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Im Sinne Hatuns: FrauennothilfevereinVon Claus Stille Die Familie handelt bedenkenlos nach hunderte von Jahren praktizierten archaischen Traditionen. Die Eltern in Deutschland meinen es „gut“ mit Hatun. Die Tochter wird 1998 mit einem Cousin in der Türkei verheiratet. Doch Hatun ist nicht glücklich nach dieser Zwangsverheiratung. In ihrer Schwangerschaft sieht sie die einzige Chance der Zwangsehe zu entkommen. Im Jahre 1999 kehrt Hatun zur Entbindung nach Deutschland zurück. Ihr Sohn Can kommt zur Welt. Von nun an beschließt Hatun ihr Leben zu leben. Zuerst zieht sie in ein Wohnheim. Später nimmt sie sich eine eigne Wohnung. Und dank einer Berliner Initiative kann sie eine Ausbildung zur Elektrotechnikerin beginnen. Hatun hat alle Chancen die Berufsausbildung erfolgreich zu beenden. Bei den Kollegen ist sie beliebt. Sie legt das Kopftuch ab. Hatun führt ein Leben wie viele Altersgenossinnen in ihrem Alter. Ihr neuer Lebenstil ist in den Augen der konservativ geprägten Familie Sürücü allzu westlich und freizügig. Man sieht die „Ehre“ der Familie verletzt. Vielleicht wird es nie bewiesen werden können: jedoch ist es wahrscheinlich, dass deshalb die Familie gewissermaßen über Hatun zu Gericht saß. Dass Urteil dürfte folgendermaßen gelautet haben: Wiederherstellung der Familien“ehre“ durch die Tötung der „Ehr“-Verletzerin. Wie auch immer, am 7. Februar des Jahres 2005 starb die erst 23-jährige Hatun Sürücü an einer Berliner Bushaltestelle durch die Hand ihres Bruders Ayhan. Der Mörder feuerte ihr drei Kugeln in den Kopf. Am 13. April 2006 wurde Ayhan Sürücü für den kaltblütigen Mord an der Schwester zu 9 Jahren und 3 Monaten Haft verurteilt. Das Gericht verhängte auf Grund seines Alters eine Jugendstrafe. Es wird vermutet, dass der jüngere Bruder Ayhan eigens auf Grund dessen unter den insgesamt drei Sürürcü-Brüdern zum Vollstrecker der grausamen Tat bestimmt wurde. Zumindest war das in ähnlich gelagerten Fällen bereits öfters der Fall. Dass die zwei anderen Brüder den Mord in einiger Entfernung vom Tatort überwachten, ist anzunehmen. Bewiesen ist das nicht. So sinnlos der Mord an Hatun Sürürcü auch war: der Fall hat die deutsche Öffentlichkeit in Sachen Zwangsverheiratung und „Ehren“mord immerhin stark sensibilisiert. Hatun Sürürcü und ihrem hinterbliebenen Sohn Can zu Ehren hat sich im Februar dieses Jahres in Berlin ein Verein gegründet, der es sich auf die Fahnen geschrieben hat, Betroffenen, welche von Zwangsheirat oder Straftaten in Sachen „Ehre“ bedroht sind, bzw. bereits in akuter Gefahr schweben, beizustehen. Betroffene haben meist mit sehr hohen bürokratischen Hürden zu kämpfen. Andererseits hält sie die Angst vor Repressionen durch Familienangehörige zurück, sich den Behörden anzuvertrauen. Die Mindestvoraussetzung aber, um etwa polizeilichen Schutz zu erhalten, bzw. ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen zu werden, ist eine Anzeige bei der Polizei wegen Bedrohung. Der gemeinnützige Verein Hatun & Can e.V. will Bedrohten unbürokratisch helfen. Die Vereinsmitglieder und zehn weitere ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sind nun nahezu pausenlos unterwegs, um zu helfen. Allein bis Mitte August 2007 hat man in dreizehn Fällen Soforthilfe leisten und Unterstützung geben können. Es musste sogar eine komplette Familie, ins europäische Ausland verbracht werden, da sie heftigen Repressalien anderer Familienangehöriger ausgesetzt gewesen war. Hatun & Can e.V. hilft „aus rechtlichen Gründen“ im Wesentlichen nur betroffenen volljährigen Frauen. Man ist aber bereit Minderjährigen Hilfe vermitteln. In der Regel gestaltet sich die Hilfe des Vereins so: Beispielsweise von Zwangsehe bedrohte Frauen – gleich welcher Nationalität –, die aus ihrem familiären Umfeld geflüchtet sind, werden geschützt, indem man ihnen ein kleine Wohnung außerhalb Berlins anmietet. Darüber hinaus ist es möglich, dass eine finanzielle Unterstützung der Opfer zur Einrichtung der Wohnung und eine Ersthilfe gewährt wird. In etwa gibt der Verein 2000 Euro pro betroffener Person aus. Und natürlich erhalten die Frauen auch aktive Unterstützung bei allen Behördenangelegenheiten. Hatun & Can e.V. erhält keinerlei öffentliche Gelder und ist daher ausschließlich auf private Sach- und Geldspenden angewiesen. Der Verein bittet „eindringlich darum, dass nur Frauen in Krisensituationen“ seine „Hilfsleistungen in Anspruch nehmen, damit so wirklich bedürftigen Frauen keine Nachteile entstehen und unsere Mittel auch nur diesen Frauen zugute kommen“. Die Kontaktaufnahme zum Hilfsverein ist nur per E-Mail (siehe Homepage) möglich. Hatun Sürücü hatte die Chance zu einer glücklichen Zukunft. Es war ihr nicht vergönnt. Der Verein Hatun und Can e.V. bewahrt ihr Andenken und hilft heute bedrohten Frauen in Not. Jede Frau, welche die Arbeit des Vereins vor einem so tragischen Schicksal wie dem Hatuns bewahrt, wird ganz in deren Sinne weiterleben... |
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