Jahrgang 4 Nr. 22 vom 20.06.2007
 

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Ein bisschen hüzün über Galata

Von Claus Stille

Es ist schon ein paar Jahre her. Ein klappernder Ikarus-Bus mit augenscheinlich etlichen Dienstjahren auf der Karosse hatte zischend und rasselnd in Güngören gestoppt, uns eben dort aufgepickt und dann doch verblüffend zuverlässig nach Eminönü befördert. Gehörig aufgeheizt von der unablässig auf die blecherne Haut des Stadtbusses ballernden Sonnenglut und der aus dessen Bauch aufsteigenden höllischen Hitze des angestrengt Dienst tuenden grummelnden Diesels, „spuckte“ uns das Gefährt mit unangenehm von Schweiß durchfeuchteter an der Haut festklebender Kleidung auf den vor Menschen nur so wimmelnden Halteplatz hinaus ins Freie.

In Sichtweite des Ägyptischen Basars hielten wir nur kurze Zeit inne und schnappten nach so gut wie nicht vorhandener Luft. Verbrauchte Luft ausstoßend, kam ich mir wie ein überhitzter Pfeifkessel auf voll aufgedrehter Gasflamme vor, dem das Wasser verkocht war. Und aller Wahrscheinlichkeit nach sah ich ebenso aus...

Wir konnten die im gleißenden Sonnenlicht Erfrischung vorgaukelnden blinkenden Wasser des Goldenen Horns fast zum Greifen nahe sehen. Doch die Erfrischung blieb so etwas wie eine Fata Morgana im kochenden Häusermeer der tosenden Mega-Metropole Istanbul. Fühlten sich von den Wellen an Land geworfene Fische so? Wer weiß. Wir erinnerten uns vage daran Menschen zu sein und probierten deshalb immer wieder Luft zu holen. Vergeblich. Wir atmeten doch nur ein an Sauerstoff äußerst armes Luftgemisch mit hohem Benzin- und Dieselabgasanteil ein.

Die leichte Brise, welche unsere wie bleiern auf wackeligen Füßen dahin schlurfenden schwitzenden Körper auf der Galata-Brücke eine Weile lang sanft durch deren Geländer hindurch, von wo aus wie immer zahlreiche Angler ihre Ruten hinab ins Wasser hielten, umspielt hatte, war nahezu ohne erfrischende Wirkung auf uns geblieben.

Nach einem kurzen Abstecher zum PERSEMBE PAZARI (Donnerstag – Markt) im Stadtteil Galata - wo Verkäufer mehr oder weniger der prallen Sonne und den Abgasen gefährlich nahe vorbei rauschender Autos ausgesetzt, eine breit gefächerte Palette verschiedenster Werkzeuge, Schraubenschlüsselsätze, Hämmer, Sägen etc. feil boten - kehrten wir um und bewegten uns schließlich unterhalb der Galata-Brücke entlang am Ufer des Goldenen Horns ein Stück in Richtung Atatürk-Brücke.

Auf dem von leichten Wellen gekräuseltem Gewässer waren kleine Boote in beiden Uferrichtungen hin und her unterwegs. An Bord Touristen, welche sich von ihren jeweiligen Fährmännern in Ruder- bzw. Motorbooten zum jeweils anderen Ufer übersetzen ließen.

An unserer Uferseite passierten wir einige Schiffsskelette und abgewrackte Boote unterschiedlicher Größe, welche teilweise mit den Rümpfen nach oben in verschiedensten Stadien der Verrottung auf eine neue Verwendung oder vielleicht auch ihr endgültiges Aus warteten. Auch dicke rostige Ankerketten lagerten kreuz und quer vor verlassen wirkenden mehr oder weniger heruntergekommenen Lagerhäusern. Zum Teil waren sie von nun im Hochsommer bereits von der Sonnenglut ausgedörrtem Gras überwuchert.

Nach wenigen Metern geleitet uns Nazli rechts auf einen unbefestigten Weg, welcher vom Ufer weg nach oben führte. Auf halbem Wege hatten wir unser Ziel fast erreicht. Wir waren erschöpft und durstig. Eine relativ schmale Gasse - links und rechts von flachen grauen Gebäuden gesäumt -

tauchte vor unseren Augen auf. Sie brannten vom Smog und den immer wieder von der Stirne herab rinnendem Schweißtropfen leicht. In unregelmäßigen Abständen sah man von Gebäudewand zu Gebäudewand gespannte Decken oder Planen, welche als Schutz vor der Sonne über die staubige Gasse hinweg gespannt worden waren.

Hammerschläge drangenn an unsere Ohren. Ping. Ping. Pingpingping...

Mit der Stille am Ufer des halic war es nun vorbei. Sägegeräusche durchschnitten die Luft. Irgendwo hinter einem der Gebäudewände schien ein Schraubenschlüssel zu Boden gefallen zu sein. Dem Geräusch folgte das Fluchen eines für uns nicht sichtbaren Mannes. Allah halla! Von woanders her hörte es sich an, als würden dort Bleche gewölbt.

Da und dort vor den einzelnen Werkstätten saßen ältere Männer mit zerfurchten Gesichtern auf zerbrechlich aussehenden Sitzgelegenheiten. Ihre Hände und Unterarme waren rußig schwarz. Auch ölig. Sie griffen in Abständen nach gefüllten Teegläsern und schlürften sie aus.

Andere rührten gerade einen heißen dampfenden frischen Tee um, in den sie zuvor ein oder mehrere Zuckerstückchen geworfen hatten.

Ein Junge, schätzungsweise um die zehn Jahre alt, hatte den Tee samt Gläsern und allem sonst, was dazu gehört, gebracht. Er „flog“ mit seinem Tablett zwischen klapprigen Hockern und vergleichsweise stabil wirkenden, ursprünglich einmal weiß gewesenen, Plastikstühlen und darauf sitzenden mehr oder weniger alten Arbeitern hin und her. Die Männer gaben ihm Geld. Er bedankte sich brav und schwirrte weiter. Auch der Junge war Schmutz verschmiert. Die nackten, in kaputten Sandalen steckenden, Füße, die Oberarme und Hände. Sogar die Wangen. Überhaupt wirkte in dieser merkwürdigen – von in der Nähe womöglich vorbeigehenden Touristen nicht zu vermutenden – Gasse der Metallhandwerker alles düster und Schwarz. Sogar die Decken und Planen, welche irgendwann als Schutz vor der Sonneneinstrahlung über sie halbwegs fachmännisch gespannt oder nur scheinbar halbherzig hinweg geworfen worden waren, hatten schon diese Farbe angenommen.

Nazli führte uns geradewegs zu einer geöffneten Tür an der Stirnseite der Gasse. Die Blicke der Tee schlürfenden ölverschmierten Männer folgten ihr. Sie waren nicht gieriger Natur. Mir kamen sie eher verwundert vor. Vielleicht weil die in Elazig geborene aber schon lange in Istanbul lebende Frau mit ihrer nur knielangen Hose einer westlichen Touristin glich? Oder, weil die Männern meinten, eine Frau gehöre nicht in ihre Handwerker-Gasse? Tatsächlich, so fällt mir ein, wirkte eine Frau dort wie ein plötzlich vom Mond gefallenes Etwas. Wir alle. Schon wegen unserer hellen, noch dazu sauberen Kleidung, die uns allein schon als Fremdkörper, als nicht Werktätige, verriet.

Es ging ein paar Stufen hinab in eine winzige Werkstatt. Dort roch es nach Schmiere, Staub und Eisen. Trotzdem eine an der rußgeschwärzten Decke befestigte, allerdings ziemlich verstaubte, Leuchstoffröhre relativ gutes Licht gab, hatte man das Gefühl in eine Höhle zu treten. Eine Arbeits-Höhle. Nach einer Weile erkannte ich erst, wie dermaßen voll gestopft sie mit Werkzeugen, Geräten und Maschinen war! Bohrmaschinen, ein Schleifbock und eine Drehmaschine waren dicht an dicht aufgestellt worden. Deren einzelne maschinenbezogenen Arbeitsleuchten hatte man mit herkömmlichen Allgebrauchslampen bestückt, weshalb deren Licht in dieser ansonsten so düsteren Umgebung angenehme gelbe Lichttupfer setzte. Fast täuschten sie inmitten dieses nüchternen Maschinenparks im Innern der Arbeits-Höhle eine Art Kerzenscheinromantik vor.

Schließlich erscheint auch der etwa 45-jährige Meister. Im Vergleich zu den schwarzen alten Männern aus den anderen Werkstätten trat er uns überraschenderweise in einem sauberen langen blauen Kittel entgegen. Mich als Gast aus Deutschland drückte er nach der überaus freundlichen Begrüßung auf einen Stuhl, den ich eigentlich Nazli hatte überlassen wollen. Aus einem alten Radio mit grün wabernden Magischem Auge kommt englische Popmusik. Der herbei gerufene Tee-Junge brachtet das vom Meister Georderte. Für mich ein eiskaltes Wasser. Gut gemeint. Ich jedoch nippte nur an der Flasche. Vorsichtshalber. So etwas, fürchtete ich nach unguten Erfahrungen, kann schnell auf Magen und Darm schlagen. Und ist dann keine Toilette in der Nähe...

Noch dazu keine Modern Tuvalet! - Modern WC! wie ich es irgendwo im touristischen Teil Istanbuls als Hinweis gelesen hatte. Nazli zieht mich seither damit auf. Soll sie. Ich hab' eben so meine Probleme mit den anderen Toiletten, mit diesem zwei Fußabdrücken und der Öffnung im Boden. Da erhält der Begriff Abtritt erst seine richtige Bedeutung...

Als der Usta sein nagelneues Handy herausholte, um nach der Uhrzeit zu schauen, fiel mir der eigentlicher Zweck unseres Besuches bei ihm wieder ein: Nazlis Bekannter sollte uns zum Galataturm bringen. Das tat er nun auch. Wir verließen urplötzlich die Werkstatt und durchquerten die dunkle Gasse der Handwerker. Wieder unter den leicht stutzenden Blicken der Tee trinkenden alten Schlosser. Hammerschläge auf Metall.- Ping. Pingpingpingping - begleiteten uns. Sie wurden schnell leiser. Dann – schon draußen im Mazda des Schlossermeisters im so sauberen blauen Kittel – unter dem sanften Rauschen der Klimaanlage waren sie dann ganz verstummt.

Dafür versanken wir samt Auto im Gedröhn und Gehupe des stets chaotisch anmutenden Istanbuler Straßenverkehrs. Noch einmal passierten wir die mit Schraubenschlüsselsätzen und Handbohrmaschinen handelten Männer vom PERSEMBE PAZARI. Und schon an der übernächsten Ecke wollte es mir scheinen, als sei der Abstecher in die düstre Handwerkergasse oberhalb des Ufers vom Goldenen Horn nur einer flirrenden, der erbarmungslosen Sommerhitze geschuldeten, vom unergründlichen menschlichen Gehirn mir nur vorgegaukelten, Phantasie entsprungen.

Nachdem der Usta seinen Japaner forsch eine steile, gepflasterte Gasse hinauf gelenkt hatte, stoppte er auf halber Höhe, wies uns den Weg durch eine andere, noch engere Gasse zum Galataturm, und verschwand so rasch wie eine Fee im Märchen, die ihre gute Tat erledigt hatte...

Ein paar Minuten später fuhren wir im Aufzug zur Aussichtsplattform des Galataturms empor. Zu unseren Füßen lag das so großartige, staunenswerte, chaotische, altmodische, hypermoderne, brodelnde, herrlich-schreckliche – einen im Grunde wohl nie ganz begreiflich werdende – Istanbul der unzähligen Kontraste.

Die tausend Geräusche der Stadt kamen dort oben sozusagen nur noch ohne „ä“ - also als ein Gerausche – an. Ergänzt wurde dies nur mehr durch die einzelnen Gesprächsfetzen der Touristen aus aller Welt – die auf Japanisch, Englisch, Chinesisch, Deutsch oder Französisch vermischt an unsere Ohren drangen - welche alle, gleich uns, immer wieder aufs Neue am Geländer der Aussichtsplattform entlang die Runde auf dem Turm machten. Weil man sich an Istanbul eben einfach nicht satt sehen kann.

Mein Blick verharrte lange weit draußen auf dem Wassern des Bosporus, wo kleine Boote und große Schiffe ihren jeweiligen mir unbekannten Zielen entgegen glitten. Dann schwenkte ich Kopf und Augenpaar gleich einer Kamera hinüber zum Busplatz, wo wir am späten Morgen, erschöpft vor Hitze unsere kleine Tour begonnen hatten.

Hier oben bekamen wir nun endlich, was wir da so ersehnt hatten: eine halbwegs erfrischende Brise!

Dann heftete ich meinen Blick auf die vielen Busse unweit des Ägyptischen Basars, die vom Galataturm aus wie Spielzeugautos aussahen.

Und eins war gewiss: einer dieser städtischen Busse würde uns bald schon, aufgeheizt, und voll mit anderen schwitzenden Passagieren wieder zurück nach Güngören bringen. In die Nähe von Nazlis' bescheidener und ebenfalls vor Hitze kochenden Wohnung im dritten Stock des abgewohnten alten Mietshauses. Einer ihrer Söhne würde spät abends von seinen Job als Sicherheitsmann einer jüdischen Einrichung kaputt nach Hause kommen und Englisch mit mir sprechen wollen.

Auch der andere ihrer Söhne, der es vorzieht von Mittag an nur in irgendwelchen Teestuben herum zu hängen, käme wohl wieder spät nach Hause. Dann würde er von seiner von einer kleinen Rente lebenden Mutter erwarten, dass sie ihm Tee und Essen bringt. In den Tee würde er mindestens sechs Stücke Würfelzucker tun und ihn umrühren. Dann dürften wir alle zusammen lachen, wenn er stolz sagt, „Ich bin von der Mafia“. Denn ich würde ihm wie jedes Mal antworten: „Ja, von der Zuckermafia!“

All diese Touristen da oben auf dem Turm aber, dachte ich damals so, die wären um diese Zeit dann wieder in ihren schönen klimatisierten Hotels.

So hat eben jeder seinen ganz eignen Blick auf Istanbul. Mir ging auf dem Galataturm so einiges durch den von der vom Bosporus kommenden angenehmen Brise umwehten Kopf. Nicht einmal das junge hübsche Mädchen mit dem tiefen Ausschnitt war für die hier oben anwesenden Männer eine besondere Sensation. Kurz stellte ich mir vor, sie ginge so angezogen, durch die Handwerker-Gasse unten am Goldenen Horn. Und plötzlich fühlte ich eine damals nicht näher ergründbare tiefe Traurigkeit in mir. Ich kannte zu dieser Zeit noch keine einzige Zeile von Orhan Pamuk.

Heute schwant mir: meine Traurigkeit könnte nicht nur Melancholie in unserem „westlichen“ Sinne, sondern gar ein klitzekleines Stück hüzün gewesen sein. Aber vielleicht auch nicht. Denn für die Istanbuler ganz spezielle hüzün genannte Melancholie müsste man ja eigentlich dort geboren sein...

 

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