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Jahrgang 4 Nr. 4 vom 24.01.2008
 

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Kaffeehäuser (Kahvehane) als Mittelpunkt männlicher Wirklichkeit

von Perihan Ügeöz

Vor kurzem wurde in Eskisehir einem wegen unerlaubtem Waffenbesitz vor Gericht stehenden Mann nicht nur eine Geldstrafe von 375 YTL erteilt. Außerdem wurde dem 67jährigen Mann per Gerichtsbeschluss verboten, 10 Monate lang ein Kaffeehaus zu betreten.

Auf den ersten Blick klingt dieses Urteil amüsant. Man könnte denken, der Urteil sprechende Richter habe sich dabei einen ordentlichen Spaß erlaubt. Im Kern besitzt es aber eine spannende soziale Tragweite. Deswegen würde es kaum verwundern, wenn dieses originelle Urteil eines Tages in die Geschichte der türkischen Kaffeehauskultur eingeht. Denn für manch einen Kaffeehausgänger kann ein Urteil wie dieses einen harten Schlag bedeuten wie auch für den hier Verurteilten, von dem es hieß, er habe in Anbetracht dieser Strafe einen Schock erlitten.

Die soziale und kulturelle Wirklichkeit der türkischen Gesellschaft kennzeichnet eine Zweiteilung: Auf der einen Seite gibt es die Wirklichkeit der Frauen. Auf der anderen steht dieser die Wirklichkeit der Männer entgegen, in deren Mittelpunkt das Kaffeehaus triumphiert.

Obgleich es gelungen ist, seit der Gründung der türkischen Republik im Jahre 1923 die Geschlechtertrennung in vielen Lebensbereichen aufzuheben, ist sie dennoch eine gesellschaftliche Realität. Der öffentliche Raum ist nach wie vor - bzw. in den letzten Jahren wieder stark zunehmend - von der männlichen Dominanz geprägt. Die Kaffeehäuser, im türkischen „Kahvehane“ genannt, sind ein anschauliches Spiegelbild dieser zweigeteilten Realität. Nach informellen sozialen und kulturellen Anstandsgesetzen, die vom Mann ebenso fraglos verinnerlicht und weitertransportiert werden wie von Frauen selbst, ist es den Frauen verwehrt, diiese Kaffeehäuser zu betreten. Aus Furcht vor üblem Klatsch und Tratsch über Mangel an Ehre und Anstand machen viele Frauen einen Bogen um diese Stätten oder senken voller Scheu und Scham den Kopf, wenn sie unbedingt an dem einen oder anderen Kaffeehaus vorbeigehen müssen. Aber vollkommen unbelastet von der intellektuellen Sorge um soziale Ausgrenzung der Frau, sind andererseits eine Menge Ehefrauen schlicht dankbar für die Existenz dieser männlichen Kaffeehäuser. Denn gäbe es sie nicht, hätten sie ihre Ehemänner womöglich ständig am Hals.

Die meisten männlichen Kaffeehäuser gelten heute als Stätten des Müßiggangs, die nichtsdestotrotz eine wichtige soziale Ventilfunktion ausüben. Der Eine geht hin, weil er arbeitslos ist und nicht weiß, wie er seine Zeit anders totschlagen könnte. Ein anderer ist Rentner und versucht, mit dem einen oder anderen Kartenspiel der Langenweile zu entkommen. Ein Anderer wiederum schaut einfach den Karten- und Tavla-(Brett-)spielern zu oder lauscht den emsigen Gesprächen ringsherum und rehabilitiert sich auf diese Weise zumindest für eine Zeitlang von den häuslichen Sorgen. Manch ein frustrierter Ehemann schafft es gar, mehr Zeit im Kaffeehaus zu verbringen, als Zuhause. Ob Arbeitsloser, Rentner oder nur ein frustrierter Ehemann, vielen Männern bietet das Kaffeehaus auch die Gelegenheit, im Verlauf einer heißen Debatte über Politik, Wirtschaft oder Sport zum Fachexperten zu mutieren. Während der Eine dem Ministerpräsidenten politische Ratschläge erteilt, kritisiert ein Anderer jüngste politische Entscheidungen und schlägt Alternativen vor. Ein Anderer weiß, die Börse in Schwung zu bringen. Und natürlich ganz zu schweigen vom Thema Fußball, das selbst den Schweigsamsten plötzlich in einen redseligen Mannschaftskapitän zu verwandeln imstande ist.

Arbeitslosigkeit treibt die Zahl der Kaffeehäuser hoch

Ob es sich um eine städtische oder ländliche Gegend handelt, die Kaffeehäuser sind zweifellos ein landesweites soziales wie auch kulturelles Phänomen. In einer Gegend mit ärmeren Lebensbedingungen sind sie wesentlich zahlreicher vorhanden als in reicheren Vierteln. Gegenwärtig ist einer der wichtigsten Antriebsgründe für die zahlenmäßige Dichte von Kaffeehäusern die Arbeitslosigkeit. Im Ost-West-Vergleich kommt diese Dimension besonders deutlich zum tragen. Je höher in einer Region die Arbeitslosigkeit ist, umso mehr Kaffeehäuser gibt es dort. Die östlichen Provinzen sind dabei federführend. In seinem Aufsatz „Der Osten ist zum Kaffeehaus verurteilt“ macht Hasim Söylemez die Absurdität dieser sozialen Realität anschaulich. Eine Stadt wie Mus, die gerademal über zwei Hauptstraßen verfügt, gibt es allein im Zentrum 200 Kaffeehäuser. Andere östliche Städte wie Van, Bitlis oder Hakkari stehen dem nicht nach. Andererseits scheinen sie aber für zumindest jene Familien, die mit einer Mindestausstattung diese Kaffees betreiben, eine wichtige, wenn nicht gar die einzig mögliche Verdienstquelle zu sein.

Einst galten sie als „Lebensschulen“

Obschon immer eine männliche Domäne und stets begehrte Zielorte, aber anders als heute waren die Kaffeehäuser einst keineswegs Knotenpunkte, um müßig und träge der Schwere der unendlichen Zeit zu entrinnen. Im Volksmund wurden sie im Gegenteil als Lebensschulen und Volksbibliotheken bezeichnet. Mann ging hin, um das Intellekt zu schulen. Fast noch emsiger als in einem Universitätsseminar, sollen dort Bücher und Zeitschriften ausgetauscht, gelesen und besprochen worden sein. Für die Intelligenzia des Landes galt der Gang in ein Männerkaffeehaus als eine Pflicht. Der türkische Schriftsteller Sait Faik, der selbst die meiste Zeit seines Lebens in Kaffeehäusern verbracht und seine Bücher dort geschrieben haben soll, erklärte sogar das Studium eines Akademikers für unvollständig, wenn er es nicht schaffte, sein Studium auch in einem Kaffeehaus zu vervollkommnen.

In vergangenen Zeiten sollen in den Kaffeehäusern gleichzeitig verschiedene Berufszweige praktiziert worden sein. Viele der Kaffeehausbetreiber betrieben nicht nur ihr Cafe, sondern wirkten daneben auch als Barbier, Zahnarzt und wenn Not war manchmal weurden sie sogar als Chirurg tätig.

Allen Verboten zum Trotz

Der Überlieferung zufolge sind die ersten Kaffeehäuser ab 1554 entstanden. Es heißt, das erste Kaffeehaus sei von zwei arabischen Händlern in Tahtakale in Istanbul, in der Nähe vom Grossen Bazar, eröffnet worden. Tahtakale war damals ein wichtiger Handelsknotenpunkt. Diesem folgten später weitere Kaffees in anderen Teilen der Stadt und einer wie der andere soll sich einer regen Nachfrage erfreut haben. Der Andrang war sogar so groß, dass er den Unmut verschiedener Geistlicher weckte und den damaligen Scheyulislam Ebusaat Efendi veranlasste, eine Fetva zum Verbot des Kaffeekonsums zu verkünden. Obwohl selbst Schiffe, die Kaffee in die Stadt transportierten, versenkt wurden, habe sich jedoch die Zahl der Kaffeehäuser kaum verringert, sondern eher stetig weiterentwickelt.

Die Kundschaft dieser ersten Kaffeehäuser setzte sich aus den Eliten der bürokratischen Kreise damaliger Zeit zusammen. Die Vertreter dieser intellektuellen Klassen sammelten sich in kleinen Gruppen zusammen, um gemeinsam Bücher zu lesen, gegenseitig die selbst geschriebenen Gedichte vorzutragen oder sich über Kunst auszutauschen. Da zu der Zeit die Teilnahme an diesen Versammlungen als Privileg sowie Anerkennung und Aufwertung des Status galt, sollen viele junge Männer sich regelrecht ereifert haben, um in diese Zirkel aufgenommen zu werden. Für die Kandidaten war allerdings Voraussetzung, dass sie sich in der Kultur der osmanischen Elite auskannten und über fundierte Kenntnisse in den damals führenden arabischen, persischen sowie türkischen Meisterwerken der Literatur verfügten.

Abbildungen gesellschaftlicher Wandlungsprozesse

Je mehr Kaffeehäuser im Laufe der Jahre entstanden, umso mehr begannen sie sich in verschiedene berufliche Kategorien zu zerspalten, wie z.B. Händler- oder Bürokratenkaffeehäuser. Und später, als allmählich die Kluft zwischen den sozialen Bevölkerungsgruppen immer weiter auseinander wuchs und daneben inspiriert von westlichen Vorbildern Cafes in wohlhabenden Stadtvierteln und Landesteilen entstanden, begannen sie sich auch in soziale Kategorien zu zergliedern. All die Station, die ihre Geschichte durchgemacht hat, sind sicherlich auch die Stationen des gesellschaftlichen und kulturellen Wandels.

Eigentlich haftet der nunmehr über 500-jährigen Geschichte der Kaffeehäuser auch etwas von der Schwermut der Legenden über Adel und Untergang an. Einst begehrte Treffpunkte der geistigen Elite, sind sie heute vielerorts eher Stätten, die offenkundig dazu dienen, das soziale Elend der Arbeitslosigkeit vom Überquellen auf die Strasse abzuhalten. Da in den meisten dieser von überwiegend arbeitslosen Männern bevölkerten Kaffeehäuser fast nur Tee getrunken wird, weil Kaffee wesentlich teuerer ist, ist genau genommen der Name „Kahvehane“ nur noch ein Stück Erinnerung an alte Zeiten.

 

(Quellen: Hasim Söylemez, „Is yok, kahvehane bahane… Dogu kahvehaneye mahkum“, in: Cihan Haber, Mayis/Haziran 2006, Nr. 16
Mehmet Kus, „Kahvehane kültürü degisti“, in: Cihan Haber, ebd.)

 

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Last modified: 28.12.2003