Jahrgang 4 Nr. 41 vom 20.12.2007
 

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Istanbul – Adana – Konya – Istanbul:    Eine kurze Rundreise in vier Tagen und Nächten....

Jochen Klingner
(Istanbul, 7. Juli 2007)

Klingt vielleicht ein wenig verrückt, in so kurzer Zeit so viele Kilometer (ca. 1300 km) hintersichzulassen, dabei noch zwei unbekannte Städte “mitzunehmen”... aber ich wollte unterwegs sein, vor allem im Zug, die Landschaften an mir vorbei ziehen lassen und dabei “Land und Leute” kennenlernen. “Land und Leute” kenne ich jetzt schon seit etwa einem Jahr, ich lebe und arbeite als
Deutsch-Lehrer an einem türkischen Gymnasium (Anadolu Lisesi) in Istanbul und kann mich über Abwechslung und Überraschungen nicht beklagen. Den dadurch gewonnenen Schwung wollte ich auch mit auf die Reise nehmen...

Natürlich musste es die legendäre “Bagdad-Bahn” sein. Kann mensch sich zwei Jahre in der Türkei aufhalten, ohne diese Strecke gefahren zu sein? “Wohl kaum”, dachte ich vor der Reise, “unmöglich”, weiß ich nach der Reise. Wer die Zeit dafür hat und sie sich dann nicht nimmt, ist selbst schuld...

Als “gelernter Deutscher” musste ich die Fahrt selbstverständlich planen. Also rein ins Internet, die Seiten der “Türkiye Cumhuriyeti Devlet Demiryolları (TCDD)” waren schnell gefunden, alles schön und übersichtlich gemacht, nur stellte sich dann leider heraus, dass die Züge den größten Teil der Zeit nachts unterwegs sind. Für “Normalreisende” ja auch sinnvoll, wollen sie doch nur von A nach B kommen, möglichst viel Gepäck mitnehmen und möglichst wenig Geld ausgeben. All dies bietet die Bahn im Gegensatz zum Bus und erst recht zum Flugzeug. Mit anderen Worten: Die Bahn ist in der Türkei wohl eher das Transportmittel der ärmeren Menschen. Nach längerem Suchen fand ich schließlich die Lösung: Abends um 18.00 Uhr mit dem Icanadolu Mavi Treni von Haydar Pasa Bahnhof in Istanbul nach Adana, dort Ankunft um 14.00, am nächsten Tag um dieselbe Zeit zurück bis nach Konya, Ankunft 21.00, am übernächsten Tag zurück mit dem Bus. So hatte ich fast die ge-samte Strecke bei Tageslicht...ich war zufrieden. Und aufgeregt, je näher der Zeitpunkt der Abreise heranrückte.

Es ist so viel geschrieben worden über diese berühmte “Bagdad-Bahn” und den Startbahnhof im asiatischen Teil Istanbuls, Haydar-Pasa, dass die Erwartungen immer größer werden, je mehr mensch liest, ...das soll der große Bahnhof sein...das die Halle...das der Zug...? Plötzlich kommt die Realität doch recht prosaisch daher und mensch ertappt sich bei einer gelungenen Selbsttäuschung...
Natürlich ist der Bahnhof groß und vom Bosporus aus wirkt er imposant, aber doch nicht herausragender als die vielen anderen Gebäude, die seinerzeit errichtet wurden...aber, denke ich, zum Glück sind zwar die Großmachtpläne des Deutschen Reiches, die mit dem Bau der Bahn verbunden waren, gescheitert, aber die Bahnstrecke gibt es noch...
Haydarpasa

Als ich mein online-ticket am Schalter gegen das “echte Papierticket” umtausche, entdecke ich (voller Zufriedenheit) den handgeschriebenen Zettel: “ Heute sind alle Züge ausgebucht!” - gut, dass ich geplant habe...Die Bahnhofshallen sind mäßig gefüllt, einige Menschen schlafen, kleine Kinder spielen, es herrscht eine sehr entspannte Atmosphäre, ganz anders als an den zentralen Busbahnhöfen...dort brummt es fast immer richtig....

“Mein Zug” wartet schon auf mich, obwohl ich über eine Stunde zu früh da bin. Er  wird noch gereinigt, innen und außen. Während ich den Zug fotografiere, werde ich von den Angestellten freundlich angelächelt, ohne Zweifel sind sie stolz, dass da ein Yabanci (Ausländer) ihren schönen Zug fotografiert. Ein Mann stellt sich als Aufsicht über die Reinigungskräfte vor und wünscht mir eine angenehme Reise. Ich hatte mich für ein Abteil im Schlafwagen entschieden und bin dann hoch erfreut, mein Abteil für mich allein zu haben. Zwar bin ich gern unter Menschen, aber etwas Ruhe ist auf einer solchen Fahrt bestimmt nicht von Nachteil. “Mein Plan” besteht ja ohnehin darin, nur kurz zu schlafen, wenn es dunkel wird und morgens um 4.00 den Wecker zu stellen, damit ich so wenig wie möglich verpasse...
Gleich nebenan ist der Speisewagen. Er ist (nicht) erstaunlicherweise nicht voll, vereinzelt sitzen überwiegend Männer an den Tischen und halten sich an flüssige Nahrung. Ich habe Hunger und ich werde satt. (Die zu Recht berühmte türkische Küche muss ja nicht überall gut sein, der deutsche Speisewagen stellt ja auch keine kulinarischen Köstlichkeiten zur Verfügung).

Der Zug hat Istanbul verlassen, klettert nach Eskisehir hoch und ruckelt so langsam in die Dunkelheit. An manchen Strecken scheint er nicht schneller als 30 km zu fahren, an anderen vielleicht höchstens 80-90 km. “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”, der Titel eines Buch von Marcel Proust, das ich nie gelesen habe, kommt mir immer wieder in den Sinn...diese Zeit und Art  des Reisens (des 19. Jahrunderts) haben “wir” in jedem Fall “verloren”...hier jedoch scheint sie noch zu existieren...mit diesen Gedanken schlummere ich, mal gerüttelt und geschüttelt, mal gewiegt und geschaukelt, in den oberflächlichen Schlaf. Konya verpasse ich. Erst kurz vor Karaman werde ich wieder wach, es ist noch dunkel, aber lange kann es nicht mehr dauern...

...und endlich sehe ich die Landschaft, auf die ich mich besonders gefreut habe, vor meinen Augen entstehen...wenn der Schlaf ein kleiner Tod ist, dann ist der Morgen auch eine kleine Geburt...hier, in der zentralanatolischen Hochebene, ist das Erwachen überwältigend...(jetzt müsste mensch Dichter oder Maler sein, als Lehrer mit einem Fotoapparat stehen mir nur begrenztere Möglichkeiten zur Verfügung),
Landschaft

 aber der panoramatische Blick aus dem Abteilfenster fesselt mich die nächsten 2 Stunden. Die Hochebene ist einerseits flach, und gleichzeitig andererseits immer umgeben von sanften Gebirgshügeln, der Zug fährt auf sie zu und eröffnet die nächste Ebene. Sie scheint an vielen Stellen fruchtbar zu sein, überwiegend sind es Weizenfelder, deren unterschiedlicher Erntestand die verschiedenen gelb-goldenen bis tiefbraunen Farben hervorruft. Manche Felder liegen (vielleicht nur kurzfristig) brach, so dass sich schon eine grüne Pflanzendecke gebildet hat. Steinwüsten an anderen Stellen, eher etwas höher gelegen, verfärben die Landschaft ins Graue. Bäume gibt es nur (noch?) wenige, Dörfer oder kleinere Kleinstädte sind selten.

Schafherde

 Wie mag es sich hier leben? Die Schönheit der Natur kann mensch satt haben, wenn er nicht satt wird...vereinzelt leben Menschen in zeltähnlichen Behausungen am Rande der Bahnstrecke...sind es Saisonarbeiter?

Zelte

Dass es im Sommer während des Tages richtig heiß werden kann, deutet eine kleine, plötzlich entstehende Windhose kurz hinter Çakmak an, im Winter soll es bittere Minusgrade geben...
Bahngleis

Der Zug schleicht weiterhin durch die Landschaft, fast als ob er um den Wunsch seiner (touristischen) Mitfahrer wüsste, die Landschaft in aller Ruhe zu genießen  - es ist eigentlich ein museales Tempo...
...in Wirklichkeit schuftet sich die Diesellokomotive den Taurus hoch. In Ulukışla ist schließlich der höchste Punkt dieser Reise erreicht, der Taurus wird bewältigt und anschließend muss noch die Cukurova, die Tiefebene,  nach Adana, durchquert werden. Hört sich leicht an, ist aber immerhin noch eine Fahrt von ca. fünf Stunden. Es sollte der zweite Höhepunkt dieser Reise werden: der sagenumwobene Taurus, schwierigste Streckenführung durch unzählige Tunnel und über Brücken, abrundtiefe Schluchten,

 

Hang

 

Tunnel

 

 deutsche Bahnhöfe (sic!) und Heimat von Ince Memed, der Hauptfigur eines vierbändigen Romans  von Yaşar Kemal, die türkische Version von Robin Hood, der die  Reichen in der Ebene überfällt und ausraubt, um es den Armen zu geben, und dann wieder in den Bergen verschwindet....

...aber so ganz kann ich mich auf die Landschaft und meine Gedanken gar nicht konzentrieren, denn ein Türke vom Nebentisch im Speisewagen lädt mich zu einem Glas Tee und sich an meinen Tisch ein. “Hayat böyle”, sagt man im Türkischen, “so ist das Leben”, aber ich wollte ja auch nicht nur “Land”, sondern auch “Leute” kennenlernen. Nach der üblichen Vorstellungszeremonie (woher man kommt, was man arbeitet, ob man verheiratet ist und Kinder hat) kamen wir ins Politische. Schließlich sind bald Wahlen und die Menschen erscheinen mir überaus interessiert, was wohl in der nächsten Zeit passieren wird. Nun ist wohl ein Wort zu meinen Türkischkenntnissen angebracht: Zwar kann ich inzwischen relativ “unfallfrei” durch den Alltag kommen, aber schon darüber hinausgehende Gespräche bedürfen auf beiden Seiten sehr viel Phantasie. Ich habe so viel “verstanden”: Die Türkei ist nicht demokratisch, sondern faschistisch, die Wahlen würden daran nicht viel ändern, das Hauptproblem sei die Arbeit bzw. dass es keine gebe. Ein militärischer Einmarsch in den Nordirak würde nicht stattfinden, da die USA dies nicht erlauben und die Türkei sei vollständig vom Willen der USA abhängig. Dem konnte ich sprachlich wenig entgegen setzen, aber immerhin, dachte ich, hast du jetzt mal eine diese Meinung kennengelernt...

Zwanzig Kilometer vor Adana, in Yenice, stehen die Hitze und der Zug. Trotz funktionierender Klimaanlage wird es heiß im Speisewagen, alle Befürchtungen über die Hitze in Adana scheinen bestätigt zu werden. Schließlich  rollt der Zug im Bahnhof von Adana ein, ich schnappe meinen Rucksack, verlasse Zug und Bahnhof, und pralle gegen eine Wand. Es ist 14.00 Uhr und selbst der Schatten scheint sich verkrochen zu haben. Es ist nicht nur die Temperatur ( an die 40° Grad), sondern auch die Feuchtigkeit und der Luftdruck, die Luft fühlt sich schwer an...und mir ist nach Liegen und Bewegungsarmut...die ich im Öğretmenevi auch finde. Die “Lehrerhäuser” gibt es enorm zahlreich im ganzen Land, jede Stadt hat mindestens eins, Lehrer kommen dort für wirklich wenig Geld unter. Sie sind meist sehr gepflegt und bieten auch gutes Essen. Mag sein, dass so die geringen Gehälter für Lehrer etwas ausgeglichen werden...

Am frühen Abend wage ich mich wieder auf die Straßen und erlebe eine ganz moderne Stadt. Anders als Istanbul ist Adana im Stadtkern überhaupt (nicht mehr) verwinkelt, sondern besitzt ziemlich breite Boulevards, die fast geometrisch angeordnet sind...sie macht auf mich einen sehr westlichen Eindruck. Der jedoch wird am späten Abend etwas getrübt, denn auf den Hauptstraßen gibt es wohl viele Cafes, aber doch keins, das ein Bier im Angebot hätte...erst in einer Seitenstraße finde ich ein angenehmes Lokal. Gar nicht so spät falle ich müde ins Bett und schlafe gleich ein.

Am nächsten Morgen schlendere ich ziellos durch die Straßen. Der Eindruck vom Vortag verdichtet sich noch einmal, allerdings kann ich zu Fuß natürlich nur die  Innenstadt beurteilen. Die Häuser erscheinen mir zwar als große quadratische Blöcke, aber keineswegs stereotyp, viele Balkone sind begrünt, überhaupt sind die breiten Straßen alle baumbestanden, besonders Palmen gedeihen hier in diesem feucht-heißen Klima...Plötzlich gerate ich in einen Park und reibe mir ziemlich verdutzt die Augen. Ich kenne ja die vielen schönen Parks in Istanbul, echte Oasen in einem heißen Häusermeer,
an  Wochenenden von schattenbedürftigen und auf gegrilltes Fleisch erpichte  Istanbullern heimgesucht, dadurch zu buntem Leben erweckt, aber dieser Park in Adana?  Blitzsauber angelegte Wege, die bestimmt täglich geharkt werden, mit mathematischer Genauigkeit produzierte Blumenbeete,  die regelmäßigen geometrischen Formen folgen, saftig grüne Rasenflächen, die bestimmt betreten, aber ziemlich sicher nicht als Grillplatz benutzt werden dürfen. Dieser Park hätte ohne Zweifel bei dem in Deutschland so beliebten Wettbewerb “Unser Dorf soll schöner werden” sehr gute Chancen, einen Preis zu gewinnen...

Park

Am Ende des sehrsehr großen Parks thront und herrscht, mensch kann es leider nicht anders benennen, die Sabancı Merkez Camii, die größte Moschee der Türkei. Wie hat der Stifter, Herr Sabanci, dessen Familie wirklich zu den  Oberen Zehn gehört, der laut Reiseführer selbst als armer Baumwollpflücker angefangen haben soll, wie hat er so viel Geld auftreiben können?

Moschee

Adana ist trotzdem eine schöne Stadt, in der es sich bestimmt trotz der Hitze gut leben lässt. Die Menschen machten auf mich auch einen entspannten und freundlichen  Eindruck, wenn z.B.zufällig Blickkontakt, auch mit Frauen, entstand, wurde er länger gehalten und so eine gewisse Neugierde zum Ausdruck gebracht. Istanbul im Vergleich ist da viel “cooler”, mensch scheint sich nicht mehr anzugucken...
Gegen 14.00 Uhr fährt mein Zug nach Konya, der Bahnhof ist rappelvoll, viele “Dörfler” haben groß eingekauft und wollen ihre Schätze nach Hause bringen. Einer von ihnen, ein sehr alter Mann, der problemlos im Speisewagen Platz nahm, ohne etwas zu verzerren, wie andere Dörfler auch, unvorstellbar so etwas in Deutschland, zeigte mir später, als der Zug sich wieder den Taurus hochwand, ganz stolz, wo in etwa er wohnen würde, nämlich hinter diesem Berg dort und dann noch ein Stück weiter...wie gern hätte ich ihn auf seinem Heimweg begleitet, aber diese Idee überstieg dann noch selbst meine Abenteuerlust...
Dafür geriet ich in ein interessantes Gespräch mit zwei Lehrerinnen aus Adana, die Freunde auf dem Land besuchen wollten. Wir tauschten erst unsere Erfahrungen über die sehr unterschiedlichen Arbeitsbedingungen aus, sie haben in der Mittelschule mindestens (!) 40 Schüler pro Klasse, ich hingegen in der Oberschule höchstens (!) 30, die Gehälter sind die gleichen, aber die Lebenshaltungskosten in Istanbul sind bestimmt doppelt so  hoch. Auf die kommende Wahl angesprochen sagten beide Frauen übereinstimmend: Wir haben in der Türkei ein Problem: das sind die Männer. Es schien mir überhaupt nicht so, als würden sie diesbezüglich irgend eine Unterscheidung zwischen den verschiedenen Parteien treffen. Was sie damit genau meinten, wird erst aus dem zweiten Teil des Gesprächs deutlich. Aber dazu muss ich zunächst etwas weiter ausholen und eine andere Geschichte erzählen.
Männer. Männer in der Türkei. In dem Stadtteil, in dem ich wohne und wo ich natürlich inzwischen nach einem Jahr viele Bekannte habe, gibt es wohl kaum einen Mann, der mir nicht die Frage nach einer Frau in der Türkei gestellt hat. Sie wissen, dass ich in Deutschland verheiratet bin, aber das sei doch kein Problem, sie würde das nicht merken...
Männer im Zug. Die Drei im Speisewagen hatten mich ganz in ihr Herz geschlossen. Waren sie auf der Hinfahrt noch freundlich distanziert, änderte sich die Beziehung auf der Rückfahrt ganz, so als ob ich jetzt ja schon Stammgast sei. Als sie zum Abendbrot ihr von Zuhause mitgebrachtes Essen(!) auf den Tisch stellten, luden sie mich zum gemeinsamen Essen, von einem Teller, ein.

 

Zugbegleiter

 

Wir plauderten über dies und jenes,zuerst über Fußball, Galatasaray oder Fenerbahce oder Besiktas, so entstehen Freund-oder Feindschaften, ich weiß, dass es am besten ist, sich für Besiktas zu bekennen, und dann, genau, mit scheelem Blick auf die beiden Lehrerinnen, kam die unvermeidliche Frage aller Fragen...

Später erzählte ich den Lehrerinnen von meinen diesbezüglichen Erfahrungen mit Männern. Sie waren überhaupt nicht überrascht, im Gegenteil. “Ja, das ist so, Männer haben ein Problem mit Sex!
Wenn sie untreu sind, ist das kein Problem, sind wir untreu, laufen wir Gefahr, ermordet zu werden. Deswegen sind die Männer das Problem der Türkei.!”

Endlich(!?) bestätigte der Zug die vielen Vorurteile (zu langsam, zu unpünktlich). Am Bahnhof von Ereğli blieb er  einfach stehen und konnte nicht weiter. Beim Blick aus dem Fenster stellte sich heraus, dass irgend etwas heiß gelaufen sein musste, dichte Qualmwolken kamen unter einem Waggon hervor, kleine Feuerlöscher lösten das Problem jedoch recht schnell und die Fahrt konnte weitergehen.

Bahnhof

 

Mit kleiner Verspätung, um kurz vor 22.00 Uhr, war Konya erreicht, ich fiel ins Taxi, von dort ins Bett und da in den Schlaf...

“In Konya tanzen nur die Derwische, ein ausschweifendes Nachtleben gibt es nicht. Dafür bietet die überaus konservative Sittenwächterin des Landes den sehenswerten Nachlass der Seldschuken.”

So steht es in einem Reiseführer und Ähnliches hörte von Bekannten, denen ich von meiner Reise erzählte. Ich war also auf Einiges gefasst und wieder einmal überrascht worden. Natürlich kann ein Reisender nur flüchtige Blicke von Außen auf die Stadt werfen, innere Mechanismen und wohlmögliche Zwänge sind kaum erfassbar. Aber die äußere Erscheinung Konyas scheint mir dem Vorurteil zu widersprechen: Wenn das Kopftuch ein Indiz  für Etwas ist, dann ist Konya weniger davon “befallen” als z.B. die Bezirke Üsküdar oder gar Fatih in Istanbul. Und ähnlich albern erscheint es mir, wenn in demselben Reiseführer auf einer Karte ein Ort vermerkt, wo mensch Alkohol kaufen kann...

Am Vormittag machte ich mich auf, das Mevlana-Kloster zu besuchen. Ein deutschsprachiger Führer schnappte mich gleich nach dem Eingang, stellte sich als ehemaliger Lehrer vor und führte mich durch das ganze Museum. Es war wirklich spannend, in so kurzer Zeit so viele interessante Dinge zu erfahren und schöne Schätze erklärt zu bekommen...könnte ich sie mir doch auch alle merken, aber dafür ist leider keine Schublade im Kopf...
Der “Orden der tanzenden Derwische” trete ein für Frieden und Toleranz, sagt mein Führer Yilmaz.  Er schwärmt geradezu von den Vorzügen diese Sufi-Religion. Das reizt mich, eine Frage zu stellen, die mensch so eigentlich nicht stellen sollte, weil es darauf keine Antwort geben wird, nämlich die Frage, warum denn der Sufi-Orden verboten ist, wenn er so tolerant sei. Yilmaz tut so, als habe er die Frage nicht gehört und als ich noch einmal nachharke, umgeht er geschickt das Problem, indem er auf diesen Ort, und damit auf seine Existenz, hinweist. Und so dreht mensch sich dann im Kreis:

 

Derwisch

Inzwischen ist es Nachmittag, die Busfahrt nach Istanbul am nächsten Tag ist “eingetütet”, die in Adana gekaufte Hose vom Schneider in Konya ist im Handumdrehen gekürzt und umgenäht worden, die verschiedensten Teehäuser sind auch schon besucht worden, und eigentlich fällt mir nichts mehr ein. Ich bin müde und brauche eine Pause:  in meinen Kopf passt nichts mehr rein, denke ich...
...also setze ich mich in die Straßenbahn beim “Alaadin”, dem zentralen Ort von Konya,  und fahre bis zur Endhaltestelle “Universität “. Kaum bin ich aus dem engeren Stadtkreis raus, ist die Müdigkeit plötzlich weg. Denn was ich jetzt sehe, erstaunt mich über die Maßen: die Stadt wächst in die Hochebene! Unzählige Häuser, meist sechsstöckig, manchmal aber auch etwas höher, scheinen eine  Fläche von Dutzenden Quadratkilometern unter sich zu begraben. Zuerst bin ich ziemlich entsetzt, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass in einer solchen Retortenstadt angenehmes Wohnen und Leben möglich ist. Auf der Rückfahrt steige ich an irgendeiner Station aus, um mir ein Viertel genauer anzuschauen. Das ändert meinen Blick. Von nahem sehen die einzelnen Häuser recht interessant aus, keine Einheitsbauweise, sondern in Farbe und Form ziemlich unterschiedlich gestaltet. Natürlich fehlt es noch an vielem, kaum Geschäfte, wenig Grün, aber erkennbare Versuche, Bäume und Sträucher zu pflanzen. Vielleicht in 10 Jahren, denke ich, könnte in diese Wüste auch Leben einziehen. Hoffentlich halten die Häuser so lange! Kleine, auf der Straße spielende Mädchen scheinen diese Sorgen nicht zu haben...
Kinder

 

Am nächsten Morgen fahre ich mit dem Bus zurück. Ich gehe von einer schnellen und entspannten Heimreise aus und erlebe etwas Anderes. Im Gegensatz zum Zug fällt im Bus die Klimanalage aus!
Die Temperatur im Bus schwankt zwischen 37° und 39° Grad, jetzt fällt es mir sehr schwer, die Landschaft zu genießen, mein Sitznachbar ist zum Glück genauso wenig wie ich gesprächswillig. Was mich aber noch mehr als die Hitze umtreibt, ist der Umgang der Türken mit dem Problem. Weder wird von den Fahrgästen Unmut geäußert, noch gibt es vom Busfahrer oder seinem Begleiter eine Erklärung oder ein Bedauern. Meine Gefühle schwanken zwischen Verärgerung und Bewunderung: “Wie kann mensch sich so etwas stumm und schicksalsergeben gefallen lassen!”Und  gleichzeitig: ”Wie bewundernswert diese Ruhe und Ausgeglichenheit, sich über kleinere Unpässlichkeiten des Lebens nicht aufzuregen...”

Am späten Abend lande ich wieder auf dem eigenen Planeten “Istanbul”. Es ist ca. 22.00 Uhr, die Straßen sind voller Menschen und Autos, ich erlebe spürbar den Unterschied zwischen Kleinstadt und Metropole, ein aufgeregtes Flirren liegt  noch in der Luft zu einem Zeitpunkt, bei dem in Adana oder Konya sich die Straßen  langsam leeren und die Betten füllen...

Erschöpft, aber auch glücklich und zufrieden, diese kleine Reise gemacht zu haben, gehen mir noch die vielen Bilder und Gespräche durch den Kopf – was für ein spannendes, interessantes und vielfältiges Land – am Ende schlafe ich mit einem Satz ein:

Türkiyede hayat böyle ....so ist das Leben in der Türkei....

 

 

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