| ||||
|
Jetzt kostenlos! | ||||
Wie zermalmt zwischen MühlsteinenÖzer Kiziltans Film „Takva“ (Gottesfurcht)Von Claus Stille
Photo/Quelle: (Autor) via www.takva-film.de; Der Darsteller des Muharrem Erkan Can im türkischen Drama „Takva“ (Regie:Özer Kiziltan) Selten gewann man als Kinogänger einen so tiefen Einblick in das Leben eines sehr gläubigen Menschen. Dass es sich bei ihm, dessen Leben der türkische Film „Takva“ (Gottesfurcht) des Regisseurs Özer Kiziltan beleuchtet, um einen Muslim handelt, müsste bei durchschnittlichen Westeuropäern ein außerordentliches Interesse hervorrufen. Weil sie für gewöhnlich – vorsichtig ausgedrückt – wenig über den Islam wissen. Oder sie den Islam – der nach 9/11 - offenbar dafür herhalten muss, den Kommunismus als Feinbild zu ersetzen – fälschlicherweise mit dem Islamismus gleichsetzen. Dabei wäre es nicht einmal unbedingt notwendig gewesen, sich, um diese Geschichte zu erzählen - auf einen Muslim zu fokussieren. Um aufzuzeigen, was mit einem streng gläubigen, gottesfürchtigen Mensch geschehen kann, wenn er in ungeahnte Konflikte gerät, die ihn an seinem Glauben bzw. der Richtigkeit seines Tuns zweifeln lassen können. Will sagen: Der Hauptdarsteller hätte durchaus auch ein orthodoxer Jude sein können. Selbst ein Katholik wäre vorstellbar gewesen. Nur, wären dann die Gewissenskonflikte, in die das Drehbuch den Mann zu gegenwärtiger Zeit geraten lässt, weil die Widersprüche zwischen dem von ihm ehrlich gelebten Glauben und den Verlockungen einer vom westlichen Lebensstil geprägten Welt, eben kaum so stark hervorgetreten , wie sie es in „Tavka“ der Fall ist. Das liegt vermutlich hauptsächlich daran, dass andere Religionen im Verlaufe einer langen Zeitspanne „gelernt“ haben, sich mit weltlichen Erscheinungen irgendwie zu arrangieren, bzw. sich einfach damit arrangieren mussten, um nicht unterzugehen. Woran die Aufklärung sicherlich den exorbitantesten Anteil hatte. Diese Aufklärung jedoch steht dem Islam noch bevor... Muharrem, der Protagonist in Özer Kiltans Filmdrama, ist ein von Kopf bis Fuß zölibatär lebender Junggeselle. Er führt das unaufgeregte Leben eines frommen Mannes in einer asketisch – nur mit dem Nötigen – ausgestatteten Wohnung inmitten eines traditionell konservativen Viertels von Istanbul. Muharrem lebt strikt nach den Geboten der islamischen Mystik, des Sufismus. Ständig plagt ihn die Angst, zu sündigen. Muharrem: „Ich zittere am ganzen Körper, weil ich Angst habe, zu versagen.“ Entweder spricht der Strenggläubige mit Gott. Oder er führt Selbstgespräche. Begegnungen mit dem weiblichen Geschlecht finden nur in seinen Träumen statt. Wenn er schließlich aus ihnen erwacht und entdecken muss, dass er sich selbst befleckt hat, ist Muharrem fürchterlich erschrocken, voller Scham und panischer Angst. Er fühlt sich als der schlimmste Sünder. Rasch macht er sich daran, die „Sünde“ rasch aus der Unterhose zu waschen. Wohl in der Hoffnung, sie so ungeschehen machen zu können. Erkan Can als Muharrem spielt das überzeugend großartig, einfach zu Herzen gehend. Man spürt förmlich, wie furchtbar schwer Muharrem an seinem Glauben – und daran, ihn ja nicht zu beschädigen – zu tragen hat. Und dass er förmlich wie ein Hund leidet, wenn er meint, sich an ihm schwer versündigt zu haben. Muharrems Glaube speist sich aus der ihm innewohnenden Naivität. Einer Naivität, die gepaart mit einem guten Herzen, Muharrem zu dem macht, der er ist: Ein frommer und bescheidener Mann. Der zudem kaum gebildet ist. Einer, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Gerade dieser Charakter aber ist es, welcher ihn letztlich in die brenzlige Lage bringt, eine große Prüfung bestehen zu müssen. Eine, die er unmöglich bestehen kann... Der Scheich, das Oberhaupt des Sufi-Ordens, pickt nicht umsonst gerade den gutmütigen und deshalb auch so gut-gläubigen Muharrem heraus, um die „weltlichen Geschäfte“ des Klosters zu erledigen. Denn dafür braucht es halt niemanden, der einen allzu gut entwickelten Verstand besitzt, wohl aber jemanden, der ein gutes Herz hat. Muharrem ist freilich erschrocken über die ihm übertragene Aufgabe: er soll für den Orden Mietzinse für dessen Liegenschaften eintreiben. Wohl wissend, dass das bei einem wie ihm sitzt, gibt man Muharrem den Satz „Vergiss nicht: Gott ist allgegenwärtig!“ zu bedenken und mit auf den Weg. Einen Weg, den er in einen Anzug gesteckt und mit einem Handy in der Tasche antreten wird. So geschieht es, dass der etwa vierzigjährige Muharrem mitten hinein ins moderne Istanbul geworfen wird. In eine ihm fremde Welt der schrillsten Gegensätze, die Muharrem Angst macht, weil sie allgegenwärtige Verlockungen bereithält. Es ist das Istanbul der Glaspaläste, wo ihm auf den Straßen modern und sexy gekleidete unverschleierte Mädchen und Frauen begegnen. Sogar ist ein Dessous-Geschäft wird er geschickt werden... Der fromme Mann muss an seiner Aufgabe und in dieser ihm zutiefst fremden Welt – welche heftig mit seinem Glauben nahezu in allem und mit jedem kollidiert - nahezu zwangsläufig scheitern. In Muharrem muss quasi das Gefühl entstehen, zwischen Mühlsteine geraten sein. Einerseits will der bis auf die Knochen ehrliche Mann die ihm übertragene Arbeit gewissenhaft und im Sinne des Sufi-Ordens erledigen, andererseits aber weiter wie bisher getreu nach seinem Glauben leben und handeln. Das aber würde die Quadratur des Kreises bedeuten. So mahlen die Mühlsteine weiter. Und ruhen nicht eher, bis sie Muharrem seelisch und körperlich zermalmt haben. Als sie ihn schließlich loslassen, stürzt der ehedem so brav dahin lebende einfache Mann in eine tiefe Sinn- und Glaubenskrise... „Takva“ ist das sechste Produkt der Gruppe „Yeni Sinemacilar“ („Neue Filmemacher“). Deren Mitglieder gelten in der Türkei als innovative Erneuerer des Genres Film. Frontmann der „Yeni Sinemacilar“ ist der Drehbuchautor Önder Cakar. Der mehrfach mit Filmpreisen bedachte türkisch-deutsche Filmemacher Fatih Akin (u.a. „Gegen die Wand“, „Auf der anderen Seite“) hat „Takva“ (Gottesfurcht) über seine Produktionsfirma Corazón International mit produziert. In der Türkei wurde „Takva“ zum Kassenschlager. Er fand beim großen Filmfestival in Antalya großes Interesse. Und selbst Filmfestivals weltweit überschütteten das Drama nur so mit Preisen. Dass der Film in der Türkei sowohl von religiösen wie auch religionskritischen Kreisen weitesgehend positiv aufgenommen wurde, wird damit erklärt, dass der Film sich einer jeglichen Wertung enthält. Noch verletzt er die Gefühle Gläubiger. Stattdessen erzählt uns der Film spannend – die Sinne des Zuschauers tatsächlich fesselnd bis zum Schluss – das Scheitern eines einfachen gläubigen Mannes, dessen bis dato heile Welt erst allmählich Risse bekommt und schließlich jäh zusammenbricht. Der Film zeigt uns Muharrem als einen Naiven, der lange Zeit in einer Art Kulisse lebte, die für ihn stimmig war. Als das Schicksal Muharrem letztlich hernimmt, und in die gnadenlos kalte Welt der Geschäfte und der Gier und Gelüste außerhalb seiner vom Glauben behüteten „Kulissen-Welt“ stößt, ist er verloren. Wir sehen packende, mystisch ausgeleuchtete, perfekt fotografierte Bilder (Kamera: Soykut Turan) aus den beiden so unterschiedlichen Lebens-Welten innerhalb der in sich selbst so unterschiedlich daher kommenden Welt, des stets für eine Überraschung guten, schaurig-schönen, historisch-hypermodernen Istanbul. Hervorzuheben sind da unbedingt die Szenen, welche dem aufgeklärten modernen Westeuropäer fast mittelalterlich anmuten müssen: Sie zeigen nahezu dokumentarisch genau die Ausübung der religiösen Riten des Sufi-Ordens. Diese Szenen sind in enger Zusammenarbeit mit den Sufi-Derwischen eines Klosters entstanden. Staunenden Blicks, mit einem leichten Schauer, der uns dabei den Rücken hinunterläuft, folgen wir den Gläubigen und werden auf diese Weise elektrisiert zum Zeugen, wie sie sich die Ordensmitglieder allmählich in Trance bringen. Dabei gewinnen wir einen interessanten Einblick in die uns fremde Welt einer abgeschlossenen religiösen Gemeinschaft. Ein geschickt arrangierter Klangteppich vermittelt uns das seltsam beschleichende Gefühl eines Soges, der uns spiralförmig tief in die Handlung des Filmes hineinzieht. Özer Kilziltan wird eine skeptische Haltung gegenüber fanatischen Religionen nachgesagt: „Alle Ideologien und Religionen, welche Individualität verleugnen, führen zur Unterdrückung und Ablehnung des Humanismus und Rationalismus. Dies führt früher oder später in den Wahnsinn.“ Der Regisseur hat sich mit „Takva“ dieser Sicht und dem Thema Religion dankenswerter Weise in hohem Maße verantwortungsvoll und auf sehr behutsame Art und Weise genähert. Keine Filmsekunde stellt Kiziltan den naiv-gläubigen Muharrem in seiner Gläubigkeit bloß, noch macht er sich über den Anti-Held seines Filmes, in irgendeiner Weise lustig. Neben dem grandios und überzeugend den Muharrem spielenden Erkan Can, sind in weiteren Rollen ebenfalls hervorragende Schauspieler zu sehen (Güven Kirac, Meray Ülgen, Öznur Kula, Erman Saban, Murat Cemcir u.v.a.) Dass der Film „Takva-Gottesfurcht“(Trailer) welcher in Deutschland im türkischen Original mit Untertitel läuft, ist – Interesse am Thema vorausgesetzt – im Grunde kein Nachteil. Rezipienten mit einfachen bis mittleren Türkisch-Kenntnissen dürften die Handlung des zu Herzen gehenden Psychodramas erst recht mit nennenswertem Gewinn verfolgen. Ich jedenfalls habe diese Erfahrung gemacht und den Streifen als Bereicherung und unbedingt auch als Erweiterung meines Horizonts empfunden. Wünschenswert wäre eine baldige Ausstrahlung im österreichischen, schweizerischen oder deutschen Fernsehen. Vielleicht dann synchronisiert. Denn: „Takva“ wäre ein größeres Publikum (über türkischsprachige Zuschauerinnen und Zuschauer hinaus), als es bisher in den Kinos der deutschsprachigen Länder erreicht werden konnte, wirklich zu wünschen! |
|
|||