Jahrgang 4 Nr. 13 vom 10.04.2007
 

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Eine „Çaykur“-Geschichte

Von Dr. Süheyla Altay

(Übersetzung aus dem Türkischen von Stefan Hibbeler)

Was hat mir meine Liebe zum Tee der Marke Çaykur schon für Ärger eingetragen. Ach wenn Sie wüssten!...
Ob es im Norden, im Süden oder in Istanbul ist – ich brauche meinen Çaykur. Und was mir deshalb alles zugestoßen ist, kann ich gar nicht aufzählen. Ach Freunde, man hat uns vergiftet! ... Was sie wissen sollten: Als wir sieben oder acht Jahre alt waren, sagte man uns: „Kauft einheimische Produkte“. Sie banden uns Sammelbüchsen für den Kizilay (das Gegenstück zum Roten Kreuz: der „rote Halbmond) vor die Brust und ließen uns auf dem Kizilay (zentraler Platz in Ankara) Spenden sammeln. Selbst fünf Pfennig warfen wir in die Büchse. „Es lebe der Stadt“, sagten wir dabei. Doch jetzt stecken sie Millionen von Dollar in die eigenen Taschen. Es ist wohl offensichtlich, dass die sich früher keine Sammelbüchsen um den Hals gebunden haben. Woher sollen sie dann auch wissen, wie wichtig fünf Pfennig für die Türkische Republik sind?
Sind wir auf die Pfennige hereingefallen? Oder auf die Sammelbüchsen? Oder etwa auf die Dollar, die niemals unsere werden und niemals unsere werden sollen?

Das ist es, wohin mich meine Çaykur-Liebe bringt. Es ist einfach eine verrückte Leidenschaft. Ich habe einen Freund. Dem konnte ich es auch nicht erklären. Woher soll er auch wissen, dass meine Liebe zu Çaykur die Liebe zu meiner Heimat ist? Kann er nicht wissen. Schließlich hat er nie voller Stolz die Spendenbüchsen des Roten Halbmond getragen. Wenns nach ihm geht, trinkt er mal Ceylon, mal arabischen Tee… Wo liegt der Unterschied? Mal Heimat, mal Europa! Wen kümmerts?

Einmal schaute ich abends müde beim Lebensmittelhändler rein. … „Çaykur-Tee bitte“, sagte ich. Ich sagte auch, dass, wenn es diesen Tee nicht gibt, ich keinen anderen möchte. Der Händler war ein junger, blonder, kräftiger Mann mit Grundschulabschluss in den Zwanzigern. Seinen Militärdienst hat er noch nicht gemacht. Auf meine Çaykur-Leidenschaft reagierte er mit dem in den letzten Jahren mit abscheulicher Häufigkeit wiederholten Satz „Hallo Türkei! Wo auch immer Du lebst…“ Er verspotte mich und meine patriotischen Gefühle.

Der junge Händler hat ein Kind. Wer wird dem lehren, was heimische Produkte, was türkische Produkte sind? McDonalds, Danone, Levi’s oder sonst etwas wird man ihm erzählen. Aber der junge Mann hat eines noch nicht erlebt. Er führt einen Laden. Der wird in drei, vier oder fünf Jahren geschlossen. Denn der „heldenhafte Einzelhändler“ erliegt dem Supermarkt. Ihm ist das nicht bewusst. Möge er beten. Er hat Felder im Dorf seines Großvaters. Doch wohin sollen die gehen, die keine Felder haben?

Vor Jahren in Berlin. Meine polnische Freundin Tina erzählt: „Süheyla, die Nazis sind gekommen. Posnan wurde besetzt. Auf unseren Feldern haben wir Kartoffeln gezogen. Die haben wir den Nazis gegeben. Meine Mutter und ich haben uns auf die Schienen gelegt, damit sie uns die Kartoffeln nicht wegnehmen. Aber sie haben unser Brot, unsere Kartoffeln mit Gewalt an sich gerissen. Wir hungerten. Wir flohen aus unserem Land, kamen nach Deutschland. Ich sehne mich nach meiner Heimat.“

Der junge Händler hat noch ein Dorf, in das er gehen kann. Doch wohin wird später sein Kind gehen? Zu mir hat er gesagt „Hallo Türkei“ – Ich sage mit Wehmut „Servus Türkei“.

Das türkische Original als PDF

 

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