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Deutschland: Türkischstämmige versuchen sich zunehmend als SelbständigeVon Claus Stille Immer mehr Menschen in Deutschland machen sich selbständig. Inzwischen wuchs deren Zahl auf über vier Millionen an. Ebenfalls zu beobachten ist, dass sich unter den Selbständigen immer mehr Frauen befinden. Heute gibt es in der BRD etwa 1,2 Millionen freiberuflich tätige Frauen. Ein Viertel von ihnen sind türkischstämmige Selbständige weiblichen Geschlechts. Überhaupt nimmt der Anteil türkischstämmiger beiderlei Geschlechts beständig zu. Das Zentrum für Türkeistudien hat herausgefunden, dass 25 Prozent aller Selbständigen mit türkischem Migrationshintergrund zwischen 18 und 30 Jahre alt sind. Zieht man Zahlen des Statistischen Bundesamtes heran, machen sie – auf die Gesamtzahl der Selbständigen in Deutschland bezogen – allerdings nur einen Anteil von ca. sieben Prozent aus. Dass die Zahl der Selbständigen in der BRD stetig ansteigt, hat nicht zuletzt wesentlich mit der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit zu tun. Gravierend verschlechtert hat sich in den vergangenen Jahren diesbezüglich die Situation der türkischstämmigen Migranten auf dem Arbeitsmarkt. Deren Arbeitslosenquote stieg rasant auf 30 Prozent. Hinzu kommt, dass die Hartz-IV-Gesetzgebung spürbare Einschnitte für Arbeitslosenhilfeempfängern mit sich brachte. Das hat zur Folge, dass immer mehr Arbeitslose ihre letzte Chance in der Selbständigkeit suchen. Die Studie „Aus der Not geboren?“ der Volkswirtschaftlerinnen Margarita Tchouvakhina und Michaela Niefert über arbeitslose Unternehmensgründer brachte allerdings an den Tag, dass bei dieser Gruppe Menschen unterdessen ein so genanntes „Auswegmotiv“ über dem Wunsch steht, der Arbeitslosigkeit zu entfliehen. Sie stellten auch fest: das „Chancenmotiv“ (die Hoffnung mit der eignen Firma hohe Einkommen zu erziehlen) spiele für sie eine geringe Rolle. Viele Selbständige messen der Tatsache, frei über ihre Arbeit entscheiden zu können, einen hohen Wert bei.. Arbeitsplätze für andere entstehen jedoch auf diese Weise kaum: Viele Freiberufler stellen keine weiteren Mitarbeiter ein. Um die 80 Prozent der freiberuflich tätigen türkischstämmigen Unternehmerinnen und Unternehmer sind solche „Einzelkämpfer“. Inzwischen betreiben sie längst nicht mehr nur typische „Klischee-Betriebe“, wie Dönerbuden, Restaurants oder Kioske u.ä., sondern sind auf den unterschiedlichsten Gebieten tätig. Sie sind u.a. Rechtsanwälte, Steuerberater, Ärzte oder Software-Unternehmer oder Künstler und haben einen Kundenkreis, der weit über einen nur ethnisch geprägten hinaus reicht. Basis dafür ist freilich die perfekte Beherrschung der deutschen Sprache. Der Migrationsforscher Hartmut Esser weist in seinem Buch „Sprache und Integration“ ausdrücklich daraufhin, dass selbst ein höherwertiger Bildungsabschluss nichts nützt, wenn die Deutschkenntnisse mangelhaft sind. Während Jugendliche mit Migrationshintergrund generell schlechtere Chancen auf dem deutschen Ausbildungsmarkt haben, kann man junge Frauen dieser Bevölkerungsgruppe regelrecht als Verliererinnen in puncto Ausbildung bezeichnen. Und das, obwohl die jungen Frauen in der Regel die besseren Schulabschlüsse erlangt haben. So muss es einen also kaum verwundern, dass sich 30 Prozent türkischstämmiger Menschen mit Migrationshintergrund über fehlende Perspektiven bei der abhängigen Arbeit beklagten. Weshalb laut dem Zentrum für Türkeistudien 30 Prozent der Befragten die direkte Arbeitslosigkeit als Grund für den Gang in die Selbstständigkeit angeben. Existierten vor ein paar Jahren 60 000 Unternehmen Türkischstämmiger in Deutschland, sind es bis dato bereits 65 000 geworden. Vermehrt bilden diese Firmen auch Jugendliche in den unterschiedlichsten Lehrberufen aus. In den 1960er Jahren übten die meisten der Arbeitsmigranten Tätigkeiten von Un- bzw. Angelernten in der Stahl-, Automobilindustrie sowie im Bergbau aus. Heute sind türkische Einwanderer immer öfters in Dienstleistungsbereichen tätig. Türkischstämmige Selbstständige sind grundsätzlich in alle gängigen Branchen vertreten. Etwa 35 Prozent von ihnen haben sich auf den Einzelhandel spezialisiert. Ihm folgt mit einem Anteil von 26 Prozent eine der „typischen“ Branchen: Die Gastronomie. Aufgeholt hat der Dienstleistungsbereich. Dort arbeiten inzwischen bereits 23 Prozent der Türkischstämmigen als Freiberufler. In typisch ethnisch geprägten Branchen arbeitet nur noch knapp die Hälfte dieser Selbständigen mit türkischen Wurzeln in Deutschland. Wenn wir einmal zurück ins Jahr 1973 blenden – wo die BRD einen Anwerbestopp für Gastarbeiter verfügte und ein Gesetz zur Familienzusammenführung verabschiedete – stellen wir im Vergleich zu heute entscheidende Veränderungen fest. Noch bis weit in die 1970er Jahre hinein waren ausländische Erwerbstätige noch überwiegend männlich – heute haben immer mehr Frauen mit Migrationshintergrund Anteil am Arbeitsmarkt. In den 1960er und 1970er Jahren war es auf Grund komplizierter gesetzlicher Regelungen betreffs der Erlangung einer Gewerbeerlaubnis noch sehr schwierig, den Weg in die Selbstständigkeit zu wählen. Das bürokratische Steuer-, Gewerbe- und Handelsrecht stellte für Einwanderer hohe Hürden dar und schreckte ab, da die diesbezüglichen Regelungen schwer durchschaubar daherkamen und der damit verbundene immense „Papierkram“ in großen Teilen schon für Deutsche nur schwer verständlich war. Beginnend in den 1980er Jahren, hat sich das türkischstämmiges Unternehmertum in Deutschland beständig fortentwickelt. Im darauf folgendem Jahrzehnt beschleunigte sich diese Entwicklung noch einmal exorbitant. Die türkischen Wurzeln der Unternehmer von heute – welche früher eher einer vernünftigen Karriere hinderlich waren – sind in nicht wenigen Fällen nun sogar förderlich. Jedenfalls dann, wenn sich dadurch geschäftliche Brücken von Deutschland in die Türkei und zurück bauen lassen. Hierbei ist allein schon die perfekte Beherrschung von zwei Sprachen und die gute Kenntnis beider Kulturkreise von enormen Vorteil. Eine Entwicklung, die befruchtend für Unternehmer aus beiden Ländern – der Türkei und Deutschland - ist, und darüber hinaus dazu dienlich sein kann, auch die Beziehungen zwischen beiden Republiken weiter zu verbessern. |
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