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Geerdeter Multiplikator
Sänger und Texter Muhabbet kreierte neuen Musikstil "R'nBesk"
Von Claus Stille
Für einen 21-jährigen besitzt Muhabbet eine beachtliche Portion
Selbstbewußtsein. Was er beispielsweise in Interviews sagt, hat
Hand und Fuß.
Man spürt: der junge Deutsch-Türke hat Köpfchen und trotz
seiner inzwischen erlangten Popularität nie an Bodenhaftung verloren.
Das verdankt Muhabbet - der als Murat Ersen 1984 in Köln geboren
wurde - sicher der Tatsache, dass er seine Kindheit und Jugend im Stadtteil
Bocklemünd verbracht hat.
Der Ortsteil ist nämlich nicht nur als Standort für so manche
TV-Produktion, sondern hauptsächlich als sozialer Brennpunkt der
Domstadt bekannt.
Murat hat dort offensichtlich schon früh gelernt und begriffen, wie
die Welt tickt. Was für ihn aber kein Grund ist, nur zu jammern,
die Schuld entweder hauptsächlich nur bei anderen zu suchen, oder
die Zustände für gottgegeben anzuzsehen und sie demzufolge als
unveränderbar einzustufen.
Was er sagt, kommt nicht als Effekthascherei daher. Wie es heute so oft
gang und gäbe ist bei manch einem der schnell hochgeschossenen so
gennannten Stars.
Und offenbar kann sich Muhabbet auch bisher ganz gut beherrschen, nicht
auf irgendeiner momentan angesagten Mainstreamwelle mitzureiten, wie so
viele andere seiner Kolleginnen und Kollegen aus dem vergänglichen
Showbiz. In der während unseres gegenwärtigen Erdendaseins scheinbar
immer schneller - bei immer niedrigerem Niveau und dem daraus resultierendem
Werteverfall auf fast allen gesellschaftlichen Ebenen - dahinrasenden
Zeit.
Dabei sind die Inhalte seiner Liedtexte bestimmt nicht das, was man als
intellektuell hochfliegend bezeichnen würde.
Mancher würde sie vielleicht schnöde als Schnulze bezeichnen.
Warum nicht? Auch Schnulzen haben ihre Berechtigung im Leben. Jeder kann
bestimmt eigne Erfahrungen zu diesem Thema beisteuern.
In den Stücken geht es hauptsächlich um Liebe, Sehnsucht, Schmerz,
Herzeleid, Tragik - ja auch: um Tod. Alles drin, was einem auch im "richtigen"
Leben so begegnet.
Vielleicht glücklicherweise nicht gleich in so geballter Form, wie
ihn Muhabbets Liedern.
Doch diese geballte Mischung Gefühle macht offenbar Muhabbets Erfolg
erst aus. Jedenfalls wird kolportiert, dass die Hörerinnen und Hörer
seiner CD's von den Liedern regelmäßig reihenweise zu Tränen
gerührt sind, sich freuen, oder einfach nachdenklich Stunden zu Hause
im tiefsten Schwarzwald oder in Ankara in einer abgeschiedenen Ecke sitzen,
weil sie ihnen dermaßen zu Herzen gingen.
Muhabbet ist längst ein Internet-Star in der Ethno-Welt. Besonders
in der deutsch-türkischen Gemeinschaft. Auf über eine Million
Downloads seiner Titel kann er inzwischen stolz verweisen.
Was in Deutschland längst eine Selbstverständlichkeit ist, soll
auch in der Türkei mehr und mehr um sich greifen: Seine Lieder werden
auswendig mitgesungen.
Und zwar auf Deutsch!
Denn der Sänger, Texter, Songwriter und Produzent bringt nämlich
alle seine Titel ausschließlich in deutscher Sprache heraus.
Längst bekommt Muhabbet Anfragen für Auftrittte auch von türkischen
Medien. Und dabei hatte er zuvor in der Türkei nicht einmal einen
einzigen Tonträger verkauft.
Er bekommt Einladungen zu großen Fernsehshows. Sogar von Sendungen,
die er schon als Kind kannte.
Sein Musik scheint beliebt zu sein in der Türkei. Selbst bei vermeintlich
konservativen alten Arabesk-"Hasen" soll sie durchaus positiven
Anklang gefunden haben, schreibt Murat Ersen begeistert auf seiner Homepage
[http://www.muhabbet.name/de/bio.php].
Besonders freute es ihn offenbar, dass die ihn "Hürriyet"
per Neujahrsausgabe zum "König des deutschen Arabesk" krönte.
Arabesk ist eine Musikrichtung, welche in der Türkei entstand. Die
so bezeichnete Musik ist der Sound der armen Leute von der Straße.
Es ist die Musik jener Menschen, denen das Geld für große Konzerte
fehlt. Infolgedessen machen sie eben ihre eigne Musik. Und die strotzt
dann meist von tiefen Gefühlen wie Liebe, Trauer, Trennungsschmerz,
Wut, Tod und Teufel nur so.
In der Arabesk-Musik fand Muhabbet eine Paralele zu seinem eigenen Leben
und Lebensumständen. Einem Leben, dass ebenfalls ziemlich unten im
Gesellschaftsystem seinen Anfang nahm.
Die nähere Beschäftigung mit Arabesk führte bei Muhabbet
dazu, dass er sich durch diese Musikrichtung zu einem ganz neuen Stil
inspiriert fühlte.
Mit seinem Titel "Sie liegt in meinen Armen" (2005) kam der
Druchbruch. Der "R'nBesk" wurde geboren. Zu "R'n'B",
was für Rhythm and Blues steht, fügte Muhabbet geschickt Arabesk
hinzu.
Was in Form von reiner Arabesk-Musik für sich allein und europäische
Ohren zumeist so ungewohnt klingt, dass es von diesen meist als "Gejaule"
wahrgenommen und nicht sonderlich geliebt wird, schmeichelt sich das Gemisch
aus Rhythm and Blues plus Murat Ersens gefühligen Texten offenbar
doch noch durch die Hintertür in die Herzen der jugendlichen Hörerinnen
und Hörer in der Schweiz, Österreichs, den Niederlanden und
Deutschlands ein.
Das Phänomen dürfte den Erfolg Muhabbets ausmachen. Es ist wohl
das Gefühlige, Orientalische, das der Arabesk-Musik naturgemäß
innewohnt, was Kompositionen und Texte Muhabbets gekonnt abrundet. Ähnlich
wie ein pikantes Gewürz ein schmackhaftes Gericht den letzten, ganz
speziellen Pfiff geben kann. Aber nur, wenn dies sorgsam - nicht zuviel,
nicht zu wenig davon - angewendet wird. Weil es sonst rasch verdorben
und somit ungenießbar werden kann...
Das scheint "R'nBesk" auszumachen: Rhytmus, Wohlklang, zu Herzen
gehende Texte und ein paar gut dosierte Noten Arabesk hinzu, die auch
diejenigen noch zu Tränen rühren, bei welchen die Worte allein
vielleicht nicht ganz gereicht hätten...
Geschickt, ganz geschickt gemacht - man muß es zugeben.
Es ist wie mit so vielen Erfindungen: hinterher denkt man leicht, das
ist ja ganz einfach. Das Dumme ist nur: man muß erst einmal darauf
kommen!
Mittlerweile haben es auch andere Künstler gewagt R'nBesk-Titel aufzunehmen
und ins Netz zu stellen.
Inzwischen entwickelt sich bereits eine richtige R'nBesk-Szene.
Muhabbet hat inzwischen Aufnahmen im "Wave Arts Studio" in
Istanbul gemacht. Mit türkischen Musikern und traditionellen türkischen
Instrumenten wie Tabla und Saz.
Und die wurden dann erstmalig überhaupt mit HipHop-Beat kombiniert.
Dazu die deutschen Texte. Das hatte es zuvor noch nicht gegeben.
Und bei Konzerten kommen zur Band-Stammbesetzung Schlagzeug/Bass/Gitarre/Percussion/Keyboards
immer auch zusätzlich junge türkische Musiker mit traditionellen
Instrumenten hinzu, um Muhabbets Lieder zu begleiten.
Der neu kreierte Musikstil R'nBesk ist gerade dazu angetan, und Muhabbet
selber liegt viel daran: er sieht ihn in mancher Hinsicht als Mittel zum
Zweck.
Zum einen möchte er nämlich mit dessen Hilfe eine Brücke
zwischen Okzident und Orient schlagen.
Zum anderen will er beispielsweise Jugendlichen, ob sie nun tatsächlich
benachteiligt sind, oder sich nur so fühlen, Mut machen, aus sich
selbst heraus etwas an ihrer Situation zu verändern. Quasi, sie dazu
bringen, von der Defensive auf die Offensive umzuschalten.
Auch wenn die Muhabett'schen Musiktitel eher seicht daherkommen, sie
sind, wie der Künstler selber sagt "(...) kleine Kurzgeschichten
oder Kurzfilme. Ich erzähle
z.B. in 'Ich will nicht gehn' von der ersten bis zur dreineinhalbsten
Minute die Geschichte eines Paares, das sich streitet. Da gibt es tausende
von Situationen, in der sich jeder wieder finden kann."
Wie er selbst sind Muhabetts Lieder so im Grunde Multiplikatoren, vermittels
die Jugendlichen letztlich auf die leichte, gefühlige oder auch traurige
Art und Weise miteinander über Probleme in der Welt in der sie leben
und an der sie hier und da leiden ins Gespräch kommen können.
Und das merkwürdige an diesem vielleicht einmaligem Effekt ist: Muhabbet
scheint bei den jungen Leuten einer ganz bestimmten Gruppe als eine Art
"Motivator" genau das zu erreichen, was für wieder andere
halt nur ein politischer Liedermacher schafft.
Beides hat seine Berechtigung.
Natürlich wird Muhabbet in Deutschland nun gern als Vorzeige-Integrations-Türke
hergenommen.
Ihn scheint das nicht zu stören: "Ganz im Gegenteil. Ich habe
die Möglichkeit viele Dinge klar zu stellen. Ich kann Jugendlichen
Motivation mit auf den Weg geben, z.B. den Kids die deutsche Sprache nahe
zu legen. Oder über die Art, wie ich mich anziehe. Ich kann sagen:
Wenn du dich ein bisschen gepflegter anziehst und dich so in ein Bewerbungsgespräch
setzt, dann wirst du vielleicht eher einen Job kriegen. Ich weiß
genau, dass viele in mir ein Vorbild sehen und ehrlich gesagt möchte
ich diesen Erwartungen
gerne gerecht werden(...)"
Sein persönliches Vorbild ist Xavier Naidoo.
Aber auch die Türkei hat Muhabbet im Blick. Er möchte sich
besonders in Ostanatolien engagieren. Und mithelfen, dort für mehr
und bessere Schulen zu sorgen. Auch hält der Künstler es für
sehr wichtig, in die dort oft noch archaisch strukturierten Familien zu
gehen, um vor allem die Väter darüber aufzuklären, wie
wichtig es auch für Mädchen ist, dass sie die Schule besuchen.
Und zwar nicht nur ein paar Jahre, um vielleicht gerade einmal Schreiben,
Lesen und ein bisschen Rechnen zu lernen - sondern bis zum Abschluß.
Vielleicht änderten ja - wenn die Töchter einmal eine gute Ausbildung
und später einen Job hätten, was wiederum finanziell der Familie
zugute käme - die Väter auch irgendwann einmal ihre veraltete
Denkweise, wünscht sich Muhabbet.
Wer all dies über Muhabet weiß, glaubt ihm seine 21 Jahre
fast nicht. Er hat eben schon sehr früh angefangen. Bereits im Alter
von elf Jahren und von den Eltern gefördert, begann er zusammen mit
seinem Bruder Levent Ersen im Heimstudio Songs aufzunehmen. Zusammen hatten
die Brüder als Duo "Kanaken-Kallabo" erste Erfolge.
Ab Sommer 2005 begann Muhabbet gemeinsam mit den Produzenten Ünal
Yüksel und Volga Tamöz professionell an seiner Musikkarriere
zu arbeiten. Bis heute entstanden um 600 Tracks.
Murat Ersen - Muhabbet - ist ein Künstler, von dem noch einiges erwartet
werden dürfte. Schließlich steht der junge Mann erst am Anfang
seiner Karriere.
All das macht ihn samt seines auf fester Erdung beruhenden Selbstbewußtseins
zu einem deutsch-türkischen Multiplikator und "Motivator"
für die Jugend von heute.
Menschen mit ähnlichen Vorzügen gibt es in Deutschland mehr,
als man glauben mag. Sie nützen dem Land mehr als so mancheiner zu
erkennen bereit ist!
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