Jahrgang 4 Nr. 49 vom 12.12.2006
 

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„Allaman sabit.“

Ein deutscher Offizier im türkischen Befreiungskrieg.

Hauptmann [Hans] TRÖBST: Soldatenblut. Vom Baltikum zu Kemal Pascha. Leipzig (Verlag von K. F. Koehler) 1925.

von Hans-Peter Laqueur

Am 30. Januar 1921 ging vor Inebolu am Schwarzen Meer der kleine italienische Frachter `Mariania´ vor Anker. Unter den Passagieren, die sich dort ausschifften, war einer, der das besondere Interesse der Einwohner des Städtchens, der Behörden dort und der provisorischen Nationalregierung in Ankara erweckte: Der damals 29-jährige königl. preußische Hauptmann a.D. Hans Troebst. Wer war er, wo kam er her, wo wollte er hin?
  
  Hans Troebst war einer der sehr wenigen ausländischen Offiziere - und wohl der einzige deutsche - in der Armee der Regierung von Ankara während des Unabhängigkeitskrieges. Er gehörte ihr von Anfang März 1921 bis zu seinem Rücktrittsgesuch im Dezember 1922 als Pionieroffizier an. Während die Präsenz deutscher Offiziere im Osmanischen Reich vor und während des Ersten Weltkrieges Gegenstand vieler Untersuchungen war, ist diese kleine Episode in der Geschichte der militärischen Beziehungen zwischen unseren Ländern der Wissenschaft bisher entgangen.

   Ihre Hauptperson, Hans Troebst wurde 1891 in Weimar geboren, in der Stadt Goethes, darauf war er zeitlebens stolz. Er entstammte einer gutbürgerlichen Familie, sein Großvater war Gymnasialdirektor gewesen. Schon sehr früh, als  Gymnasiast, stand sein Berufsziel für ihn fest: Er wollte Offizier werden. Nach dem Abitur trat er in die Streitkräfte ein, seine Grundausbildung erfuhr er in Magdeburg. Im I. Weltkrieg war er  Pionieroffizier, zeitweilig war er dem Stab Hindenburgs an der Ostfront zugeteilt. In dieser Funktion erlebte er die Schlacht von Tannenberg Ende August 1914, in der die erste russische Offensive gegen Deutschland abgewehrt wurde; später war er Adjutant bei Ludendorff.
  
   Bei der Kapitulation Deutschlands im November 1918 war er Hauptmann. Dieses Ereignis  bedeutete für ihn wie für viele seiner Alters- und Berufsgenossen den Zusammenbruch einer Welt: Die Monarchie war gestürzt worden, die Linken hatten die Republik ausgerufen. Allzu gerne akzeptierte er die `Dolchstoßlegende´: Die deutschen Soldaten seien `im Felde unbesiegt´ gewesen, Schuld an der Niederlage trügen nur die zivilen (linken) Politiker in der Heimat, die im entscheidenden Moment dem Feldheer mit ihrer Politik in den Rücken gefallen seien. Aus dieser Gesinnung heraus schloß er sich nach Kriegsende einem der Freikorps an, die im Baltikum und in Finnland gegen die Bolschewisten kämpften, in Deutschland die bayerische Räterepublik blutig niederschlugen und auch gegen andere linksgerichtete Erhebungen eingesetzt wurden.  In Estland (wo er auch seine spätere erste Frau kennenlernte) gehörte Troebst dem `Grenzschutz Ost, Eiserne Division´ an. 1920 nahm er in Deutschland als Mitglied der `Brigade Erhardt´  am Kapp-Putsch gegen die junge deutsche Demokratie teil.

   Nach dem Scheitern dieses rechtsgerichteten Putsches - die Gewerkschaften hatten zum Generalstreik aufgerufen, und damit die Aufrührer innerhalb weniger Tage in die Knie gezwungen - wurden im August 1920 die Freikorps aufgelöst, nur ein Teil ihrer Angehörigen wurde in die neue Reichswehr aufgenommen. Troebst gehörte nicht dazu, er, der sein Leben lang nichts anderes gemacht hatte, als Soldat zu sein, stand vor dem Nichts. Er wollte sein Kriegshandwerk weiter ausüben, und sich den anti-bolschewistischen Truppen des Generals Wrangel auf der Krim anschließen. Seine Freunde und Kollegen rieten ihm dringendst davon ab. Die Reise von Deutschland bis zur Krim war mit unendlich vielen Schwierigkeiten verbunden, aber er machte sich dennoch auf den Weg. Auf Grund fehlender Visa kam er bei seinem ersten Versuch im August 1920 nicht über Budapest hinaus, und mußte wieder umkehren. Mit vollständigeren Papieren ausgestattet startete er im Oktober 1920 einen zweiten Versuch, und diese Reise führte ihn zu einem Ziel, wenn auch nicht zu dem ursprünglich geplanten. Statt auf der Krim fand er sich einige Monate später in Anatolien wieder.

   In diesem zweiten Anlauf erreichte der Autor im November 1920 nach einigen Schwierigkeiten und Verzögerungen über Passau und Wien Budapest, wo er andere ehemalige Freikorpsangehörige traf. Dort erfuhr er vom Zusammenbruch der Wrangel-Front und der Flucht des Generals und großer Teile seiner Truppen über das Schwarze Meer nach Istanbul. Daraufhin änderte er sein Ziel: Er suchte sich den `nächsten´ Krieg, und der war in  Anatolien, wo die türkische Armee unter Mustafa Kemal Pascha einen nationalen Befreiungskrieg führte. Per Schiff und Bahn, über Belgrad und Sofia erreichte Troebst Varna, wo er zunächst `strandete´. Das Geld war ihm ausgegangen, die Visa und die Fahrkarten waren wesentlich teuerer gewesen, als er erwartet hatte. Außerdem war es fast unmöglich, ohne die von der französischen Siegermacht für einen Deutschen damals nicht zu erlangende Genehmigung durch die Kontrollen auf ein Schiff nach Istanbul zu kommen. Über sieben Wochen lang dauerte dieser erzwungene Aufenthalt  in Varna. Troebst war Hilfsarbeiter in einer Baustoff-Fabrik, gab daneben Sprachunterricht, und suchte nach Möglichkeiten, nach Istanbul zu kommen, sobald er genügend Geld gespart hatte. Im Januar 1921 gelang es ihm schließlich, auf ein Schiff in die Türkei zu kommen.

   Der Kapitän des Schiffes hatte ihn eigentlich nicht mitnehmen wollen, aber nachdem es Troebst mit einem Trick gelungen war, sich an Bord zu schmuggeln, half er ihm, und setzte ihn in Ortaköy an Land. Dadurch entging er der Inspektion des Schiffes durch die Vertreter der Besatzungstruppen. Auch in Istanbul verließ den Autor das Glück nicht: Bereits am Tag nach seiner Ankunft machte er die Bekanntschaft eines türkischen Offiziers mit Kontakten zu den Kemalisten, der ihn in Verbindung mit einigen Zuständigen brachte. Bereits acht Tage nach seiner Ankunft in İstanbul bestieg Troebst einen Frachter mit Ziel Schwarzes Meer. Wohlversteckt überstand er die alliierte Schiffskontrolle und erreichte wenige Tage später Inebolu, damals der einzige Zugang zu den von der Regierung in Ankara kontrollierten Gebieten.

   Wie alle, die damals von Inebolu in das Land wollten, mußte er dort auf die erforderliche Genehmigung aus Ankara warten. 40 Tage, bis zum 10. März, blieb er in der Hafenstadt. Troebst beschreibt ausführlich eine der wenigen Unterbrechungen in der Monotonie des langen Wartens in der kleinen Stadt, seine Begegnung mit einem jungen türkischen Dichter, mit dem er sich häufiger traf. [Als ich das las, kam mir Nâzim Hikmet in den Sinn, der zu ähnlicher Zeit die Reise von Istanbul über Inebolu nach Ankara machte, leider schließen die von dessen Freund und Biographen Va-Nu dafür gegebenen Daten eine Begegnung der beiden dort aus.]

    In  Inebolu erreichte Troebst die Zusage für seine Aufnahme in die Armee, und wenige Tage später machte er sich auf den Weg nach Ankara. Das war damals eine sehr mühsame Angelegenheit, insgesamt dauerte die Reise 14 Tage, zunächst zwei Tage bis Kastamonu, wo man vier Tage Rast machte, dann vier Tage bis Çankırı, wo ein weiterer Ruhetag eingelegt wurde, ehe man in zwei weiteren Tagen Ankara erreichte. In Ankara wurde er wie ein Regierungsgast aufgenommen, er erhielt einen großzügigen Gehaltsvorschuß - aber keine Aufgabe. Erst nach etwa einem Monat wurde er zur Überwachung von Schanzarbeiten in den  Raum Eskişehir/Kütahya kommandiert. Es folgten verschiedene ähnliche Einsätze, zumeist entlang der Bahnlinie in dieser Gegend, im Hinterland der damaligen Front. Der von ihm ersehnte Kampfeinsatz blieb ihm jedoch versagt. Es wurde ihm gesagt, die Regierung könne sich nicht die Zahlungen an seine Familie im Falle einer Verletzung oder seines Todes leisten, aber er erkannte und verstand den wahren Grund nach einiger Zeit selber: Die Regierung von Ankara hatte die immer wieder die Behauptung ihrer Gegnern dementiert, in ihrer Armee dienten ausländische, speziell deutsche Offiziere. Wäre Troebst im Zuge von Kampfhandlungen in die Hände des Gegners gefallen, so hätte das diesen Vorwurf bestätigt, und für die gegnerische Propaganda wäre es ohne Bedeutung gewesen, daß er der einzige Deutsche in Mustafa Kemals Armee war.

   Anfang August 1921 wurde die von Troebst kommandierte Einheit nach Ankara zurückgezogen und in der Umgebung der Hauptstadt mit Geländeübungen `beschäftigt´. Zu diesem Zeitpunkt war er derart unzufrieden mit seiner Situation, daß er ernsthaft nach Möglichkeiten für eine Rückkehr nach Deutschland suchte. Der Weg über Istanbul war ihm versperrt, dort hätten ihn die Besatzungstruppen sofort verhaftet. Also wandte er sich an die sowjetische Botschaft in Ankara mit der Frage nach den Möglichkeiten einer sicheren Durchreise in Richtung Heimat. Man teilte ihm mit, daß er dazu ein Gesuch an den Botschafter richten müsse. Als er jedoch erfuhr, daß der Botschafter Jude sei, verzichtete er auf eine weitere Verfolgung dieses Planes.

   Im Herbst 1921 wurde Troebst zum Eisenbahnbataillon kommandiert, zunächst in der Umgebung von Ankara eingesetzt, und schließlich nach Konya gesandt. Dort unterbrach eine Malaria-Erkrankung seine Tätigkeit. Er verbrachte etliche Wochen im Krankenhaus, ehe er Anfang Januar 1922 seine neue Position als Chef des militärischen Eisenbahnwesens in Ereğli antreten konnte. Dorthin folgte ihm die junge Frau, die er 1919/20 in Estland kennengelernt hatte, die beiden fanden irgendwo einen evangelischen Pfarrer, der sie traute. Im Dezember des Jahres 1922 bat Troebst in einem direkt an Mustafa Kemal Pascha gerichteten Gesuch um seine Entlassung aus der türkischen Armee, um in seine Heimat zurückzukehren. Das Entlassungsgesuch begründet er u.a. mit den Worten: „Ich habe den Entschluß gefaßt, den Soldatenberuf endgültig aufzugeben und im Frühjahr in Deutschland die Universität zu besuchen, um mich einem Zivilberuf zuwenden zu können.“
     So ist es anscheinend nicht geschehen, wenn er studiert haben sollte, dann nur wenige Semester. 1924 kehrte er in die Türkei zurück, um in Eskişehir eine Mühle aufzubauen, ein Arbeitsunfall machte diesem Projekt ein rasches Ende. Im November 1923 hatte Troebst aktiv teilgenommen am Hitler-Putsch. Er hatte Adolf Hitler schon vorher in einem persönlichem Vortrag von seinen Erfahrungen in der Türkei berichtet. In den folgenden Jahren gelang es ihm, aus seiner schriftstellerischen Begabung einen neuen Beruf zu machen. Etwa seit 1925 bis 1933 berichtete er für verschiedene deutsche Zeitungen als politischer Korrespondent vom Balkan.

   In diesen Jahren zerbrach seine erste Ehe und er heiratete ein zweites Mal. Aus der ersten Ehe waren zwei Kinder hervorgegangen; es mag ein Hinweis darauf sein, wie wichtig ihm seine türkischen Jahre waren, daß er seiner Tochter den zweiten Vornamen Gülnar gab. Anfang der 30er-Jahre änderte sich auch seine politische Gesinnung: Er stand dem Nationalsozialismus zunehmend kritisch gegenüber, was ihm nach 1933 verschiedentlich Schwierigkeiten eintrug. 1933 ging er als Journalist nach China, wo er sich mit seiner zweiten Frau und seinem neugeborenen Sohn in Dairen (heute: Dalian) niederließ. Dort starb er 1939 im Alter von nur 47 Jahren unter ziemlich mysteriösen Umständen. Möglicherweise wurde er wegen seiner unbequemen Berichte auf Weisung der chinesischen Behörden durch einen Arzt vergiftet.

  Troebst hat über sein ganzes erwachsenes Leben sehr ausführlich Tagebuch geführt, und manches davon auch veröffentlicht. Sein Buch "Soldatenblut", das 1925 erschien, ist eine auf 330 Druckseiten gekürzte Fassung von ungefähr 800 handschriftlichen Seiten über die etwa zwei Jahre seines Lebens, die er auf dem Weg in die Türkei und in der Türkei verbrachte.

   Er macht darin keinen Hehl um seine Gesinnung: Es finden sich anti-bolschewistische und anti-semitische Bemerkungen, die vielen heutigen Lesern befremdlich, auch abstoßend vorkommen mögen, die aber vor dem Hintergrund seines persönlichen Werdeganges und seiner Zeit gesehen werden müssen. Davon abgesehen beeindruckt sein Buch jedoch durch die wache Neugierde, die Offenheit, mit der er dem ihm gänzlich fremden Kulturkreis Türkei entgegentritt, und die unübersehbare Sympathie, mit der er ihn schildert. Sein Buch ist ein sehr persönlich geprägter lebendiger Zeitzeugenbericht.

   In seinem Abschiedsgesuch an Mustafa Kemal Pascha im Dezember 1922 hatte Troebst versprochen, in Deutschland „mit Wort und Tat die türkischen Interessen zu vertreten". Und den zweiten Teil des Buches, in dem er seine Zeit in Anatolien beschreibt, widmet er
 
"Dem Andenken der für Freiheit und Vaterland gefallenen türkischen Offiziere und Soldaten."

 

 

 

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