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Jahrgang 4 Nr. 23 vom 27.06.2007
 

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Fall des in Antalya inhaftierten Marco W. schlug verspätete Wellen in Deutschland

Von Claus Stille

In den letzten Tagen beschäftigte der Fall des in Antalya inhaftierten Uelzener Schülers Marco W. die deutschen Medien außerordentlich stark.

Dabei erfolgte die Verhaftung des Deutschen durch die türkische Polizei bereits Ostern.

Dem 17-jährigen deutschen Schüler wird sexueller Missbrauch eines Kindes vorgeworfen.

Marco W. weilte während seines gemeinsamen Osterurlaubs mit seinen Eltern im Touristenort Side.

Dort hatte der Uelzener Schüler das 13-jährige britische Mädchen Charlotte kennen gelernt.

Marco W. behauptet, ihm gegenüber habe sie sich aber als 15-Jährige ausgegeben.

In der Nacht zum 11. April soll es in einem Hotelzimmer in Side zwischen Marco und Charlotte zu intimen Zärtlichkeiten gekommen sein.

Charlottes Mutter war es dann, die Marco bei der türkischen Polizei wegen sexuellen Missbrauch von Kindern anzeigte.

Der in solchen Fällen übliche polizeiliche Ermittlungsapparat lief in Folge dessen an. Eine rechtsmedizinische Untersuchung bescheinigte zwar die intakte Jungfräulichkeit des Mädchens, wies aber auch Spermaspuren an ihrem Körper nach. Das Sperma ist eindeutig dem Jungen aus Uelzen zuzuordnen. Dem Gesetz gemäß erging Haftbefehl gegen den Deutschen.

Marco W. beteuert nach wie vor, das ganze sei nur ein harmloser Urlaubsflirt gewesen. Dabei sei zu Zärtlichkeiten gekommen, auf Grund dessen er sexuell so erregt gewesen, dass es bei ihm zu einer Ejakulation gekommen sei. Das bekannte Marco in einem Interview mit der Zeitung „Hürriyet“

Charlotte ihrerseits stellt laut „Bild“-Zeitung den Fall so dar: Sie habe Marco W am Tag der Tat in einer Diskothek getroffen und sich dort mit ihm gestritten. Später, gibt die Britin an, sei sie mit ihrer Schwester und einer Freundin in ihrem Zimmer gewesen. Da sei dann Marco W. mit einem Freund aufgetaucht, in der Absicht sich bei ihr zu entschuldigen. Im weiteren Verlauf hätten sie gemeinsam auf dem Bett gesessen und sich unterhalten. Marcos Freund sei zusammen mit ihrer Schwester hinaus auf den Balkon gegangen.

Während dessen sei Marco W., ihre Freundin und sie selbst im Zimmer geblieben. Marco habe sich schließlich in ihrem Bett schlafen gelegt. Dann habe sie sich neben den Jungen gelegt und sei ebenfalls eingeschlafen. Sie sei erst wieder wach geworden, als sie Marco W. auf sich gefühlt habe.

Nachdem sie ihn von sich gestoßen hatte, habe sie Feuchtigkeit auf ihrem Körper gespürt...

Die Ermittlungsergebnisse der türkischen Polizei sind ziemlich eindeutig. Nun liegt der Fall in den Händen der türkischen Justiz.

Sexueller Missbrauch von Kindern ist ein schweres Vergehen. Nicht nur in der Türkei. Auch in Deutschland.

Urlaubsflirt hin und her, falsche Altersangabe seitens des Mädchen ja oder nein – mag noch jugendliche Naivität und Unerfahrenheit auch des jungen Mannes aus Deutschland hinzu kommen -der Fall ist durch die Anzeige der Mutter des britischen Mädchens ins Rollen gekommen. Und nun muss er aufgeklärt werden. In Deutschland wäre das nicht anders.

Es existieren Fakten. Vergossene Milch wäre nun jegliches Lamentieren im Nachhinein. Klar: Möglicherweise hätte es nicht zur Verhaftung und einer Anklage des jungen Deutschen kommen müssen, wenn Charlottes Mutter ein klärendes Gespräch mit Marcos Eltern gesucht hätte.

Doch dazu konnte die Britin sich offenbar nicht durchringen.

Nach wochenlangen Schweigen also ist der Fall Marco W. von den deutschen Medien entdeckt worden. Warum auf einmal? Vielleicht haben Marcos Eltern und deren Anwalt auch ein wenig nachgeholfen. Verständlich, dass sie ihren Sohn in seiner vertrackten Situation helfen wollen.

Nun lesen wir täglich über die schlimmen Haftbedingungen in türkischen Gefängnissen. Und dass Marco sich mit dreißig Mitgefangenen eine Toilette und eine Dusche teilen muss. Das wünscht man sicher niemanden.

Dass sich die Eltern von medialer Aufmerksamkeit eine positive Beeinflussung des Schicksals ihres Sohnes versprechen ist menschlich verständlich. Doch was nun einige Medien und Politiker in Deutschland inzwischen aus dem Fall machten, ist nun doch einigermaßen überzogen und geht zu weit.

So konnten sich offenbar u.a. der CDU-Fraktionschef im Deutschen Bundestag, Volker Kauder und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) nicht verkneifen, den Fall „Marco“ dazu zu missbrauchen, der Türkei quasi durch die Hintertür eine EU-Untauglichkeit zu bescheinigen.

Von einem im Vergleich zu uns völlig anderen Kulturverständnis war da etwa die Rede. Und unverhohlen erdreistete man sich, Forderungen an die türkische Regierung zu richten, den Fall „Marco“ entsprechend ihren Möglichkeiten zu beeinflussen.

Gesetzt dem Fall, die Regierung Erdogan handelte so, müssten dann nicht gerade die oben genannten Politiker als erste dagegen protestieren und eine Ablehnung eines EU-Beitritts der Türkei damit begründen?

Schließlich forderte man – zurecht – von der Türkei bisher immer eine unabhängige Justiz!

Der Reiseunternehmer und SPD-Europaabgeordnete Vural Öger kritisierte die überzogene Schelte an der türkischen Justiz von bestimmter deutscher Seite heftig und bezeichnete ein solches Verhalten als „diffamierend“.

„Ich warne dringend“,sagte Öger, „Zu viel Druck auf die Justiz kann dazu führen, das der Richter eine verhärtete Haltung einnimmt.“

Stattdessen warb Vural Öger um Sachlichkeit in dem Fall und riet, diesen zu entpolitisieren.

Auch der Direktor des Zentrums für Türkeistudien, Faruk Sen, fand kritische Töne. Hoffnungen, ein Gespräch des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier mit seinem türkischen Amtskollegen Abdullah Gül könnten im Fall des inhaftierten Marco in Bezug auf die Justiz etwas bewirken, bezeichnete er als völlig illusorisch, in dem er auf die ja ausdrücklich von der EU erwünschte Unabhängigkeit der türkischen Justiz verwies.

Das Vorgehen der türkischen Justiz gegen den Uelzener Schüler stelle keine Schlechterstellung eines ausländischen Jugendlichen dar, gab die Türkei-Expertin am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht, Silvia Tellenbach, zu bedenken. Man könne, so die Expertin, die türkischen Vorschriften „für unseren Geschmack“ als zu scharf empfinden; sie seien aber jedoch in der Türkei so streng, um damit die 13-jährigen oder 14-jährigen Mädchen zu schützen, die in Dörfern noch in illegale Ehen gezwungen würden.

Silvia Tellenbach ist der Überzeugung, dass, „Wenn der Richter allerdings zu der Überzeugung komme, dass der Junge wirklich nicht gewusst habe, dass das Mädchen erst 13 Jahre alt ist“, er Marco nicht wegen Kindesmissbrauch bestrafen wird.

Unterdessen wurde bekannt, dass wohl auch deutsche Strafverfolgungsbehörden Ermittlungen gegen Marco W. einleiten werden. Dazu sind sie vom Gesetz her verpflichtet.

Seit das bekannt wurde, hat der Hype um den Fall „Marco W.“ spürbar abgenommen.

Vertrauen wir also gemeinsam in die türkische Justiz. Nach einer Zusammenkunft des türkischen Staatsministers Babacan mit dem deutschen Außenminister Steinmeier am Rande ihres Treffens in Sachen EU in Brüssel, versicherte Babacan gegenüber der anwesenden Presse, in dem Fall werde alles Erdenkliche getan.

Wie es heißt, sind Marcos Eltern inzwischen erleichterte Besuchsmöglichkeiten ihres in Antalya inhaftierten Sohnes in Aussicht gestellt worden.

Die Wogen der Aufregung sind inzwischen nun in der Tat wieder geglättet. Dem Fall „Marco“ dürfte das besser bekommen, als das die Türkei diffamierende Mediengeschrei der vergangene Tage. Samt der völlig scheinheiligen noch dazu völlig überflüssigen Schelte aus dem einen oder anderen deutschen Politikermund.


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Last modified: 28.12.2003