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Jahrgang 4 Nr. 6 vom 7.02.2008
 

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Kopftuchfreiheit im “Gefahr”-wasser von Sitte und Anstand

von Perihan Ügeöz

Die gegenwärtige Schlacht um die Freilassung des Kopftuchs hat den Protest Tausender von Menschen geweckt. Und so wie es aussieht, werden die Proteste weitergehen. Es ist zu einfach, die Proteste einfach als Provokation von jenen reaktionären Kreisen abzutun, die es nicht beser können, als den Laizismus immer wieder als politische Kapitalmasse zu mißbrauchen. Wenn man den einzelnen Teilnehmern der Proteskundgebungen aufmerksam Gehör schenkt, wird deutlich, dass sich hinter dem Aufbegehren gegen das Kopftuch auch eine Menge Angst kumuliert. Angst davor, dass die Freilassung des Kopftuchs über kurz oder lang dazu führen wird, innerhalb der Gesellschaft eine soziale Kontrollavine zu entfesseln: wie man sich zu kleiden hat, wann man wohin geht, wie man sich auf der Straße zu benehmen hat… In ihrem Kern widerspiegeln diese Ängste sicherlich auch ein hohes Maß an Mißtrauen in die Strärken des Kollektivs, die Gefahren, die das Kopftuch entfesseln könnte, abzuwehren. Es lohnt den Aufwand, dieses Mißtrauen nicht zu verharmlosen.

Damit die Freiheit der Einen sich nicht in einen Alptraum der Anderen verwandelt, ist zweifellos auch Voraussetzung, daß der Druck der sozialen Kontrolle nachläßt und gleichzeitig ein gewisses Maß an Gelassenheit im Umgang mit “Ungewohntem” und “Andersartigkeit” gefördert wird. Soviel in den letzten Jahren von Liberalisierung, Demokratisierung und Freiheit die Rede auch war, so wenig hat die mit Religion getünchte kleinbürgerliche Moral- und Sittenapostelei der politischen Akteure jedoch dazu beitragen können, die dafür notwendigen Erfahrungen in den Alltag zu integrieren. Allem Gerede über Sozialstaatlichkeit zum Trotz, “Erst verarmen und dann mittels Allmosen abhängig machen” als eine ihrer Quintessenzen konnte die Wirtschaftspolitik der letzten Jahre ebensowenig dazu beitragen, die Stärken des türkischen Kollektivismus zugunsten von individueller Freiheit zu fördern. Stattdessen sind es eher seine Schwächen zugunsten von zunehmender Abhängigkeit und sozialer Kontrolle, die Aufwind erfahren.

Die Schutz und Geborgenheit stiftenden Elemente des türkischen Kollektivismus können sich in einen engen Korsett verwandeln
Die türkische Kultur zeichnet sich durch einen relativ hohen Kollektivismus aus. In Kulturen mit einer höheren Individualismustendenz spielt die Betonung des ICH eine zentrale Rolle. In der türkischen wie auch in anderen stärker kollektivistisch orientierten Kulturen steht demgegenüber das WIR und damit auch die Zugehörigkeit zur Gruppe im Mittelpunkt. Wieder ähnlich wie in anderen kollektivistischen Kulturen lässt sich auch für die türkische Kultur ein hohes Maß an Loyalität sowie jedoch Hörigkeit und Unterwerfung gegenüber den formellen und informellen Geboten und Prioritäten der Gruppe als wichtige Parameter der Lebensorientierungen sowie Haltungen hervorheben. Die Gruppe als Kollektiv fängt an mit Familie und Verwandschaft und reicht über Nachbarschaft bis zum Klan. Da in den letzten Jahren die Zahl der religösen Sekten (tarikat) bemerkenswert zugenommen hat, müssen auch diese unbedingt mitberücksichtigt werden, wenn vom Kollektiv und seinem Einfluß auf Lebensorientierungen sowie Haltungen die Rede ist.

An und für sich sind Kollektivismus und individuelle Freiheit keinesfalls Widersacher, sofern es gelingt, ein durch Institutionalisierung gestütztes Gleichgewicht zwischen den kollektivistischen Tendenzen und dem Individualismus, der die freien Entfaltungsmöglichkeiten des Einzelnen gewährleistet, herzustellen. Dass individuelle Freiheit leicht in Isolation und Vereinsamung umschlagen kann, ist bekannt, und gerade in einer Zeit zügellosen Wettbewerbs täte es wahrscheinlich vielen Menschen gut, sich in ein Kollektiv eingebunden zu wissen. Wenn aber umgekehrt alle soziale und finanzielle Verantwortung innerhalb der Familie und Nachbarschaft bleibt, mag das Kollektiv zwar auf der einen Seite gewissen Schutz bieten, sich andererseits aber auch leicht in ein Monster sozialer Kontrolle verwandeln. Genau das ist die Gefahr, mit der im türkischen Kontext weite Bevölkerungskreise konfrontiert sind.

Es mag sein, dass die für die kollektivistische Orientierung der türkischen Kultur hervorgehoben Elemente der Loyalität, Hörigkeit und Unterwerfung vielleicht auf Unverständnis stoßen, stehen sie doch scheinbar im Widerspruch zu manchen „Chaos-Bildern“, die die türkische Straßenöffentlichkeit in vielfältiger Facon zu bieten hat. Man denke etwa an den Verkehr, deren Regeln zu missachten, sich reger Beliebtheit erfreut. Aber ebenso wie alle anderen Kulturen, setzt auch die türkische Kultur sich aus sichtbaren und unsichtbaren Elementen zusammen. Erst im Laufe der Zeit und zugleich in dem Maße, in dem es gelingt, die türkische Kultur aus anderen Perspektiven als nur der Straßenöffentlichkeit zu entdecken, wird man erfahren können, dass es entgegen äußeren Eindrucks auch ein dichtes Netz von Sitten und Anstandsregeln gibt, die prägend sind für Handlungen und Haltungen. Wie stark und streng diese Sitten und Regeln zur Geltung kommen und das Handeln dominieren, hängt neben dem sozialen Milieu auch von der Schichtzugehörigkeit ab. Um es etwas zu vereinfachen: Je größer die sozialen und wirtschaftlichen Entbehrungen sind und je eingeschränkter die Spielräume der Bürger, an der Vielfalt gesellschaftlichen und kulturellen Reichtums teilzunehmen, desto dichter ist das Netz von Sitten und Anstandsregeln und damit auch strenger bis manchmal gar gnadenloser die soziale Kontrolle über ihre Einhaltung. Das ist auch der Hintergrund, aus dem heraus die sog. Ruf- und Ehrenmorde ihre Dynamik entfalten.

Rückzug in die Gefilde des WIR als Schutz gegen Bedrohung

Damit die zuweilen sehr strengen Vorstellungen von Ehre, Anstand und Sitte des Kollektivs etwas aufgeklockert werden können, wären Perspektivenwechsel und kritische Distanz ebenfalls sehr nötig. Das setzt aber voraus, dass eine gesellschaftliche Öffnung stattfindet und dabei auch dem Gros der Bevölkerung die Möglichkeit gegeben ist, am sozialen und kulturellen Wandel zu partizipieren. So grotesk es auch ist, weder die sogenannte Globalisierung im Allgemeinen noch der EU-Angleichungsprozeß der Türkei im Besonderen haben zu einer wesentlichen Öffnung der Gesellschaft beitragen können. Sicherlich, in den letzten Jahren konnten viele Türken ins Ausland reisen, Geschäftsbeziehungen herstellen oder Studiummöglichkeiten im Ausland wahrnehmen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die grosse Mehrheit an den Segnungen sozialen und kulturellen Wandels nur soviel imstande ist teilzunehmen, wie die Empfangsstärke der Fernseh- und Satellitenantenne auf dem Dach es zulässt. Es ist aus soziologischer Perspektive ein bekanntes Phänomen, dass soziale Wandlungprozesse aufgrund rasanter Geschwindigkeit auf der einen und mangelnder Teilnahmemöglichkeit auf der anderen Seite als Bedrohung erlebt werden und darum Schutzmechanismen aktivieren können. Der gegenwärtig in weiten Bevölkerungsteilen auffällig stattfindende Rückzug in das Netz des Kollektivs kann darum ebenfalls als Abwehr gegen die Bedrohlihkeit von sozialen Wandlungsprozessen bewertet werden. Je mehr aber das Kollektiv gestärkt wird bei gleichzeitiger Zunahme des islamischen Einflusses im Alltag, umso mehr werden nicht nur die Schutz- und Kontrollmechanismen innerhalb der Familie und Nachbarschaft gestärkt, sondern auch ihre Sitten- und Anstandsregeln.

Die Leidtragenden sind die Frauen

Soviel man von Demokratie und Freiheit auch reden mag, die Gleichstellung von Mann und Frau ist über weite Strecken nach wie vor mehr Gerücht denn Wahrheit. Nimmt man die allgemeinen Vorstellungen von Moral, Sitte und Anstand unter die Lupe, so zeigt sich schnell, dass sie im Wesentlichen mit Ehre und Sexualität gekoppelt sind, bei der die Frauen die besonderen Leidtragenden sind. Obwohl die Sexualität nicht erst seit gestern zu den Tabus gehört, hat aber die Zunahme der Rückbesinnung auf islamische Werte in den letzten Jahren die Sexualität erst recht in ein erstklassiges Tabu verwandelt. Die mit Ehre, Anstand und Sitte forcierte Unterdrückung der Sexualität führt aber dazu, dass nicht nur die Aggressivität insbesondere der Männer zunimmt und die Frauen zu besonderen Opfern macht. Sie konfrontiert die Frau auch mit der Gefahr, zunehmend in ein pornografisches Objekt verwandelt zu werden. Der mit dem Ehrebegriff einhergehende soziale und psychologische Druck auf die Frau, sich den Anstandsregeln bedingungslos zu fügen, lässt sich auch als eine Reaktion der Männer bewerten, die eigene Frau, Tochter oder Schwester davor zu bewahren.

Freiheit braucht mehr als das Kopftuch

Welchen Wert hat eine Freiheit, die zwar den Frauen das Recht gewährt, sich zu bedecken, aber der freien Äußerung der Meinung einen Riegel vorschiebt? Wie glücklich kann man mit einer Freiheit werden, die zwar den Kopf der Frau bedeckt, aber ihre aktive Präsenz im öffentlichen Raum nicht mit derselben Vehemenz fördert? Freiheit ist ein ganzheitlicher Begriff. Nur in dem Maße, indem das Prinzip der Gleichheit nicht nur zwischen Mann und Frau, sondern auch zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens beachtet, die freien Entfaltungsmöglichkeiten des Individuums berücksichtigt werden, kann sich Freiheit in einen gesellschaftlichen Wert verwandeln. Soviel von Demokratie und Freiheit auch geredet wird, es ist derzeit nicht in Sicht, ob die Freiheit auch nur einen Schritt weiter als das Kopftuch gehen wird. Und solange es nicht gelingt, vor lauter Kopfbedeckung auf etwas mehr Freiheit zu blicken, wird es sich leider nicht vermeiden lassen, dass eine Menge Türken noch eine ganze Weile mit Alpträumen die Nächte verbringen werden

 

 

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Last modified: 28.12.2003