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Jahrgang 4 Nr. 6 vom 7.02.2008
 

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Nach 9 türkischen Brand-Opfer in Ludwigshafen: Angst vor einem „2. Solingen“

Von Claus Stille

Nach einem verheerenden Wohnhausbrand in Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz), wobei neun türkische Menschen einen grausamen Tod fanden und ca. 60 Menschen verletzt wurden, herrscht in Deutschland Trauer und eine gespannte Stimmung.

Vor allem unter der türkischstämmigen Wohnbevölkerung im Lande ist die Bestürzung groß. Viele Türken reagieren mittlerweile gereizt auf das Ereignis.

Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass ein türkischer Fernsehsender am Montag von zwei Kindern berichtet hatte, die am Brandtage im Hausflur einen Deutschen beobachtet haben wollen, der dort versucht habe Feuer zu legen.

Sofort kehrte verständlicherweise auf der Stelle bei vielen Türken die schreckliche Erinnerung an den Brandanschlag von 1993 auf ein von einer türkischen Familie bewohntes Haus in Solingen (Nordrhein-Westfalen) zurück. Damals waren fünf Menschen zu Tode gekommen.

Allerdings ist die Ursache für den Brand in Ludwigshafen bisher noch gar nicht geklärt. Das Haus konnte nämlich von den Brandermittlern noch gar nicht betreten werden. Es ist seit dem Brand einsturzgefährdet.

Jedoch musste von vornherein auch eines klar sein, dass zunächst alle möglichen Brandursachen in Betracht zu ziehen sind: Also auch die eines fremdenfeindlichen Brandanschlags.

Dafür jedoch, sagte der an den Brandort geeilte Ministerpräsident des Bundeslandes Rheinland-Pfalz, Kurt Beck (SPD), gäbe es keinerlei Hinweise. Damit schloss Beck derlei im Grunde von vornherein - m.E. fahrlässig und voreilig - aus.

Türkische Zeitungen – allen voran das Massenblatt „Hürriyet“ - malten nun in großen Lettern sogleich ein „2. Solingen“ an die Wand.

Auch Staatspräsident Abullah Gül erinnerte in einer Stellungnahme an den Mordanschlag von Solingen und an andere bedauerliche Ereignisse dieser Art in Deutschland. Er bat die deutschen Behörden im lückenlose Aufklärung.

Auch wurde bekannt, dass auf das verbrannte Haus bereits im August 2006 durch eine eingeworfene Scheibe zwei Brandsätze geworfen worden waren. Dabei sei ein Schaden von 1000 Euro, jedoch glücklicherweise kein Personenschaden, entstanden. Zu der Zeit hatte sich in dem Haus eine türkisches Kaffeehaus befunden, die zuvor eine deutsche Kneipe gewesen war. Die Ermittlungen verliefen 2006 im Sande. Der oder die Täter wurden nicht gefasst.

Und schon steht im Jahre 2008 für nicht wenige junge Türken fest: Rechtsradikale hätten einen Brandanschlag auf das Haus verübt.

In Ludwigshafen herrscht nach wie vor verzweifelte Trauer. Am Dienstag kam der Türkische Botschafter aus Berlin in die Stadt, um einen Kranz in der Nähe des Brandorts niederzulegen und mit Angehörigen, der beim Brand ums Leben gekommenen türkischen Staatsbürger zu sprechen.

In Deutschland sind unterdessen zusammen mit Staatsminister, Mustafa Said Yazicioglu türkische Brandfachleute eingetroffen, die den Brandort im Auftrag Ankaras persönlich in Augenschein nehmen sollen. Sie werden sich bezüglich der Brandursache mit den deutschen Ermittlern von Feuerwehr und Bundeskriminalamt ins Benehmen setzen und bei den Untersuchungen dabei sein. Minister Yazicioglu gedachte am Mittwoch in Ludwigshafen gemeinsam mit der Integrationsbeauftragten der deutschen Bundesregierung, Prof. Dr. Maria Böhmer, der Brandopfer.

Dabei ist auch ein Kranz im Namen von Bundeskanzlerin Angela Merkel an der Brandruine niederlegt worden.

Der türkische Minister sagte den deutschen und türkischen Medien, die deutschen Behörden täten alles Menschenmögliche um die Brandursache aufzuklären. Man solle sich mit Vorverurteilungen zurückhalten.

Wie notwendig die Bitte um Mäßigung betreffs des Umgangs mit der Brandkatastrophe ist, zeigt dieser Vorfall: Ein 38-jähriger Türke hat in Ludwigshafen einen an den Löscharbeiten gar nicht beteiligten Feuerwehrmann erst beschimpft und dann so fest geschlagen, dass dieser zu Boden fiel.

Der Ludwigshafener Feuerwehrchef war am Mittwoch von diesem Übergriff und den Anschuldigungen, die Feuerwehr sei zu spät am Brandort eingetroffen (was nachweislich nicht stimmt) dermaßen mitgenommen, dass er mit Tränen in den Augen eine Pressekonferenz verließ.

Selbst ein Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Ludwigshafen wurde ist für Donnerstag avisiert. Er möchte sich am Brandort wohl selbst ein Bild von der Tragödie machen.

Ein Besuch Erdogans in Deutschland war ohnehin geplant. Der türkische Premier will am Wochenende die „Münchener Nato-Sicherheitskonferenz“ besuchen.

Die Ermittler in Ludwigshafen stehen also unter einem ziemlichen Druck. Viele Türkinnen und Türken in Deutschland fürchten – so es sich tatsächlich um einen Brandanschlag handeln sollte – um ihr Leib und Leben.

Es liegt also eine explosive Stimmung in der Luft.

Die aber, so meinte Burak Copur, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Universität in NRW, in der „Aktuellen Stunde“ des WDR vom Dienstagabend im Regionalfernsehen und dürfte nun keines Falls weiter Nahrung bekommen.

Vor jeder Anstachelung der Stimmung kann tatsächlich nur gewarnt werden. So würde das gesellschaftliche Klima Deutschlands nachhaltig vergiftet und das Zusammenleben zwischen türkischstämmigen Menschen und Deutschen eine spürbare Beeinträchtigung erfahren.

Mit der gegenwärtigen Situation muss angemessen, und vor allem, äußerst vorsichtig umgegangen werden.

Und das gilt sowohl für die Zeit der Ermittlungen, wie auch für den Zeitpunkt danach, wenn deren Ergebnisse – wie immer sie auch ausfallen mögen - bekannt gegeben werden.

Dabei ist eines Fakt: Die Ermittlungen zwecks einer lückenlosen Aufklärung der Brandursache müssen exakt bis ins letzte Detail erfolgen.

Das aber braucht beim Zustand der Zerstörung des Hauses reichlich Zeit.

Schnellschüsse betreffs der Brandursache sind deshalb momentan völlig fehl am Platze. Und jegliche Mutmaßungen ohne fundierte Beweise müssen unterbleiben. Das sollte unbedingt auch die Presse - und zwar die türkische wie die deutsche - beherzigen.

 

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Last modified: 28.12.2003