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Daniel Cohn-Bendit in Istanbulvon Alexandra Gründel The Bosphorus Miracle – A European Challenge? Unter der Devise sprach Cohn-Bendit an der Bosporus Universität über die historischen Entwicklungen, die zum heutigen Europa führten und die Integration der Türkei, die er in etwa 20 Jahren als realistisch ansieht. AG: Sie sprachen in Ihrem Vortrag Sie auch über den Islam – meinen Sie nicht, daß der Islam in der Debatte um Integration überbewertet wird? CB: Es gibt Gruppen und Minderheiten, die mit dem Islam bestimmte Dinge beanspruchen, das ist richtig. Also, wenn Eltern z.B. ablehnen, dass ihre Tochter mit auf Klassenfahrt gehen soll, das gibt es auch, das sollte man nicht leugnen. Generell ist natürlich das Problem, daß die Migrantensubkulturen, die existieren, sich nicht integrieren, die Sprache nicht lernen – das hat tatsächlich nichts mit dem Islam zu tun, sondern ist eine eigenständige Subkultur, die irgendwie eine Vorstellung vom Leben hat, die eben nicht nach Deutschland oder Frankreich passt. AG: Das kann man auf die Türkei übertragen. Bis vor ein paar Jahren war die Schulpflicht fünf Jahre, vor einiger Zeit wurde sie auf acht Jahre angehoben. Das ist immer noch zu wenig. Das Problem ist die Bildung. CB. Ja, stimmt. AG: Was man hier in den Schulen lernt ist ein starker Nationalismus. Ich denke, was Sie sagten, dass die Türkei lernen muss, die fundamentalen Menschenrechte einzuhalten, ist wichtig. Aber die werden nicht beigebracht, weder in den Familien noch in der Schule. Es gibt keine Friedenserziehung. Es gibt kein richtiges Rechtsverständnis. CB: Sie haben völlig Recht. Das Problem der Integration, wenn man die Türkei nimmt, ist genauso, es ist nicht der Islam, der kann natürlich ein Problem werden. Es sind die Grauen Wölfe, es ist der türkische Nationalismus, es ist natürlich auch die Bildung, wie Sie schon sagen. Es gibt ja andere Studien, die ganz klar zeigen, die erste Einwanderungswelle von Leuten, die eher aus Istanbul kamen, einen ganz anderen Aufstieg gemacht haben bei uns, als die, die aus Anatolien gekommen sind. AG: Wie kann man das Bidlungssystem so verändern, dass die Kinder anders erzogen werden. Gibt es da Ansätze von der Europäischen Union aus? AG: Wie kommen die Leute aber darauf, dass sie das leisten müssen? Das Bewußtsein ist im Großen und Ganzen nicht vorhanden. CB: Das Lösung für das Problem in der Türkei wird sein, dass die Aufstiegsleiter nur durch die Bildung geht und ich glaube, dass die meisten Menschen wollen, dass ihre Kinder aufsteigen und das geht nur durch die Bildung. Das ist die Chance, ihnen Bildung anzubieten, dass jedes Kind 12-13 Jahre zur Schule gehen darf. Das ist ein historischer Prozess. CB: Das ist ein gesellschaftlicher Prozess. Sehen Sie, wie lange es in Frankreich gedauert hat, wie lange Frankreich noch eine Todestrafe gehabt hat. AG: War es Ihre Entscheidung, die Mitarbeiter von der Zeitung ZAMAN zu treffen? In Ihrem Reiseprogramm steht: ZAMAN vertritt einen gemäigten Islam. Was ist denn das? CB: Nun, was interessant war: in der Redaktion von ZAMAN haben sie genauso viele Frauen mit Kopftuch wie ohne bei den Journalisten. Sie versuchen, den Islam zu modernisieren. Nicht als intellektuelle Terrorverstanstaltung, sondern sie sind offen, was mich überrascht hat, als ich in der Redaktion war und mit den unterschiedlichen Redakteuren redete. AG: Fetullah Gülen und seine Bewegung wird offen von ZAMAN unterstützt. Nun kann man einerseits sagen, das ist eine gemäßigte Form des Islam, aber andererseits ist es u.U. eine Form der Islamisierung, die wir gar nicht so richtig bemerken. CB: Ja, aber auf der anderen Seite haben Sie den Nationalismus durch Hürriyet und eine Form des kemalistischen Nationalismus, den wir merken oder nicht merken. AG: Aber ich denke, dass es eine Gefahr ist, weil man im Grunde genommen nicht merkt, dass eine gewisse Islamisierung stattfindet auf eine Art und Weise, wo Sie eigentlich denken: Oh, das ist doch eigentlich ganz offen... CB: Das ist genau der Punkt, wo man dagegen halten muss, wo man diskutieren sollte. Das ist mein Anspruch. Das habe ich mit der Redaktion genauso diskutiert. Mal sehen, ob und wie sie das morgen schreiben. AG: Sie trafen Tayyip Erdogan, als er noch Bürgermeister von Istanbul war, als er noch eine Moschee mitten auf den Taksimplatz setzen wollte und Sie Vieles ganz schlimm fanden, was der Mann von sich gab. Und Sie meinten nun in Ihrem Vortrag, jeder kann sich ändern, auch die 68er hätten sich geändert. CB: Natürlich. AG: Hoffen wir mal. CB: Davon gehe ich aus. AG: Herr Cohn-Bendit, ich danke für dieses Gespräch. Das Interview führte Alexandra Gründel |
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Stefan Hibbeler Redaktion: redaktion@istanbulpost.net |
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Copyright © 2001 Istanbul Post Last modified: 28.12.2003 |
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