Jahrgang 4 Nr. 49 vom 12.12.2006
 

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Urlaubsmitbringsel: Kind

Die Zentren für Reproduktionsmedizin expandieren - auch in der Türkei!?

von Susanne Benöhr-Laqueur

"The most precious gift of all" - das klingt der Jahreszeit entsprechend weihnachtlich, dient aber zugleich als Überschrift für eine Website in der türkische Reproduktionskliniken gelistet werden (1). Ob in Antalya, Konya, Istanbul, Ankara, Denizli, Izmir oder Isparta - in fast jeder größeren Stadt finden sich inzwischen derartige Zentren. Das "Geschäft" mit der Fruchtbarkeit scheint zu expandieren, zumal in der Türkei Kinder einen großen Stellenwert genießen und Schätzungen zufolge ca. 1,5 Millionen Menschen dort unfruchtbar oder zeugungsunfähig sind (2).

Was ist medizinisch möglich?

Seit der Geburt des ersten "Retortenbabys" im Jahr 1978 sind weltweit 4 Millionen Babys auf diese Weise zur Welt gekommen. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil die Techniken verfeinert und neue Medikamente entwickelt wurden. Paaren, die auf "natürlichem Wege" keine Kinder bekommen können, kann heutzutage zielsicher geholfen werden. In erster Linie wäre hier die "In-vitro-Fertilisation" und die "In-vivo-Fertilisation" zu nennen. Letztere Möglichkeit erschöpft sich zumeist in der Zuführung des Samens des Ehemanns (sog. homologe Insemination) oder eines Dritten (sog. heterologe Insemination). Die "In-vitro-Fertilisation" (kurz "IVF") ist facettenreicher. So besteht erstens Möglichkeit, die eigenen Eizellen der Ehefrau mit dem Samen ihres Ehemannes oder eines Dritten zu befruchten. Zum zweiten kann die Eizelle von einer Spenderin stammen. Drittens kann eine Leihmutter beauftragt werden ein Kind auszutragen. Wobei auch diesbezüglich wiederum zwei Möglichkeiten denkbar sind: Die Leihmutter kann sich einerseits mit dem Samen des Auftraggebers befruchten lassen, wobei sie ihre Eizelle spendet. Andererseits kann ihr ein Embryo implantiert werden, der aus einer Ei- und Samenspende entstanden ist. Es besteht somit die theoretische Chance, daß ein Kind "fünf Elternteile" besitzt: Die Adoptiveltern, die Leihmutter, die Eispenderin und den Samenspender. Alle "IVF-Verfahren" können zudem mit der "Präimplantationsdiagnostik" (kurz PID) kombiniert werden, d.h. bevor der Embryo der Frau übertragen wird, erfolgt eine genetische Untersuchung, ob er eine Erbkrankheit in sich trägt. Sollte dieses der Fall sein, so wäre zu entscheiden, was mit ihm geschehen soll. In den meisten Fällen würde er vernichtet werden. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, Embryonen "einzufrieren", dieses bezeichnet man als "Kryokonservierung". Sollte ein "IVF-Versuch" fehlschlagen, so bestünde die Möglichkeit, den Embryo "aufzutauen" und es erneut zu probieren.

Situation in Deutschland

Das deutsche Embryonenschutzgesetz aus dem Jahre 1991 verbietet bei Strafandrohung die Leihmutterschaft, die Eizellen- und Embryonenspende (3). Dergleichen ist die "Präimplantationsdiagnostik" verboten. In Anbetracht dessen, hat sich in Deutschland in den letzten Jahren ein reger "Fruchtbarkeitstourismus" entwickelt. Paare, die keine Kinder bekommen können, reisen in das benachbarte Ausland und "engagieren" sog. Leihmütter. Die "Präimplantationsdiganostik" wird in Anspruch genommen, um ein Kind ohne Behinderung bzw. Erbkrankheit auf die Welt zu bringen. Bis vor kurze Zeit wurde über diese verstärkte "Reisetätigkeit in Sachen Fruchtbarkeit" (verschämt) geschwiegen. Diverse Selbsthilfeorganisationen, Fernsehauftritte Betroffener und eine sich nachhaltig verändernde Demographie haben das Thema nunmehr jedoch in den öffentlichen Focus gerückt. Demoskopen und Zukunftswissenschaftler beginnen mittlerweile "neue Gesellschafts- und Lebensmodelle" zu entwickeln, in denen Frauen ihre Eizellen einfrieren lassen, um sie jenseits des 45. Lebensjahres befruchten zu lassen (4). Fakt ist, daß sich die Reproduktionsmedizin zu einem einträglichen Geschäft entwickelt hat. Seit dem 1.1.2004 müssen nämlich verheiratete und gesetzlich krankenversicherte Paare in Deutschland einen Teil der Kosten selber tragen (5), diese können sich - je nach Leistung - durchaus zwischen 2.000 bis 3.500 EUR für einen "IVF-Versuch" belaufen. Die Kosten für Privatpatienten, Alleinstehende und Frauen jenseits des vierzigsten Lebensjahres betragen ein vielfaches. Angesichts dessen wählen viele Paare den Weg in das englisch- bzw. deutschsprachige Ausland.

Situation in der Türkei

Die Gesetzeslage in der Türkei wird maßgeblich durch das Präsidium für Religiöse Angelegenheiten bestimmt (6). Bereits unmittelbar nach der Geburt des ersten weltweiten Retortenbabys im Jahre 1978 erließ das Präsidium ein Rechtsgutachten (Fatwa), demnach nur innerhalb der gesetzlichen Ehe die homologe Insemination erlaubt sei. Dieses Gutachten wurde im Jahre 2002 überarbeitet und neu verkündet (7). Erneut wurde das Erfordernis der Ehelichkeit betont und die Spende von Ei- oder Samenzelle ausdrücklich untersagt (8). Darüber hinaus unterliegt die Leihmutterschaft einem strengen Verbot. Erlaubt ist hingegen, einen Teil der Embryonen "einzufrieren". Angesichts dieser beschränkenden Regelungen stellt sich die Frage: Warum sollte man für eine "IVF-Behandlung" in die Türkei reisen? Zum einen wären die Kosten zu nennen. Ein "IVF-Versuch" kostet in der Türkei inclusive eines 17 tägigen Aufenthalts in Istanbul 3.500 EURO (9). Zum anderen werden in der Türkei die Embryonen nicht - wie in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben am 3. Tag eingepflanzt, sondern erst am 5. Tag. So berichten fast alle Reproduktionszentren, die diesen sog. "Blastozystentransfer" durchführen von einer mindestens doppelt so hohen Schwangerschaftsrate (10). Und letztlich wird in der Türkei die "Präimplantationsdiagnostik" durchgeführt, d.h. man untersucht den Embryo am 4. Tag auf eventuelle Erbkrankheiten. Diese Verfahren sind jedoch auf Ehepaare beschränkt, alleinstehende Frauen oder Paare, die ohne Trauschein zusammenleben, werden in der Türkei gemäß der Fatwa nicht behandelt.

"Informazioni per i patienti italiani"

Die Internetseiten der großen türkischen Kliniken sind zumeist konsequent zweisprachig verfügbar, wobei die Kombination türkisch/englisch dominiert. Freilich findet man auch andere Sprachen, so u.a. italienisch. So wirbt etwa eine große Istanbuler Klinik gezielt um italienische Patientinnen (11). Dieses nicht ohne Grund: Galt Italien lange Zeit als das "El Dorado" der Fortpflanzungsmedizin, wurde diese Entwicklung im Jahre 2003 abrupt unterbrochen. Das italienische Fortpflanzungsgesetz avancierte zu einem der strengsten Europas. "IVF-Behandlungen" sind nur verheirateten Paaren oder Paaren, die eheähnlicher Gemeinschaft zusammenleben, gestattet. Die Leihmutterschaft sowie die Samen - und Eizellenspende sind verboten (12). Überaus problematisch ist jedoch die Regelung, wonach ausnahmslos alle im "IVF-Verfahren" erzeugten Embryonen eingepflanzt werden müssen: Risikoreiche Mehrlingsschwangerschaften sind nicht selten die Folge. Diese Maßnahme ist Ausfluß einer gesetzlichen Bestimmung, wonach die Embryonen in Italien nicht "eingefroren" werden dürfen. Bedenklich ist zudem, daß zwar an den Embryonen die Präimplantationsdiagnostik durchgeführt werden kann, jedoch auch die genetisch fehlerhaften Embryonen eingepflanzt werden müssen (13). In Anbetracht dessen, ist es verständlich, daß sich türkische Kliniken um italienische Patientinnen bemühen, zumal sich die Fatwa liberaler erweist als die - von der katholischen Kirche massiv beeinflußte - italienische Gesetzgebung.

We have an associated clinic in Greece

Aufgrund der Tatsache, daß in der Türkei Samen- und Eizellenspenden verboten sind, reisen türkische Paare vermehrt in ausländische Reproduktionskliniken. Nicht wenige Reproduktionszentren bieten daher die Möglichkeit, Paare an "Partnerkliniken" zu überweisen. Diese befinden sich zum einen in Griechenland und zum anderen in Belgien. Diese beiden Länder verfügen über eine ausgesprochen liberale Gesetzgebung, so daß hier Samen- und Eizellenspende sowie Leihmutterschaft nicht sanktioniert werden. Freilich sind diese Reisen - insbesondere nach Zenraleuropa - kostspielig. Während deutsche und italienische Paare in der Türkei kostengünstig professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, belaufen sich die Kosten für türkische Paare in Belgien mindestens auf das Doppelte (14).

"The most precious gift of all"

In der Türkei werden jährlich etwa 18.000 "IVF-Behandlungen" durchgeführt (15). Das ist im Vergleich zu anderen Ländern sehr wenig, so beträgt die Anzahl der "IVF-Behandlungen" in Deutschland ca. 90.000 pro Jahr (16). Dennoch könnte die Türkei - nicht zuletzt aufgrund ihres medizinischen Know-hows verbunden mit relativ niedrigen Behandlungskosten - zu einem gefragten Reiseland werden. Es dürfte daher nur eine Frage der Zeit sein, wann sich zu dem Button "Informazioni per i patienti italiani" ein Hinweis " Für unsere deutschsprachigen Patienten" gesellen wird.

 

Anmerkungen
(1) www.pregnancymd.org/art-ivf-turkey.htm
(2) www.ruhr-uni-bochum.de/orient/bioethik/dokumente/bioethiktuerkei2.pdf und
//216.239.59.104/
(3) www.bba.de/gentech/eschg.htm
(4) www.stern.de/
(5) www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__27a.html
und als Bsp.: http://www.fertilitycenterberlin.de/kinderwunsch_kosten.php
(6) www.ruhr-uni-bochum.de/orient/bioethik/dokumente/bioethiktuerkei2.pdf
(7) www.ruhr-uni-bochum.de/orient/bioethik/dokumente/bioethiktuerkei2.pdf
(8) www.ruhr-uni-bochum.de/orient/bioethik/dokumente/bioethiktuerkei2.pdf
(9) www.ivfturkey.com/ivfcost/
(10) Michelmann, Hans Wilhelm: Aktueller Sachstand und künftige Entwicklungen, in: Fuat S. Oduncu u.a.: Der Zugriff auf den Embryo, Göttingen 2005, S. 15 ff (S. 21)
(11) Es handelt sich um das Memorial Hospital - Website: http://www.tupbebek-genetik.com/
(12) humrep.oxfordjournals.org/cgi/reprint/19/8/1693
(13) humrep.oxfordjournals.org/cgi/reprint/19/8/1693 und
www.gene.ch/genpost/2004/Jan-Jun/msg00033.html
(14) www.birth.be/Prices.htm
(15) www.ruhr-uni-bochum.de/orient/bioethik/dokumente/bioethiktuerkei2.pdf
(16) www.springerlink.com/content/4uf2jca5m77nq1mw/

 

 

 

 

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