Jahrgang 4 Nr. 25 vom 26.06.2006
 

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Wenn das Schule machte...                                                             

Von Claus Stille

Das anfängliche Erstaunen unter den deutschen Mitgliedern eines Frechener Lehrerkollegiums schlug nach kurzem Stillschweigen in Erschrecken um.

Wie lange lebte man eigentlich schon mit türkischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in einem Land, in einer Stadt, zusammen, wohnte gar mit ihnen als Nachbarn Tür an Tür, hatte türkische Kolleginnen und Kollegen, oder kaufte in ihren Geschäften ein, bzw.  holte sich ab und an etwas zu essen vom "Türken" an der Ecke?
Und was wusste man nun summa summarum nach all dem eigentlich über die Türken oder die Türkei?
Die Lehrer - Münder sollen sich sogleich hoffnungsvoll und durchaus guten Willens rasch zum Antworten geöffnet haben,  seien aber völlig überraschend auch genauso schnell wieder zugeklappt  worden.
Scham muss sich im Lehrerzimmer der Frechener Hauptschule unter den plötzlich wie begossene Pudel dasitzenden Pädagogen breit gemacht haben.

Au Backe! Viel hatten sie auf die Schnelle nicht zusammen bekommen können. Auch längeres Nachdenken half ihnen nicht: was blieb war weniger als nichts. Glücklicherweise hatten es die Pädagogen nicht mit einer Prüfung zutun gehabt, denn ob das schwache Ergebnis für ein "Ungenügend" gereicht hätte, ist mehr als fraglich.

Döner und Kopftuch. Und Kopftuch und Döner. Wie es die Pauker auch drehten und wendeten: Diese zwei Wörter fürchteten sich unterm - im wahrsten Sinne des Wortes - kleinsten gemeinsamen Nenner. Äußerst mager diese Ausbeute angesichts des im Raume anwesenden geballten pädagogischen Sachverstands!

Dieses dürftige Resultat vor Augen wagt man kaum darüber nachzudenken, wie es denn mit dem Wissen um Türkei und Türken sonst so bestellt ist unter den Deutschen im Lande der Dichter und Denker.
Es ist wohl besser, sie erst gar nicht danach zu fragen.

Nach dem die Frechener Pädagogen den ersten Schock halbwegs verdaut hatten, stand für sie fest: Wir müssen etwas tun! Sie beschlossen das Manko zu beseitigen.

Gesagt - getan. Funkhaus Europa berichtete kürzlich über das Ergebnis.

Die Frechener Hauptschule hatte kurzerhand über türkische Pädogogen in Deutschland Kontakt mit staatlichen und privaten Bildungseinrichtungen in der Westtürkei aufgenommen.
Und als alles organisiert war, reiste man gemeinsam in die von Mustafa Kemal Atatürk gegründete Republik.

Der Trip hat sich offenbar bezahlt gemacht. Jedenfalls konnten die Deutschen von ihrer Bildungsreise  zahlreiche interessante Eindrücke mit zurück an ihre Schule nach Frechen bei Köln nehmen.
Am meisten seien sie laut Funkhaus Europa davon beeindruckt gewesen, mit wie viel Respekt und Anerkennung ihren Lehrerkolleginnen und Kollegen in der Türkei in Schule und Gesellschaft entgegen gebracht wird.
Sicherlich gab auch die in der Türkei obligatorische Schulkleidung Anlaß zu den unterschiedlichsten Überlegungen unter den deutschen Pädagogen.
Ein wenig war man allerdings schon darüber erstaunt und irretiert, dass das in Deutschland mittlerweile immer öfters heiß und zuweilen aufgeregt diskutierte Tragen
eines Kopftuchs durch Schülerinnen oder Lehrerinnen an der Schule (und ob man es nun per Gesetz verbieten soll oder nicht) in der Türkei durch ein generelles Verbot desselben in staatlichen öffentlichen Einrichtungen geregelt ist. Und diese Regelung auch weitesgehend auf Akzeptanz in der türkischen Bevölkerung stößt.

(Der Vollständigkeit halber sei hier angemerkt, dass das Kopftuch-Problem durchaus auch in der Türkei Wellen schlägt. Meines Wissens wohl aber hauptsächlich an den Universitäten. Die Regierung Erdogan hätte das Kopftuchverbot an den Universitäten ja bekanntlich gerne gekippt. Und will das sicher auch heute noch.
Allerdings dürften die Voraussetzungen dafür momentan denkbar schlecht stehen. Wir erinnern uns: Nicht einmal der Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte stärkte einer türkischen Studentin den Rücken, die dort klagte, weil man sie in der Türkei nicht mit Kopftuch zum Studium zugelassen hatte.)

Auch wenn man in Rechnung stellen muß, dass die deutschen Pädagogen mit der Westtürkei - verglichen mit den ärmeren Teilen der Türkischen Republik, etwa dem Südosten des Landes, wo in puncto Bildung noch einiges im Argen liegt; und manche Kinder gar nicht oder nur ein paare Jahre die Schulbänke drücken - eine hoch entwickelte reichere Region besucht haben, weshalb sie sich freilich kein vollständiges Bild des türkischen Bildungswesens machen konnten, hat sich die Reise für sie aber offenbar dennoch gelohnt.
Da sind sich jedenfalls alle Frechener , die an der Reise in die Türkei beteiligt waren, absolut einig.
Nachdem nun ein Resümee der Aktion gezogen wurde, hat man über alle Schulbänke hinweg eine alte Erfahrung gemacht: Reisen bildet!

Nun geht man an der Frechener Schule fleißig daran, diese interessanten Erfahrungen in die Praxis umzusetzen.
Wie man hört,  stellen sich bereits erste kleine Erfolge ein.
So sind beispielsweise Eltern türkischstämmiger Schülerinnen und Schüler sehr angenehm davon berührt, dass sich die deutschen Lehrerinnen und Lehrer ihrer Sprößlinge, so intensiv mit ihrem Heimatland und dessen Kultur beschäftigt haben. Was nun offenbar auch im täglichem Unterrichtsalltag mehr und mehr zum Tragen kommt.
Das macht die Eltern stolz. Und vielleicht sehen auch die türkischstämmigen Schülerinnen und Schüler wegen des ehrlichen Interesses ihrer Lehrerinnen und Lehrer für das Land und die Kultur ihrer Eltern nun so manches mit anderen Augen?

Dieses Jahr ist viel über Integration von Migranten geredet und geschrieben worden. Für den für den 14. Juli geplanten "Integrationsgipfel" der deutschen Regierung, las ich soeben, sind "gigantische" vier (!!!) Stunden eingeplant.
Es fehlt einem schwer, da an einen wirklichen Integrationswillen der Regierenden zu glauben. Es soll - heißt es - auf der Verantstaltung hauptsächlich um den verbesserten Spracherwerb von Migranten gehen.
Angesichts des Haufens, der sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland angesammelte Intgrationsprobleme und deren Brisanz, kann es sich bei der hochtrabend "Integrationsgipfel" genannten Zusammenkunft eigentlich nur um eine Alibi - Veranstaltung handeln.
So bekundet man wohl kaum ein ernstzunehmendes Interesse an den Problemen der in Deutschland lebenden Migranten. Die ja - es muß leider immerhin wieder darauf hingewiesen werden - nun einmal unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger sind!

Anders dagegen das positive Beispiel der Frechener. Sie entdeckten ein Manko, erschraken darüber fürchterlich, ließen sich aber nicht ins Boxhorn jagen. Im Gegenteil: Sie gingen schon bald daran es zu tilgen. Sie jammerten nicht. Sie forderten nicht. Sie klagten nicht an. Sie handelten ganz einfach. So etwas kostet nicht einmal die Welt. Höchstens Überwindung und Willen. Und offene Augen und Ohren.
Die Aktion mag für mancheinen von ganz weit oben her und flüchtig betrachtet ein Tropfen auf den heißen Stein sein, für das Klima an der Frechener Hauptschule allerdings, werden sich deren Resultate bestimmt noch auf Jahre hinaus auszahlen. Da bin ich mir ziemlich sicher.
Wenn das Schule machte...

 

 

 

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