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Jahrgang 4 Nr. 29 vom 16.08.2007
 

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Der Asansör erspart das Kraxeln

von Claus Stille

Das Haus des Künstlers befindet sich in der steil ansteigenden, einstigen Asansör Straße, der heute nach ihm benannten, Dario-Moreno-Straße.

Sie führt direkt zu einem imposant aufragenden turmartigem Gebäude aus rotem Ziegelstein, dem Asansör.

Asansör ist wie so manches Wort im Türkischen dem Französischen entlehnt. Es leitet sich nämlich von Ascenseur (Rolltreppe, Aufzug) ab.

Der Asansör steht in einem der ältesten Viertel Izmirs. Errichten ließ das Bauwerk der jüdische Geschäftsmann Nesim Levi Bayraklioglu im Jahre 1907. Er ließ die Ziegelsteine für den Bau eigens aus Marseille kommen.

Darin tun zwei Aufzüge ihren Dienst. Zur Zeit der Einweihung war einer von ihnen dampfgetrieben, der andere wurde elektrisch bewegt.

Im Zuge von Sanierungen des Asansör im Jahre 1985 wurde auch der bis dato per Dampf betrieben gewesene Lift auf Elektrobetrieb umgestellt.

Der Asansör prägte das Viertel so, dass man es bis heute eigentlich nur noch „Asansör“ nennt.

Dank des Asansör blieb den Anwohnern erspart, 155 Treppenstufen hinauf zu kraxeln um von der knapp über den Meeresspiegel gelegenen Mithatpasa Caddesi zur 51 Meter höher befindlichen Halil Rifat Pasa Caddesi zu gelangen. (Allerdings existiert neben dem Ansansör auch heute noch eine Treppe, die nehmen kann wer will bzw. die Kondition dafür mitbringt. - Ich hab's einmal probiert. Die wunderbare Aussicht entschädigt einen für die Strapazen. Mit dem Taxi kann hinauffahren, wer auf den schwindelerregend ansteigenden Gassen Vertrauen in dessen Bremsen hat...)

Tod in Istanbul

Dario Moreno starb am 1. Dezember 1968 als er im Begriff war, mit einem Taxi zum Flughafen zu fahren, nach einem Herzanfall in Istanbul. Entgegen seinem innigsten Wunsch, in Izmir – der Stadt, welcher er mit „CANIM Izmir“ eine musikalische Liebeserklärung hinterlassen hat - begraben zu werden, bestattete man ihn in Holon, Israel...

Moreno, ein früher Europäer?

Vom Restaurant oberhalb des Asansör-Turms blickt man gesättigt vom Abendessen, mit dem Kribbeln des Raki im Magen angenehm berührt über die Stadt Izmir und ihre vielen Lichter hinweg, um gedanklich leicht abschweifend, 50 Meter weiter unten in der Dario-Moreno-Straße zu landen.

War nicht Moreno ein früher Europäer?

Einer der Welten überbrückte? Wie würde er heute denken, lebte er noch unter uns? Wäre er für einen Beitritt seines Heimatlandes zur EU?

Die türkisch-deutsch gemischte Runde hoch über dessen einstigen Wohnhaus hat reichlich Gesprächsstoff nach dem Essen.

Viele sind angesteckt vom Reformeifer der Türkei. Und natürlich will man den Beitritt zur EU.

Pessimismus, Negativbeispiele und alte Hüte

Beim türkischen Teil der Runde macht sich immer wieder Pessimismus breit: Die EU will uns doch gar nicht!

Bekannte Namen fallen als Negativbeispiele: Merkel und Sarkozy. Und ein unbekannterer: Söder.

Wer war doch gleich dieser Söder?

Das moderne Bayern kommt auch in Zeiten von „Laptop und Lederhose“ (früherer CSU-Wahlslogan) nicht ohne alte Hüte aus. Gemeint sind nicht etwa die traditionellen grünen Kopfbedeckungen mit einem keck abstehenden Gamsbart darauf. Vielmehr geht es um alte Hüte verbaler Art.

Sie zu passender oder unpassender Zeit in den Ring zu werfen, gehört zu den Aufgaben des CSU-Generalsekretärs Markus Söder.

Ein alter Hut ist, dass die Christsozialen die Türken nicht in Europa haben wollen. Markus Söder gegenüber RP-ONLINE: „Dies würde die EU und die Türkei überfordern.“

Statt der EU-Vollmitgliedschaft befürworte die CSU die privilegierte Partnerschaft.

Die CSU stünde deshalb fest an der Seite des französischen Präsidenten Sarkozy, der eben dies wolle und ankündigte, der Türkei schnell den EU-Beitritt versperren zu wollen.

Markus Söder, dem obersten Franzosen brav sekundierend: „Mit der CSU wird es keinen Beitritt der Türkei geben.“

Kritischer Optimismus und Träume, die natürlich sind

Die deutsche Grünen-Vorsitzende Claudia Roth dagegen sagte im ZDF-Sommerinterview in Istanbul, sie habe kein Verständnis für Politiker, die Ängste schüren.

Ausdrücklich sprach sich die Grünen-Politikerin, die übrigens auf Istanbuls Straßen öfter für Angela Merkel gehalten wurde, dafür aus, die Türkei in die EU zu integrieren. Weil der EU-Prozess „tatsächlich eine Reformdynamik ausgelöst hat, die die Menschenrechte hier stärkt.“

Die Türkei sei keine perfekte Demokratie, so Roth, aber eine Demokratie, die weiter zu stärken sei.

Beim EU-Beitritt gehe es um die Kopenhagener Kriterien. Man müsse sagen, dass diese Kriterien auch im türkischen Interesse sind. Daraus leite sich der Anspruch der Türkei ab, gleichberechtigtes Mitglied der EU zu werden.

Unglaubwürdig dagegen sei es, die Latte immer höher zu hängen und der Türkei das Gefühl vermitteln, man wolle sie nicht in unserem Abendland.

Ja, hoch droben über Izmir lässt es sich gut sitzen. Und ein EU-Beitritt der Türkei wird sicher noch oft Diskussionsthema auch auf dem Asansör-Turm sein. Womöglich noch viele Jahre lang. Über den flimmernden Lichtern des nächtlichen Izmir den Traum zu träumen, zukünftig zur EU zu gehören und dort auch von Herzen willkommen zu sein, ist nur zu natürlich.

Aber der Weg dahin ist äußerst steinig.

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Last modified: 28.12.2003