete Denkweise, wünscht sich Muhabbet.

Wer all dies über Muhabet weiß, glaubt ihm seine 21 Jahre fast nicht. Er hat eben schon sehr früh angefangen. Bereits im Alter von elf Jahren und von den Eltern gefördert, begann er zusammen mit seinem Bruder Levent Ersen im Heimstudio Songs aufzunehmen. Zusammen hatten die Brüder als Duo "Kanaken-Kallabo" erste Erfolge.
Ab Sommer 2005 begann Muhabbet gemeinsam mit den Produzenten Ünal Yüksel und Volga Tamöz professionell an seiner Musikkarriere zu arbeiten. Bis heute entstanden um 600 Tracks.
Murat Ersen - Muhabbet - ist ein Künstler, von dem noch einiges erwartet werden dürfte. Schließlich steht der junge Mann erst am Anfang seiner Karriere.
All das macht ihn samt seines auf fester Erdung beruhenden Selbstbewußtseins zu einem deutsch-türkischen Multiplikator und "Motivator" für die Jugend von heute.
Menschen mit ähnlichen Vorzügen gibt es in Deutschland mehr, als man glauben mag. Sie nützen dem Land mehr als so mancheiner zu erkennen bereit ist!

 

 

 

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