Jahrgang 4 Nr. 05 vom 6.02.2007
 

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Ismail Cem und die außenpolitische Vision der Türkei

E. Fuat Keyman

(Zuerst erschienen in der Bücherbeilage der Tageszeitung Radikal vom 2. Februar 2007. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors von Stefan Hibbeler)

Der am 24. Januar verstorbene Ismail Cem war einer jener Politiker mit Ansehen und Vision, die mit ihrer Persönlichkeit zu den wichtigen Werten der Türkei beitrugen.

Während wir uns auf den Jahrestag des Todes von Aydin Güven Gürkan vorbereiteten, der große Mühe darauf verwandt hatte, den heute so stark spürbaren Mangel der türkischen Sozialdemokratie auf einer gleichheitlichen und freiheitlichen Basis ein Band zu den Massen zu knüpfen, zu überwinden, wurden wir vom gnadenlosen und unmenschlichen Mord an unserem Bruder Hrant Dink erschüttert. Während gleich nach der Beerdigung von Hrant Dink die Gedenkfeier für Ugur Mumcu, den vor 14 Jahren unter ähnlichen Umständen getötet wurde, anstand, wurden wir nun noch vom unzeitigen Tod von Ismail Cem erschüttert. Die Türkei lebt den Ende des Januar 2007 als eine Zeitspanne die kollektiv gleichzeitig voll Melancholie und Trauer, Wut und Protest war. Von nun an wird im gesellschaftlichen Leben und unseren Herzen angesichts des Todes dieser vier wertvollen Menschen das Ende des Januars als eine mit Gedenktagen angefüllte Zeitspanne voll Melancholie, Sehnsucht und Wut vergehen. Diese vier Menschen haben wichtige Beiträge zum Fortschritt der Türkei, ihrer Entwicklung, der Verbesserung ihres Ansehens und zur Umwandlung in einer gerechtere Gesellschaft geleistet, an ihre Schriften, Beiträge und Handlungen wird man sich mit Sehnsucht und Liebe erinnern. An sie zu erinnern, sie zu vermissen und ihr Werk am Leben zu erhalten, gewinnt Bedeutung, wenn wir auf der Grundlage dieser Gedanken und Werte die Türkei verstehen, analysieren und führen.

Die vier Dimensionen des Beitrags von Ismail Cem

Der am 24. Januar verstorbene Ismail Cem war einer jener Politiker mit seiner Intellektualität, Poesie, Menschlichkeit einer von jenen heute immer seltener anzutreffenden Politiker "mit Ansehen und Vision", die mit ihrer Persönlichkeit zu den wichtigen Werten der Türkei beitrugen. Zweifellos wird Ismail Cem mit seinen vieldimensionalen Beiträgen zu einer anderen, gerechteren und besser angesehenen Türkei in unserer Arbeit und unseren Diskussionen weiterleben.

Ich bin mit Ismail Cem nie zusammengetroffen. Mein Vater, den ich vor drei Jahren verlor, Ahmet Nazif Keyman, hat in der fünfjährigen erfolgreichen Leitung des staatlichen Fernsehen und Rundfunks (TRT) Ismail Cems als sein Verwaltungsleiter gearbeitet und war, wie Cem selbst, zwangspensioniert worden. Von meinem Vater habe ich über Ismail Cem und seine Zeit als TRT-Generaldirektor erfahren. Mein Vater hat stets mit Zuneigung und Achtung von Ismail Cem gesprochen. Für mich selbst waren unter den vieldimensionalen Beiträgen Ismail Cems zur Türkei vor allem vier Aspekte für meine akademische Entwicklung und meine Art, die Türkei zu analysieren, von Bedeutung. Jede von ihnen ging mit einem seiner Bücher in mein Leben ein. Ich kann sie folgendermaßen aufzählen:

a) Die kritische Analyse der Modernisierungsgeschichte der Türkei in seinem Buch "Die Geschichte der Unterentwicklung der Türkei" (Can Verlag, Istanbul 1979)

b) Die Möglichkeit einer Sozialdemokratie in der Türkei sowie die Diskussion ihrer Notwendigkeit in: "Was ist Sozialdemokratie und was demokratischer Sozialismus?" (Can Verlag, Istanbul, 1998)

c) Wie die außenpolitische Vision der Türkei gedacht werden muss - vor allem im Zusammenhang mit der Verbesserung der Beziehungen zu Griechenland und der Gründung einer Freundschaft zwischen beiden Ländern: "Türkei, Europa, Eurasien: Griechenland und Zypern" (Publikation der Bilgi Universität, Istanbul 2004)

d) Die Vision der türkischen Außenpolitik und die Beziehungen der Türkei zur EU: "Die Einheit Europas und die Türkei" (Publikation der Bilgi Universität, Istanbul 2005)

Diese vier Beiträge sind äußerst wichtig und wertvoll. Die "Geschichte der Unterentwicklung der Türkei" ist ein Buch, das ich während meiner Universitätsjahre gelesen habe und das einen wichtigen Beitrag zum Verständnis unserer Modernisierungsgeschichte wie auch ihrer kritischen Analyse leistet. Auch sein Werk "Was ist Sozialdemokratie und was demokratischer Sozialismus?" ist im Hinblick auf das Verständnis sozialdemokratischer Ideologie sowie den theoretischen Prinzipien der Bewegung ein wichtiges Werk, dass ich bei den Einführungsseminaren der SODEV (Stiftung für Sozialdemokratie) verwende. Doch wichtiger noch ist, dieses Werk unter dem Gesichtspunkt einer Diskussion über Sozialdemokratie als eine Ideologie und Bewegung in der Türkei sowie der Notwendigkeit sie als gesellschaftliche und politische Identität zu rekonstruieren, neu zu lesen. Wie das prinzipientreue und humane Verständnis der Sozialdemokratie bei Aydin Güven Grükan so bietet auch das von Ismail Cem vertretene Verständnis der Sozialdemokratie auf der Grundlage verschiedener Aktualisierungen eine theoretische und prinzipielle Basis für eine Sozialdemokratie, der es gelingt, eine Beziehung zum Volk aufzubauen und die mit den Worten von Derya Sazak (Milliyet, 26.01.07) eine glaubwürdige Kraft ist.

Aktive, auf konstruktive Beiträge orientierte Außenpolitik

Neben diesen Beiträgen hat Ismail Cem von 1997 bis 2002 in seiner Zeit als Außenminister Wichtiges für die Türkei geleistet, wobei unterstrichen werden muss, dass dies in einer Koalitionsregierung geschah, die zu jener Zeit politische Stabilität garantierte. Diese Beiträge, die wir insbesondere in den Beziehungen zwischen der Türkei und der EU sowie denen der Türkei mit Griechenland erkennen können, beziehen sich auf seine außenpolitische Vision, die diesen Wandlung Sinn verleiht. Die Phase von Freundschaft und positiven Beziehungen, die sich in den vergangenen Jahren in den Beziehungen der Türkei mit Griechenland entfaltet, beinhaltet auf der einen Seite den Einfluss der Beiträge von Zivilgesellschaft und Intellektuellen. Auf der anderen Seite aber und vielleicht wichtiger noch ist sie ein Produkt der von Ismail Cem vertretenen Vision einer Türkei, "die sich nicht vor sich selbst fürchtet sondern im Gegenteil ihr Potenzial, den Nachbarn, der Region und der Welt aktive Impulse gibt", die er selbst umzusetzen versuchte. Der durch diese außenpolitische Vision ermöglichte Paradigmenwechsel in den griechisch-türkischen Beziehungen von Feindschaft/Misstrauen zu Freundschaft/Konstruktivität hat Ismail Cem zusammen mit dem seinerzeitigen griechischen Außenminister Yorgo Papandreu im Jahr 2000 den vom West Ost Institut in New York vergebenen Preis "Staatsmann des Jahres 2000" eingetragen. Auch wenn das Prinzip von Freundschaft und Verbesserung der Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei bis heute sich vor allem sprachlich niederschlägt und bei der Umsetzung nach wie vor Probleme bestehen, so stellt es dennoch im Hinblick auf die Neuorientierung der türkischen Außenpolitik in den vergangenen Jahren einen Wendepunkt dar.

Ein ähnlicher Wendepunkt hat sich in der Amtszeit Ismail Cems als Außenminister auch in den Beziehungen zur EU ergeben, als 1999 die Türkei den Status eines Beitrittskandidaten errang. Dieser Wendepunkt wurde dadurch ermöglicht, dass Ismail Cem die Türkei als ein Land darstellte, das einen großen Beitrag zur Zukunft Europas leisten könne. Die Politik, die Ismail Cem zum Leben zu erwecken suchte, war der Ausgangspunkt für eine aktive, selbstbewusste und konstruktive Außenpolitik und diese Vision ist der Ausgangspunkt für die Vertiefung, die sie mit den Ereignissen in der türkischen EU-Beziehungen sowie der offiziellen Aufnahme der Beitrittsverhandlungen am 3. Oktober 2005 erfahren hat. Doch hat Ismail Cem mit seiner visionären Herangehensweise auch die Probleme in den türkischen EU-Beziehungen gesehen und das Problem gegenseitigen Misstrauens, das wir heute erleben, vorausgesehen. Die von der Bilgi Universität 2004 und 2005 publizierten Bücher "Türkei, Europa, Eurasien: Griechenland und Zypern" sowie "EU und Türkei", die jeder lesen sollte, der sich in der Türkei mit Außenpolitik und internationalen Beziehungen beschäftigt, beinhalten alle Details dieses realistisch-visionären Außenpolitikverständnisses. Sie zu lesen, bedeutet seiner zu gedenken.

 

 

 

 

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