Jahrgang 4 Nr. 26 vom 19.07.2007
 

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Zu Anamur gehört der wichtigste Schildkrötenstrand der Türkei

Irmgard Brose /
Ulrike Marski /
Inga Mommsen-Peter

Zwei historische Sehenswürdigkeiten hat Anamur an der türkischen Südküste zu bieten: die Ruinen der antiken Stadt Anemurium und eine zinnengekrönte Festung aus der Kreuzritterzeit. Außerdem kann die Stadt Ausgangspunkt für Ausflüge ins Taurus-Gebirge mit seinen vielen kleinen Dörfern sein.

Mehr als 30 000 Jungschildkröten

Doch der größte Schatz von Anamur liegt vergraben am Strand vor der Stadt. Er besteht nicht aus Gold und Silber, sondern aus weißen runden Kugeln, die aussehen wie Tischtennisbälle. Es sind die Eier der Unechten Karettschildkröte (Caretta caretta). Die riesigen bis zu zwei Meter langen Meeresschildkröten kommen alljährlich zwischen Mai und September zur Eiablage an Land. Bei Dunkelheit und oberhalb der Gezeitenzone schaufeln die weiblichen Carettas im Sand ein Loch, legen zwischen 50 und 150 Eier hinein und decken ihr Gelege sorgfältig zu. Nach rund 50 Tagen schlüpfen die jungen Schildkröten und suchen sofort den Weg ins Wasser.
Seit 2006 ist klar, dass es sich bei dem 13 Kilometer langen Strand von Anamur um das bedeutendste Caretta-caretta-Gebiet der Türkei handelt. Eine wissenschaftliche Erhebung erfasste 674 Gelege, aus denen 30 444 Jungtiere schlüpften. Leider ist das gesamte Strandgebiet öffentlich zugänglich, völlig unzureichend geschützt und noch nicht offiziell als Caretta-Strand anerkannt. Für die Gelege der unter Artenschutz stehenden Carettas bestehen vielerlei Gefahren. Wilde Hunde und Füchse zerstören die Nester und fressen die Schildkröteneier. Es wird illegal Sand abgetragen, Teile des schützenden Schilf- und Gebüschgürtels werden niedergebrannt, um an Bauland zu kommen.
Mit großem Engagement versucht der Schweizer Walter Helbling, ein Schutzprogramm zu organisieren und betreibt dafür rege Öffentlichkeitsarbeit. Zusammen mit Biologen der Universität Mersin und freiwilligen Strandwächtern sollen auch in diesem Jahr die Gelege beobachtet und mit Schutzgestellen und eingegrabenen Hühnergittern geschützt werden.

Am Strand lauern Gefahren

Dass solche Maßnahmen dringend notwendig sind, kann unsere kleine Reisegruppe aus Deutschland während einer nächtlichen Beobachtungstour am Strand erleben. Sechs Gelege sind in der Nacht entstanden. Deutlich kann man Kriechspuren der Schildkröten erkennen, die teilweise nur zum Erkunden an den Strand gekrochen sind. Ein Gelege ist frisch geplündert: Zerstörte und ganze Eier liegen verstreut im Sand. Glücklicherweise sind noch etliche unversehrte Eier im Sandloch zu erfühlen, und das Nest wird vorsichtig wieder zugedeckt. Ein Teil der neuen Gelege befindet sich zu nahe am Wasser, da sich die Carettas – offensichtlich von Straßenlampen abgeschreckt – nicht weit genug an Land wagten. Solche Gelege lassen sich nur durch fachkundiges Umsetzen retten.
Eine besonders kritische Phase beginnt ab Mitte Juli, wenn die kleinen Schildkröten zu schlüpfen beginnen. Sie müssen sehr schnell das Meer erreichen, um nicht zu vertrocknen oder gefressen zu werden. Wenn sie von Scheinwerferlicht an Land irritiert werden, verfehlen sie den direkten Weg und kommen um. In dieser sensiblen Zeit müssen Strandwächter notfalls den geschlüpften Jungtieren den Weg ins Wasser „leuchten“.
Inzwischen haben zwei große Zeitungen in der Türkei über die Situation der Carettas in Anamur berichtet. Biologen aus Mersin und eine kleine Schar freiwilliger Strandwächter arbeiten derzeit im Schutzprojekt in Anamur. Von Seiten der örtlichen Behörden und des neuen Landrates gibt es bisher allerdings kaum Mithilfe. Deshalb werden noch weitere Strandwächterinnen und -wächter gesucht, die ankommende Carettas zählen und vermessen, die Gelege schützen und, falls nötig, geschlüpfte Jungtiere in Richtung Meer geleiten. Kontakt: Walter Helbling, opa_ch@yahoo.de.

 

 

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