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Jahrgang 4 Nr. 2 vom 10.01.2008
 

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Unter-der-Gürtellinie-Rap und Gartennazis

Von Claus Stille


Die Bremer Rapperin Lady Bitch Ray (Reyhan Sahin)/Photo/Quelle: Screenshot (Autor) via Myspace.com

Gerade ist der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) dabei, die von zwei Jugendlichen (einem Griechen und einem Türken) in München an einem Rentner in der U-Bahn verübte schwere Gewalttat, zu seinen Gunsten zu instrumentalisieren. Um die anstehende Landtagswahl zu gewinnen. Kriminelle Ausländer gehörten in Erziehungslager oder abgeschoben, tönt Koch. Was jedoch sollen in Deutschland geborene Jugendliche mit Migrationshintergrund in Athen oder Ankara? Und wohin sollen krimineller Deutsche abgeschoben werden? Dazu schweigt Populist Koch fein still. Er lässt auch unerwähnt, dass er in den vergangenen Jahren hunderte Stellen bei Jugendgerichtshilfe und Polizei hat streichen lassen. Koch will einfach an der Macht bleiben. Das ist es. Und weil für ihn offenbar der Zweck die Mittel heiligt, wird gehetzt, was das Zeug hält. Von den einschlägigen Stammtischen kommt postwendend Beifall. Ausländerfeindlichkeit fällt schnell auf den dafür noch immer fruchtbaren deutschen Boden. Erst recht bei den Neonazis von der NPD. Koch, der vor Jahren schon einmal mit Populismus eine Wahl gewann (Unterschriftenaktion gegen den Doppel-Pass; die Leute auf der Straße an den CDU-Wahlkampf-Ständen fragten: Wo kann ich hier gegen Ausländer unterschreiben?), ist das schlicht egal – Hauptsache er bleibt Ministerpräsident.

Kochs üble Hetze spielt abermals denjenigen in die Hände, die krampfhaft dem Vorurteil anhängen, Migranten seien integrationsunwillig und neigten zu kriminellen Verhalten. Dass die Gründe für mangelhafte Integration aber im Wesentlichen in der Bildungsferne der Betroffenen zu suchen sind, und somit weites gehend auf soziale Ursachen zurückgehen, wird von Leuten wie Koch wissentlich verschwiegen.

Selten berichten die deutschen Medien über die gelungene Integration von Migranten. Gerade in der zahlenmäßig großen Community der türkischstämmigen Bürgerinnen und Bürger ließen sich nicht wenige herausragende Beispiele dafür finden.

Die deutsche Mehrheitsgesellschaft erwartet von den Migranten und deren Kindern ausdrücklich „ausreichende Anstrengungen“ zur Integration in die Gesellschaft zu unternehmen. Das ist legitim. Weil es letztlich beiden Seiten nützt.

Aber Vorsicht: wie das Beispiel der Bremer Rapperin Lady Bitch Ray, welche den bürgerlichen Namen Reyan Sahin trägt, können die unternommenen Anstrengungen auch rasch die Grenze dessen, was „man“ allgemein hin für ausreichend hält, überschreiten. Derart Über-Integration verschreckt so manch Zeitgenossen. Wie übrigens alles, das von dem, was „man“ für „normal“ hält, abweicht.

Reyan Sahin ist die Tochter einer von der Türkei nach Deutschland übergesiedelten Gastarbeiterfamilie. Sie wuchs im Bremer Arbeiterviertel Gröpelingen auf. Nach dem Abitur studiete Sahin Linguistik, Germanistik und Sexualpädagogik an der Universität Bremen.

Das Studium schloss Reyan als Magistra ab. In ihrer Magisterarbeit befasste sich Sahin mit dem Thema „Jugendsprache anhand der Darstellung der Jugendkultur Hiphop“. Laut Wikipedia wurde die Arbeit in einer Anthologie im Brockmeyer-Universitätsverlag veröffentlicht. Unterdessen arbeitet Reyhan Sahin an ihrer Doktorarbeit über „Semiotik der Kleidung“. Im Winterseminar 2007/2008 leitet sie die Lehrveranstaltung „Einführung in die Kleidungssemiotik“.

Vier Jahre war Sahin als freie Mitarbeiterin und Moderatorin bei Funkhaus Europa (wird vom WDR und Radio Bremen produziert) tätig.

Im Mai 2006 kündigte ihr Radio Bremen.

Reyhan Sahin, dem Rap zugetan, hatte den Titel „Hengzt Arzt Orgi“ produziert und kostenlos ins Internet gestellt.

Der Titel handelt von einer fiktiven Sexorgie mit den Rappern King Orgasmus One, Bass Sultan Hengzt und Frauenarzt. Textzeilen wie „Ein Stößchen, zwei Stößchen – in mein feuchtes [...]“ empfand Radio Bremen als „pornografisch“.

Radio Bremen davon Kenntnis stellte die Moderatorin vor die Wahl, den Song aus dem Internet zu nehmen oder die Rundfunkanstalt zu verlassen.

Reyan Sahin ging. Und zwar direkt zur Bildzeitung. Um ihre Geschichte zu thematisieren. Reyan meint, die von „Bild“ hätten nach ihrer Schmutzkampagne vor einiger Zeit betreffs der „Gegen die Wand“-Schauspielerin Sibel Kekilli wegen ihrer Vergangenheit als Pornodarstellerin, etwas gut zu machen.

Die Rapperin kritisiert ihren einstigen Sender noch heute. Der Wochenzeitung „Jungle World“ gegenüber monierte sie, dass bei Radio Bremen kein Türke als fester Mitarbeiter tätig sei. Sie aber habe dort wegen ihrer türkischen Herkunft „nie größere Schwierigkeiten“ gehabt. Reyhan Sahin fragte damals, ob sie von Funkhaus Europa zu Radio Vier, dem Jugendsender der Bremer Rundfunkanstalt, wechseln könne. Die Chefin antwortete ihr, sie, Reyhan, passe „optisch nicht in ihr Team“.

Sahin meint, die Ablehnung habe damit zutun gehabt, dass sie einfach nicht den Vorstellungen entsprach, die man sich von einer Migrantin mache.

Am meisten enttäuscht ist Reyhan Sahin von dieser Chefin. Die erzählte ihr immer, was sie 1968 alles gemacht habe. Bei Reyhan aber ließ sie jegliche Toleranz vermissen.

Das Problem in Deutschland seien halt nicht „nur die Stiefelnazis, die in Brandenburg wohnen und die DVU wählen... „Es gibt zu viele Gartennazis in Deutschland. Zu viele Leute sind derart engstirnig, dass sie für mich echt nazimäßig sind. Und Radio Bremen ist so. Da gab es eine latente Ausländerfeindlichkeit, so wie in Deutschland auch eine latente Türkenfeindlichkeit herrscht.“

Lady Bitch Ray alias Reyhan Sahin übt scharfe Kritik an der in Deutschland üblich gewordenen politischen Korrektheit. Das sei völlig verlogen. Demokratie beinhalte für sie auch künstlerische Freiheit. Und das schließt für Sahin eben auch ein, sich öffentlich über Dinge äußern zu können, die unter die Gürtellinie gehen.

So verteidigt sie auch ihr Konzept der „vaginalen Selbstbestimmung“. Lady Bitch Ray nennt das „Vagina-Style“ und treibt die Dinge so auf die Spitze, „damit die Frauen sich auf dem vaginalen Weg zu einer echten Bitch emanzipieren.“

Sahin reagiert damit auch auf die Texte ihrer männlichen Rap-Kollegen, in denen nicht selten eine gewaltige Portion Gewalt und Sexismus mitschwingt. Sie, sagt Reyhan Sahin, sei „die Gegenpostition zum Porno-Rap.

Reyan kann sich freilich „auch sehr gewählt ausdrücken und ganz seriös über Sexualität reden“. Doch sie kommt im Grunde genommen von der Straße. Deshalb will sie „den Jargon der Straße behalten“.

Die Künstlerin dürfte genau wissen, was sie macht. Ihr geht es darum, von den Leuten ernst genommen zu werden. Aber nicht nur deswegen, weil sie an einer Doktorarbeit schreibe.

Es gibt Pädagogen, die Sex-Rap – wie Lady Bitch Ray ihn repräsentiert – für zu gefährlich für Jugendliche halten.

Sahin bezeichnet diese Leute als „Möchtegern-Sozialarbeiter“. Die hätten keine Ahnung, was Rap sei.

Reyhan Sahin: „Die Rap-Fans sind nicht so blöd wie Sozialarbeiter und Hobby-Soziologen. Ein Fan hört ja nicht nur einen Song, sondern liest die Interviews, guckt sich Fotos an und bewertet das Gesamtbild des Künstlers.“

Die engagierte Rapperin weiß von was sie da spricht. Sie hat selbst Mädchenarbeit in Bremen gemacht.

Der Rap sei es nicht, der die Jugend verwahrlost. Ganz im Gegenteil: Er rette sie.

Die Rapperin ist seit Ende 2007 nicht mehr nur allein ihrem speziellen Fan-Publikum wegen ihrer nicht zimperlichen pornografischen Texte und einem Auftritt im Internetfernsehen „Raywatch“, wo sie sich – harmlos ausgedrückt - äußerst freizügig gab, ein Begriff; sondern wurde durch ihre Teilnahme an der Talkshow „Menschen bei Maischberger“ letzten Dezember inzwischen auch einer breiteren Fernsehöffentlichkeit bekannt.

Wie reagieren die Menschen auf Reyhan Sahin? Die Deutschen, so die Rapperin, „...wollen nicht akzeptieren, dass ich Türkin bin, weil sie glauben, dass Türken so was nicht machen.“

Selbstredend rümpfen auch Türken hier und da die Nase über Sahin.

Jedoch bekennt Sahin, dass sie sogar mehr Probleme mit Deutschen als mit Türken hat.

Schließlich waren es auch Deutsche, die sich bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung über sie beschwerten, weil sie dort Stipendiatin ist. Daraufhin musste Sahin den Stiftungschefs stundenlang Rede und Antwort über das stehen , was sie mache und das dies nichts mit ihrer Doktorarbeit zu tun habe.

Lady Bitch Ray provoziert mit ihrer Arbeit. So verwundert es nicht, dass ihr Werk höchst kontrovers rezipiert und oft genug heiß diskutiert wird.

Gästebucheintragungen in Internetausgaben deutscher Zeitungen spiegeln das wieder. Die einen halten Reyhan für eine Schande für jede türkische Frau. Andere wiederum finden sie „powerful“ und ziehen den Hut vor ihr.

Wieder andere, wie etwa das Bremer Stadtmagazin „citybeat“ werfen der jungen Frau vor, sie leide „unter einem penetranten Selbstdarstellungsdrang“ und die TAZ wandte ein, ihr „derbes, freizügiges Auftreten“, löse kaum Diskussionen über Integration, sondern „vielmehr über Emanzipation und Geschmack“ aus.

Ein Peer Schrader titulierte Sahin im Feuilleton der FAZ, Bezug nehmend auf die TV-Talkshow vom Dezember 2007 als „armes Provokationswürstchen im goldenen Glitzerdarm“ mit „giftiger Engstirnigkeit.“

„Bild online“ meinte, einen solchen „Porno-Talk“ habe es noch nie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gegeben.

Was Reyhan Sahin als Lady Bitch Ray künftig in der deutschen Gesellschaft wird bewegen können – und ob sich ihre Arbeit gar positiv auf das Leben und Verhalten ihrer jugendlichen Fans auswirken wird - bleibt geduldig und tolerant abzuwarten.

Zunächst einmal wird mit knisternder Spannung ihr für Frühjahr 2008 erwartetes erstes Album „Die Aufklärung nach Emmanuelle Cunt“ erwartet.

Reyhan Sahin hat inzwischen ihr eigenes Label. Provokanter Name: Vagina Style Records.

Eigentlich müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn nicht die wilde Lady Bitch Ray mittels ihrer offenbar klug arrangierten Skandale und auf den Punkt genau unter die Gürtellinie zielenden inszenierten Provokationen mehr zur Integration von der Gesellschaft sozial abgehängter Jugendlicher beitrüge, als der Populist Roland Koch mit seinen unsäglich dummen Hetzreden. Die noch dazu eine brandgefährliche Stimmung in der Gesellschaft herstellen.

 

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Last modified: 28.12.2003