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Jahrgang 4 Nr. 34 vom 29.09.2007
 

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Zwei Mal Fatih for Oscar

Von Claus Stille

Schon im Alter von acht, neun Jahren wollte der kleine Fatih am liebsten Filme drehen.

Inzwischen ist Fatih Akin 34 Jahre alt und hat fünf Spielfilme inszeniert. Sein Name hat in der Welt des Films bereits einen guten Klang. Der deutsch-türkische Filmemacher Fatih Akin studierte an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste. In einigen Streifen wirkte er auch als Schauspieler mit. Meist durfte er im Film aber nur den „Quoten-Türken“ geben. Akin wollte mehr...

Sein Durchbruch als Filmemacher, mit gleich internationaler Ausstrahlung, hatte Akin mit dem bis heute viel beachteten Gegenwartsdrama „Gegen die Wand“ mit Sibel Kekilli und Birol Ünel in den Hauptrollen (seit kurzem auf der Homepage des NDR-Fernsehens kostenlos zu sehen), das bei den Berliner Filmfestspielen 2004 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde.

Für seinen jüngsten Film „Auf der anderen Seite“ wurde Fatih Akin bei den Filmfestspielen von Cannes 2007 mit dem Preis für das Beste Drehbuch geehrt.

Der Film erlebte seine Deutschlandpremiere am vergangenen Mittwochabend in Akins Heimatstadt Hamburg. Der Streifen erzählt von sechs Menschen in Deutschland und der Türkei, deren Leben auf schicksalhafte Weise miteinander verwoben sind. Der Film läuft am 27. September in den bundesdeutschen Kinos an.

In der Türkei wird „Auf der anderen Seite“ zuerst auf dem Filmfestival von Antalya vorgeführt. Ende Oktober kommt der Film dann in die türkischen Lichtspielhäuser.

Erste Kritiken zum Film – vorwiegend in der linken türkischen Presse – seien, so Fatih Akin letzten Freitag in der NDR-Talkshow, bisher erst einmal „verhalten“ ausgefallen. Akin, sich selbst als politisch links verortend, führt das auf die Tatsache zurück, dass er die türkischen Linken im Film nicht ganz so gut wegkommen ließ.

Doch darauf nimmt Akin als Regisseur keine Rücksicht. Politik und Religion arbeiten für seinen Geschmack zu viel mit Dogmen. Fatih Akin jedoch interessiert gerade das brennend, was hinter den Dogmen ist.

Mit seinen Filmen – und über die klug bedachte Auswahl der darin behandelten Themen – erhebt er den Anspruch, durch sie möglichst weit in die Gesellschaft ausstrahlende karthatische Effekte auszulösen. Wenn man so will, strebt der junge Filmemacher mit seinen Werken so stets auch die Läuterung ihrer Rezipienten an. Akin hofft, dass, angeregt durch seine Arbeiten, in den Hirnen und Herzen derer, welche sie sich anschauen, eine dementsprechende Saat aufgeht.

Fatih Akin möchte seine Werke überdies als „philosophisch verantwortungsvolle Kritik in Form von Liebe“ verstanden wissen.

In diese Kategorie dürfte ebenfalls Akins noch in Arbeit befindlicher Dokumentarfilm „Der Müll im Garten Eden“ fallen. In ihm befasst sich der Hamburger mit den Problemen des kleinen türkischen Schwarzmeerdorfes Camburnu in der Nähe der georgischen Grenze (wo Akins Vorfahren lebten), dass die Menschen dort mit einer vom Staat in einer ehemaligen Kupfermine geplanten und in Teilen bereits eingerichteten Mülldeponie haben, wo u.a. bestialisch stinkende Medizinabfälle entsorgt werden sollen.

Die Dorfbewohner mit ihrem Bürgermeister Hüseyin Alioglu kämpfen gegen die Deponie. Der Bürgermeister damit sogar gleichzeitig gegen das Umweltministerium und die eigne Partei. Der Staat will die Deponie jedoch unbedingt. Es soll angeblich einmal die größte in ganz Europa werden. Ein Kampf – wie man sich unschwer denken kann: von David gegen Goliath.

Offenbar dank seiner Bekanntheit, erzählte Akin in der TV-Talkshow weiter, sei es ihm in der Deponie-Angelegenheit einmal gelungen, sogar bis zum türkischen Umweltminister vorzudringen. Dieser allerdings schmiss ihn – nachdem Akin das Müllproblem engagiert angesprochen hatte - achtkantig aus seinem Büro. Der Ministers gab Akin folgenden Hinweis mit auf den Weg: Mach Filme, davon verstehst Du mehr!

Fatih Akin befolgte den Rat wacker. Etwa im Jahr 2009 könnte der Müllproblem-Film – 40 Stunden Filmmaterial sind unterdessen gedreht - zu sehen sein...

Mindestens seit dem preisgekrönten Film „Gegen die Wand“ ist auch Fatih Akins Filmproduktionsfirma corazón international auf erfolgreichem Weg.

Akin meint die Ursache dafür zu kennen: Man habe offenbar ein „glückliches Händchen für Trends“. Er sieht einen großen Klärungsbedarf über die Welt, in der wir leben. Vor allem interessiert ihn, wie wir sie sehen. Erst recht mangele es an einem fruchtbaren Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen. Auch zwischen Deutschland und der Türkei. Das Thema werde noch immer zu wenig beleuchtet. Akin möchte das ändern...

Die Filmfirma corazón international produzierte in Zusammenarbeit mit Yeni Sinemacilar, Istanbul auch den Streifen „Takva“ (Gottesfurcht) des jungen türkischen Regisseurs Özer Kilziltan. Darin wird das Aufeinanderprallen von fanatischem Glauben und westlicher Lebensart im Islam thematisiert.

In den deutschen Kinos ist „Takva“ ab 15. November zu sehen.

Seit kurzem hat corazón international gleich doppelt Grund zur Freude. Die BRD hat nämlich Fatih Akins Film „Auf der anderen Seite“ als Beitrag für den Oscar-Wettbewerb eingereicht.

Die Türkei will da offenbar nicht abseits stehen. Sie schickt ihrerseits den von Akins Firma produzierten Kilziltan-Film „Takva“ ins Rennen, um so nach dem Oscar zu greifen. Zwei Filme aus einem „Stall“ werden also somit um den Oscar wetteifern.

Spannend: Mit beiden Filmen ist der Name Akin verbunden. Als Regisseur. Und als Produzent.

Offenbar von Vorfreude elektrisiert sagte Fatih Akin gegenüber Deutsche Presseagentur (dpa): „Das wäre ein sehr luxuriöses Gefühl, mit sich selbst in Konkurrenz zu stehen. Verrückt, möge der Bessere gewinnen!“

Ob denn nach den ersten Filmerfolgen inzwischen Hollywood öfter anklingele, wurde Fatih Akin auch gefragt in der NDR-Talkshow. Er bejahte lächelnd; und über die großen freundlichen Augen huschte dabei ein erwartungsvolles Glänzen. Wie vielleicht schon damals im Alter von acht, neun Jahren, da Fatih schon wusste, dass er einmal Filme drehen würde . Länger in den USA bleiben möchte der mit einer Mexikanerin verheiratete Vater eines Sohnes zwar nicht, aber Filme machen – warum eigentlich nicht?

Die Erfolge und Auszeichnungen sind Fatih Akin bisher augenscheinlich nicht zu Kopfe gestiegen. Die beste Auszeichnung, so Akin, war für ihn bislang sowieso die Gratulation zum diesjährigem Drehbuchpreis von Cannes durch den großen Meisterregisseur Martin Scorsesee persönlich. Für Akin ist der berühmte Mann aus Hollywood längst zu einer Art „Geheimwaffe“ geworden. Bei Scorsesee nämlich – verriet der Hamburger Türke - schlägt er immer dann wieder einmal nach und holt sich so manchmal lesend Rat vom Meister, wenn es beim eignen Dreh scheinbar nicht weitergehen will. Und plötzlich platzt der Knoten; und die verfahrene Szene funktioniert mit einem Male doch.

Fatih Akin hat in der Tat ein Händchen für den Film und die Themen der Zeit in der wir leben. Und das Glück ist ihm darüber hinaus auch noch hold. Nun noch: Fatih for Oscar? Noch dazu gleich doppelt! Sagen wir's mit Hans Joachim Kulenkampf: Einer wird gewinnen. Fatih Akin ist im Rennen. Allein die Nominierung wäre eine Gewinn...


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Last modified: 28.12.2003