Jahrgang 4 Nr. 48 vom 5.12.2006
 

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Konservatismus und Werteorientierung

TESEV legt neue Studie zur Religiosität und politischen Orientierungen vor

von Stefan Hibbeler

Eine Ende November von der Stiftung für wirtschaftliche und soziale Studien (TESEV) vorgestellte Untersuchung zeigt eine wachsende Bedeutung der Religion für die Identitätsfindung der Bevölkerung. Im Hinblick auf die politischen Implikationen dieser Entwicklung legen die Ergebnisse nahe, dass die wachsende Religiosität nicht mit einer höheren Befürwortung einer islamischen Staatsordnung einhergeht. Bei der umstrittenen Frage des Kopftuches werden religiöse, nicht politische Motive in den Vordergrund gestellt. Im Hinblick auf Vorurteile zeigt die Untersuchung, dass die Abgrenzung zwischen Sunniten und Aleviten aber auch gegenüber anderen Religionsgemeinschaften zugenommen hat. Das höchste Vorurteilsniveau besteht gegenüber Homosexuellen.

Die Untersuchung wurde in direkten Befragungen mit 1.492 Teilnehmern in 23 Provinzen im Zeitraum Mai/Juni 2006 durchgeführt. Grundlage für die Teilnehmerauswahl war eine durch das Türkische Statistikinstitut gezogene Stichprobe.

In den vergangenen Jahren polarisiert sich die politische Diskussion stark in ein "laizistisches" und ein "islamistisches" Lager. Auf die Frage nach ihrer persönlichen Zuordnung tendierten 20,3 % der Teilnehmer zum laizistischen 48,5 % zum "islamistischen". 23,4 % positionierten sich genau in der Mitte, 7,8 % der Befragten gaben keine Antwort. Das deutliche Überwiegen des "islamistischen" Lagers geht jedoch nicht mit einer Befürwortung einer religiösen Staatsordnung einher. Die Befürwortung der Einführung der Scharia lag bei 9 % und damit unter dem Niveau einer früheren Befragung von 2002 (16 %). Die Existenz einer Partei, die sich an einem religiösen Bekenntnis orientiert, wird von 54 % der Befragten abgelehnt. Gegenüber einer früheren Befragung (1999) ist die Ablehnung jedoch gesunken (61 %).

Im Hinblick auf die religiöse Orientierung ist ein deutlicher Bedeutungsanstieg festzustellen. Lag der Schwerpunkt der Antworten bei einer Umfrage 1999 mit 55 % bei "ich könnte als religiös bewertet werden", so verschob er sich bei der aktuellen Befragung mit 46,5 % auf "ich bin ziemlich religiös". Bei der Frage nach der Primäridentität gaben 44,6 % an, sich vor allem als Muslim zu sehen. Ihnen folgen mit 29,9 % diejenigen, bei denen die türkische Staatsbürgerschaft und mit 19,4 % diejenigen, bei denen ihre ethnische Zugehörigkeit zu den Türken im Vordergrund steht. Die deutlichste Veränderung gegenüber 1999 ergibt sich mit einem Zuwachs von 8,9 Prozentpunkten bei der muslimischen Identität und einer Abnahme um 4,2 Punkten bei der Primäridentität als türkischer Staatsbürger. Primäridentitäten als "Kurden" oder "Aleviten" bleiben auf einem äußerst niedrigen Niveau.

61,3 % der Befragten gehen nicht davon aus, dass die laizistische Ordnung der Türkischen Republik gefährdet sei. Auf der anderen Seite erweist sich die Bedrohungswahrnehmung als ein wichtiges Element politischer Positionierung. Während 70 % derer, die sich als "islamistisch" bewerteten, eine Bedrohung des Laizismus zurückweisen, wird von 53 % der "Linken" eine solche Gefährdung gesehen.

Nach demokratischen Werten befragt, überwiegt die Unterstützung für demokratische Normen und bürgerliche Freiheiten. 54,7 % sind der Auffassung, dass die Türkei ihre Probleme am besten durch eine gewählte Regierung und nicht mit Hilfe des Militärs lösen könne. 79,7 % sind der Auffassung, dass die Meinungsfreiheit in keinster Weise eingeschränkt werden sollte. 76,9 % halten die Demokratie für das beste Führungsmodell.

Aufschluss über das Vorurteilsniveau sollte die Frage geben, ob die befragte Person Einwände gegen eine Heirat ihres Kindes mit einem angehörigen einer anderen islamischen Konfession hätte. Hier zeigt sich, dass bei der aktuellen Befragung rund die Hälfte dagegen votierte, während ihr Anteil 1999 noch bei 41,7 % lag. Auf die Frage, ob sich unter den Anhängern einer anderen Religion "gute Menschen" befinden könnten, wird dies von 72,2 % der Befragten bejaht. Doch ist ihr Anteil gegenüber der Befragung von 1999 um 17 Prozentpunkte zurückgegangen.

 

Eine Fülle weiterer Details finden sich in der Präsentation der Ergebnisse der Untersuchung (Link, türkisch).

 

 

 

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