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Nicht nur ein Cop für alle Fälle
Murat Topal: Türke, Polizist, Comedien
Von Claus Stille
(Foto: I. Marcus)
Bevor die FIFA mit ihrer Fußball - Weltmeisterschaft das Zepter
in Deutschland übernahm, inspirierten Negativereignisse aus der jüngsten
Vergangenheit die Medien und Politiker dazu, das Thema "Integration
von Migranten" wieder einmal aufs Tapet zu heben.
Nun aber ist erst einmal wieder Schluß damit. Denn jetzt regiert
König Fußball Deutschland. Da soll "Die Welt zu Gast bei
Freunden" sein. So das Motto der Weltmeisterschaft, wo es darum geht,
daß das Runde ins Eckige muß.
Natürlich
sind mit der nun fast unvermeidlichen Anwesenheit von Fußball im
Alltag die deutschen Integrationsprobleme nicht plötzlich weggeputzt.
Sondern allenfalls großzügig übertüncht.
Höchstwahrscheinlich ist allerdings, dass alle am Problem Beteiligten
nun erst einmal von einer seltsamen temporären Amnäsie befallen
sind.
Wenn das so ist, könnte der italienische Schriftsteller Umberto Ecco
durchaus mit seiner These recht haben, wonach eigentlich der Fußball
das ist, was man
ursprünglich der Religion vorhielt zu sein : Nämlich Opium für's
Volk...
Aber Vorsicht: Bloß keine falsche Hoffnungen! Wie heißt es
doch so schön? Nach dem Spiel ist vor dem Spiel!
Und so werden sie dann auch rasch wieder da sein nach der WM: die Integrationsprobleme.
Wenn man die aber zu lange unterm Deckel hält, droht's brenzlig
zu werden. Und das äußerst sich nicht selten in Form von Gewalt.
Die Feuerwehr, die man dann für gewöhnlich zu rufen pflegt,
wenn Familie, Schule, und letzten Endes: die Gesellschaft als Ganzes versagt
hat, heißt POLIZEI.
Eigentlich ist es zu diesem Zeitpunkt schon fünf nach zwölf.
Und damit (fast) zu spät.
Dem Wörtchen "fast" aber wohnt noch ein Quentchen Hoffnung
inne. So dürfte das wohl auch Polizeiobermeister Murat Topal gesehen
haben.
Wenn er im Streifenwagen zu den Brennpunkten der Kriminalität in
der deutschen Hauptstadt Berlin gerufen wurde. Oder einfach nur auf Streife
war.
Die entsprechenden Ecken, wo Kriminalität sich da tummelt, sind ihm
wohl bekannt, wie die seine Westentasche. Topal kennt seine Pappenheimer:
Die Drogendealer vom Hermannplatz genauso, wie die Junkies vom Kottbusser
Tor.
Beides fällt in Zuständigkeit und Verantwortung "seines",
des hauptstädtischen, Reviers "Abschnitt 53".
Murat Topal ist in Neukölln aufgewachsen. Einem Berliner Bezirk,
welcher in Sachen sozialer Problematik und darauf basierender Kriminalität
nicht selten negative Schlagzeilen produziert.
Der 1975 als Sohn eines türkischen gastarbeitenden Vaters und einer
deutschen Mutter in Westberlin zur Welt gekommene Murat hatte also reichlich
Zeit all das zu studieren und am eigenen Leibe gewissermaßen hautnah
mit zu erleben.
1981 startete Murat in der Grundschule. 1993 "baute" er sein
Abitur in Berlin - Neukölln. Von 1993 bis 1996 ging er auf die Polizeischule.
Doch man merke auf:
"Nebenbei", heißt es in seiner Biografie auf der Website
www.murattopal.de - wo die geneigten Leserinnen und Leser mehr über
Murat Topal erfahren können -, absolvierte der Mann noch eine Stunt-
und Schauspielausbildung in Düsseldorf.
Und damit war wohl der Grundstein für das gegenwärtige Dasein
Murat Topals als Künstler bereits gelegt worden.
Von 1996 bis 2005 arbeitete Murat Topal im Polizeidienst in Berlin -
Kreuzberg. Topal fielen die nötigen Prüfungen nicht schwer.
Auch was die Sprache betrifft, gab es keine Probleme: Der türkischstämmige
Mann mit deutschem Pass spricht besser Deutsch als Türkisch. Weshalb,
so heißt es, man ihn vom Deutsch-Unterricht befreite.
Der Polizeialltag ist kein Zuckerschlecken. Polizeiobermeister Topal war
überall dabei: Bei Rangeleien, Demonstrationen jeglicher Art, wie
beispielsweise bei den berüchtigten
1. Mai-Krawallen bekam er es mit den Auswüchsen jeglicher Kriminalität
zu tun.
Da waren 12 - Stundendienste keine Seltenheit, sondern eher Normalität.
Wie nahezu jeder Polizist schob auch Murat Topal jede Menge Überstunden
vor sich her.
Doch Topal blieb auch im größten Streß immer zurückhaltend
und bescheiden. Und wohl wissend, dass für manch einen "Problembürger"
im Kiez das Grün der deutschen Polizeiuniform eher wie ein rotes
Tuch wirkt, versuchte es Polizeiobermeister Topal zuerst immer mit Deeskalation.
Was aber nicht heißt, dass er dafür, ist Dinge, die nicht in
Ordnung sind, einfach so laufen zu lassen. Dazu steht er noch heute. Seinen
Äußerungen zu den Gewalt-Ausbrüchen mancher Schüler
in der Rütli-Schule oder anderswo ist das abzulesen. Da ist er durchaus
für schnelles und entschlossenes Handeln.
Trotz des harten Dienstes bewahrte sich Murat Topal stets seinen Humor.
Oft parodierte er die Erlebnisse mit schrägen Typen während
des Dienstes in seinem Kiez auf dem Revier. Den Polizei-Kollegen gefiel
das. Sie waren es auch, die ihn dazu ermuntern, es mit den Parodien einfach
einmal auf professionelle Weise zu versuchen.
Schließlich absolvierte der türkischstämmige Polizist
mit Bühnenblut in den Adern ein Comedy - Seminar in Köln.
Bald schon folgten erste, vom Publikum heftig beklatschte, Bühnenauftritte.
Der erste fand 2004 in der Berliner "Scheinbar" statt. Im selben
Jahr schloss Murat Topal einen exklusiven Managementvertrag mit der Blue
Cat Medien GmbH ab.
Das Fernsehen begann sich für ihn zu interessieren. Er trat in Sendungen
wie "Comedy Hot Shot" (Pro Sieben), "Nightwash", "RTL
Freitag News" und im "Quatsch Comedy Club" auf.
Im Mai des Jahres 2005 hatte sein erstes abendfüllendes Programm
"Getürkte Fälle" in der Berliner UFA-Fabrik Premiere.
Ein 6-wöchiges ausverkauftes Gastspiel schloß sich an.
Bereits im Juni 2005 heimste Topal die "Heilbronner Lorbeeren"
ein, den Ersten Preis in der Sparte "Comedy".
Seine Mutter wird sich sicher noch heute über die öffentlichen
Auftritte des Sohnes wundern. Galt Murat doch eher als ein Schüchterner.
Doch wenn der gestandene Polizist ein Mikrofon sieht, ist er eben nicht
mehr zu halten. Wenn er Bühnenluft wittert oder das Rotlicht der
Fernsehkameras erblickt, geht Topal aus sich heraus.
Schließlich hatte der neue Star am deutschen Comedy-Himmel so großen
Erfolg, dass er im Juni des Jahres 2005 entschloß, sich vom Polizeidienst
vorläufig freistellen zu lassen.
Die zahlreichen Tourneeauftritte und der damit verbundene Erfolg machen
Murat Topal sichtlich Spaß. Inzwischen ist er auch gern gesehener
Gast in TV-Talk-Runden.
Für die Themen seiner Programme kann er reichlich aus seiner Polizeidienstzeit
schöpfen. Darin kommen Typen wie die Möchtegern-Rapper, die
meinen, wunder wie cool zu sein, genauso vor, wie irgendwelche kauzige
Im- und Exporthändler, oder eine Hinterhof-Tunte.
Topals Bühnenpersonal ist bunt wie das Leben. Allesamt irgendwelche
Paradiesvögel, "Bekloppte" und der sich für völlig
normal haltende Nachbar von nebenan. Typen wie es sie nicht nur in Berliner
Kiezen gibt. Sondern überall. Topal hat voll ins pralle Menschenleben
hineingegriffen und eine witzige Portion dabei herausgeholt. In seinen
Programmen stellt er sie auf die Bühne, haucht ihnen Leben ein. Das
Publikum erkennt sie, hat Gaudi und lacht sich scheckig bis halb kaputt.
Im Publikum könnten mehr Türken sein, beklagt Topal. Noch werden
seine Programme mehrheitlich von Deutschen besucht. Aber das muss nicht
so bleiben. Topal befindet sich ja erst am Anfang seiner Karriere.
Jetzt, wo es für ihn als Komödiant so gut läuft, muss
Murat Topal freilich überlegen, was aus dem Polizeidienst wird.
Schließlich wird ihn die Dienststelle nicht ewig freistellen können.
Er ist hin und her gerissen. Irgendwann wird der 30-jährige entscheiden
müssen.
Dabei scheint es ja zwischen den Berufen des Polizisten und dem Komikers
durchaus gewissen Paralelen zu geben. Und zwar mehr, als die, dass der
Polizeialltag nur den Stoff für die Auftritte des Komikers liefert.
Ist nicht das Lachen ein wundervolles Mittel zur Deeskalation?
Bei Murat Topal jedenfalls spielt es eine große Rolle. Nicht nur,
weil er Comedy macht. Seinen Auftritten ist anzumerken, dass er zwar schräge
Typen und zuweilen schrille zum Totlachen animierende zum größten
Teil unfreiwillig produzierte Alltagskomik auf die Brettl-Bühne oder
vor die Kameralinse bringt, diese nie aber lächerlich macht und denunziert.
Denn erst das macht den wahren Komiker oder Kabarettist aus. Es ist dann
letztlich auch das, was leicht und locker wirkt, aber wie alles, was mit
Humor zu tun hat äußerst schwer ist so herzustellen, dass es
wirklich Lacher produziert.
Die Medien vergleichen Murat Topal oft mit dem TV-Comedy-Star Kaya Yanar.
Schließlich gibt es in Deutschland zwar schon ein paar türkischstämmige
Kabarettisten, nicht aber weitere Komiker wie diesen.
Aber unterscheiden tun sich die beiden dann schon. Kaya Yanar sieht zwar
eher wie ein "richtiger" Türke aus, spricht aber so glaube
ich, so gut wie kein Wort Türkisch.
Und Murat Topal, welcher mit seinem hellbraunen kurzem Haar und der randlosen
Brille eigentlich auf den ersten Blick überhaupt nicht als Türke
durchgeht, spricht die Sprache seines Vaters etwas besser, und hat zusätzlich
noch den Vorteil ausgebildeter und gestandener Polizist zu sein!
Dabei - so mag manch einer gedacht haben und vielleicht noch denken: Türke
und Polizist, ist das nicht jedes für sich allein schon ungeheuerlich
genug?
Und nun noch: Comedy-Star!
Ich finde, von dem Mann kann man nicht genug kriegen.
Kehrte er irgendwann der Comedy-Bühne den Rücken und zurück
in das Polizei-Revier Abschnitt 53 nach Kreuzberg, das man auch "Klein
- Istanbul" nennt, es wär' ein herber Verlust.
Dagegen könnte es für deutschstämmige Migranten im richtigen
Groß - Istanbul am Bosporus vielleicht ganz interessant sein, Murat
Topal mit seinem Programm life zu erleben. Um einmal zu hören, was
heutzutage so los ist in der alten Heimat. In Berlin oder anderswo.
Auch in Antalya und Alanya könnten Deutsche - Touristen oder Eingewanderte
- durchaus daran interessiert sein, mal so richtig abzulachen.
Lachen, britische Wissenschaftler stellten es kürzlich fest, hilft
sehr gut gegen Schmerzen jeglicher Art. So bestimmt auch gegen Trennungsschmerz
und Heimweh.
Und bestimmt hat Murat Topal auch etwas passendes für die verkaterten
Fußballfans auf der Comedy-Pfanne, wenn Deutschland gegen alle Erwartung
von Merkel bis Klinsmann, doch nicht Fußball-Weltmeister geworden
sein sollte.
Denn Murat Topal ist ja bekanntlich nicht nur ein Cop für alle Fälle...
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