Jahrgang 4 Nr. 22 vom 20.06.2007
 

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„So etwas wollen wir hier nicht akzeptieren“

- Der Fall Hatun Sürücü und seine Folgen -

von Rechtsanwältin Dr. Susanne Benöhr-Laqueur
und Sanem Karakocogullari, Cand. jur. sowie Migrantenberaterin für junge türkische Frauen bei der AWO in Bremerhaven

 

Die junge attraktive Frau hatte keine Chance. Arglos trat sie ihrem Bruder an einem dunklen Februarabend im Jahre 2005 gegenüber, als dieser die Waffe zog und ihr dreimal in den Kopf schoß.(1) Zwei Kugeln zerrissen ihr das Gesicht, die dritte Kugel durchschlug den Kopf am rechten Ohr. Als der Notarzt kam glimmte in der Hand der 23-jährigen noch die Zigarette.(2) Warum musste Hatun Sürücü sterben? Drei Gymnasiasten mit Migrationshintergrund fassten es kurze Zeit später in einem sehr einfachen Satz zusammen: „Die hat doch selbst Schuld. Die Hure lief rum wie eine Deutsche“.(3) Der Fall Sürücü wurde zum Politikum und er gilt vielen Deutschen seitdem als der Inbegriff des „Türkischen Ehrenmordes“.

Sieben Monate lang quälte sich das Landgericht Berlin durch den Prozeß. In dieser Zeit verhöhnten die drei angeklagten Brüder die Große Strafkammer, indem sie dazwischenredeten, herumlachten und sogar den Staatsanwalt verbal attackierten: „Halt
Deine Klappe!“.(4) Als schließlich zwei der Angeklagten aufgrund von Mangeln an Beweisen freigesprochen werden mussten und der jüngste Bruder zu einer Jugendstrafe von 9 Jahren und 3 Monaten verurteilt wurde, war die öffentliche Empörung heftig aber kurz.

Wer jedoch glaubt, der Fall „Hatun Sürücü“ sei damit vergessen, der irrt. Wie es scheint, hat bei den Strafverfolgungsbehörden, der Justiz und in der Öffentlichkeit ein erfolgreicher Sensibilisierungsprozess bezüglich dieser migrationsbedingten Straftaten eingesetzt. Flankiert wird diese positive Entwicklung durch den momentanen Generationswechsel in der deutschen Justiz und die vermehrte Einstellung junger Frauen in den Polizeidienst. Im Zweifel hat nunmehr der Richter oder die Richterin (!) bereits mit Migranten die Schulbank geteilt. Außerdem finden Polizistinnen im Gespräch von „Frau-zu-Frau“ einen völlig anderen Zugang zum Opfer. Darüber hinaus sollte man die öffentlichen Auswirkungen des Mordes an Hatun Sürücü nicht unterschätzen: Passanten und Nachbarn sind aufmerksamer geworden und rufen früher die Polizei.

 

„...wie deutsche Mädchen leben zu können“

Eben diese drei Faktoren verhinderten vor zwei Jahren in Bremen die Entführung einer sechzehnjährigen Kurdin und die bereits geplante Zwangsheirat in der Türkei. Die junge Frau war aus dem elterlichen Haus geflohen, „um wie deutsche Mädchen leben zu können“.(5) Nachdem die ältere Schwester sie ausfindig gemacht hatte, wurde sie mit Gewalt aus der Wohnung einer Freundin gezogen. Im Auto vor dem Haus warteten bereits der Schwager und eine weitere Schwester, die das Mädchen mit Schlägen und Bissen gefügig machen wollten. Die Nachbarn alarmierten die Polizei, die den Wagen anhielt. Dort fanden sie eine „tränenüberströmte und verängstigte“ junge Frau, die auf dem Polizeirevier erklärte, man wolle sie gegen ihren Willen verheiraten.(6) Zudem schwebe sie in großer Angst, dass man sie für ihren Ungehorsam umbringen wolle.

 

„Du weißt, was Du zu sagen hast“

Selbstverständlich hatte das Verhalten der Schwestern sowie des Schwagers juristische Folgen. Ein Jahr später mussten sie sich wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung vor dem Amtsgericht in Bremen verantworten.(7) Bereits auf dem Gerichtsflur wurde Tacheles geredet. In Hörweite der Gerichtsreporterin erklärte man der jungen Frau: „Du weißt, was Du zu sagen hast. Die blauen Flecken hattest Du bereits vor dem Zwischenfall.“(8) Getreu den familiären Vorgaben, erklärte diese sodann dem Amtsrichter: „Bei der Polizei habe ich nur gelogen“. Ihre ältere Schwester habe ein Recht gehabt sie zu schlagen: “Außerdem waren die Verletzungen nicht so schlimm. Sie ist die Ältere. Sie darf mich ohrfeigen.“(9) Eine solche Situation, in der die „Kronzeugin“ ihre Aussage vor Gericht widerruft, ist für die Strafverfolgungsbehörden verheerend. In dieser Lage tendieren nicht wenige Richter und Staatsanwälte dazu, die Sache „fallen zu lassen“ und das Verfahren einzustellen. Der junge Amtsrichter tat nichts dergleichen. In stundenlangen Vernehmungen hörte er die am Einsatz beteiligten Polizistinnen, die dem Opfer Glaubwürdigkeit bescheinigten und angaben, dass die junge Frau große Angst gehabt habe, „obwohl wir bereits vor Ort waren“.(10)

„Warnschuß“

Beide Schwestern wurden wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt – und sind damit vorbestraft. In seiner Urteilsbegründung betonte der Richter, dass er davon ausginge, dass die Zeugin unter Druck gesetzt worden sei: „Das Urteil ist ein Warnschuß. So etwas wollen wir hier nicht akzeptieren.“(11) Ob diese richterliche Entscheidung wirklich eine erneute Entführung und die geplante Zwangsehe verhindern kann, wird die Zukunft zeigen. Fakt ist jedoch, das dieser türkischen Familie deutlich die Grenzen aufgezeigt worden sind. Das konnte aber nur gelingen, weil Zeugen schnell die Polizei riefen, junge Polizistinnen sich um das Opfer kümmerten, der Amtsrichter die Komplexität des Falles erkannte, kritisch nachfragte und einen Zweifel an seiner Autorität im Gerichtssaal erst gar nicht aufkommen ließ.

 

„...das Beste für alle“

wollte auch die Familie einer 20-jährigen Türkin aus München. Als sie und ihr gleichaltriger deutscher Freund sich partout nicht trennen wollten, entführte ihre gesamte Familie - Vater, Mutter und Bruder - den jungen Mann Mitte Dezember 2006 in ihrem Wagen.(12) Im Fahrzeug wurde er beschimpft, mehrmals in das Gesicht geschlagen und seines Mobiltelefons beraubt. Auf einem Sportplatz wurde er unter Todesdrohungen dazu aufgefordert, die Beziehung zur Tochter bzw. Schwester zu beenden. Die gesamte Entführung dauerte 1 ½ Stunden. An einer Tankstelle gelang ihm schließlich die Flucht: Dabei sei er „um sein Leben gelaufen“, so der ermittelnde Kriminalbeamte.(13)

 

„Vorstufe zum Ehrenmord“

Am 24.5.2007 verurteilte das Münchener Landgericht den Vater (58 Jahre) zu drei Jahren und neun Monate in Haft. Der Bruder (27 Jahre) wurde zu drei Jahren und drei Monaten verurteilt, die Mutter (54 Jahre) zu einem Jahr und sechs Monaten.(14) Alle Strafen wurden ohne Bewährung ausgesprochen, d.h. die Familie wird ihre Gefängnisstrafe abbüßen müssen.(15) Eine harte Strafe – denn die drei Angeklagten sind nie polizeilich in Erscheinung getreten und zeigten sich reumütig. Aber das Gericht sah die Vorwürfe des erpresserischen Menschenraubs in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung als erwiesen an. In seiner Urteilsbegründung bezeichnete der Vorsitzende Richter das Geschehen als „Vorstufe zum Ehrenmord“.(16) Das treibende Motiv der Tat sei die Wahrung der so genannten Familienehre gewesen.

 

Rebellische Töchter ?!

Grundsätzlich trägt die Frau die Bürde der Familienehre und von ihrem gesellschaftlichen Verhalten hängt das Ansehen der Familie ab. Insbesondere bei Familien mit einer starken traditionellen Haltung und einem geringem Bildungsniveau besteht daher die Gefahr, dass sie die Freiheit ihrer Töchter einschränken, um sich nicht dem hämischen Gespött der Community auszusetzen. In jüngster Zeit wird jedoch erkennbar, dass Frauen, die selber einer sehr strengen Familientradition ausgesetzt waren, ihren Töchtern den erforderlichen Lebensraum zur freien Persönlichkeitsentfaltung einräumen. So neigen immer mehr junge türkische Frauen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, dazu sich im Konfliktfall gegen die eigene Familie und die Gemeinschaft zu stellen. Im Zuge dieser Entwicklung, ist z.B. ein klarer Anstieg der Beratungsgespräche bei der AWO in Bremerhaven zu verzeichnen.

 

„Hatun, unvergessen“

war das Motto einer Gedenkveranstaltung in Berlin am 7.2.2007.(17) In der Tat, ist dem Vorsitzenden Richter vorbehaltlos zuzustimmen, als er am letzten Prozesstag den Brüdern Sürücü und ihren Freunden, die sich im Gerichtssaal drängten sagte, dass es „ ganz selbstverständlich“ sei, „dass jede Frau, gleich welcher Nationalität, egal, welchen Paß sie hat, hier leben kann, wie sie will.“(18)Man(n) sollte die deutsche Justiz auf keinen Fall unterschätzen.

 

(1) Siehe in diesem Zusammenhang den Wikipedia Artikel über Hatun Sürücü, LINK: http://de.wikipedia.org/wiki/Hatun_S%C3%BCr%C3%BCc%C3%BC. (zurück)
(2) „Hatun, unvergessen“, in: Der Tagesspiegel, 8.2.2007, LINK: http://www.tagesspiegel.de/berlin/;art270,1977703 sowie „Das Verfahren“, in: Der Tagesspiegel, 15.4.2006, LINK: http://www.tagesspiegel.de/berlin/;art270,2073843. Nach wie vor ist ein Revisionsverfahren beim Bundesgerichtshof anhängig.
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(3) Werner Schiffauer: „Schlachtfeld Frau“, in: Süddeutsche Zeitung, 25.2.2005, LINK: http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/474/48426/print.html .
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(4) Barbara Möller: „Freispruch für die großen Brüder“, in: Hamburger Abendblatt, 15.4.2005, LINK: http://www.abendblatt.de/daten/2006/04/15/553613.html?s=1.
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(5) Rose Gerdts-Schiffler: „Du weißt, was Du zu sagen hast“, in: Weser Kurier, 18.5.2006. (zurück)

(6) aaO. (zurück)

(7) Amtsgericht Bremen, Geschäftszeichen: 94 Ds 230 Js 8893/05. (zurück)

(8) siehe FN. 5. (zurück)

(9) aaO. (zurück)

(10) aaO. (zurück)

(11) aaO. (zurück)

(12) Monika Maier-Albang: Entführung im Namen der Ehre, in: Süddeutsche Zeitung, 19.12.2006, LINK: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/artikel/669/95574/.
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(13) aaO. (zurück)

(14) Landgericht München I, Geschäftszeichen: 2 KLs 114 Js 12862/06. (zurück)

(15) Alexander Krug: „Geiselnahme im Morgengrauen“, in: Süddeutsche Zeitung, 26.4.2007, LINK: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/artikel/700/111589/ und „Vorstufe zum Ehrenmord“, in: Süddeutsche Zeitung, 24.5.2007, LINK: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/artikel/637/115522/.
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(16)„Vorstufe zum Ehrenmord“, in: Süddeutsche Zeitung, 24.5.2007, LINK: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/artikel/637/115522/.
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(17) FN. 2 (zurück)

(18) Während der Gedenkveranstaltung kam es zum Eklat, als die Eltern in einer Erklärung bekannt gaben, dass sie unverändert wegen des schweren Verlustes trauern würden, vgl. „Hatun, unvergessen“, in: Der Tagesspiegel, 8.2.2007, LINK: http://www.tagesspiegel.de/berlin/;art270,1977703. (zurück)

 

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