Jahrgang 4 Nr. 10 vom 20.03.2007
 

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Das richtige Alevitentum

von Stefan Hibbeler

Am vergangenen Wochenende veranstaltete die Abant Plattform eine Diskussion zum Alevitentum. Die Abant Plattform gehört zu den wichtigen intellektuellen Diskussionsforen und ist dafür bekannt, dass es ihr gelingt, Menschen unterschiedlicher Positionen zusammen zu bringen. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund finden diese Veranstaltungen in der Regel ein breites Echo in der türkischen Öffentlichkeit. So auch diese Veranstaltung, zu der mir zwei Beiträge in der Tageszeitung Zaman und einer in der Milliyet auffielen. Dabei weckten zwei Aspekte mein Interesse: Zum einen die inhaltliche Wiedergabe der Veranstaltung, die den Aspekt der Bestimmung "Was ist eigentlich Alevitentum?" in den Vordergrund stellte und zum anderen der Unterschied in den Berichten beider Zeitungen.

Zu den Teilnehmern der Veranstaltungen gehörten Vertreter alevitischer Organisationen und Stiftungen wie die Haci Bektas Stiftung, die Cem Vakfi und die Föderation alevitischer Stiftungen, verschiedene Journalisten und Autoren, der stellvertretende Präsident des Amtes für religiöse Angelegenheiten Mehmet Görmez, sowie Politiker wie Bildungsminister Hüseyin Celik und der Vorsitzende der DYP Mehmet Agar.

Als heikel scheint sich die Frage herausgestellt zu haben, ob das Alevitentum Teil des Islams ist oder etwas eigenständiges. Offensichtlich ist, dass diese Frage unter den Aleviten durchaus kontrovers diskutiert wird. Während einige Dede ("Älteste") die Zugehörigkeit zum Islam betonen, gibt es andere, die sie in Frage stellen. Während im vergangenen Herbst die Entsendung von alevitischen Dede im Auftrag des Amtes für religiöse Angelegenheiten zu Diskussionen geführt hat, ob es sich dabei nicht um eine versteckte Assimilierungsstrategie handele, drängen alevitische Verbände andererseits darauf, die Cemevleri als religiöse Stätten anerkannt zu bekommen. Bisher wird den Aleviten rechtlich jedoch nicht der Status einer Religionsgemeinschaft zuerkannt, so dass die Cemevleri als "Kulturzentren" bewertet werden.

Vor diesem Hintergrund genießt die Frage der religiösen Zuordnung durchaus politische Dimensionen und praktische Folgen für die Möglichkeit, Alevismus zu praktizieren.

An dieser Stelle wiederum ist die unterschiedliche Berichterstattung von Zaman und Miliyet nicht uninteressant. Während die Zaman Konferenzbeiträge vorstellt, die die Zugehörigkeit des Alevismus zum Islam in den Vordergrund stellen, lenkt die Milliyet den Fokus auf den Widerstand, den einige alevitische Konferenzteilnehmer gegen eine "Fremdbestimmung" dessen, was Alevismus ist, vorbrachten.

Die Milliyet ordnet ihren Bericht mit Hinweis auf Fetullah Gülen in ein religiös-politisches Koordinatensystem ein, der wiederum mit der Tageszeitung Zaman assoziiert wird...

Wie die Konferenz wirklich verlaufen ist, werden wohl nur die Teilnehmer wirklich wissen und auch unter ihnen werden sich - je nach Standpunkt - unterschiedliche Versionen finden. Offenbar wird jedoch ein Dilemma, das zum einen das Alevitentum selbst betrifft und zum anderen die türkische Religionsverfassung.

Über Jahrhunderte vor allem mündlich überliefert und heute in einer großen Zahl von Stiftungen und Vereinen organisiert, scheint ein einheitliches Alevitentum nicht fassbar. Gerade die Vielgestaltigkeit, Pluralität und Individualität scheint zugleich etwas zu sein, was zumindest für Nichtaleviten einen großen Teil der Faszination ausmacht, die von der Religionsgemeinschaft ausgeht. Angesichts der Vielfalt gelebten Alevismus ist der Widerstand gegen Versuche, eine alevitische Lehre festzulegen, leicht nachvollziehbar. Im Hinblick auf ihre gesellschaftlichen Geltungsansprüche jedoch ist von einem Alevismus die Rede.

Das Problem wird verschärft durch die türkische Religionsverfassung. Das Präsidium für religiöse Angelegenheiten (Diyanet Baskanligi) ist eine staatliche Behörde mit Sonderstatus. Das Präsidium stellt das religiöse Personal der Moscheen während die religiösen Stätten durch Stiftungen und Vereine verwaltet werden, die überwiegend unter der Aufsicht des Generaldirektorats für das Stiftungswesen stehen. Mit seinen Schriftenreihen, den vorgefertigten Freitagespredigten und Veröffentlichungen besitzt das Präsidium eine starke Gestaltungsmacht für den Islam in der Türkei. In den vergangenen Jahren hat das Präsidium im Hinblick auf den Alevismus Selbstkritik geübt und erklärt, die Frage über Jahre vernachlässigt zu haben. Zu den neuen Projekten gehört u.a. die Herausgabe von Schlüsselwerken des Alevismus.

Gerade hier aber begegnet das Präsidium für religiöse Angelegenheiten dem Verdacht verschiedener alevitischer Verbände, dass es darum gehe, den Alevismus zunächst dem Islam einzuverleiben und ihn auf diese Weise vollständig zu assimilieren. Das Problem, dass sich hier für die türkische Religionsverfassung stellt, ist die Herausforderung, im Dreieck zwischen Staat, Gesellschaft und Religionsgemeinschaften flexible Beziehungen zu ermöglichen, die den vorhandenen Pluralismus bewahren können.

 

 

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