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Zwischen wachsendem Misstrauen und sinkender Unzufriedenheit
Über die Tendenz der türkischen Kultur, Unsicherheit zu vermeiden
von Perihan Ügeöz
Immer mehr Türken wähnen sich glücklich. Lag nach der schweren Wirtschaftskrise von 2001 die Quote der Unglücklichen bei 41 %, so ist sie 2007 auf 13 % gesunken. Gleichzeitig scheinen jedoch Misstrauen gegenüber Ausländern und Ablehnung von Marginalitäten alarmierend zuzunehmen. Während 44% der Bevölkerung wenig Vertrauen zu Ausländern hat, empfinden 29 % gar kein Vertrauen. 88 % lehnen Homosexuelle als Nachbarn ab. Ein nicht unbedeutender Anteil von 65 % will keine Nachbarn haben, die in unehelicher Partnerschaft leben. Die Quote für die Ablehnung von Nachbarn, die nicht an Gott glauben, liegt bei 63 %. Das sind einige der Anfang Februar bekannt gegebenen Ergebnisse der Europäischen Wertestudie, die 2007 in direkten Befragungen mit 1579 Teilnehmern in 41 Provinzen der Türkei durchgeführt wurde. Professor Yilmaz Esmer, der die Studie für die Türkei koordiniert, fasst die Ergebnisse folgendermaßen zusammen: „Die Türkei ist eine Gesellschaft mit einem niedrigen Selbstvertrauen. Dass für uns die Religion einen sehr hohen Stellenwert besitz, unsere Wahrnehmung der Beziehung zwischen Mann und Frau sowie ihrer gesellschaftlichen Rolle, unsere Herangehensweise an demokratische Werte und Toleranz sind die wichtigsten Unterschiede, die uns von West Europa trennen.“ Auf die Frage, wie trotz hoher Arbeitslosigkeit und Armut der Anstieg des Glückempfindens zu erklären ist, bemerkt Esmer, dass das Glücksempfinden relativ sei und nicht direkt vom Wohlstand abhinge. Außerdem gäbe es in armen Gesellschaften immer jemanden, der ärmer ist als man selbst.
Es gibt verschiedene Arten, die allgemeinen Werteorientierungen von unterschiedlichen Kulturen miteinander zu vergleichen. Die Unsicherheitsvermeidung ist eine der Kulturkategorien, die bei Kulturvergleichen herangezogen wird. Da die soeben umrissen aktuellen Ergebnisse der Wertestudie in engem Zusammenhang mit der Unsicherheitsvermeidung stehen, bieten sie auch Anlass, die türkische Kultur Mal aus dieser Perspektive zu betrachten.
Flexibilität und Elastizität versus Schutz und Sicherheit
Alle Gesellschaften und Kulturen sind mit Problemen der Unsicherheit konfrontiert. Wie wird aber die Unsicherheit von Seiten der Kulturmitglieder wahrgenommen? Welche Maßnahmen werden ergriffen, um Unsicherheit zu begegnen und zu überwinden? Wird die Unsicherheit als Chance für Veränderung und Wandel angesehen? Oder wird die Unsicherheit als Bedrohung aufgefasst und werden daher hohe Schutzmaßnahmen ergriffen? Anhand solcher Fragestellungen können Aufschlüsse über die Unsicherheitsvermeidungstendenz einer Kultur ermittelt werden. In Kulturen mit einer hohen Unsicherheitsvermeidungstendenz sind Sicherheit, Schutz, Kontrolle, Ordnung und Disziplin wichtige Parameter.
Die türkische Kultur zeichnet sich durch eine „Sowohl-als-auch-Tendenz“ aus. Nach den Elementen auf dem sichtbaren Teil des Eisbergs zu urteilen, besitz sie eine relativ niedrige Unsicherheitsvermeidungstendenz und verfügt daher über Gelassenheit, Flexibilität und Elastizität als besondere Merkmale dieser Kategorie. Beispiele dafür, dass Türken angesichts vielfältiger Überraschungen und Unsicherheiten des Alltags weniger Gefühlen und Eindrücken von Bedrohung anheim fallen, sondern diese solchermaßen gelassen hinnehmen, als seien sie naturgegebene Phänomene des alltäglichen Lebens, sind zahlreich vorhanden. Ob es die Wasser- und Stromsperren sind, die plötzlich kommen und manchmal nicht bloß Minuten, sondern Stunden und gar Tage anhalten können, oder ob es die wirtschaftliche Instabilität ist, die so manch einen Plan schnell zunichte machen kann, all das sind Beispiele für Unsicherheiten des Alltags, bei deren Bewältigung fast genauso viel Elastizität und Flexibilität entfaltet wird, wie auf einem Zirkusseil.
Bewegt man sich jedoch in Richtung des unsichtbaren Teils des Eisbergs, so lässt sich entdecken, dass die türkische Kultur neben Elastizität, Flexibilität und Gelassenheit auch eine Reihe Tendenzen aufweist, die dem Bedürfnis nach Sicherheit, Schutz, Kontrolle und Ordnung als wichtige Parameter hoher Unsicherheitsvermeidung dienen. Als Beispiel sei der Hang der türkischen Kultur hervorgehoben, soziale Systeme hierarchisch zu strukturieren. Angefangen mit Familie und Verwandtschaft sind fast alle soziale Institutionen hinsichtlich ihrer inneren Struktur ausgeprägt hierarchisch aufgebaut. Hierarchie in diesem Zusammenhang bestimmt nicht nur die Machdistanz zwischen Oben und Unten oder Vorgesetztem und Untergebenem. Sie übernimmt auch als Ordnungssystem für Beziehungen und Interaktionen eine wichtige Leitfunktion. Indem sie in Bezug auf soziale Rollen wie auch Aufgaben und Verantwortungen eines jeden Gesellschaftsmitglieds einen klaren Strukturrahmen vorgibt, wer sich wo und wann, wie zu benehmen hat als Orientierungshilfe fungiert, erfüllt die Hierarchie auch als Schutz- und Kontrollfaktor eine wichtige Aufgabe.
Höhen und Tiefen von Toleranz
Da die Unsicherheitsvermeidung als einer Kulturkategorie eng mit Flexibilität und Elastizität versus Sicherheit und Schutz verbunden ist, beinhalt diese Kategorie schließlich auch die Frage hinsichtlich der Umgangsweise mit ungewohnten Lebensweisen bzw. Toleranz gegenüber Andersartigkeit. Auf die Frage, wie tolerant die türkische Gesellschaft ist, besteht innerhalb der türkischen Öffentlichkeit die Neigung, als Beispiel für ein hohes Maß an Toleranz oft auf das Osmanische Reich zu verweisen, dem es gelungen sei, über Jahrhunderte Gruppen unterschiedlicher Glaubensrichtungen in friedlicher Koexistenz zu beherbergen. Inwieweit diese These die Wahrheit abdeckt, sei dahingestellt.
Wenn man sich neben den jüngsten Ergebnissen der oben genannten Wertestudie auch andere neuere Untersuchungen zum Toleranzempfinden innerhalb der Bevölkerung anschaut, so kann man feststellen, dass der Sachverhalt doch mehr Aufmerksamkeit verdient, als dass er sich mit einfachen Verweisen auf Vergangenheit abtun ließe. Ohne die Befunde der relevanten Studien jetzt einzeln und ausführlich zu besprechen, es lässt sich zusammenfassend feststellen, dass z.B. in Bezug auf Komponente wie Demokratie und Meinungsfreiheit, die in der Gesellschaft auf intellektuellem Niveau idealisiert werden, jedoch im Hinblick auf die alltägliche Handlungspraxis wenig bis keine Relevanz besitzen, innerhalb der Bevölkerung ein relativ hohes Maß an Toleranz existiert. Sobald jedoch Komponenten ins Spiel kommen, die unmittelbar in die alltägliche Handlungs- und Lebenssphäre der Bürger hineinreichen und damit nicht mehr abstrakt bleiben, sondern konkret und anschaulich werden, ändert sich der Trend in bemerkenswerter Weise. Vielleicht aus Furcht, dass die für die eigenen Handlungen prägenden Wertevorstellungen gefährdet sein könnten und um sie vor der Gefahr eines Verfalls zu schützen, sinkt die allgemeine Toleranzbereitschaft erheblich, sobald Lebensunterschiede angesprochen werden, die religiöse sowie insbesondere sexuelle Sitten-und Moralvorstellungen berühren.
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