Jahrgang 4 Nr. 21 vom 29.05.2006
 

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Türkisch-Deutscher Wirtschaftskongress fand in Berlin statt
Sahin: Handelsvolumen von über 100 Milliarden Euro binnen zehn Jahren ist möglich

Von Claus Stille


Am Freitag und Sonnabend vergangener Woche fand der Türkisch-Deutsche Wirtschaftskongress in Berlin statt.
Mehr als 1400 Teilnehmer diskutierten dort über Möglichkeiten, die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Türkei zu vertiefen, gemeinsame Projekte aufzubauen und den Handel auszuweiten.
Eine Aufwertung erfuhr der Kongress durch die Auftritte von Bundeskanzlerin Angela Merkel und des türkischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.

Das unternehmerische Engagement türkischstämmiger Mitbürger ist ein durchaus ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor in Deutschland: Mehr als 60. 000 zumeist mittelständische Unternehmen tragen nicht unwesentlich zum Wirtschaftswachstum in Deutschland bei.
Viele dieser Unternehmen bieten jungen Schulabgängern auch Lehrstellen an.

Allerdings stehen jenen 60. 000 von türkischstämmigen Mitbürgern in der BRD geführten Firmen nur 2000 deutsche Wirtschaftsunternehmen gegenüber, die sich in der
Türkischen Republik engagieren und sich dort auch fest angesiedelt haben.
Die Tendenz ist allerdings steigend. Seit sich die ökonomischen Verhältnisse in der Türkei stabilisiert haben, ist das Land zu einem interessanten Terrain für ausländisches wirtschaftliches Engagement geworden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel meinte, dass auch die jährlich ca. 4,2 Millionen deutschen Türkei-Urlauber zum besseren gegenseitigen Verständnis beitrügen.

Kemal Sahin, der Präsident der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer (TD - IHK) ist, was die Zukunft anbelangt äußerst optimistisch: er hält ein Handelsvolumen
von über 100 Milliarden Euro binnen zehn Jahren für durchaus möglich.

Mit Spannung war die Begegnung zwischen Bundeskanzlerin Merkel und dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, der eigens anläßlich
des Türkisch-Deutschen Wirtschaftskongresses nach Deutschland gekommen war, erwartet worden.
Bekanntlich gilt beider Politiker Verhältnis nicht gerade als freundschaftlich. Was sich besonders während eines Besuches von Angela Merkel (CDU) im Februar 2004 in Ankara überdeutlich gezeigt hatte, zu dem sie noch in der Rolle der bundesdeutschen Oppositionsführerin gekommen war.
Denn Frau Merkel hatte damals auch Erdogan gegenüber in der türkischen Hauptstadt vehement für die von der CDU/CSU favorisierte "Privilegierte Partnerschaft"
der Türkischen Republik mit der EU plädiert und sich strikt gegen eine spätere EU-Vollmitgliedschaft des Landes ausgesprochen.
Dies hatte zu Verstimmungen auf der türkischen Seite geführt.
Damit musste Angela Merkel natürlich bei Ministerpräsident Erdogan auf Granit beißen. Der türkische Premier forderte damals offensiv die von seinem Land
seit über 40 Jahre angestrebte EU-Vollmitgliedschaft selbstbewußt ein.

Nun, am vergangenen Freitag, da beide Politiker abermals zusammentrafen, klangen wesentlich harmonischere Töne an.
Dies liegt sicherlich hauptsächlich daran, dass Angela Merkel inzwischen Bundeskanzlerin ist.
Trotz weiter bestehender Bedenken gegenüber einer EU-Vollmitgliedschaft sicherte sie Ministerpräsident Erdogan nun zu, die EU-Beitrittsverhandlungen mit seinem Land konstruktiv zu begleiten, und Verträge einzuhalten.
Eine Aussage, die einen aber nicht weiter verwundern darf: Schließlich ist Angela Merkel als Regierungschefin dazu angehalten und daran gebunden. Andernfalls müsste Deutschland vertragsbrüchig werden.
Sie sagte laut dpa "Wir werden die Beitrittsverhandlungen so verfolgen und begleiten, dass alle Kriterien eingehalten werden müssen."

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (SPD), äußerte sich geradliniger. Sinngemäß sagte er, wer in Verhandlungen gehe, müsse doch von vornherein erst einmal auf deren erfolgreichen Abschluß hin arbeiten. Etwas anderes mache doch gar keinen Sinn.

Beide Regierungschefs unterstrichen die freundschaftlichen Beziehungen zwischen ihren beiden Ländern und betonten, die Wirtschaft sei das wichtigste Standbein dieser Beziehungen.
Erdogan und Merkel widmeten sich auch dem Thema Integration und waren sich darin einig, daß der wichtigste Schlüssel dazu die ausreichende Aneignung von Sprachkenntnissen sei.
Integration müsse, so Merkel, bereits im Kindergarten beginnen.

Premier Recep Tayyip Erdogan beklagte seinerseits die Ausgrenzung von Ausländern in Deutschland. Dies geschehe "speziell gegenüber den Türken, gegenüber den Muslimen gibt es ein Verhalten, das nicht akzeptabel sein sollte", sagte er der Financial Times Deutschland.

Bundeskanzlerin Merkel ihrerseits wies darauf hin, dass immer mehr mittelständische Unternehmen im Ausland produzierten. Dafür benötigten sie sichere Rahmenbedingungen im Partnerland. Aber vor allem Rechtssicherheit.
Weiter hob sie die deutsch-türkischen Kooperationen im Automobilbereich hervor. Künftig wolle man auch auf dem Energiesektor und im Umweltschutz stärker zusammenarbeiten.
Außerdem solle die Türkei 2007 Partner auf der Hannover Messe werden.
Die Kanzlerin kündigte an, daß sie im Oktober diesen Jahres mit einer Wirtschaftsdelegation in die Türkei reisen werde.

Der türkischen Zeitung "Milliyet" sagte Angela Merkel, die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern "entwickeln sich sehr dynamisch".
Im bilateralen Handel seien hohe Zuwachsraten erreicht worden. Im letzten Jahr habe er abermals um 6% zugenommen und damit die Grenze von 21 Milliarden Euro überschritten.
Nicht zuletzt hätten die engagierten Reformen der Regierung Erdogan dazu beigetragen. Sie bemerkte, daß Deutschland vom derzeitigen Wirtschaftwachstum der Türkei derzeit nur träumen könne.

Tayyip Erdogan zeigte sich darüber besorgt, dass der Anteil der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland an den Arbeitslosen weit überproportional hoch liege. Er sagte: "Wir möchten nicht, dass sie (die Türken in Deutschland, d.A.) ungebildete Arbeitskräfte bleiben."
Dies zu ändern, war er der Meinung, liege in der Verantwortung beider Länder.
Wie schon bei einem seiner früheren Besuche in Deutschland rief er seine hier lebende Landsleute abermals dazu auf, die deutsche Sprache in ausreichend guter Form zu erlernen.
Darüber hinaus machte sich Erdogan Sorgen über die rassistische Strömungen, die in der Welt zunähmen.
Der Ministerpräsident forderte: "Wir müssen Maßnahmen dagegen ergreifen!"

Erdogan kündigte an, die Türkei werde die begonnenen Reformen auf allen Gebieten entschlossen fortsetzen. Auch versprach er vor den 2007 anstehenden Wahlen in der Türkei keine populistische Politik zu betreiben.

Am Rande seines Besuches, bei einer Begegnung mit in Deutschland lebenden Türken am Donnerstagabend, entspann sich zwischen Premier Erdogan und dem im Saal sitzenden türkischen Botschafter in Deutschland, Mehmet Ali Irtemcelik, eine aufgeregte Diskussion.
Ausgelöst wurde sie von einer Frau mit deutscher und türkischer Staatsbürgerschaft. Der Zeitung "Hürriyet" nach kritisierte sie, dass sogar ein "christliches Land" wie Deutschland ein Passfoto mit Kopftuch erlaube, die moslemische Türkei aber von ihr verlange, ihre Haare zu zeigen.
"Warum wird das so gemacht?", fuhr Ministerpräsident Erdogan seinen Botschafter in Deutschland an.
Der Diplomat rechtfertigte sich damit, dass er lediglich geltende Vorschriften umsetze.
Inzwischen bestätigte auch der Sprecher der Zentralen Türkischen Polizeibehörde, Ismail Caliskan, die Existenz eines entsprechenden Erlasses aus dem Jahr 1984.
Darin soll festgelegt sein, dass türkische Frauen auf Passbildern zumindest den Haaransatz zeigen müssen.
Nun ist es aber so, dass besonders fromme Türkinnen sich das Kopftuch so binden, dass gar keine Haare zu sehen sind.

Erdogan war laut Presseberichten so erbost über diese Vorschrift, dass er ankündigte, er werde die entsprechenden Regeln ändern lassen.
Allerdings dürfte dazu im Moment in Ankara wohl kaum das dazu notwendige günstige politische Klima herrschen.
Das bewies auch die Tatsache, dass Recep Tayyip Erdogan wegen der nach dem Richtermord in Ankara etwas angespannten politischen Lage in seinem Land noch am Freitag wieder zurück nach Ankara flog.
Türkinnen und Türken in Berlin zeigten sich etwas enttäuscht über die frühe Abreise Erdogans, denn es war zuvor kolportiert worden, der türkische Ministerpräsident besuche
den Türk Günü, den Türken-Tag, am Sonnabend, der nach der Art der Einwandererparaden in den USA jährlich in der deutschen Hauptstadt veranstaltet wird.

In den Medien Deutschlands hätte der Türkisch-Deutsche Wirtschaftskongress und der Besuch Erdogans m.E. noch ein wenig mehr Resonanz verdient gehabt.
Obwohl man sagen muss, dass alle wichtigen Zeitungen und auch die Tagesschau und andere TV-Nachrichtensendungen darüber berichtet haben.
Jedoch trat das Thema am Wochenende bereits wieder in den Hintergrund. Mag sein, dass sich über den Kongress diese Woche in Fachblättern noch genaueres und nähere Einzelheiten finden lassen.
Ich glaube allerdings, dass der Kongress besonders in Wirtschaftskreisen - hinter den Kulissen, bei den Spezialisten also - durchaus positive Wirkungen zeitigen wird.
Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland, dass dürfte auf jedem Fall als sicher gelten, sind auf einem sehr guten Wege. Aber als Erfolgsgeschichte mit Nutzen für beide Länder durchaus noch weiter ausbaufähig.

 

 

 

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