Jahrgang 4 Nr. 14 vom 17.04.2007
 

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Alevitische Jugendliche in Deutschland
Engagiert, willensstark und zuversichtlich

von Ali Sirin

Gedankenverloren sind die Jugendlichen, die den melancholischen Klängen des Saz’ (Langhalslaute) lauschen. Behänd zupfen die Finger der jungen Frau die Saiten der Saz und singt die Strophen zu der Musik. Beim Refrain singen alle Jugendliche mit, die einen laut aus dem ganzen Herzen, die anderen trübsinnig leise. Einige schunkeln ergriffen. Eine traurige, schwermütige Atmosphäre herrscht, als ob alle gleich im Kollektiv weinen würden. Sevil Ates, eine 22-Jährige Studentin aus der westfälischen Stadt Münster, wo sie Lehramt studiert, reicht die Saz an den Nächsten weiter. Sie lächelt und wirft ihre schwarzen Haare hinter den Rücken. „Diese Lieder, die wir Deyis nennen, geben meist traditionelle und religiöse Erzählungen und Gedichte alevitischer Dichter wieder“, erklärt Sevil: „in der die Sehnsucht nach der Wahrheit, der Liebe und einem friedlichen Zusammenleben zum Ausdruck kommen.“

Der 19-Jährige Cihan Bozkurt aus Remscheid nickt zustimmend. „Diese Gedichts- und Singtradition wird nach wie vor von berühmten Sängerinnen und Sängern praktiziert, in der das Politische ebenso nicht zu kurz kommt.“ Diese Deyis können als Traueroden Anatoliens bezeichnet werden und begeistern nach wie vor generationsübergreifend alle Alevitinnen und Aleviten. Viele alevitische Jugendliche erlernen das Saz- Spiel, das in vielen Gemeinden gelehrt wird und fast schon zum „Aleviten-Sein“ dazugehört.

Die Konversationen unter den Jugendlichen sind rege, fundiert und gar forsch. Obwohl sie ein anstrengendes Jugendseminar hinter sich haben, diskutieren sie untereinander weiter über das Alevitentum, über politische Geschehen in Deutschland und in der Türkei und über die zeitraubende und manchmal anstrengende Jugendarbeit. „Trotzdem versuchen wir, unser Gegenüber aussprechen zu lassen“, schmunzelt Nehir Basaran, der in Duisburg lebt und zurzeit der Vorsitzende der AAGB (Bund der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland) ist. Viele Jugendliche investieren viel Zeit in die Jugendarbeit, müssen manchmal die Erwachsenen überzeugen und nach alternativen Fördermöglichkeiten für Projektideen suchen. Für den Sozialpädagogen ist es nicht leicht, Beruf, Freizeit und Engagement unter einen Hut zu bekommen. Aber neue Freundschaften, angenehme Abende wie diese entschädigen manch nervenaufreibende Arbeit.

Nicht nur die musikalische Tradition wird von einigen engagierten Jugendlichen gepflegt, sondern ebenso die religiösen Riten in den Cem- Zeremonien. Die verstärkte
Urbanisierung in der Türkei ab 1950, die auch die alevitischen Dörfer in ihren Sog geführt hat, führt zu einer starken Säkularisierung unter den Aleviten, so dass das Alevitentum, die stets mündlich vermittelt wurde, mehr und mehr in den Hintergrund gerät. Jugendliche bringen Jugendliche nun selbst religiöse Riten unter Aufsicht eines jungen Geistlichen bei, lehren ihnen die zwölf Dienste, die dazugehörigen Aufgaben sowie die Bedeutungen der einzelnen religiösen Riten und führen eine Cem- Zeremonie durch. „Um die Jugendlichen zu erreichen, führen wir unseren Cem auch in der deutschen Sprache durch“, erklärt Cem Kara aus Kerpen. Für viele Jugendliche sind die alten Gebets- und Rosensprüche in der zumeist alttürkischen Sprache schwer verständlich. Diese Einstellung, Tradition mit Moderne zu verknüpfen, zeigt, dass viele alevitische Jugendliche in der deutschen Gesellschaft angekommen sind. 

Die Gastarbeiterwanderung Ende der 1960er Jahre nach Deutschland erfasst ebenso die Aleviten, die ihr Glück in diesem Land suchen. Selbst in der Ferne verheimlichen sie ihre Identität, suchen dennoch die Nähe zu den Glaubensbrüdern. Nach dem Militärputsch und der Niederschlagung der linken Bewegung suchen viele Aleviten wieder in ihrem Glauben einen Rückhalt. Ende der 1980er Jahre erfolgt ein Veränderung innerhalb der alevitischen Gemeinden statt. Vor allem in der deutschen Diaspora organisieren sich die Aleviten und gründen einen alevitischen Dachverband, die AABF. Selbstbewusst tragen sie seitdem ihre Identität in der Öffentlichkeit vor. Viele Jugendlichen tun dies mit einem „Zülfikar“, der Name des Schwertes des Heiligen Ali sowie ein Symbol für Gerechtigkeit, als Anhänger an der Kette um ihren Hals. Ohne Scheu fordern die Aleviten vom türkischen Staat ihre Rechte. Der Massaker in Sivas 1993 traumatisiert jedoch die Aleviten. Seither gedenken sie jedes Jahr der Opfer des Massakers, deren Porträts an den Wänden des Saals der AABF in Köln hängen.

„Wir haben innerhalb kurzer Zeit sehr viel erreicht“, betont Deniz Aksu aus Hamburg. Über die Vermittlung des alevitischen Glaubens hinaus organisieren die Jugendlichen Seminare, Lesungen oder Studienfahrten. Viel hängt vom Engagement der Jugendlichen, fehlt diese, kommt auch nichts zustande. Eine von diesen Engagierten ist Gülden Sezer aus Duisburg. Sie stammt ebenso aus einer geistlichen Familie und gilt als „Ana“ und könnte bald als Frau eine Cem- Zeremonie leiten. „Althergebrachte Traditionen und Wertvorstellungen“ müssen offen diskutiert und in Frage gestellt werden“, erklärt sie. Ihrer Meinung nach muss die ältere Generation der jüngeren mehr Vertrauen schenken.

„Alevite zu sein, heißt meistens auch, politisch zu sein und Oppositionsarbeit zu betreiben“,
sagt Ali Dogan, der mit 24 Jahren wahrscheinlich der jüngste Vorsitzende einer Alevitischen Gemeinde in Deutschland ist. Der Jurastudent hat einen besonnen Blick und seine große Statur verleiht ihm etwas Hünenhaftes. In Bünde hat er in einem Jahr sehr viel bewegt. Die Jugendarbeit ist verstärkt, ein neues Gebäude ist gekauft und neue Mitglieder sind angeworben worden. „Ziel ist es zum einen, das Engagement unter den Aleviten zu verstärken, und zum anderen, in der Kommunalpolitik ein Mitspracherecht zu haben“, sagt
der Jurastudent. „Manchmal aber sehne ich mich wieder nach mehr Muße“, so der Student, denn die Arbeit in der Gemeinde beansprucht sehr viel Zeit und auch Nerven. Aber die Entscheidung, dieses Amt übernommen zu haben, bereut er nicht.

„Wir haben ein gutes Netzwerk in Deutschland geschaffen“, erklärt Gülsah Bayram aus Frankfurt, „dieses zu erhalten und aufzubauen bleibt eine wichtige Aufgabe“. Sie selbst studiert Sozialwissenschaften und ist seit mehreren Jahren aktiv dabei. Für sie hat sich das Engagement gelohnt, denn es stärkte ihr Selbstbewusstsein. Wie viele andere auch, lernte sie vor vielen Leuten ohne Nervosität zu sprechen oder große Veranstaltungen zu organisieren. Jugendliche bekommen in den Gemeinden die Möglichkeit, ihre eigenen Ideen in die Praxis umzusetzen.

Auf die vermeintlich leichte Frage, warum sich die Jugendlichen überhaupt engagieren, fällt vielen Jugendlichen die Antwort nicht leicht. Von Partizipation ist da die Rede, von Spaß, aber vor allem von der Verantwortung dem Glauben gegenüber und vor allem den Opfern des Fundamentalismus gegenüber, die aufgrund ihrer Glaubenszugehörigkeit ihr Leben lassen mussten.

 

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