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Einfach göttlich
Als Bulgare im Türkischen Hamam
Von Claus Stille
Neulich stellte mir ein Kollge folgende Frage: "Warst du eigentlich
schon einmal im Hamam?"
Ich überlegte...
Bei 39 Grad Juli-Hitze auf einem Balkon eines Neungeschossers in Izmir
zu liegen ist kein Zuckerschlecken. Selbst dann nicht, wenn dieses Hochhaus
nicht inmitten des Verkehrsmiefs im Zentrum steht, sondern weit draußen
im Stadtteil Karsiyaka-Örnekköy.
Gegenüber steht das halbfertige Betonskelett eines Gebäudes,
welches einmal als Altersheim geplant, aber nicht zu Ende gebaut worden
war. Weiter hinten folgen dann noch ein paar zwei- bzw. dreistöckige
Häuser.
Hinter denen kommt letzten Endes nur noch eine Moschee, die man vom Balkon
zwar nicht sehen, ihren Muezzin aber zu jeder Tages- und Nachtzeit hören
kann.
Nämlich immer dann, wenn der gute Mann mit meist krächzender
Stimme (ich vermute, dass er starker Raucher ist) die Gläubigen zum
Gebet ruft.
Ziemlich weit oben befindet sich dann nur noch ein kleiner Friedhof. Auch
ihn sieht man vom Balkon aus nicht.
Einmal (allerdings in der größten Mittagshitze!) ging hinauf
zu ihm, um mir ihn und die verschiedenen Grabsteine darauf anzusehen.
Ich fürchtete, so fertig war ich vom Aufstieg, für immer dableiben
zu müssen...
Die Berge beginnen nicht weit dahinter. Ihr sowieso schon spärliches
Grün ist sommers zwar versengt. Aber immerhin weht von dort hin und
wieder ein Wind herunter und trifft auf den Balkon, wenn ich dort apathisch
- mich wie ein uralter Hund mit heraushängender Zunge fühlend
- mehr tot als lebendig vor mich hin hechele.
Und von erfrischenden Regentagen in saftig grünen deutschen Landen
(wo man sie dann hasst!) träume.
Der Wind gerät ab und an ebenfalls zum Problem: Wenn er nämlich
gegen Abend unversehens auffrischt, wirft er sich kräftig gegen offene
Balkontüren und Fenster. Die krachen mit Wucht gegen die Wände
Und die Glasscheiben zerschellen: eine Arbeits- und Geldbeschaffungsmaßnahme
für den Glaser.
Abwechselung: Fehlanzeige. Selbst die in Abständen auf der nahen
Straße vorbeibrummenden Minibusse nebst den Gesichtern ihrer Fahrer
kennt man bereits in und auswendig.
Gegen einen von ihnen bin ich jedes Mal versucht tätlich werden:
Warum muß er jedesmal vorm Haus seine penetrante Hupe betätigen?
Dann kommen noch - meist hintereinander - die zwei uralten Busungetüme
der Verkehrsberiebe - und brausen - hoffentlich tun die Bremsen ihren
Dienst! - den Berg hinunter. Dann kehren sie nach der, vom Fahrplan bestimmten
Zeit, wieder zurück, um sich schließlich unter furchtbarem
Ächzen den Berg wieder hinauf zu quälen. Hinter sich her ziehen
sie exorbitante schwarze Dieselabgasfahnen. Die Chauffeure tun mir leid:
sie haben knallrote Gesichter. Wievel Grad Celsius mißt wohl die
Temperatur im Inneren ihrer tollkühnen Kisten? Ein Glück für
sie, dass die geplante Erhöhung des Rentenalters erst später
kommt!
Seit ein paar Tagen jedoch steht plötzlich eine Holzhütte gegenüber
am Straßenrand. Sie muss als eine Art GECEKONDU über Nacht
errichtet worden sein.
Darin übereinander gestapelt auf weichem Stroh: wohlproportionierte
Melonen.
Abends bis spät in die Nacht hinein erleuchtet eine nackte Glühlampe
in einer Fassung, die an einem Kabel befestigt ist, das seinerseits am
Hüttenzeltdach festgemacht ist, die feilgebotene Ware.
Ein wenig fühle ich mich durch diesen Anblick - trotz der Wahnsinnshitze,
oder gerade deswegen? - ausgerechnet ein bisschen an den berühmten
Stall mit dem frischgeborenen Jesuskindlein in der Krippe erinnert.
Wobei ich zugegen muss, dass der freilich noch kein elektrisches Licht
hatte.
Aber wennschon: Wo überhaupt waren Maria und Josef? Geschweige denn:
der kleine Jesus.
Einmal erblicke ich einen alten Mann mit Mütze. Dann wieder zwei
kleine Jungen, die zwischen den herrlichen Melonen herumtoben.
Den Verkauf aber bewerkstelligt, wie ich später aus nächster
Nähe beim Kauf einer der saftigen, runden, gestreiften grünen
Kugeln selbst sehen kann, ein junges, sehr hübsches, aber etwas schüchtern
dreinblickendes Mädchen, die ihr sicherlich ebenfalls sehr schönes
Haar unter einem Kopftuch verborgen trägt.
Als ich ein paar Tage später, vom - weit hinten kurz vor den Bergen
in der kleinen, von unserem Haus aus unsichtbaren Moschee - zum Gebet
rufenden Muezzin geweckt werde, und wegen der auch in der Nacht nicht
wesentlich abgesunkenen Temperatur nicht wieder einschlafen kann, stehe
ich auf begebe mich auf den Balkon.
Und sehe staunenden Auges: das biblisch anmutende KARPUZ EV, das Melonenhaus
- wie ich es getauft hatte - samt des hübschen Mädchens, des
Alten und der tobenden Kinder ist fort...
Der nächste Urlaubstag beginnt wie die anderen zuvor: Nach einem
leichten Frühstück gleich wieder mit dem Vor-sich-hin-Schwitzen
mit heraushängender, nach
Efes-Pilsen lechzenden Zunge, auf dem Beton-Balkon. - Ein Hundeleben!
Die blauen Dolmus-Busse drehen wieder ihre Runden. Und auch die rot-weißen
Busse stürzen sich abermals rasselnd - für den Blick des "gelernten"
Europäers - mit halsbrecherischem Tempo die Straße hinunter
und quälen sich dennoch wenig später unversehrt, wenn auch unter
schwerem Motor- und Getriebe-Ächzen - schwarze Dieselabgasfahnen
hinter sich her ziehend - den Berg wieder hinauf.
Um später ihre Ziele in Karsiyaka oder drüben in Konak zu erreichen.
Die Gesichter der Fahrer haben wie immer die Farbe überreifer Tomaten...
Da grummelt der Gong an der Korridortür. Ich, stets geräuschempfindlich,
habe sein 5-fach-Tönen mit etwas Küchenpapier etwas abgedämpft.
Es ist mein Schwager. Mustafa gekommen, um mich aus meinem eintönigen
Urlaubsablauf herauszulösen.
Mustafa kann mir vielleicht noch am ehesten nachfühlen. Schließlich
verbrachte er einige Schul- und Lebensjahre in Dortmund. Er spricht, trotzdem
er selten Gelegenheit dazu hat, es zu benutzen, noch ganz Deutsch.
"Warst du schon mal im Hamam?", fragt er mit funkelnden Augen.
Ich verneine. Kennenlernen wollte ich das Treiben darin schon immer einmal.
Aber im Hochsommer?
Es ist, wie ich ahne: Mustafa will mit mir ins Hamam! Und zwar sofort.
Daran muss ich mich noch gewöhnen. Aber so viel habe ich zumindest
über die Türkei gelernt: Entweder geschieht dort etwas zuvor
Angekündigtes oder Geplantes zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt,
oder nie. Und zwar ohne, dass die Einheimischen irgend eine Art Ungeduld
oder Erregtheit dabei zeigen. Während ich kurz vorm Hyperventilieren
wähne.
Das andere Extrem aber ist, dass etwas plötzlich beschlossen, und
dann auch übergangslos in die Tat umgesetzt werden muss. Obgleich
unsereiner gar nicht darauf vorbereitet ist.
Ein Kalt-Star gewissermaßen. Diese Bezeichnung trifft m.E. schon
den Kern, obwohl das angesichts der fast unerträglichen Sommerhitze
zugebenermaßen sicherlich etwas merkwürdig klingen wird.
Es ging also Holterdiepolter los. Ein junger, am Volant seines innen
wie außen mit allerlei Krimskrams aufgemotzem Dolmus lümmelnder,
laute Musik hörender, und so ganz "nebenbei" noch Millionen
Türkische Lira zählender schlaksiger Kerl - welcher offenbar
glaubte, eine türkischer Schumacher zu sein - pickt uns unmittelbar
am Gartentor
des Gülcan-Appartments auf, und brettert dann - nun auch noch Cep-Telefonierend
mit einer oder teilweise auch keiner Hand am Lenkrad - mit jeweils nur
kurzen Stopps durch die schmalen Gassen der Siedlung, welcher der mehrspurigen
Straße in Richtung Cannakale vorgelagert ist, dass einem Menschen,
alles mögliche Getier, Melonen, eine Moschee, Sesamkringel, ein Teehaus
voller Tabla spielender alter Männer und anderes schwer zu erkennendes
"Gedöns" nur so am Fenster vorbeirauschen.
Schließlich "setzt" er uns - wie durch ein Wunder wohlbehalten
- in Nähe besagtem Hamams unten in Karsiyaka ab.
Am Haus, welches das Türkische Bad beherbergt, bin ich zuvor schon
ein paar Mal vorbeigekommen, allerdings nie auf die Idee gekommen, dass
sich darin ein Hamam befinden könnte.
Das Haus liegt an der Eisenbahnstrecke von gegenüber. Hier halten
u.a. Züge, welche vom Adnan-Menderes-Flughafen Izmir kommen. Am nahen
Haltepunkt ist auf einem Gleisstück eine alte Dampflok deutscher
Produktion aus kaiserlichen Zeiten ausgestellt.
Bevor wir das Hamam betreten, nimmt mich Mustafa beiseite und flüstert:
"Darin wirst du Bulgare sein!"
"Was?" frage ich ungläubig zurück. Hatte ich richtig
gehört: Bulgare?
Hatte ich. Die ohnehin schon vorhandenen Schweißperlen auf meiner
Stirn verdoppeln sich: Was zum Teufel soll das nun wieder?
Es geht ganz einfach um Geld. Mustafa ist der Ansicht, dass der Bademeister
- wenn er erfährt, dass ich Deutscher bin - eine höheren Eintrittspreis
für das Benutzen des Hamams verlangt, als üblich.
"Deshalb", schärft er mir nun nochmals ein: "Bist
du ein Verwandter aus Bulgaristan!"
Und dem armen Verwandten aus dem Nachbarland wird, ist sich Mustafa sicher,
der Mann nicht wagen, einen überhöhten Preis abzuknöpfen.
Ich willige ein. Wir betreten das Badehaus. Unterdessen überlege
ich, was mir alles so auf die Schnelle zu Bulgarien einfällt; und
ob es mir wohl drinnen unter Dampf gelingen würde einen glaubwürdigen
Bulgaren abzugeben.
Als allererstes muss ich da an einen meiner vorderen Schneidezähne
denken. Ich verlor ihn auf der Fahrt in einem grünen vollbesetzen
Lada. Wir kamen von einer der dauernd stattfindenden Hochzeitsfeiern,
an deren Ende, das freilich kein richtiges war, denn - "richtige"
Hochzeitsfeste pflegen dort zu Lande so an die drei Tage zu dauern - ,noch
der örtliche Polizeikommandant mit Blaulicht vorgefahren worden war.
Und wollten zum Haus des Freundes eines Freundes, bei dem wir während
unseres damaligen Urlaubs wohnten. Dem Lada-Fahrer - so gut verstand ich
Bulgarisch jedenfalls - war daran gelegen, dass niemand in seinem Wagen
rauchte. Ich ärgerte mich sehr über meinen Freund, welcher auf
der Rückbank eingequetscht zwischen der etwas fülligen Ehefrau
unseres Gastgebers Wantscho und mir klemmte, weil er sich über diesen
Wunsch offensichtlich einfach hinwegsetzte.
Das hätte ich nicht tun sollen: Er verbat sich - vom Alkohol übermütig
geworden - höhnisch lachend meine Bitte, doch die Zigarette zu löschen,
und unterstrich seine Meinung noch mit einer Bewegung seines rechten Ellenbogens
in Richtung meines Gesichts. Das war's: Adé mein Zahn. - Er wird
wohl noch irgendwo in der Erde von Vidin an der Donau liegen. Wenn ihn
das diesjährige Hochwasser nicht rüber nach Rumänien gespült
hat...
Geduscht und auf dem warmen, feuchten Marmorstein unterm nur spärliche
Lichtstrahlen durchlassenden schmutzigen Oberlichtern des Hamams ausgestreckt
liegend, fällt mir gerade noch rechtzeitig ein, dass bei den Bulgaren
Kopfschütteln ein Ja bedeutet und das Nicken ein Nein. Doch traf
das auch auf türkischstämmige Bulgaren zu?
Ich bemühe mich mit meinen Schwager nur wenig bzw. gebrochen Türkisch
zu sprechen. Beides ist kein Problem für mich.
Als der Tellak, wie der Bademeister des Hamam heißt - ein kompakter
Typ, der angesichts seiner dichten Körperbehaarung und in dem düstren
Licht auf mich wie ein Schwarzbär wirkt - nahte und ich wenigstens
freundlich Merhaba! sagen will, unterbricht mich Schwager Mustafa, um
für mich zu sprechen.
In allgemeinem Wassergerausche und Schüsselgeklapper verstehe ich
nur zwei oder dreimal das Wort "Bulgaristan" und "Bulgaristan'da".
Was mir sagte, dass von mir die Rede gewesen sein musste.
Der kräftige Tellak gibt sich einsilbig. Was mich beruhigt. Offenbar
liegt ihm nichts an einer Konversation mit einem bulgarischen Türken.
Auf dem Bauch liegend - den dünnen Lendenschurz, Pestemal genannt,
um die Hüften - erwarte ich mein Schicksal. Zum Weglaufen ist es
zu spät. Ein bisschen beginne ich mich wie kurz vor einer schwierigen
Behandlung beim Zahnarzt zu fühlen.
Ich liege damit gar nicht einmal so schlecht. Der Unterschied zur "Behandlung"
im Hamam ist allerdings gravierend: der Zahnarzt pflegt nämlich,
bevor er sein "Werkzeug" zückt, bei Bedarf eine Betäubungsspritze
zu verabreichen...
Aus den Augenwinkeln beobachte ich ängstlich wie das berühmte
Kaninchen vor der Schlange die Tätigkeiten des furchteinflößenden
Tellaks.
Dieser kommt von irgendwoher mit einer Art Sack zurück, der über
und über eingeseift ist. Durch geschickte Bewegungen dieses mit Seife
und Luft gefüllten Sackes verteilt er die Seife über den rückwärtigen
Teil meines Körpers.
Dann richtet er seine "Werkzeuge": zwei kräftige, stark
behaarte Pranken gegen meinen Körper. Ich zucke unter ihnen zusammen.
Als wollte ich vor ihnen fliehen, indem ich im heißen türkischen
Marmor versinke.
Doch dieser gibt nicht nach.
Meine Knochen knacken. Bald hier, bald dort. Ich vermag schon nicht mehr
zu sagen, wo genau. Plötzlich spüre ich einen enormen Druck
auf meinen Schulterblättern. Sekunden später weiter unten. Will
der Kerl mir das Rückrad brechen, weil mit mir kein gutes Geschäft
machen konnte? Hätte ich doch bloß mehr bezahlt!, denke ich.
Die Welt hätte das doch bestimmt nicht gekostet! Aber es ist zuspät.
Wie sooft im Leben: man spart halt immer an der falschen Stelle!
Der Bär indes walkt mich weiter durch, dass die Schwarte nur so kracht.
Irgendwann beginnt er meine Rückfront mit einem rauhen Seidenhandschuh
zu schrubben, welchen man Kese nennt. Hautschuppen und Schmutz lösen
sich von meinem Körper und rinnen, vermischt mit Wasser und Schweiß,
zu Boden. Es ist wohl das, was heute neudeutsch Peeling heißt.
Mittendrin brummt der Tellak - ohne seinen Händen dabei Ruhe zu gönnen
- meinen Schwager etwas zu. Dieser übersetzt dies auf eine Art Tarzan-Türkisch
(schließlich verstand ich als türkischer Bulgare nichts anderes):
"Drehen Du!"
Ich verstehe. Und als "richtiger" Bulgare schüttele ich
zur Bestätigung kräftig den Kopf. Was Bulgarisch bekanntlich
Ja bedeutet. Dabei knackt es in meinem Nacken gefährlich.
Der Bademeister aber blickt mich nur mürrisch an, sieht dann zu Mustafa,
meinen Schwager - der mir das ganze eingebrockt hatte - herüber,
und reibt sich dann, während ich mich ängstlich umdrehe, die
mächtigen eingeseiften Hände.
Mein Körper, in dem es keine Knochen mehr zu geben scheint, sackt
wie ein Klumpen lebloses Fleisch auf den Marmor"richt"block.
Wieder kommt der Seifensack zum Einsatz. Ich bin sogar froh darüber:
Wahrscheinlich ist die Prozedur uneingeseift gar nicht auszuhalten.
Mit knallhartem Druck werden alle meine Gliedmaßen einzeln durchmassiert.
Mir ist es, als wolle mir der Tellak mitleidlos das Blut aus den Adern
pressen. Ich zucke zusammen, stöhne leise. Dazu diese feuchte Hitze.
Und als ich daran denken muss, dass draußen Hochsommer ist, schwitze
ich gleich noch mehr.
Ich versuche an etwas anderes zu denken. Mir fällt aber nichts ein.
In meinem Kopf herrscht eine erschreckende Leere. Ein Blick auf meinen
Schwager zeigt mir, dass er innerlich schmunzelt, wenn nicht sogar lacht!
Auf einmal nähern sich des Tellaks Pranken meinem Hals. Ich richte
mich erschrocken auf. Versuche es zumindest. Will mir der Kerl jetzt an
die Kehle? Unbarmherzig drückt mich der kräftige Kerl nieder.
Mein nasser malträtierter Rücken klatscht saft und kraftlos
zurück auf den Marmor.
Der Bademeister packt mich zu meinem Erschrecken beim Kopf und nimmt
ihn fest zwischen seine behaarten Pranken. Ich will noch etwas sagen,
weiß aber auf einmal nicht mehr in welcher Sprache, weshalb ich
nur ein kaum hörbares Röcheln hervorbringe.
Der Tellak dreht meinen schwitzenden Schädel hin und her. Und macht
schließlich eine zackige Bewegung, worauf es irgendwo in meinem
Genick so schrecklich knackt, das ich das Schlimmste befürchte.
Das Ausstreichen meiner Arme und Beine bekomme ich schon kaum noch mit.
Alles Leben scheint aus meinem Körper herausgewalkt zu sein.
Wieder kommt der Kese, der derbe Waschhandschuh zum Einsatz. Wieder lösen
sich alle mögliche Partikel von meiner Haut.
Schließlich klatscht der Tellak, in tiefem Bass lachend und mit
vor Befriedigung blitzenden Augen den Kese auf meinen Bauch und bedeutet
mir mit einer Geste: ich könne nunmehr aufstehen.
Es ist vorbei! Endlich! Allah!, hätte ich beinahe ausgerufen, lasse
es aber. Ich habe überlebt!
Wieder auf eignen Beinen stehend, sage ich aus Höflichkeit wenigstens:
Tessekür ederim!
Der Bär nickt schwerfällig, brummt etwas für mich Unverständliches,
und verläßt dann die Folterkammer.
Nach einem sich anschließendem Dampfbad und einer Dusche legen
wir eine gewisse Ruhezeit in einem winzigen Gärtchen im Hinterhof
bei einem Glässchen Tee ein.
Beruhigt registriere ich, dass meine geschwundenen Kräfte offenbar
wieder beginnen allählich in meinen Körper zurückzukehren.
Und als ich aus dem kleinen Badehaus inmitten des quirligen Karsiyaka
trete und mich die hochsommerliche Nachmittagshitze wie ein dicker Wintermantel
umfängt, ist mir widererwarten so, als wär ich soeben da drinnen
neugeboren worden.
Dabei hatte ich unter den unerbittlichen Pranken des Tellak im Dampfbad
eben noch gerade befürchtet, mein letztes Stündlein sei gekommen...
Mein Kollege riss mich mit einer weiteren Frage aus meinen ins Jahr 1998
abgeschweiften Gedanken: "Und, wie ist das nun so, im Hamam?"
Ich wusste, dass er diesen Sommer zum Urlaub in die Türkei fliegen
würde. Und laut Katalog befindet sich in seinem Hotel auch ein Türkisches
Dampfbad.
"Ach, weißt du", begann ich und warf dabei leicht meine
Arme in die Luft, "Es ist einfach göttlich!"
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