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Jahrgang 4 Nr. 23 vom 27.06.2007
 

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Meinungsumfragen und Orakel

Menschen träumen davon, die Zukunft vorhersehen zu können. Sie haben, um diesen Traum zu verwirklichen, unterschiedliche Techniken entwickelt. Vom Orakel und Horoskop sind wir in modernen Zeiten zu Szenarien und statistischen Verfahren übergegangen. Doch neben der Tücke, dass die Wirklichkeit komplizierter ist, als die Modelle, mit denen wir sie abbilden wollen, ergibt sich früher wie heute das gleiche Problem: geht es dem Deuter darum, die Zukunft vorherzusehen oder verfolgt er andere Ziele?

Mitte Mai widmete die Tageszeitung Milliyet einen Artikel den Meinungsumfragen zu Parteipräferenzen. Sie stellte kurz sieben Umfrageergebnisse dar, die so offenkundig voneinander abwichen, dass sich der Leser fragen musste, ob sie den Regeln entsprechend angefertigt wurden. Seitdem ist ein Monat vergangen, doch eine Annäherung der Umfragewerte hat sich nicht eingestellt. Dies hat insbesondere in der vergangenen Woche zu der Diskussion geführt, ob die Veröffentlichung von Umfragen nicht vor allem Teil der Wahlkampfstrategien der großen Parteien seien.

In der vergangenen Woche hatte Ministerpräsident Erdogan bei einer Wahlkampfrede behauptet, dass Stimmen für unabhängige Kandidaten "verlorene Stimmen" seien. Betrachtet man die vorgelegten Meinungsumfragen, so liegt gerade bei der Bewertung der kleineren Parteien der springende Punkt: wer wird im kommenden Parlament in der Lage sein, eine Regierung zu bilden.

Betrachtet man zunächst den gemeinsamen Nenner der vorgelegten Umfragen, so besteht kein Zweifel daran, dass zumindest zwei Parteien nach dem 22. Juli ins Parlament einziehen werden: die AKP und die CHP. Als weitgehend konsensfähig scheint sich auch die Position durchzusetzen, dass voraussichtlich auch die MHP sowie einige unabhängige Kandidaten vertreten sein werden. Zum gemeinsamen Nenner gehört außerdem, dass die AKP als stärkste Partei, die CHP als zweitstärkste Partei dargestellt werden.

Manche Umfragen sehen außerdem voraus, dass die DP oder auch die Genc Parti den Sprung über die 10prozentige Sperrklausel schaffen könnten. Insbesondere für diese beiden Parteien jedoch besteht die Gefahr, dass durch die Veröffentlichung von Meinungsumfragen der Eindruck erweckt wird, sie hätten keine Chance. Dies könnte sie wertvolle Stimmen kosten, wodurch der Effekt einer sich selbst bestätigenden Prophezeiung eintreten könnte.

Zur Ehrenrettung der türkischen Meinungsforschung bleibt anzumerken, dass sie nach Vorlage ihrer Berichte die weitere Verwendung ihrer Daten nicht mehr in der Hand haben: In einem Pressebericht wurde mit Verweis auf ein ernstzunehmendes Meinungsforschungsinstitut gemeldet, dass sowohl die Demokratische Partei als auch die Genc Partei mit jeweils 11 Prozent im kommenden Parlament vertreten sein werden. Man muss über keine tiefgreifenden Statistikkenntnisse verfügen, um diese klare Aussage zurückzuweisen. Umfragen beruhen auf Stichproben. Stichprobenuntersuchungen verfügen über eine Fehlertoleranz die bei 1,5 % oder 5 % angesetzt werden kann. Bei einer Fehlertoleranz von 1,5 % und einer 10-prozentigen Sperrklausel für den Einzug ins Parlament kann für eine Partei mit einer Präferenz von 11 % unter den Befragten nicht ausgesagt werden, dass sie den Einzug ins Parlament schafft... Es bleibt offen: ihre Anteil kann bei 12,5 % oder bei 9,5 % liegen...

Für die Bewertung des Ergebnisses der Wahlen vom 22. Juli kommt noch ein weiterer Faktor hinzu, der die Beantwortung der Frage, wer die nächste Regierung stellt, weiter verkompliziert. Es wird davon ausgegangen, dass fast die Hälfte der Abgeordneten des jetzigen Parlaments im neuen nicht mehr vertreten sein wird. Bei der Kandidatenaufstellung hat es ein Bündnis zwischen CHP und DSP gegeben. Außerdem wurden zahlreiche Transfers von konservativen Politikern zur CHP sowie von linken und liberalen Politikern zur AKP vorgenommen. Ob die transferierten Politiker und die DSPler wirklich bei der Partei bleiben, mit der sie ins Parlament gewählt werden, ist durchaus offen. Insbesondere bei einem Szenario, bei dem die AKP zwar stärkste Partei wird, ihr aber eine geringe Zahl von Abgeordneten zur absoluten Mehrheit fehlte, können Aus- und Übertritte von Abgeordneten den Ausgang der Regierungsbildung bestimmen.

Vor diesem Hintergrund bleibt bei aller Sehnsucht, die Zukunft voraussehen zu können, nichts anderes übrig, als den 22. Juli abzuwarten und den Prozess der Regierungsbildung zu verfolgen...

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Last modified: 28.12.2003