| ||||
|
Jetzt kostenlos! | ||||
Istanbul – Adana – Konya – Istanbul: Eine kurze Rundreise in vier Tagen und Nächten.... Jochen Klingner Klingt vielleicht ein wenig verrückt, in so kurzer Zeit so viele Kilometer (ca. 1300 km) hintersichzulassen, dabei noch zwei unbekannte Städte “mitzunehmen”... aber ich wollte unterwegs sein, vor allem im Zug, die Landschaften an mir vorbei ziehen lassen und dabei “Land und Leute” kennenlernen. “Land und Leute” kenne ich jetzt schon seit etwa einem Jahr, ich lebe und arbeite als Natürlich musste es die legendäre “Bagdad-Bahn” sein. Kann mensch sich zwei Jahre in der Türkei aufhalten, ohne diese Strecke gefahren zu sein? “Wohl kaum”, dachte ich vor der Reise, “unmöglich”, weiß ich nach der Reise. Wer die Zeit dafür hat und sie sich dann nicht nimmt, ist selbst schuld... Als “gelernter Deutscher” musste ich die Fahrt selbstverständlich planen. Also rein ins Internet, die Seiten der “Türkiye Cumhuriyeti Devlet Demiryolları (TCDD)” waren schnell gefunden, alles schön und übersichtlich gemacht, nur stellte sich dann leider heraus, dass die Züge den größten Teil der Zeit nachts unterwegs sind. Für “Normalreisende” ja auch sinnvoll, wollen sie doch nur von A nach B kommen, möglichst viel Gepäck mitnehmen und möglichst wenig Geld ausgeben. All dies bietet die Bahn im Gegensatz zum Bus und erst recht zum Flugzeug. Mit anderen Worten: Die Bahn ist in der Türkei wohl eher das Transportmittel der ärmeren Menschen. Nach längerem Suchen fand ich schließlich die Lösung: Abends um 18.00 Uhr mit dem Icanadolu Mavi Treni von Haydar Pasa Bahnhof in Istanbul nach Adana, dort Ankunft um 14.00, am nächsten Tag um dieselbe Zeit zurück bis nach Konya, Ankunft 21.00, am übernächsten Tag zurück mit dem Bus. So hatte ich fast die ge-samte Strecke bei Tageslicht...ich war zufrieden. Und aufgeregt, je näher der Zeitpunkt der Abreise heranrückte. Es ist so viel geschrieben worden über diese berühmte “Bagdad-Bahn” und den Startbahnhof im asiatischen Teil Istanbuls, Haydar-Pasa, dass die Erwartungen immer größer werden, je mehr mensch liest, ...das soll der große Bahnhof sein...das die Halle...das der Zug...? Plötzlich kommt die Realität doch recht prosaisch daher und mensch ertappt sich bei einer gelungenen Selbsttäuschung... “Mein Zug” wartet schon auf mich, obwohl ich über eine Stunde zu früh da bin. Er wird noch gereinigt, innen und außen. Während ich den Zug fotografiere, werde ich von den Angestellten freundlich angelächelt, ohne Zweifel sind sie stolz, dass da ein Yabanci (Ausländer) ihren schönen Zug fotografiert. Ein Mann stellt sich als Aufsicht über die Reinigungskräfte vor und wünscht mir eine angenehme Reise. Ich hatte mich für ein Abteil im Schlafwagen entschieden und bin dann hoch erfreut, mein Abteil für mich allein zu haben. Zwar bin ich gern unter Menschen, aber etwas Ruhe ist auf einer solchen Fahrt bestimmt nicht von Nachteil. “Mein Plan” besteht ja ohnehin darin, nur kurz zu schlafen, wenn es dunkel wird und morgens um 4.00 den Wecker zu stellen, damit ich so wenig wie möglich verpasse... Der Zug hat Istanbul verlassen, klettert nach Eskisehir hoch und ruckelt so langsam in die Dunkelheit. An manchen Strecken scheint er nicht schneller als 30 km zu fahren, an anderen vielleicht höchstens 80-90 km. “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”, der Titel eines Buch von Marcel Proust, das ich nie gelesen habe, kommt mir immer wieder in den Sinn...diese Zeit und Art des Reisens (des 19. Jahrunderts) haben “wir” in jedem Fall “verloren”...hier jedoch scheint sie noch zu existieren...mit diesen Gedanken schlummere ich, mal gerüttelt und geschüttelt, mal gewiegt und geschaukelt, in den oberflächlichen Schlaf. Konya verpasse ich. Erst kurz vor Karaman werde ich wieder wach, es ist noch dunkel, aber lange kann es nicht mehr dauern... ...und endlich sehe ich die Landschaft, auf die ich mich besonders gefreut habe, vor meinen Augen entstehen...wenn der Schlaf ein kleiner Tod ist, dann ist der Morgen auch eine kleine Geburt...hier, in der zentralanatolischen Hochebene, ist das Erwachen überwältigend...(jetzt müsste mensch Dichter oder Maler sein, als Lehrer mit einem Fotoapparat stehen mir nur begrenztere Möglichkeiten zur Verfügung),
Dass es im Sommer während des Tages richtig heiß werden kann, deutet eine kleine, plötzlich entstehende Windhose kurz hinter Çakmak an, im Winter soll es bittere Minusgrade geben...
deutsche Bahnhöfe (sic!) und Heimat von Ince Memed, der Hauptfigur eines vierbändigen Romans von Yaşar Kemal, die türkische Version von Robin Hood, der die Reichen in der Ebene überfällt und ausraubt, um es den Armen zu geben, und dann wieder in den Bergen verschwindet.... ...aber so ganz kann ich mich auf die Landschaft und meine Gedanken gar nicht konzentrieren, denn ein Türke vom Nebentisch im Speisewagen lädt mich zu einem Glas Tee und sich an meinen Tisch ein. “Hayat böyle”, sagt man im Türkischen, “so ist das Leben”, aber ich wollte ja auch nicht nur “Land”, sondern auch “Leute” kennenlernen. Nach der üblichen Vorstellungszeremonie (woher man kommt, was man arbeitet, ob man verheiratet ist und Kinder hat) kamen wir ins Politische. Schließlich sind bald Wahlen und die Menschen erscheinen mir überaus interessiert, was wohl in der nächsten Zeit passieren wird. Nun ist wohl ein Wort zu meinen Türkischkenntnissen angebracht: Zwar kann ich inzwischen relativ “unfallfrei” durch den Alltag kommen, aber schon darüber hinausgehende Gespräche bedürfen auf beiden Seiten sehr viel Phantasie. Ich habe so viel “verstanden”: Die Türkei ist nicht demokratisch, sondern faschistisch, die Wahlen würden daran nicht viel ändern, das Hauptproblem sei die Arbeit bzw. dass es keine gebe. Ein militärischer Einmarsch in den Nordirak würde nicht stattfinden, da die USA dies nicht erlauben und die Türkei sei vollständig vom Willen der USA abhängig. Dem konnte ich sprachlich wenig entgegen setzen, aber immerhin, dachte ich, hast du jetzt mal eine diese Meinung kennengelernt... Zwanzig Kilometer vor Adana, in Yenice, stehen die Hitze und der Zug. Trotz funktionierender Klimaanlage wird es heiß im Speisewagen, alle Befürchtungen über die Hitze in Adana scheinen bestätigt zu werden. Schließlich rollt der Zug im Bahnhof von Adana ein, ich schnappe meinen Rucksack, verlasse Zug und Bahnhof, und pralle gegen eine Wand. Es ist 14.00 Uhr und selbst der Schatten scheint sich verkrochen zu haben. Es ist nicht nur die Temperatur ( an die 40° Grad), sondern auch die Feuchtigkeit und der Luftdruck, die Luft fühlt sich schwer an...und mir ist nach Liegen und Bewegungsarmut...die ich im Öğretmenevi auch finde. Die “Lehrerhäuser” gibt es enorm zahlreich im ganzen Land, jede Stadt hat mindestens eins, Lehrer kommen dort für wirklich wenig Geld unter. Sie sind meist sehr gepflegt und bieten auch gutes Essen. Mag sein, dass so die geringen Gehälter für Lehrer etwas ausgeglichen werden... Am frühen Abend wage ich mich wieder auf die Straßen und erlebe eine ganz moderne Stadt. Anders als Istanbul ist Adana im Stadtkern überhaupt (nicht mehr) verwinkelt, sondern besitzt ziemlich breite Boulevards, die fast geometrisch angeordnet sind...sie macht auf mich einen sehr westlichen Eindruck. Der jedoch wird am späten Abend etwas getrübt, denn auf den Hauptstraßen gibt es wohl viele Cafes, aber doch keins, das ein Bier im Angebot hätte...erst in einer Seitenstraße finde ich ein angenehmes Lokal. Gar nicht so spät falle ich müde ins Bett und schlafe gleich ein. Am nächsten Morgen schlendere ich ziellos durch die Straßen. Der Eindruck vom Vortag verdichtet sich noch einmal, allerdings kann ich zu Fuß natürlich nur die Innenstadt beurteilen. Die Häuser erscheinen mir zwar als große quadratische Blöcke, aber keineswegs stereotyp, viele Balkone sind begrünt, überhaupt sind die breiten Straßen alle baumbestanden, besonders Palmen gedeihen hier in diesem feucht-heißen Klima...Plötzlich gerate ich in einen Park und reibe mir ziemlich verdutzt die Augen. Ich kenne ja die vielen schönen Parks in Istanbul, echte Oasen in einem heißen Häusermeer,
Wir plauderten über dies und jenes,zuerst über Fußball, Galatasaray oder Fenerbahce oder Besiktas, so entstehen Freund-oder Feindschaften, ich weiß, dass es am besten ist, sich für Besiktas zu bekennen, und dann, genau, mit scheelem Blick auf die beiden Lehrerinnen, kam die unvermeidliche Frage aller Fragen... Später erzählte ich den Lehrerinnen von meinen diesbezüglichen Erfahrungen mit Männern. Sie waren überhaupt nicht überrascht, im Gegenteil. “Ja, das ist so, Männer haben ein Problem mit Sex! Endlich(!?) bestätigte der Zug die vielen Vorurteile (zu langsam, zu unpünktlich). Am Bahnhof von Ereğli blieb er einfach stehen und konnte nicht weiter. Beim Blick aus dem Fenster stellte sich heraus, dass irgend etwas heiß gelaufen sein musste, dichte Qualmwolken kamen unter einem Waggon hervor, kleine Feuerlöscher lösten das Problem jedoch recht schnell und die Fahrt konnte weitergehen.
Mit kleiner Verspätung, um kurz vor 22.00 Uhr, war Konya erreicht, ich fiel ins Taxi, von dort ins Bett und da in den Schlaf... “In Konya tanzen nur die Derwische, ein ausschweifendes Nachtleben gibt es nicht. Dafür bietet die überaus konservative Sittenwächterin des Landes den sehenswerten Nachlass der Seldschuken.” So steht es in einem Reiseführer und Ähnliches hörte von Bekannten, denen ich von meiner Reise erzählte. Ich war also auf Einiges gefasst und wieder einmal überrascht worden. Natürlich kann ein Reisender nur flüchtige Blicke von Außen auf die Stadt werfen, innere Mechanismen und wohlmögliche Zwänge sind kaum erfassbar. Aber die äußere Erscheinung Konyas scheint mir dem Vorurteil zu widersprechen: Wenn das Kopftuch ein Indiz für Etwas ist, dann ist Konya weniger davon “befallen” als z.B. die Bezirke Üsküdar oder gar Fatih in Istanbul. Und ähnlich albern erscheint es mir, wenn in demselben Reiseführer auf einer Karte ein Ort vermerkt, wo mensch Alkohol kaufen kann... Am Vormittag machte ich mich auf, das Mevlana-Kloster zu besuchen. Ein deutschsprachiger Führer schnappte mich gleich nach dem Eingang, stellte sich als ehemaliger Lehrer vor und führte mich durch das ganze Museum. Es war wirklich spannend, in so kurzer Zeit so viele interessante Dinge zu erfahren und schöne Schätze erklärt zu bekommen...könnte ich sie mir doch auch alle merken, aber dafür ist leider keine Schublade im Kopf...
Inzwischen ist es Nachmittag, die Busfahrt nach Istanbul am nächsten Tag ist “eingetütet”, die in Adana gekaufte Hose vom Schneider in Konya ist im Handumdrehen gekürzt und umgenäht worden, die verschiedensten Teehäuser sind auch schon besucht worden, und eigentlich fällt mir nichts mehr ein. Ich bin müde und brauche eine Pause: in meinen Kopf passt nichts mehr rein, denke ich...
Am nächsten Morgen fahre ich mit dem Bus zurück. Ich gehe von einer schnellen und entspannten Heimreise aus und erlebe etwas Anderes. Im Gegensatz zum Zug fällt im Bus die Klimanalage aus! Am späten Abend lande ich wieder auf dem eigenen Planeten “Istanbul”. Es ist ca. 22.00 Uhr, die Straßen sind voller Menschen und Autos, ich erlebe spürbar den Unterschied zwischen Kleinstadt und Metropole, ein aufgeregtes Flirren liegt noch in der Luft zu einem Zeitpunkt, bei dem in Adana oder Konya sich die Straßen langsam leeren und die Betten füllen... Erschöpft, aber auch glücklich und zufrieden, diese kleine Reise gemacht zu haben, gehen mir noch die vielen Bilder und Gespräche durch den Kopf – was für ein spannendes, interessantes und vielfältiges Land – am Ende schlafe ich mit einem Satz ein: Türkiyede hayat böyle ....so ist das Leben in der Türkei.... |
|
|||