Der „Deutsche Heldenfriedhof in Skutari“
Ein vergessener Friedhof in Istanbul
von Hans-Peter Laqueur
Einige Eckdaten:
- Am 30. Oktober 1918 unterzeichneten der Kommandant der britischen Mittelmeerflotte Vizeadmiral Calthrope und der osmanische Marineminister Rauf Bey an Bord des Linienschiffs HMS Agamemnon im Hafen von Moudros auf der Insel Lemnos das Waffenstillstandsabkommen, das den Krieg für das Osmanische Reich nach exakt 4 Jahren beendete.
- Bereits am 2. November waren erste Truppen der Siegermächte in Istanbul anwesend. Am 12. November ordnete die Waffenstillstandskommission an, daß alle deutschen Militärpersonen den europäischen Teil der Stadt zu verlassen und sich auf die andere Seite des Bosporus, nach Haydarpaşa und Moda zu begeben hätten.
- Am 13. November liefen die Flotten der Siegermächte in den Bosporus ein und besetzten die Hauptstadt des Osmanischen Reiches.
- Am 16. November starb - vermutlich im deutschen Etappenlazarett in Istanbul-Haydarpaşa - 22-jährig der deutsche Pionier-Soldat Paul Wiesmann. Er war der erste, der auf dem „Deutschen Heldenfriedhof in Skutari“ beigesetzt wurde.
- Ende Januar bis Anfang Februar 1919 schiffte sich das Gros der noch in der Türkei befindlichen rund 10000 deutschen Soldaten und Offizieren auf fünf Dampfern nach Hamburg ein.
Seit seiner Anlage ab Sommer 1915 und bis zum Waffenstillstand waren insgesamt 202 Kriegstote auf dem „Deutschen Ehrenfriedhof in Therapia“ bestattet worden, weitere 37 auf dem protestantischen Ausländerfriedhof in Istanbul Feriköy.
Mit der Besetzung der Stadt durch die Siegermächte und der Beschlagnahme deutschen Eigentums wurde der Friedhof von Tarabya, im Park der deutschen Sommerbotschaft gelegen, unzugänglich. Zugleich trafen jedoch – in ihrer Mehrzahl wohl vor Jahresende 1918 – ungefähr 10000 Mann deutsche Truppen von den Fronten in der Hauptstadt ein, von wo aus sie in die Heimat transportiert werden sollten.
Der Gesundheitszustand vieler Männer war schlecht: nach Monaten an der Palästinafront, wo an Allem Mangel geherrscht hatte, kamen sie in ihren Tropenuniformen in den einbrechenden Winter am Bosporus, wo „in den ersten vier Wochen nach dem Eintreffen in Konstantinopel 80 Todesfälle, zumeist durch Erkältungskrankheiten, zu zählen“ waren. „Das große deutsche Etappenlazarett in Haidar Pascha war mit über 1200 Kranken stark überfüllt.“
In dieser Situation war die Bereitstellung eines geeigneten Beerdingungsplatzes erforderlich. Ein Grundstück wurde offenbar schnell gefunden, aber dessen rechtlich einwandfreier Erwerb muß ein formales Problem dargestellt haben: Der Stab der geschlagenen Streitkräfte, nur noch mit deren geordneter Heimführung beauftragt, konnte nicht als juristische Person fungieren und als Eigentümer ins Grundbuch eingetragen werden, eine andere offizielle Vertretung des Deutschen Reichs, die dazu berechtigt gewesen wäre, gab es nach dem Waffenstillstand nicht mehr. Also wurde der Friedhofsgrund als Privatbesitz desjenigen Offiziers eingetragen, der auf Grund seiner Aufgaben innerhalb der Armee mit den verbundenen praktischen und rechtlichen Fragen am besten vertraut war, Armee-Intendant Theodor Burchardi. Auf seinen Namen war das Grundstück auch noch wenigstens bis 1928 im Grundbuch von Istanbul eingetragen.
Die vermutlich einzigen jemals publizierten Bilder des Friedhofes zeigen ein Ehrenmal mit vier Tafeln mit den Namen der Gefallenen. Diese Gestaltung legt die Annahme nahe, daß die provisorische Friedhofsanlage von 1918/19 erst nach der Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei 1924 ihre endgültige Form erhielt, möglicherweise im Zusammenhang mit den abschließenden Baumaßnahmen am Friedhof Tarabya, an denen seit 1926 der Volksbund Kriegsgräberfürsorge mitwirkte. Für eine solche Annahme gibt es verschiedene Argumente:
- 111 der 127 hier begrabenen deutschen Soldaten starben in den zwei Monaten zwischen Mitte November 1918 und Mitte Januar 1919.
- Bis auf diejenigen, die in Folge von Verwundungen oder Krankheit nicht transportfähig waren, war der – bereits am 6. November 1918 begonnene - Abtransport der deutschen Truppen aus Istanbul in den ersten Februartagen 1919 praktisch abgeschossen. Die auf ihre Heimführung wartenden Soldaten kommen also für die Ausführung der baulichen Arbeiten an Friedhof und Ehrenmal kaum in Frage, eine derartige Beschäftigung wird auch von keinem Zeitzeugen berichtet.
- Es erscheint fraglich, ob im Winter 1918/19, als es in der Stadt buchstäblich an Allem fehlte, Material für derartige Arbeiten und Transportmittel für dessen Heranführung verfügbar war.
Über die weitere Geschichte dieses kleinen Friedhofes nach seiner wohl um 1926 erfolgten baulichen Fertigstellung ist wenig bekannt. Aus einem nur bruchstückhaft erhaltenen Schriftwechsel zwischen der Botschaft Ankara bzw. dem Generalkonsulat Istanbul und dem Auswärtigen Amt in den Jahren von 1928 bis 1934 geht hervor, daß der Friedhof weiterhin als Privatbesitz des ehemaligen Armee-Intendanten und späteren Oberregierungsrats Burchardi im Grundbuch eingetragen war. Zunächst wurde deutscherseits eine Umschreibung auf das Deutsche Reich angestrebt, 1934 von den türkischen Behörden eine Übertragung des Besitzes auf die Stadt Istanbul vorgeschlagen. – Der deutsche Wunsch blieb wohl unerfüllt, wie aus dem türkischen Gegenvorschlag geschlossen werden kann. Ob letzterer zu einer Änderung des Grundbucheintrages führte, geht aus den erhaltenen Teilen des Schriftwechsels nicht hervor.
Zwischen 1958 und 1981 wurden durch den Volksbund Kriegsgräberfürsorge sämtliche deutschen Kriegsgräber auf dem Gebiet der Türkei im Friedhof Tarabya zusammengeführt. Im Zuge dieser Maßnahmen wurden die 127 Toten des Friedhofes Üsküdar 1962 dorthin umgebettet. Was danach aus dem Friedhofsgelände wurde, ließ sich bisher nicht feststellen.
So endete fast 44 Jahre nach seiner Anlage die Geschichte des Friedhofes ebenso unauffällig, wie sie im November 1918 begonnen hatte.
Quellen und Literatur:
- Auswärtiges Amt Berlin, Politisches Archiv (PA-AA) R 131375 (Friedhöfe in der Türkei)
- Hans GUHR, Als türkischer Divisionskommandeur in Kleinasien und Palästina. Erlebnisse eines
deutschen Stabsoffiziers während des Weltkrieges. Berlin (Mars-Verlag Carl Swinna) 1937
- [Otto] LIMAN von SANDERS, Fünf Jahre Türkei. Berlin (Verlag von August Scherl) [1919]
- Jahresheft der Deutschen Evangelischen Kirche zu Istanbul 1940/1941
- Helmut BECKER, Äskulap zwischen Reichadler und Halbmond. Sanitätswesen und
Seuchenbekämpfung im türkischen reich während des Ersten Weltkriegs. Herzogenrath (Verlag
Murken-Altrogge) 1990