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Schlüssel zur besseren Integration
Türkeistämmige Mandatsträger gründeten parteiübergreifendes
Netzwerk
Von Claus Stille
Menschen türkischer Abstammung stellen die mit Abstand größte
Einwanderergruppe in Deutschland dar.
Erfreulicherweise bildet sich inzwischen diese Tatsache auch immer öfter
in Form von per Wählerstimmen an Abgeordnete jener Gruppe von Migranten
vergebenen Mandaten, welche diese dann in Volksvertretungen, wie den Kommunal-,
und Landesparlamenten, dem Bundestag, und darüber hinaus im Europäischen
Parlament wahrnehmen .
Die von ihren Wählerinnen und Wählern dorthin entsandten Politikerinnen
und Politiker decken längst das gesamte Farbspektrum der in
deutschen Parlamenten vortretenen demokratischen politischen Parteien
ab, welches von CDU/CSU über SPD, Bündnis 90/Die Grünen
und FDP bis hin zur Linkspartei.PDS - also von schwarz bis tiefrot - reicht.
Eines aber haben alle diese Abgeordneten, deren politischer Auftrag freilich
ist, alle Wählerinnen und Wähler, welche ihnen die Stimme gaben
politisch zu vertreten, aber denn doch - und zwar schlichtweg über
Parteiengrenzen hinaus - gemeinsam: Ihnen ist es naturgemäß
daran gelegen, die Integration der in der Bundesrepublik Deutschland lebenden
Migrantinnen und Migranten zu fördern und damit zu verbessern.
Gelten sollen die Anstrengungen der türkeistämmigen Parlamentarier
selbstverständlich nicht nur den Einwanderern der eignen Volksgruppe,
sondern auch denen der anderen über Generationen hinweg nach Deutschland
eingewanderten Menschen anderer Nationen.
Schließlich haben alle zusammen mehr oder weniger die gleichen Probleme
im Alltag.
Diese Erkenntnis brachte Mandatsträgerinnen und Mandatsträger
unterschiedlicher politischer Couleur, aber mit gemeinsamen türkischem
Migrationshintergrund, die oder deren Familien aus der Türkei stammen,
auf die Idee, ein parteiübergreifendes Netzwerk zum Wohle aller in
Deutschland lebenden Einwanderer zu schaffen.
Das Netzwerk soll diesen Politikern ein einzigartiges Forum für einen
gegenseitigen Erfahrungsausstausch bieten und ihnen eine Plattform sein,
auf deren Basis Fragen von integrationspolitischer Relevanz aller in Deutschland
lebenden Einwanderinnen und Einwanderer gemeinsam und möglichst ohne
ideologische Barrieren diskutiert werden könnnen.
Die daraus hoffentlich resultierenden Ansätze zwecks Verbesserung
der Integration von Migranten in die Gesellschaft, möchte das Netzwerk
publizieren, und auf den verschiedenen politischen Ebenen aktiv dafür
sorgen, dass sie dann auch in die Tat umgesetzt werden.
"Integration", heißt es in der LinksZeitung, "bedeutet
für uns (das parteiübergreifende Netzwerk, d.A.) die gleichberechtigte
Teilhabe der Zugewanderten am gesellschaftlichen Leben und das gegenseitige
aufeinander Zugehen von Minorität und Majorität der Gesellschaft
für ein gemeinsames friedliches Miteinander."
Erfolgreich könne Integration nur sein, wenn Bund, Länder und
Kommunen "dieses Thema als Querschnittsaufgabe" begreifen und
"Rahmenbedingungen dafür schaffen, mit deren Hilfe sich alle
MigrantInnen in die Gesellschaft integrieren können."
Viel zu lange hat die Politik in der Bundesrepublik Deutschland negiert
bzw. ignoriert, dass das Land ein Einwanderungsland ist.
Die einen vielleicht aus einer Mischung aus Arroganz, fehlendem Interesse
und Ahnungslosigkeit. Andere wiederum sahen bei durchaus hier und da gemachten
guten Ansätzen in ihrer Politik möglicherweise zu verklärt
durch rosarote Brillen und waren deshalb wohl das eine oder andere Mal
in der Beurteilung der wirklichen Lage zu naiv, weil sie vielleicht schon
eine heile "Multikulti"-Welt für wahrgeworden hielten,
die aber so nur bruchstückhaft existiert.
Beiderlei Politik verkannte auch schon vor 30 Jahren vorhandene, durchaus
sichtbar gewesene, Probleme. Oder wollte sie einfach nicht sehen.
Nun haben sie sich angestaut und brechen immer stärker hervor.
Deshalb ist es höchste Eisenbahn, dass sie angegangen werden. Es
muss schleunigst damit begonnen werden, die Einwanderungsgesellschaft
- die mit ihrer kulturellen Vielfalt auch eine Bereicherung darstellt
- endlich positiv zu gestalten, und die wichtigsten Herausforderungen
von Gegenwart und Zukunft mit Herz, Verstand und Mut zu meistern.
Dass sich zu diesem Behufe das Parteiübergreifende Netzwerk türkeistämmiger
Mandatsträger zusammengefunden hat, ist sicherlich noch nicht von
vornherein das Allheilmittel für sämtliche migrationsbedingte
Probleme, zumindest aber m.E. doch ein nicht unwichtiger Schlüssel
dazu auf dem Weg dorhin.
Dieser Tag begrüßte das Netzwerk ausdrücklich die Initiative
der deutschen Bundesregierung, einen Integrationsgipfel zu organisieren,
"der nicht nur PolitikerInnen und WirtschaftsvertreterInnen, sondern
auch Repräsentanten von MigrantInnenorganisatioen an einen Tisch
holt", bekundete man in der LinksZeitung .
Wie verlautete, schrieb das Netzwerk einen Brief an Bundeskanzlerin Angela
Merkel. Darin fordert man, an dem geplanten Intergrationsgipfel beteiligt
zu werden..
Man wolle Erfahrungen und Kompetenzen in den Dienst einer "gelingenden
Integration" stellen.
Die Bundeskanzlerin, so denke ich, ist gut beraten, sich der Hilfe und
des Ratschlags des Netzwerks zu bedienen.
Möge es dem Parteiübergreifenden Netzwerk türkeistämmiger
Mandatsträger gelingen, ein Aufeinander Zugehen anzustoßen.
Um etwas zu bewirken, was bisher allzu oft in vielstimmiger Kakophonie,
in gegenseitigen Vorwürfen und damit ohne befriedigende Ergebnisse
für Alle geendet hat.
Vielleicht ist endlich einmal möglich, die Diskussion zum Thema Integration
von Einwandern so zu führen, dass etwas dabei herauskommt, was dem
Begriff Integration wirklich Ehre macht und der Gesellschaft als Ganzes
dienlich ist. Und zwar auf lange Sicht!
Die Mitglieder des Netzwerks wollen sich regelmäßig unter
der gemeinsamen Koordination der Körber-Stiftung sowie der Stiftung
MITARBEIT Bonn treffen.
Nachtrag:
Die Körber Stiftung gründete 1959 der Hamburger Unternehmer
Kurt A. Körber: "ein bedeutender und noch erfolgreicherer Unternehmer.
Er war ein öffentlich wirkender Philanthrop von hohem idealistischem
Gemeinsinn. Und er war ein kritischer politischer Mensch, der als Bürger,
als Deutscher und als Weltbürger seine Mitverantwortung stark empfunden
hat. Mitverantwortung für Hamburg, für Deutschland, für
den Frieden unter den Völkern und Staaten und den Frieden der Menschen
mit der Natur." (Helmut Schmidt in
"Die großen Stifter", Siedler Verlag 1997)
Nebenbei bemerkt: Fast wird man wehmütig bei der Beschreibung des
weit über den eignen Tellerrand hinaus denkenden Unternehmers und
1992 verstorbenen Kurt A. Körber.
Wahrlich zu rar sind solche Leute heute in Zeiten des immer mehr ausufernden
Raubtier-Kapitalismus gesäht, wo, nur um die Aktienkurse hochzutreiben
Entlassungen von tausenden Menschen und die Verarmung des Staatswesens
mangels Steuereinnahmen in Kauf genommen werden, damit die sowieso schon
gigantischen Profite der Großen noch mehr steigen.
Kurt A. Körber immerhin gehörte zu den Menschen, die bereit
waren, einen Teil ihres Reichtums uneigennützig abzugeben und ihr
Wissen und ihre Erfahrung in den Dienst möglichst der gesamten Gesellschaft
zu stellen...
Die Stiftung MITARBEIT mit Sitz in Bonn indes hat sich unter dem Motto
"mitdenken mithandeln mitverantworten" der Demokratie-Entwicklung
von unten verschrieben.
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