Jahrgang 4 Nr. 23 vom 12.06.2006
 

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Nicht nur ein Cop für alle Fälle
Murat Topal: Türke, Polizist, Comedien

Von Claus Stille
(Foto: I. Marcus)

Bevor die FIFA mit ihrer Fußball - Weltmeisterschaft das Zepter in Deutschland übernahm, inspirierten Negativereignisse aus der jüngsten Vergangenheit die Medien und Politiker dazu, das Thema "Integration von Migranten" wieder einmal aufs Tapet zu heben.
Nun aber ist erst einmal wieder Schluß damit. Denn jetzt regiert König Fußball Deutschland. Da soll "Die Welt zu Gast bei Freunden" sein. So das Motto der Weltmeisterschaft, wo es darum geht, daß das Runde ins Eckige muß.

Natürlich sind mit der nun fast unvermeidlichen Anwesenheit von Fußball im Alltag die deutschen Integrationsprobleme nicht plötzlich weggeputzt. Sondern allenfalls großzügig übertüncht.
Höchstwahrscheinlich ist allerdings, dass alle am Problem Beteiligten nun erst einmal von einer seltsamen temporären Amnäsie befallen sind.
Wenn das so ist, könnte der italienische Schriftsteller Umberto Ecco durchaus mit seiner These recht haben, wonach eigentlich der Fußball das ist, was man
ursprünglich der Religion vorhielt zu sein : Nämlich Opium für's Volk...

Aber Vorsicht: Bloß keine falsche Hoffnungen! Wie heißt es doch so schön? Nach dem Spiel ist vor dem Spiel!
Und so werden sie dann auch rasch wieder da sein nach der WM: die Integrationsprobleme.

Wenn man die aber zu lange unterm Deckel hält, droht's brenzlig zu werden. Und das äußerst sich nicht selten in Form von Gewalt.
Die Feuerwehr, die man dann für gewöhnlich zu rufen pflegt, wenn Familie, Schule, und letzten Endes: die Gesellschaft als Ganzes versagt hat, heißt POLIZEI.

Eigentlich ist es zu diesem Zeitpunkt schon fünf nach zwölf. Und damit (fast) zu spät.
Dem Wörtchen "fast" aber wohnt noch ein Quentchen Hoffnung inne. So dürfte das wohl auch Polizeiobermeister Murat Topal gesehen haben.
Wenn er im Streifenwagen zu den Brennpunkten der Kriminalität in der deutschen Hauptstadt Berlin gerufen wurde. Oder einfach nur auf Streife war.
Die entsprechenden Ecken, wo Kriminalität sich da tummelt, sind ihm wohl bekannt, wie die seine Westentasche. Topal kennt seine Pappenheimer: Die Drogendealer vom Hermannplatz genauso, wie die Junkies vom Kottbusser Tor.
Beides fällt in Zuständigkeit und Verantwortung "seines", des hauptstädtischen, Reviers "Abschnitt 53".

Murat Topal ist in Neukölln aufgewachsen. Einem Berliner Bezirk, welcher in Sachen sozialer Problematik und darauf basierender Kriminalität nicht selten negative Schlagzeilen produziert.
Der 1975 als Sohn eines türkischen gastarbeitenden Vaters und einer deutschen Mutter in Westberlin zur Welt gekommene Murat hatte also reichlich Zeit all das zu studieren und am eigenen Leibe gewissermaßen hautnah mit zu erleben.
1981 startete Murat in der Grundschule. 1993 "baute" er sein Abitur in Berlin - Neukölln. Von 1993 bis 1996 ging er auf die Polizeischule.

Doch man merke auf:
"Nebenbei", heißt es in seiner Biografie auf der Website www.murattopal.de - wo die geneigten Leserinnen und Leser mehr über Murat Topal erfahren können -, absolvierte der Mann noch eine Stunt- und Schauspielausbildung in Düsseldorf.
Und damit war wohl der Grundstein für das gegenwärtige Dasein Murat Topals als Künstler bereits gelegt worden.

Von 1996 bis 2005 arbeitete Murat Topal im Polizeidienst in Berlin - Kreuzberg. Topal fielen die nötigen Prüfungen nicht schwer. Auch was die Sprache betrifft, gab es keine Probleme: Der türkischstämmige Mann mit deutschem Pass spricht besser Deutsch als Türkisch. Weshalb, so heißt es, man ihn vom Deutsch-Unterricht befreite.
Der Polizeialltag ist kein Zuckerschlecken. Polizeiobermeister Topal war überall dabei: Bei Rangeleien, Demonstrationen jeglicher Art, wie beispielsweise bei den berüchtigten
1. Mai-Krawallen bekam er es mit den Auswüchsen jeglicher Kriminalität zu tun.
Da waren 12 - Stundendienste keine Seltenheit, sondern eher Normalität. Wie nahezu jeder Polizist schob auch Murat Topal jede Menge Überstunden vor sich her.
Doch Topal blieb auch im größten Streß immer zurückhaltend und bescheiden. Und wohl wissend, dass für manch einen "Problembürger" im Kiez das Grün der deutschen Polizeiuniform eher wie ein rotes Tuch wirkt, versuchte es Polizeiobermeister Topal zuerst immer mit Deeskalation.
Was aber nicht heißt, dass er dafür, ist Dinge, die nicht in Ordnung sind, einfach so laufen zu lassen. Dazu steht er noch heute. Seinen Äußerungen zu den Gewalt-Ausbrüchen mancher Schüler in der Rütli-Schule oder anderswo ist das abzulesen. Da ist er durchaus für schnelles und entschlossenes Handeln.

Trotz des harten Dienstes bewahrte sich Murat Topal stets seinen Humor. Oft parodierte er die Erlebnisse mit schrägen Typen während des Dienstes in seinem Kiez auf dem Revier. Den Polizei-Kollegen gefiel das. Sie waren es auch, die ihn dazu ermuntern, es mit den Parodien einfach einmal auf professionelle Weise zu versuchen.

Schließlich absolvierte der türkischstämmige Polizist mit Bühnenblut in den Adern ein Comedy - Seminar in Köln.
Bald schon folgten erste, vom Publikum heftig beklatschte, Bühnenauftritte. Der erste fand 2004 in der Berliner "Scheinbar" statt. Im selben Jahr schloss Murat Topal einen exklusiven Managementvertrag mit der Blue Cat Medien GmbH ab.

Das Fernsehen begann sich für ihn zu interessieren. Er trat in Sendungen wie "Comedy Hot Shot" (Pro Sieben), "Nightwash", "RTL Freitag News" und im "Quatsch Comedy Club" auf.
Im Mai des Jahres 2005 hatte sein erstes abendfüllendes Programm "Getürkte Fälle" in der Berliner UFA-Fabrik Premiere. Ein 6-wöchiges ausverkauftes Gastspiel schloß sich an.
Bereits im Juni 2005 heimste Topal die "Heilbronner Lorbeeren" ein, den Ersten Preis in der Sparte "Comedy".
Seine Mutter wird sich sicher noch heute über die öffentlichen Auftritte des Sohnes wundern. Galt Murat doch eher als ein Schüchterner. Doch wenn der gestandene Polizist ein Mikrofon sieht, ist er eben nicht mehr zu halten. Wenn er Bühnenluft wittert oder das Rotlicht der Fernsehkameras erblickt, geht Topal aus sich heraus.

Schließlich hatte der neue Star am deutschen Comedy-Himmel so großen Erfolg, dass er im Juni des Jahres 2005 entschloß, sich vom Polizeidienst vorläufig freistellen zu lassen.

Die zahlreichen Tourneeauftritte und der damit verbundene Erfolg machen Murat Topal sichtlich Spaß. Inzwischen ist er auch gern gesehener Gast in TV-Talk-Runden.

Für die Themen seiner Programme kann er reichlich aus seiner Polizeidienstzeit schöpfen. Darin kommen Typen wie die Möchtegern-Rapper, die meinen, wunder wie cool zu sein, genauso vor, wie irgendwelche kauzige Im- und Exporthändler, oder eine Hinterhof-Tunte.
Topals Bühnenpersonal ist bunt wie das Leben. Allesamt irgendwelche Paradiesvögel, "Bekloppte" und der sich für völlig normal haltende Nachbar von nebenan. Typen wie es sie nicht nur in Berliner Kiezen gibt. Sondern überall. Topal hat voll ins pralle Menschenleben hineingegriffen und eine witzige Portion dabei herausgeholt. In seinen Programmen stellt er sie auf die Bühne, haucht ihnen Leben ein. Das Publikum erkennt sie, hat Gaudi und lacht sich scheckig bis halb kaputt.

Im Publikum könnten mehr Türken sein, beklagt Topal. Noch werden seine Programme mehrheitlich von Deutschen besucht. Aber das muss nicht so bleiben. Topal befindet sich ja erst am Anfang seiner Karriere.

Jetzt, wo es für ihn als Komödiant so gut läuft, muss Murat Topal freilich überlegen, was aus dem Polizeidienst wird.
Schließlich wird ihn die Dienststelle nicht ewig freistellen können.
Er ist hin und her gerissen. Irgendwann wird der 30-jährige entscheiden müssen.

Dabei scheint es ja zwischen den Berufen des Polizisten und dem Komikers durchaus gewissen Paralelen zu geben. Und zwar mehr, als die, dass der Polizeialltag nur den Stoff für die Auftritte des Komikers liefert.
Ist nicht das Lachen ein wundervolles Mittel zur Deeskalation?
Bei Murat Topal jedenfalls spielt es eine große Rolle. Nicht nur, weil er Comedy macht. Seinen Auftritten ist anzumerken, dass er zwar schräge Typen und zuweilen schrille zum Totlachen animierende zum größten Teil unfreiwillig produzierte Alltagskomik auf die Brettl-Bühne oder vor die Kameralinse bringt, diese nie aber lächerlich macht und denunziert.
Denn erst das macht den wahren Komiker oder Kabarettist aus. Es ist dann letztlich auch das, was leicht und locker wirkt, aber wie alles, was mit Humor zu tun hat äußerst schwer ist so herzustellen, dass es wirklich Lacher produziert.

Die Medien vergleichen Murat Topal oft mit dem TV-Comedy-Star Kaya Yanar. Schließlich gibt es in Deutschland zwar schon ein paar türkischstämmige Kabarettisten, nicht aber weitere Komiker wie diesen.
Aber unterscheiden tun sich die beiden dann schon. Kaya Yanar sieht zwar eher wie ein "richtiger" Türke aus, spricht aber so glaube ich, so gut wie kein Wort Türkisch.
Und Murat Topal, welcher mit seinem hellbraunen kurzem Haar und der randlosen Brille eigentlich auf den ersten Blick überhaupt nicht als Türke durchgeht, spricht die Sprache seines Vaters etwas besser, und hat zusätzlich noch den Vorteil ausgebildeter und gestandener Polizist zu sein!
Dabei - so mag manch einer gedacht haben und vielleicht noch denken: Türke und Polizist, ist das nicht jedes für sich allein schon ungeheuerlich genug?
Und nun noch: Comedy-Star!
Ich finde, von dem Mann kann man nicht genug kriegen.
Kehrte er irgendwann der Comedy-Bühne den Rücken und zurück in das Polizei-Revier Abschnitt 53 nach Kreuzberg, das man auch "Klein - Istanbul" nennt, es wär' ein herber Verlust.
Dagegen könnte es für deutschstämmige Migranten im richtigen Groß - Istanbul am Bosporus vielleicht ganz interessant sein, Murat Topal mit seinem Programm life zu erleben. Um einmal zu hören, was heutzutage so los ist in der alten Heimat. In Berlin oder anderswo.
Auch in Antalya und Alanya könnten Deutsche - Touristen oder Eingewanderte - durchaus daran interessiert sein, mal so richtig abzulachen.
Lachen, britische Wissenschaftler stellten es kürzlich fest, hilft sehr gut gegen Schmerzen jeglicher Art. So bestimmt auch gegen Trennungsschmerz und Heimweh.
Und bestimmt hat Murat Topal auch etwas passendes für die verkaterten Fußballfans auf der Comedy-Pfanne, wenn Deutschland gegen alle Erwartung von Merkel bis Klinsmann, doch nicht Fußball-Weltmeister geworden sein sollte.
Denn Murat Topal ist ja bekanntlich nicht nur ein Cop für alle Fälle...

 

 

 

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