Jahrgang 4 Nr. 1 vom 3.01.2008
 

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Tatort Krimi

Von Claus Stille


Links Hauptkommissarin Lindholm (Maria Furtwängler) zusammen

mit Selda Özkan (Aylin Tezel) einer alevitischen Famile im

„Tatort“-Krimi „Wem Ehre gebührt“

Screenshot (Autor) via Welt Online.de

 

Die „Tatort“-Kriminalfilme, produziert vom Österreichischen Fernsehen (ORF), dem Schweizer Fernsehen (SF) und den einzelnen deutschen Rundfunk- und Fernsehanstalten unter dem Dach der ARD , sind seit Jahrzehnten beim Fernsehpublikum der deutschsprachigen Länder beliebt und erzielen hohe Einschaltquoten.

Am 23. Dezember 2007 wurde der „Tatort“-Fernsehfilm „Wem Ehre gebührt“ des NDR mit der beim niedersächsischen LKA tätigen Kriminalhauptkommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) ausgestrahlt. Diese ermittelte dieses Mal zusammen mit dem türkisch-alevitischen. Kommissar Aslan (Mehmet Kurtulus), mit welchem sich Frau Lindholm erst kappelt, dann aber in einer Kantinenszene (wo Aslan Schweinefleisch isst) zusammen zu raufen beginnt.

Im Film ging es um einen Fall von Inzest in einer türkisch-alevitischen Familie. Der Familienvater hatte seine älteste Tochter ermordet, weil sie zur Aufklärung beitragen wollte. Denn er hatte seine jüngste Tochter sexuell missbraucht. Sie konvertiert daraufhin sozusagen zum orthodoxen sunnitischen Islam. Allein dies, erscheint schon arg konstruiert. Für Aleviten ist ein solcher Schritt im Grunde undenkbar. Aber diese dramaturgische Unsauberkeit hätten sicher auch sie noch hingenommen. Wenn da nicht der Inzest gewesen wäre...

Nun protestieren die Aleviten in Deutschland im Nachhinein heftig gegen den Film. In Deutschland leben etwas 700 000 Türken alevitischen Glaubens. Sie sehen sich durch den „Tatort“ als Aleviten verleumdet und verunglimpft. Sie hatten bereits im Vorfeld die Ausstrahlung des Krimis zu verhindern versucht. Der NDR hatte sich jedoch auf die Presse- und Kunstfreiheit berufen. Der Sender setzte dem „Tatort“ lediglich eine Einblendung voran. Darin wurde darauf hingewiesen, dass die Geschichte rein fiktiv sei und man die Aleviten damit nicht verunglimpfen wolle.

Warum musste die Familie im Film ausgerechnet alevitisch sein?

Auch die Aleviten bestreiten ausdrücklich nicht, dass ein Inzest, wie er im „Tatort“ gezeigt wurde, leider in jeder Familie - gleich welcher Religion sie anhängt bzw. atheistisch orientiert ist - vorkommen kann.

Der Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF), Ali Ertan Toprak fragt sich nur: „Warum eigentlich musste die Familie ausgerechnet alevitisch sein? Das war doch dramaturgisch gar nicht nötig. Es hätte auch einfach eine moderne, türkische Familie sein können, bei der Frauen keine Kopftücher tragen.“

 

Auch der Sendetermin des „Tatort“ war äußerst unglücklich gewählt

Besonders empört und entsetzt zeigen sich die Aleviten darüber , dass die ARD den Krimi gerade am letzten Wochenende (22./23.12.2007) ausstrahlte. Da nämlich gedachten Aleviten weltweit des Pogroms von Maras vor 29 Jahren. In der südostanatolischen Stadt hatten orthodox-sunnitische und nationalistische Türken am 21. Dezember 1978 ein alevitisches Wohnviertel angegriffen, wobei hundert Aleviten zu Tode gekommen bzw. schwer verletzt worden waren. Später im Jahre 1993 erfolgte ein Brandanschlag auf ein Hotel in Sivas, worin sich alevitische Intellektuelle aufhielten. 37 Menschen kamen unter den Augen der nahezu untätigen Polizei und der Feuerwehr, die viel zu spät zu löschen begann, qualvoll zu Tode.

 

Der AABF sagt: Dieser „Tatort“ gibt dem uralten sunnitischen Vorurteil, die Aleviten begingen Inzest an ihren Kindern, neue Nahrung

Generalsekretär Toprak ist verärgert. „Genau der Vorwurf des Inzests wurde und wird bis heute als Rechtfertigung für solche Übergriffe wie in Maras genutzt“, sagte er der Netzzeitung.

„Jeder Türke, jeder Muslim kennt dieses Standart-Vorurteil! Unsere Kinder zum Beispiel werden in den Schulen immer wieder von anderen sunnitischen türkischen Kindern genau damit beleidigt!“ Diese Vorurteile existieren bereits seit Jahrhunderten. Die Sunniten begründen sie damit, dass die Aleviten ihre religiösen Rituale gemeinsam mit Frauen und Kindern ausführen.

Deniz Han von der Alevitischen Gemeinde Deutschland sieht durch den Film die Aufklärungsarbeit ihres Vereins um Jahre zurückgeworfen.

Aleviten werden auch heute noch verunglimpft

Wer verstehen will, warum die Aleviten so scharfe Kritik an dem Film üben, hieß es, müsse den Blick in Richtung Türkei wenden. Noch immer nämlich sehen sich die Aleviten dort unterdrückt, verunglimpft und verfolgt. In der Türkei sollen zirka 20 Millionen Menschen Aleviten leben. Als übelste und niederträchtigste Beleidigung gegen die Aleviten gilt das so genannte „MUM SÖNDÜ“ (Die Kerze ist erloschen). Von orthodoxer sunnitischer Seite wird in der Türkei seit Jahrzehnten die Geschichte von einem Ritus kolportiert, wonach bei den Aleviten die Familie zusammenkäme, das Licht dann gelöscht würde, und dann in einer Orgie Vater und Tochter, Mutter und Sohn, Bruder und Schwester miteinander Geschlechtsverkehr ausübten. Diese „kranken und widerlichen Phantasien“ geben nach Ansicht von Aleviten „viel über diejenigen Preis, die sie in die Welt setzen und nicht müde werden, sie zu wiederholen.“

Hat sich die Regisseurin instrumentalisieren lassen oder gingen die NDR-Verantwortlichen unbedarft zu Werke?

Ali Ertan Toprak fragt sich, ob sich die Drehbuchautorin und Regisseurin Angelina Macarrone bei ihrer Recherche über den alevitischen Glauben womöglich von fanatisch sunnitischen Beratern habe instrumentalisieren lassen.

Angelina Macarrone selbst zeigte sich einem Interview mit Funkhaus Europa betroffen über die Reaktionen auf ihren Film. Ihr sei es in dem Krimi gerade um eine differenzierte Darstellung türkischer Migranten gegangen. Und sie habe zeigen wollen, „dass Aleviten sehr weltoffen sind“.

Möglicherweise gingen die Verantwortlichen des NDR bei ihrem „Tatort“ auch insgesamt etwas allzu unbedarft zu Werke..

Überdies muss sich der NDR die Frage gefallen lassen, warum man vor dem Dreh nicht einfach fachlichen Rat seitens der türkisch-alevitschen Glaubensgemeinschaft bzw. bei Historikern suchte.

In einem Pressekommentar wurde die Frage aufgeworfen, was es wohl für erst Reaktionen gegeben hätte, hätte man den Inzest-Fall in einer explizit als sunnitisch, katholisch oder gar jüdisch erkennbaren Familie spielen lassen.

Der Autor verlieh seiner Vermutung Ausdruck, dass sich der NDR bewusst für das alevitische Milieu entschieden haben, weil man vielleicht von dieser als freundlich und friedlich gesonnen geltenden Community den wenigsten bzw. überhaupt keinen Widerstand erwartete.

Auch Ayca Tolun, türkischstämmige Redakteurin beim WDR-Radioprogramm von Funkhaus Europa ist der Inzest-Vorwurf als ein bekanntes Vorurteil bekannt, das bis in die Siebzigerjahre für Hetzkampagnen gegenüber Aleviten benutzt wurde.

 

Aleviten verlangen eine Entschuldigung vom NDR und eine „angemessene“ Darstellung ihrer Religion zur Hauptsendezeit

Ali Ertan Toprak und die Alevitische Gemeinde machte unmissverständlich deutlich, dass am nun eine Reaktion des NDR erwarte: „Wir verlangen eine offizielle Entschuldigung des NDR und wollen, dass unsere Religion in einer Sendung zur Primetime richtig und angemessen dargestellt wird.“

Bislang zeigte sich der NDR gegenüber der Alevitischen Gemeinde gesprächsbereit, sieht sich aber aus juristischen Gründen zu einer Entschuldigung momentan nicht in der Lage, meldete dpa.. In der Zwischenzeit stellten der Berliner Verein Anatolischer Aleviten und die Nürnberger Alevitische Gemeinde Strafantrag wegen Volksverhetzung gegen den NDR.

Außerdem wollen die Aleviten über Anwälte ein gerichtliches Verbot von künftigen Wiederholungen des „Tatort“-Krimis „Wem Ehre gebührt“ erwirken.

 

Demonstrationen gegen den „Tatort“ in Berlin und Köln – Polizei ermittelt gegen NDR

Am 27. Dezember 2007 demonstrierten etwa 300 Aleviten vor dem Hauptstadtstudio der ARD in Berlin Mitte gegen den umstrittenen TV-Krimi. Zahlreiche Kundgebungsteilnehmer hielten Plakate hoch, auf denen Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ abgedruckt war.

Demonstrationen von Aleviten waren auch vor der ORF-Zentrale in Wien und in der Schweiz angekündigt.

Überdies wollen sich die Aleviten auch an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wenden. wie

Unterdessen wurde gemeldet, dass die Berliner Polizei ein Verfahren wegen Volksverhetzung gegen den NDR eingeleitet hat.

„Es ist eine sehr ernste Sache, was hier passiert“, sagte das Vorstandsmitglied des Kulturzentrums Anatolischer Aleviten, Dogan Azman.

Azman weiter: „Das bleibt jetzt nicht bei der ARD!

An einer Demonstration am 30. Dezember vor dem Kölner Dom – zu der auch Aleviten aus den Nachbarländern Deutschlands anreisten - nahmen ca. 20 000 Menschen teil.

Das Essener Zentrum für Türkeistudien teilte mit, man könne die Proteste der Aleviten zwar nachvollziehen, halte allerdings solche Großdemonstration für etwas überspitzt.

In diversen Internet-Foren von Zeitungen sind hier Beiträge, gewisser „deutscher Stimmen“ zu lesen, welche sich anlässlich der Aleviten-Proteste mehr oder weniger laut fragen, ob man als Deutscher in Deutschland überhaupt noch etwas zu sagen habe. Und wieso sich „die Türken“ überhaupt erdreisten könnten, in Deutschland zu demonstrieren.

Das sind die üblichen Schreihälse mit dumpfer Gesinnung.

Zwischen Aleviten und dem NDR respektive der ARD sollten aber nun bald klärende Gespräche stattfinden, um künftige Irritationen zu vermeiden.

Natürlich ist die Freiheit der Kunst ein hohes Gut. Daran etwas zu ändern, dürfte niemanden wirklich gelegen sein.

Doch diejenigen, die mit diesem hochwertigen Gut umgehen – und dazu gehören die Filmleute zweifelsohne - sollten ab und zu einmal genauer hinsehen. Und sich vorher schlau machen, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist.

Im vorliegendem Fall hat es Angelina Macarrone (Drehbuch/Regie) sicherlich gut gemeint. Sie wollte vielleicht die üblichen Klischees vermeiden. Bedauerlicherweise glitt ihr Film aber genau durch dieses Ansinnen in eine andere falsche Spur ab, in dem er – sicherlich ungewollt – alten schlimmen Vorurteilen neue Nahrung gab.

Auf diese Weise wurde ihr Krimi sozusagen selbst zum Tatort.

Ein Fernseh-Krimi übrigens, der nebenbei bemerkt – einmal jenseits des Aleviten-Eklats betrachtet - einige gravierende dramaturgische Mängel aufwies.

Darüber jedoch sprach oder schrieb in diesen Tagen kaum jemand.

 

 

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