Jahrgang 4 Nr. 35 vom 31.10.2007
 

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Kriegseuphorie und die Empörung der Straße

Ich war fassungslos, als ich im Radio einen Rektor einer Istanbuler Universität sagen höre, man werde notfalls - wie im Ersten Weltkrieg bei der Canakkale-Schlacht - einen ganzen Jahrgang Studenten dem Vaterland opfern.

Die Wogen nationaler Empörung sind in den vergangenen drei Wochen kontinuierlich gestiegen. Die Menschen gehen auf die Straße. Sie verfluchen den Terrorismus und die PKK. Sie schimpfen auf die Regierung und das Ausland, dass die Türkei daran hindere, gegen die PKK vorzugehen.

Es ist schwer zu sagen, wer zieht und wer folgt: die Medien begleiten die Empörung mit einer Vielzahl schriller Kommentare und einer Nachrichtensprache, die als "Vernichtungsjargon" charakterisiert werden könnte. Hinzu kommen die Appelle an "Einheit und Gemeinsamkeit" der Politiker.

Die Einheitsappelle haben zwei Richtungen. Sie haben die vaterländische Tönung, der terroristischen Bedrohung durch Einigkeit zu widerstehen. Und es mischt sich die Sorge hinein, die der nationale Überschwang auslöst: Aus verschiedenen Orten des Landes werden Angriffe auf Büros der DTP, auf Kurden oder Menschen, die man für Kurden hält, und auf sonstige "Andersdenkende" gemeldet.

Es hat sich eine gefährliche Gemütsverfassung ausgebreitet. Sedat Laciner vom Institut für strategische Studien (USAK) verweist auf die Manipulierbarkeit von Massenempörungen. Auch Politiker sprechen von "Provokateuren" - es ist jedoch eine Binsenweisheit, dass Provokateure nur zum Zuge kommen, wo ohnehin Spannungen bestehen.

Zwei schwere Angriffe der PKK mit jeweils mehr als zehn getöten türkischen Soldaten - reicht dies nicht für die Erklärung der Spannungen aus?

Natürlich identifiziert sich große Bevölkerungsteile mit den getöten Soldaten. Hinzu kommenden Tausende von Familien, deren Kinder zurzeit ihren Wehrdienst absolvieren und die fürchten müssen, dass auch ihr Sohn eines der nächsten Opfer sein könnte. Der Angriff wird zudem als heimtückisch und ungerecht empfunden. Die Angreifer gehen über die türkisch-irakische Grenze - der Irak unternimmt nichts zu ihrer Verfolgung. Die Besatzungsmacht des Iraks, die USA, die zugleich engster Verbündeter der Türkei ist, unternimmt nichts, um die Angriffe zu unterbinden und die PKK-Präsenz im Nord-Irak zu beenden. Der Hinweis, dass das Problem nicht militärisch zu lösen sei, wird als Hohn empfunden - denn wer militärisch angegriffen wird, wird zwar auch über politische Maßnahmen, zunächst jedoch über ganz praktische Schritte nachdenken, wie er sich verteidigen kann.

In diesem Klima fordern prominente Politiker der kurdisch-orientierten DTP, die inzwischen mit Fraktionsstatus im Parlament sitzt, dass Abdullah Öcalan, der inhaftierte Führer der PKK, als Repräsentant der Kurden anerkennt werden müsse. Sie lehnen es ab, die PKK als Terrororganisation zu bezeichnen. Ahmet Türk, ihr Vorsitzender, erklärt, dass ein solcher Schritt der DTP einen wichtigen Teil ihrer Basis raubte und damit die Chance zu einem Dialog vernichtet werde. Andere sehen die Aktionen der PKK als "bewaffneten Widerstand". Leyla Zana bezeichnet Abdullah Öcalan nicht nur als Führer der Kurden, sondern fordert ein föderatives Verwaltungssystem für die Türkei mit weitreichender Autonomie. Die DTP setzt auf das Beispiel Nord-Irlands und des Baskenlandes.

Vielleicht ist eine Diskussion über ein föderatives Verwaltungssystem irgendwann führbar. Doch während weiter Menschen bei Angriffen und Gegenangriffen sterben fehlt offensichtlich die Voraussetzung für politische Diskussionen. Für die Gewalt Regierung und Militär verantwortlich zu machen, mag die eigenen Reihen geschlossen halten, doch führt es letztlich nur weiter in die Sackgasse: Es läuft auf eine Legitimation der PKK-Angriffe hinaus, die deren Fortsetzung nach sich zieht...

Aus dem Blick gerät folgendes: Die Beerdigungen der Getöten werden zu Demonstrationen. Bei jedem gefallenen Soldaten ziehen Tausende auf die Straße. Die Beerdigungen der getöteten PKKler werden zu Demonstrationen. Die Erkenntnis, dass beide - Soldat und Terrorist - Kinder dieses Landes sind, deren Tod unnötig ist, dass weiteres Töten verhindert werden muss, geht unter im Kriegsgeschrei.

 

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