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Rezension: Katja Eydel - Die Erfindung der Türkei- Ein Ausstellungskatalog - von Stefan Hibbeler Im Juni diesen Jahres fand im Kunstverein Göttingen eine Ausstellung "Modell & Symbol: Die Erfindung der Türkei" von Katja Eydel statt. Entstanden ist die Photoausstellung auf der Grundlage eines achtmonatigen Aufenthalts von Katja Eydel. Nun ist der Katalog zur Ausstellung erschienen - wobei "Katalog" vielleicht eine mißverständliche Bezeichnung ist: Es ist ein Fotoband mit einem kurzen Vorwort von Katja Eydel und vertiefenden Aufsätzen von Ariane Müller, Bernd Nicolai und Bülent Tanju. Entstanden ist ein Buch von 184 Seiten in deutscher und englischer Sprache, das zum Schauen und Nachdenken anregt. Ein- und Ausblicke
Architektur ist nicht nur Formgebung. In der Gestalt der Städte, in denen wir leben, finden sich in Schichten Lebensgefühl und Zeitgeist vergangener und gegenwärtiger Generationen als eine gebaute Umwelt. Meist verwenden wir keinen Gedanken darauf. Die Umwelt - auch die gebaute - ist immer schon gegeben. Nur selten beginnen wir, darüber nachzudenken. Dabei bestimmt die Architektur der Städte, die Gestaltung von Plätzen und ihre soziale Bedeutung zugleich auch unser Lebensgefühl. Doch dies geschieht unmerklich. Doch genauer Hinzuschauen und zu hinterfragen, warum so und nicht anders gebaut wurde, kann dazu anregen, Details zu entdecken, über anderes Leben und andere Formen zu leben nachzudenken. Katja Eydel beschreibt als ihr Interesse die Gründung der türkischen Republik und wie sie sich in der Herausbildung eigener architektonischer Stile niederschlug. Ein zweites Interesse betrifft die Inszenierung nationaler Feiertage. Ein drittes Thema sind Musterinstitutionen, die es immer noch gibt und die zuweilen "wie Zeitkapseln" wirken - wie Eydel schreibt. In den Bildern und Aufsätzen des Buches geschieht eine Auseinandersetzung mit der Moderne und zwar in der sehr spezifischen Form der türkischen Moderne. Ob man sie als verspätete bezeichnen möchte, sei dahingestellt, aber es ist immer eine, die ihre Vorbilder außerhalb der eigenen Gesellschaft findet. Ariane Müller schreibt: "Unds es ist das Drama dieser Zeichen, das sie von dort kamen, aus der deutschen und österreichischen Ideengeschichte, wo man sich ihrer gerade entledigt hatte" ... Bernd Nicolai spricht von einer "importierten Moderne", bei der "Neues Bauen" und "Neue Sachlichkeit" in den Dienst natiional-türkischer Modernisierung gestellt wurden. Den zugrundeliegenden gesellschaftlichen Prozess beschreibt Nicolai als "innere Kolonialisierung" in Abgrenzung zu den Erfahrungen anderer Länder des südlichen und östlichen Mittelmeerraumes. Bülent Tanju eröffnet ein Kaleidoskop mit 10 Blicken auf die türkische Version der Moderne - assoziative philosophische Fragmente über das Wesen der Moderne und der Widersprüchlichkeit der türkischen Erfahrung. Vier Autoren haben sich in diesem Katalog versammelt, die der Frage des Verhältnisses von Modell und Symbol in sehr unterschiedlicher Art nachgehen. Hinzu kommen die Fotos. Sie werden durch die Aufsätze weder erklärt noch kommentiert. Sie sprechen ihre eigene Sprache. Gruppiert entfalten sie einen Kontext, den jeder auf sich wirken lassen und mit den Informationen und Deutungen der Aufsätze weiterentwickeln, ausloten oder überschreiten kann. Katja Eydel studierte Fotografie in Bielefeld und hat an Ausstellungen im In- und Ausland teilgenommen (u.a. Nikolaj Center for Contemporary Art Kopenhagen, Plattform Berlin, ICA London). 2000 erschien von ihr "Belgrad Interviews. Jugoslawien nach Nato-Angriff und 15 Jahren nationalistischem Populismus" (mit Katja Diefenbach).
Publikation: Mit Texten von Bernd Nicolai (Kunsthistoriker, Ordinarius für Kunstgeschichte an der Universität Bern), Ariane Müller (Autorin, UNCHS Habitat Wien, Berlin), Bülent Tanju (Architekturhistoriker, Department of History and Theory of Architecture der Yıldız Technical University, Istanbul) u.a.
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