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Istanbul Post |
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Asül in IstanbulVon Claus Stille Auf den Ankömmling wartet eines der gelben Taxis mit der Nummer 34 im Autokennzeichen am Atatürk-Flughafen. Am Steuer sitzt Ismail. Er wird ihn mitten hinein ins brodenlnde Istanbul befördern. Sein Fahrgast kommt aus Deutschland, genauer gesagt, aus Bayern. Um genau zu sein: aus Niederbayern. Er trägt den „urbayerischen“ Namen Ugur Bagislayci und ist mit dem „kleinen“ Umweg über Berlin, aus dem beschaulichen Ort Hengersberg, angereist. Der Fahrgast stellt fest: In Istanbul, der schönsten Stadt der Türkei, geht’s „fast“ so zu wie daheim, nur der Türkenanteil sei halt ein „bisschen“ höher. Und: „Hier fahren fünf Autos nebeneinander, auch wenn nur drei Spuren da sind.“ Der Taxi-Chauffeur setzt noch eins drauf: Auf der Autobahn sei er schon mal in der Regenrinne gefahren. Ugur Bagislayci wird sich an derlei gewöhnen müssen... Zu Hause musste er hören, die Türken in Deutschland seien integrationsunwillig und sprächen kaum Deutsch. Deshalb war Bagislayci zuerst nach Berlin gefahren und machte die Entdeckung: „Der Türke in Deutschland ist nicht mehr so, wie er vor über vierzig Jahren aus der Türkei gekommen ist. Ich muss schon sagen, irgendwie untürkisch...“
Wie sind die Türken wirklich? Was also lag näher - als nun einmal ins Ursprungsland seiner Vorfahren, in die Türkei zu fliegen - um dort womöglich zu erfahren, wie die Türken wirklich sind? Ugur Bagislayci, der bereits in Berlin an der Spree „Asül bei den Türken“ (Wdhlg. der Reportage auf „Phoenix“; Teil „Berlin“: 12.12.2007 um 20.15 und am 13.12.2007 um 07.30 – Teil „Istanbul“: 12.12.2007 um 21.00 und am 13.12.2007 um 08.15) gesucht und gefunden hatte, nahm nun „Asül“ in Istanbul am Bosporus. Ugur Bagislayci ist der Kabarettist Django Asül. Ein Obsthändler erklärt ihm scherzhaft, das türkische Volk ernähre sich nur Obst und Wasser. Dass in Istanbul seit 2500 Jahren die Türken zu Hause sind, die Stadt allerdings einst von Griechen gegründet wurde, findet Django Asül „Unglaublich, aber wahr!“ Aber, schiebt er sofort nach: „Gut. Kreuzberg gründeten ja auch die Deutschen. Das würde heute auch keiner mehr glauben...“
Ahmed Bay verkauft Wasser, Mehmet Bay Raki... Die in Deutschland oft heraufbeschworene Parallelgesellschaft findet Django Asül ausgerechnet in Istanbul: Nämlich eine Mischung aus Moderne und Tradition. Die Ausnahmedesignerin Rabia Yalcin z.B. ist Muslima mit Kopftuch, „entwirft aber freizügige Kleider, die mehr entblößen, als bedecken“ - osmanische Hautcouture, sozusagen. Ob diese Mode streng genommen nicht Sünde sei, fragt Asül die junge Designerin. Die antwortet gewitzt pragmatisch: „Ahmed Bay verkauft Wasser, Mehmet Bay Raki und Osman mischt's sich – warum soll dann der Wasserverkäufer schuld sein?“
„Wer den Türken von heute verstehen will, muss sich den Türken von gestern anschauen“ Django Asül betont, dass die Türken bereits in der Osmanischen Zeit auf Tradition hielten, sich aber immer auch westwärts orientierten. Und er hat recht, wenn er sagt: „Wer den Türken von heute verstehen will, muss sich den Türken von gestern anschauen...“ Natürlich durfte auch ein Besuch im TOKAPI-PALAST und dem Harem nicht fehlen: „Die gemütliche 400-Zimmerwohnung auf 15 000 Quadratmetern.“. Asül: das Leben dort war nicht immer märchenhaft und paradiesisch, sondern „letzten Endes...nur ein Schauplatz für Mord und Totschlag...“ Das Osmanische Reich, dessen Untergang an der Seite Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg, der Umgang der Siegermächte England, Frankreich, Russland und Griechenland mit dem gefallenen Imperium; und die Gründung der Türkischen Republik durch Kemal Atatürk, sowie dessen Verdienste für die Türken - all das wurde äußerst unterhaltsam und informativ in der interessanten Mischung aus Reportage, Dokumentation und Satire für den Fernsehzuschauer aufbereitet. Wer etwa in Deutschland weiß schon, dass Atatürk das Deutsche Handelsrecht, das Schweizer Zivilrecht und das Italienische Strafrecht für die Türkische Republik übernahm; und 1930 - noch vor Frankreich! - das Wahlrecht für Frauen einführte? Django Asül streifte auch das leidige Kopftuch-Thema; informierte aber ebenso über den „Atatürkischen Gedenkverein“, dessen Mitglieder „die sanfte Islamisierung des Landes und den Abbau des Laizismus“ befürchten und sich deshalb dafür einsetzen, „dass die Religion im Staat nicht mitregiert“.
Der Glamour der Reichen und das Fernsehen als beliebte Ablenkung vom Alltagsstress Die asiatische Seite Istanbuls nennt Asül flapsig „Die türkische Ost-Zone“. Doch statt „Arabern, Wüste und Kamelen“, wie er satirisch spitz vermutet, findet Django die ehemaligen Sommerpaläste der Sultansfamilie, und staunt: die asiatische Seite der Millionenstadt gilt den Reichen und Schönen als schickes Wohnquartier. Schließlich schaut er sich an, wo „ganz“ Istanbul Baden geht: „Hier kann Frau dank Atatürk im Bikini liegen und Mann... mal schauen.“ Ein Platz im Luxus-Strand-Club soll bis zu 10 000 Euro Mitgliedsbeitrag im Jahr kosten. Asül: „Für den Durchschnittstürken mit einem Monatseinkommen von weit unter 1000 Euro unbezahlbar.“ Salih ist der prominenteste Paparazzi der Türkei. Django Asül begleitete ihn durch Istanbuls Nachtleben. Boulevardgeschichten, Klatsch und Tratsch über Prominente ist seit 20 Jahren Salihs Brot. Fünf Stunden verbringen Türken im Schnitt vor der „Glotze“ sind damit Weltspitze, was den TV-Konsum angeht. 254 TV-Sender sorgen ständig für neues „Fernsehfutter“. In den vielen Show-Sendungen suchen die meisten Türken Ablenkung vom Alltagsstress, indem sie sich täglich von der Glamour-Welt der oberen Zehntausend unterhalten lassen.
Geschäfte auf Türkisch Man erfährt, die Türkei ist das Land der Dienstleistungen: etwa zwei Drittel des Bruttoinlandsprodukts werden auf diese Weise erwirtschaftet. Allemal faszinierend ist der Blick in die bunte Welt des Großen Basars, der 31 Hektar großen „Stadt in der Stadt“, auf dessen Areal sich 4000 Geschäfte befinden. Geschäfte sind auch das Spezialgebiet des Unternehmensberaters Mario Thiel und des türkischen Unternehmers Ercan Engin. Während einer Fahrt über den Bosporus erfahren die Fernsehzuschauer etwas über „Geschäfte auf Türkisch“. Thiel weiß, dass deutsche Unternehmer, welche mit der laxen Einstellung „Wir sind Weltmeister und wissen wie professionell gearbeitet werden muss“ in die Türkei kommen, schnell auf die Nase fallen können. Sympathie und gegenseitiges Vertrauen sind das A und O im türkischen Geschäftsleben. Rasche Geschäft sind verpönt. Man müsse sich schon 20 – 30 Mal mit einem türkischen Unternehmer treffen, ehe eine – dann aber meist stabile – Geschäftsverbindung zustande komme. Engin ist für den EU-Beitritt der Türkei. Und der Weg das Ziel. Er sieht für sein Land – mit oder ohne EU – künftig großartige Chancen und Politik und Wirtschaft auf gutem Kurs: die Reformen griffen allmählich und die Wirtschaft brumme. Ercan Engin: ein Beitritt der Türkei zur EU nütze der EU wie der Türkei mehr als man jetzt denke. Heute bestehende politische Widersprüche könnten so gelöst und die Situation im Nahen Osten maßgeblich entspannt werden.
Fortschritte auf dünnem Eis Ein Besuch bei der traditionsreichen Zeitung CUMHURRIYET und einem ihrer bekanntesten Journalisten - den seine Arbeit schon zwei Mal hinter Gitter brachte - erinnert jedoch auch daran, wie dünn die Decke über dem Eis der Vergangenheit ist, auf welcher sich der heutige Fortschritt in Sachen weiterer Demokratisierung der türkischen Gesellschaft dahin bewegt. Taxifahrer Ismail kutschiert Niederbayer Django Asül zum Schluss des zweiten Teils der TV-Reportage „Asül bei den Türken“ mit seinem gelben Taxi mit dem 34er-Plaka wieder zurück zum Atatürk-Airport. Es hat inzwischen eine Beule bekommen. So ist eben Istanbul. Aber auch ganz anders... |
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Copyright © 2001 Istanbul Post Last modified: 28.12.2003 |
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